Das unzu­stän­di­ge Beru­fungs­ge­richt – und die rich­ter­li­che Für­sor­ge­pflicht

Es ent­spricht der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, dass kei­ne gene­rel­le Für­sor­ge­pflicht des unzu­stän­di­gen Rechts­mit­tel­ge­richts besteht, durch Hin­wei­se oder ande­re geeig­ne­te Maß­nah­men eine Frist­ver­säu­mung des Rechts­mit­tel­füh­rers zu ver­hin­dern.

Das unzu­stän­di­ge Beru­fungs­ge­richt – und die rich­ter­li­che Für­sor­ge­pflicht

Die Abgren­zung des­sen, was im Rah­men einer fai­ren Ver­fah­rens­ge­stal­tung an rich­ter­li­cher Für­sor­ge aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den gebo­ten ist, kann sich nicht nur an dem Inter­es­se der Recht­su­chen­den an einer mög­lichst weit­ge­hen­den Ver­fah­rens­er­leich­te­rung ori­en­tie­ren, son­dern muss auch berück­sich­ti­gen, dass die Jus­tiz im Inter­es­se ihrer Funk­ti­ons­fä­hig­keit vor zusätz­li­cher Belas­tung geschützt wer­den muss. Einer Par­tei und ihrem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten muss die Ver­ant­wor­tung für die Ermitt­lung des rich­ti­gen Adres­sa­ten frist­ge­bun­de­ner Ver­fah­rens­er­klä­run­gen nicht all­ge­mein abge­nom­men und auf unzu­stän­di­ge Gerich­te ver­la­gert wer­den.

Etwas ande­res gilt nur dann, wenn die Unzu­stän­dig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts "ohne wei­te­res" bzw. "leicht und ein­wand­frei" zu erken­nen war und die nicht recht­zei­ti­ge Auf­de­ckung der nicht gege­be­nen Zustän­dig­keit auf einem offen­kun­dig nach­läs­si­gen Fehl­ver­hal­ten des ange­ru­fe­nen Gerichts beruht. In die­sen Fäl­len stellt es für die Funk­ti­ons­fä­hig­keit des ange­ru­fe­nen Gerichts kei­ne nen­nens­wer­te Belas­tung dar, einen fehl­ge­lei­te­ten Schrift­satz im Rah­men des übli­chen Geschäfts­gangs an das zustän­di­ge Gericht wei­ter­zu­lei­ten 1.

Ein sol­cher Fall lag in dem hier ent­schie­de­nen Fall aber nicht vor: Da die Art der Strei­tig­keit (hier: Woh­nungs­ei­gen­tums­sa­che) maß­geb­lich ist, war die Unzu­stän­dig­keit des Land­ge­richts Pots­dam bei Ein­gang der Beru­fungs­schrift – anders als bei der Ein­rei­chung einer Beru­fung bei einem ört­lich offen­sicht­lich unzu­stän­di­gen Gericht 2 – nicht leicht und ein­wand­frei erkenn­bar. Nach Ein­gang der Akten wäre dies nur bei einer genaue­ren Prü­fung durch den Bericht­erstat­ter erkenn­bar gewe­sen; die­ser hat­te jedoch kei­ne Ver­an­las­sung, sich vor Ein­gang der Rechts­mit­tel­be­grün­dung in die Sache ein­zu­le­sen. Andern­falls wür­de eine rich­ter­li­che Ein­ar­bei­tung in einem Ver­fah­rens­sta­di­um ver­langt, in dem noch nicht sicher ist, ob das Rechts­mit­tel durch­ge­führt wer­den wird und wor­in die Rechts­mit­tel­an­grif­fe bestehen sol­len 3.

Aus den­sel­ben Grün­den war der Vor­sit­zen­de nicht gehal­ten, dar­auf hin­zu­wei­sen, dass die Zustän­dig­keits­prü­fung nicht inner­halb der lau­fen­den Beru­fungs­frist erfol­gen wer­de. Inso­weit ver­langt der Klä­ger schon kei­nen Hin­weis im Sin­ne von § 139 ZPO, son­dern eine tat­säch­li­che und zudem frist­ge­bun­de­ne Infor­ma­ti­on.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Novem­ber 2015 – V ZB 36/​15

  1. vgl. zum Gan­zen BGH, Beschluss vom 24.06.2010 – V ZB 170/​09, WuM 2010, 592 Rn. 7 f.; Beschluss vom 14.07.2011 – V ZB 67/​11, NJW 2011, 3306 Rn. 11, jeweils mwN[]
  2. dazu BGH, Beschluss vom 20.04.2011 – VII ZB 78/​09, NJW 2011, 2053 Rn. 11 ff.[]
  3. näher BGH, Beschluss vom 14.07.2011 – V ZB 67/​11, NJW 2011, 3306 Rn. 12[]