Das Zitat­recht in einem Buch

Der Anwen­dungs­be­reich des Zitat­rechts gemäß § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG wird bei Kunst­wer­ken wei­ter gefasst als bei nicht­künst­le­ri­schen Sprach­wer­ken. Bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG ver­langt die durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gefor­der­te kunst­spe­zi­fi­sche Betrach­tung, dass die inne­re Ver­bin­dung der zitier­ten Stel­len mit den Gedan­ken und Über­le­gun­gen des Zitie­ren­den über die blo­ße Beleg­funk­ti­on hin­aus auch als Mit­tel künst­le­ri­schen Aus­drucks und künst­le­ri­scher Gestal­tung anzu­er­ken­nen ist 1.

Das Zitat­recht in einem Buch

Es reicht für die Annah­me eines Kunst­werks nicht aus, dass der Ver­fas­ser eines Berichts über sein beruf­li­ches Wir­ken eige­ne ein­lei­ten­de Betrach­tun­gen und Tage­buch­ein­trä­ge mit Arti­keln aus Zei­tun­gen, Urkun­den und Licht­bil­dern kom­bi­niert. Genau­so­we­nig reicht es nicht zur Annah­me eines Kunst­werks im Sin­ne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG aus, dass eine sol­che Kom­bi­na­ti­on auch als künst­le­ri­sche Tech­nik, nament­lich als lite­ra­ri­sche Col­la­ge oder Mon­ta­ge, in Betracht kommt. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass das Werk auch die der Kunst eige­nen mate­ri­el­len Struk­tur­merk­ma­le auf­weist, also ins­be­son­de­re Ergeb­nis frei­er schöp­fe­ri­scher Gestal­tung ist.

So die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Kla­ge der "Mär­ki­schen Oder­zei­tung", die ihr Urhe­ber­recht durch in einem Buch ver­öf­fent­lich­te Arti­kel ver­letzt sieht. Die Klä­ge­rin gibt die ins­be­son­de­re im öst­li­chen Bran­den­burg gele­se­ne „Mär­ki­sche Oder­zei­tung“ her­aus. Der Beklag­te war von 1991 bis zu sei­ner Pen-sio­nie­rung 2003 Direk­tor des Amts­ge­richts Eisen­hüt­ten­stadt. Im Jah­re 2009 erschien das vom Beklag­ten ver­fass­te Buch „Blü­hen­de Land­schaf­ten“, in dem er sei­ne im Gerichts­be­zirk Eisen­hüt­ten­stadt gemach­ten Erfah­run­gen beschreibt. Die­ses Buch ent­hält meh­re­re in der Mär­ki­schen Oder-zei­tung erschie­ne­ne Arti­kel und Licht­bil­der, an denen der Klä­ge­rin aus­schließ­li-che Nut­zungs­rech­te zuste­hen. Sol­che Arti­kel und Licht­bil­der fin­den sich zum einen im vor­de­ren Buch­teil, und zwar kom­bi­niert mit eige­nen Betrach­tun­gen und Tage­buch­ein­trä­gen des Beklag­ten sowie mit wei­te­ren Zei­tungs­ar­ti­keln, Licht­bil­dern und Urkun­den. Zum ande­ren sind Arti­kel und Licht­bil­der aus der Zei­tung der Klä­ge­rin in einem mit „Doku­men­ta­ti­on“ über­schrie­be­nen hin­te­ren Buch­teil ab Sei­te 232 abge­druckt. Die­se „Doku­men­ta­ti­on“ besteht aus einer Samm­lung von – teil­wei­se bebil­der­ten – Zei­tungs­ar­ti­keln in Fak­si­mi­le-Form sowie ande­ren Doku­men­ten wie Geset­zes­tex­ten und Schrei­ben ohne eige­ne Tex­te des Beklag­ten.

Das Land­ge­richt 2 hat den Beklag­ten – mit Aus­nah­me des auf die Ver­si­che­rung der Rich­tig­keit der Aus­kunft gerich­te­ten Antrags – im Wege des Teil­ur­teils antrags­ge­mäß ver­ur­teilt. Auf die Beru­fung des Beklag­ten hat das Beru­fungs­ge­richt die Kla­ge ins­ge­samt abge­wie­sen 3. Mit ihrer vom Beru­fungs­ge­richt zuge­las­se­nen Revi­si­on, deren Zurück­wei­sung der Beklag­te bean­tragt, erstrebt die Klä­ge­rin die Wie­der­her­stel­lung des land­ge­richt­li­chen Urteils.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung führt der Bun­des­ge­richts­hof aus, dass nach der Bestim­mung des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG die Ver­viel­fäl­ti­gung, die Ver­brei­tung und die öffent­li­che Wie­der­ga­be zuläs­sig sind, wenn in einem durch den Zweck gebo­te­nen Umfang Stel­len eines Wer­kes nach sei­ner Ver­öf­fent­li­chung in einem selb­stän­di­gen Sprach­werk ange­führt wer­den. Für den Zitatz­weck ist es erfor­der­lich, dass eine inne­re Ver­bin­dung zwi­schen den ver­wen­de­ten frem­den Wer­ken oder Werk­tei­len und den eige­nen Gedan­ken des Zitie­ren­den her­ge­stellt wird. Zita­te sol­len als Beleg­stel­le oder Erör­te­rungs­grund­la­ge für selb­stän­di­ge Aus­füh­run­gen des Zitie­ren­den der Erleich­te­rung der geis­ti­gen Aus­ein­an­der­set-zung die­nen. Es genügt daher nicht, wenn die Ver­wen­dung des frem­den Wer-kes nur zum Ziel hat, die­ses dem End­nut­zer leich­ter zugäng­lich zu machen oder sich selbst eige­ne Aus­füh­run­gen zu erspa­ren 4.

