Das wel­len­för­mi­ge Zei­chen mit senk­recht ver­lau­fen­der Linie – unter der Beru­fungs­be­grün­dung

Immer wie­der nett – zumin­dest für die hier­von nicht Betrof­fe­nen – sind Strei­tig­kei­ten dar­über, ob das meist blaue Gebil­de am Ende eines bestim­men­den Schrift­sat­zes tat­säch­lich eine Unter­schrift dar­stellt. Erstaun­li­cher Wei­se tritt die­se Fra­ge natür­lich immer nur bei frist­ge­bun­de­nen Schrift­sät­zen auf – wo dann ihre Ver­nei­nung dem Gericht die Arbeit erspart, sich mit der Sache inhalt­lich aus­ein­an­der­set­zen zu müs­sen.

Das wel­len­för­mi­ge Zei­chen mit senk­recht ver­lau­fen­der Linie – unter der Beru­fungs­be­grün­dung

Aber auch bei die­ser Arbeits­ver­mei­dungs­stra­te­gie müs­sen sich manch­mal die Rich­ter – wie hier die des Ober­lan­des­ge­richts Nürn­berg 1 – ins Stamm­buch schrei­ben las­sen, den Bogen über­spannt zu haben:

In dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war die Frist zur Begrün­dung der Beru­fung ist bis zum 20. August 2012 ver­län­gert wor­den. Die Beru­fungs­be­grün­dung ist per Tele­fax am 20. August 2012 und im Ori­gi­nal nebst beglau­big­ter Abschrift am 23. August 2012 bei Gericht ein­ge­gan­gen. Die Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift trägt den Brief­kopf der Rechts­an­walts­kanz­lei F. und W. . Sie schließt mit der maschi­nen­schrift­li­chen Namens­an­ga­be "A. D. , Rechts­an­walt" ab, die hand­schrift­lich mit einem wel­len­för­mi­gen Zei­chen sowie mit einer nahe­zu senk­recht ver­lau­fen­den leicht gekrümm­ten Linie über­schrie­ben ist, neben der sich links zwei andeu­tungs­wei­se erkenn­ba­re wei­te­re nahe­zu senk­rech­te Lini­en befin­den.

Dem Bun­des­ge­richts­hof reich­te dies als Unter­schrift:

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist bei bestim­men­den Schrift­sät­zen die eigen­hän­di­ge Unter­schrift des Aus­stel­lers erfor­der­lich, um die­sen unzwei­fel­haft iden­ti­fi­zie­ren zu kön­nen 2. Was unter einer Unter­schrift zu ver­ste­hen ist, ergibt sich aus dem Sprach­ge­brauch und dem Zweck der Form­vor­schrift (§ 130 Nr. 6, § 519 Abs. 4 ZPO). Erfor­der­lich, aber auch genü­gend ist danach das Vor­lie­gen eines die Iden­ti­tät des Unter­schrei­ben­den aus­rei­chend kenn­zeich­nen­den Schrift­zugs, der indi­vi­du­el­le und ent­spre­chend cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le auf­weist, die die Nach­ah­mung erschwe­ren, sich als Wie­der­ga­be eines Namens dar­stellt und die Absicht einer vol­len Unter­schrifts­leis­tung erken­nen lässt, selbst wenn er nur flüch­tig nie­der­ge­legt und von einem star­ken Abschlei­fungs­pro­zess gekenn­zeich­net ist. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann selbst ein ver­ein­fach­ter und nicht les­ba­rer Namens­zug als Unter­schrift anzu­er­ken­nen sein, wobei ins­be­son­de­re von Bedeu­tung ist, ob der Unter­zeich­ner auch sonst in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se unter­schreibt 3.

In Anbe­tracht der Varia­ti­ons­brei­te, die selbst Unter­schrif­ten ein und der­sel­ben Per­son auf­wei­sen, ist jeden­falls dann, wenn die Autoren­schaft gesi­chert ist, bei den an eine Unter­schrift zu stel­len­den Anfor­de­run­gen ein groß­zü­gi­ger Maß­stab anzu­le­gen. Denn Sinn und Zweck des Unter­schrifts­er­for­der­nis­ses ist die äuße­re Doku­men­ta­ti­on der eigen­ver­ant­wort­li­chen Prü­fung des Inhalts des Schrift­sat­zes durch den Anwalt 4, die gewähr­leis­tet ist, wenn fest­steht, dass die Unter­schrift von dem Anwalt stammt 5.

An der Autoren­schaft des Klä­ger­ver­tre­ters bestan­den hier kei­ne Zwei­fel. Sie ergibt sich dar­aus, dass die Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift unter dem Brief­kopf als Ansprech­part­ner "Rechts­an­walt A. D. " auf­führt und der von dem Klä­ger­ver­tre­ter zur Unter­zeich­nung des Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­sat­zes ver­wen­de­te hand­schrift­li­che Schrift­zug, wel­cher über den maschi­nen­schrift­li­chen Zusatz "A. D. Rechts­an­walt" gesetzt ist, bei Anle­gung des gebo­te­nen groß­zü­gi­gen Maß­stabs noch den Anfor­de­run­gen an eine form­gül­ti­ge Unter­schrift genügt.

Das Schrift­ge­bil­de stellt eine zwar ein­fach struk­tu­rier­te, gleich­wohl aber als sol­che erkenn­ba­re Namens­un­ter­schrift dar. Sie ist offen­sicht­lich in flüch­ti­ge­rem Duk­tus, jedoch ersicht­lich mit der glei­chen mecha­ni­schen Bewe­gung her­ge­stellt wie die übri­gen in der Gerichts­ak­te ent­hal­te­nen Unter­schrif­ten, die das Beru­fungs­ge­richt nicht bean­stan­det hat, nament­lich die Unter­zeich­nung der Beru­fungs­schrift und des Antrags auf Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Juli 2013 – VIII ZB 62/​12

  1. OLG Nürn­berg, Beschluss vom 21.09.2012 – 12 U 1239/​12[]
  2. vgl. nur BGH, Beschluss vom 09.02.2010 – VIII ZB 67/​09, aaO Rn. 9 mwN[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2010 – VIII ZB 67/​09, aaO Rn. 9 f.; vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, NJW 2005, 3775 unter II 2 a[]
  4. BGH, Beschluss vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709 unter III 2 a bb[]
  5. BGH, Beschluss vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, aaO[]

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