Das Stuhl­ur­teil eines Kol­le­gi­al­ge­richts

Bei einem Pro­to­kol­l­ur­teil müs­sen alle mit­wir­ken­den Rich­ter ent­we­der das Pro­to­koll, das dann neben den Anga­ben gemäß § 540 Abs. 1 Satz 1 ZPO auch die Urteils­be­stand­tei­le des § 313 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 ZPO ent­hal­ten muss, oder ein die Bestand­tei­le des § 313 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 ZPO ent­hal­ten­des Urteil unter­schrei­ben, das als Anla­ge mit dem Pro­to­koll ver­bun­den wird.

Das Stuhl­ur­teil eines Kol­le­gi­al­ge­richts

Mit die­ser Begrün­dung hat jetzt der Bun­des­ge­richt­hof ein Urteil des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen [1]auf­ge­ho­ben. Das OLG Mün­chen hat­te sein Urteil im Anschluss an die münd­li­che Ver­hand­lung in das Pro­to­koll dik­tiert; die­ses hat nur der Vor­sit­zen­de unter­zeich­net. Der Klä­ger rüg­te dies als for­ma­len Man­gel, das Urteil sei nicht von allen mit­wir­ken­den Rich­tern unter­schrie­ben. Zu Recht, wie jetzt der Bun­des­ge­richts­hof befand:

Das Beru­fungs­ur­teil ist, so der Bun­des­ge­richts­hof, gemäß § 562 Abs. 1, § 545 Abs. 1, § 547 Nr. 6 ZPO auf­zu­he­ben, weil es nicht mit Grün­den ver­se­hen ist. Ein Urteil muss – von hier nicht vor­lie­gen­den Aus­nah­men abge­se­hen – neben den in § 313 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 ZPO auf­ge­führ­ten Bestand­tei­len – Be-zeich­nung der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, Datum des Schlus­ses der münd­li­chen Ver­hand­lung und Urteils­for­mel – eine Begrün­dung ent­hal­ten. Bei einem Urteil eines Beru­fungs­ge­richts genü­gen dafür gemäß § 540 Abs. 1 Satz 1 ZPO – statt des Tat­be­stands und der Ent­schei­dungs­grün­de nach § 313 Abs. 1 Nr. 5 und 6 ZPO – eine Bezug­nah­me auf die tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen im ange­foch­te­nen Urteil mit Dar­stel­lung etwai­ger Ände­run­gen oder Ergän­zun­gen und eine kur­ze Begrün­dung für die Abän­de­rung, Auf­he­bung oder Bestä­ti­gung der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung. Die­se Dar­le­gun­gen kön­nen, wenn das Urteil in der münd­li­chen Ver­hand­lung ver­kün­det wird, in das Ver­hand­lungs­pro­to­koll auf­ge­nom­men wer­den, § 540 Abs. 1 Satz 2 ZPO. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss aber auch ein der­ar­ti­ges Pro­to­kol­l­ur­teil von allen mit­wir­ken­den Rich­tern gemäß § 315 Abs. 1 Satz 1 ZPO unter­schrie­ben wer­den [2]. Das kann in der Wei­se gesche­hen, dass ein alle Merk­ma­le des § 313 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 ZPO auf­wei­sen­des und von allen betei­lig­ten Rich­tern unter­schrie­be­nes Urteil mit dem Sit­zungs­pro­to­koll – als Anla­ge – ver­bun­den wird. Durch die­se Ver­bin­dung wird der inhalt­li­che Bezug zu den in das Pro­to­koll "aus­ge­la­ger­ten" Dar­le­gun­gen nach § 540 Abs. 1 Satz 1 ZPO her­ge­stellt. Eine ande­re Mög­lich­keit besteht dar­in, dass alle mit­wir­ken­den Rich­ter das Sit­zungs­pro­to­koll unter­schrei­ben, das dann aber neben den Dar­le­gun­gen nach § 540 Abs. 1 Satz 1 ZPO auch die Anga­ben nach § 313 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 ZPO ent­hal­ten muss [3].

Danach ist das Urteil hier nicht ord­nungs­ge­mäß unter­schrie­ben wor­den. Das Sit­zungs­pro­to­koll hat nur der Vor­sit­zen­de des Beru­fungs­zi­vil­se­nats unter­schrie­ben. Dem Sit­zungs­pro­to­koll ist als Anla­ge die Begrün­dung bei­gefügt, ohne jeg­li­che Unter­schrift. Ein dane­ben bestehen­des und zur Anla­ge des Pro­to­kolls gemach­tes, voll­stän­di­ges, mit Grün­den ver­se­he­nes Urteil exis­tiert nicht. Statt­des­sen gibt es – aus­weis­lich der beglau­big­ten Abschrift – das vor­lie­gen­de Urteil, das die Anga­ben gemäß § 313 Abs. 1 Nr. 1 bis 4 ZPO ent­hält und zusätz­lich den Ver­merk, dass die Urteils­grün­de gemäß § 540 Abs. 1 Satz 2 ZPO zu Pro­to­koll genom­men wor­den sei­en. Die­ses Doku­ment weist die Unter­schrif­ten der drei betei­lig­ten Rich­ter auf. Ihm bei­ge­hef­tet sind die als "Anla­ge zum Pro­to­koll" bezeich­ne­ten Grün­de.

Damit haben die Bei­sit­zer des Beru­fungs­se­nats nicht das Sit­zungs­pro­to­koll oder eine Anla­ge dazu unter­schrie­ben, son­dern ein Doku­ment, das unab­hän­gig von dem Sit­zungs­pro­to­koll erstellt und dazu nicht als Anla­ge genom­men wor­den ist. Die dar­in ent­hal­te­nen Anga­ben sind zwar iden­tisch mit dem Inhalt des Pro­to­kolls. Das reicht aber nicht, weil sonst zwei Ori­gi­nal­ver­sio­nen der Grün­de bestehen wür­den. Viel­mehr hät­te bei der gewähl­ten Ver­fah­rens­wei­se das Pro­to­koll von den drei Rich­tern unter­schrie­ben wer­den müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. März 2010 – II ZR 213/​08

  1. OLG Mün­chen, Urteil vom 19.08.2008 – 25 U 5752/​07[]
  2. BGHZ 158, 37, 40 f.; BGH, Urtei­le vom 27.01.2006 – V ZR 243/​04, NJW 2006, 1881; und vom 16.10.2006 – II ZR 101/​05, NJW-RR 2007, 141[]
  3. BGH, Urteil vom 11.07.2007 – XII ZR 164/​03, NJW-RR 2007, 1567[]