Das Beru­fungs­ge­richt hat zu die­sen Vor­aus­set­zun­gen kei­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Es hat viel­mehr ange­nom­men, dass der Ein­griff des Beklag­ten in urhe­ber­recht­lich geschütz­te Posi­tio­nen der Klä­ge­rin bei einem durch Art. 5 Abs. 3 GG vor­ge­ge­be­nen Ver­ständ­nis der Vor­schrift durch § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG gedeckt sei. Dies ist nicht frei von Rechts­feh­lern.

Das Beru­fungs­ge­richt ist aller­dings im recht­li­chen Aus­gangs­punkt zutref­fend davon aus­ge­gan­gen, dass das Zitat­recht gemäß § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG im Hin­blick auf Kunst­wer­ke einen wei­te­ren Anwen­dungs­be­reich hat als bei nicht­künst­le­ri­schen Sprach­wer­ken. Die durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gefor­der­te kunst­spe­zi­fi­sche Betrach­tung ver­langt, bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG die inne­re Ver­bin­dung der zitier­ten Stel­len mit den Gedan­ken und Über­le­gun­gen des Zitie­ren­den über die blo­ße Beleg­funk­ti­on hin­aus auch als Mit­tel künst­le­ri­schen Aus­drucks und künst­le­ri­scher Gestal­tung anzu­er­ken­nen 5.

Die Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts tra­gen jedoch nicht die Annah­me, es han­de­le sich bei dem Buch des Beklag­ten, ins­be­son­de­re bei der Illus­trie­rung der eige­nen Tex­te des Beklag­ten mit frem­den, häu­fig bebil­der­ten Zei­tungs­ar­ti­keln, um ein Werk der Kunst und die ange­grif­fe­nen Zita­te sei­en ein Mit­tel künst­le­ri­schen Aus­drucks und künst­le­ri­scher Gestal­tung.

Das Beru­fungs­ge­richt hat sei­ne Beur­tei­lung dar­auf gestützt, dass der Beklag­te sich für die Her­stel­lung des Buches einer künst­le­ri­schen Tech­nik be-dient habe, näm­lich der lite­ra­ri­schen Col­la­ge oder Mon­ta­ge. Er habe teils mit, teils ohne erkenn­ba­ren Bezug zuein­an­der in Sprach­ebe­ne und Sprach­stil un-ter­schied­li­che Tex­te – ein­lei­ten­de Betrach­tun­gen, Tage­buch­ein­trä­ge, Arti­kel aus meh­re­ren Zei­tun­gen, Urkun­den – sowie Licht­bil­der mit­ein­an­der kom­bi­niert. Der Beklag­te habe mit die­ser Tech­nik – anders als bei einer Doku­men­ten­samm­lung – ein künst­le­ri­sches Werk geschaf­fen, bei dem die ein­zel­nen Tei­le der Mon­ta­ge mit­ein­an­der in Wech­sel­wir­kung trä­ten und der durch die Ver­schrän­kung unter­schied­li­cher Ele­men­te erziel­te lite­ra­ri­sche Effekt über die in den ein­zel­nen Tex­ten ent­hal­te­nen Aus­sa­gen hin­aus­ge­he. Dies gel­te ins­be­son­de­re für die auf­ge­nom­me­nen Zei­tungs­ar­ti­kel und dazu­ge­hö­ri­gen Licht­bil­der, die den Stand­punkt der loka­len Pres­se nicht bloß wie­der­gä­ben und illus­trier­ten, son­dern gera­de in ihrer kon­kre­ten Auf­ma­chung in Zusam­men­schau mit den Tage­buch­auf­zeich­nun­gen und sons­ti­gen Tex­ten die im beschrie­be­nen Zeit­raum vor Ort herr­schen­de „öffent­li­che“ Atmo­sphä­re mit Far­be ver­sä­hen und daher erfahr­bar mach­ten.

Das Wesent­li­che der künst­le­ri­schen Betä­ti­gung ist die freie schöp­fe­ri­sche Gestal­tung, in der Ein­drü­cke, Erfah­run­gen und Erleb­nis­se des Künst­lers durch das Medi­um einer bestimm­ten For­men­spra­che zu unmit­tel­ba­rer Anschau­ung gebracht wer­den 6. Jede künst­le­ri­sche Tätig­keit ist ein Inein­an­der von bewuss­ten und unbe­wuss­ten Vor­gän­gen, die ratio­nal nicht auf­zu­lö­sen sind. Beim künst­le­ri­schen Schaf­fen wir­ken Intui­ti­on, Phan­ta­sie und Kunst­ver­stand zusam­men; es ist pri­mär nicht Mit­tei­lung, son­dern Aus­druck, und zwar unmit­tel­bars­ter Aus­druck der indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit des Künst­lers 7.

Den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts las­sen sich die­se an ein Kunst­werk zu stel­len­den Vor­aus­set­zun­gen, ins­be­son­de­re das Vor­lie­gen einer frei­en schöp­fe­ri­schen Gestal­tung, nicht ent­neh­men. Das Beru­fungs­ge­richt hat es im Kern aus­rei­chen las­sen, dass der Beklag­te eige­ne ein­lei­ten­de Betrach-tun­gen und Tage­buch­ein­trä­ge mit Arti­keln aus Zei­tun­gen, Urkun­den und Licht­bil­dern kom­bi­niert hat. Eine sol­che Kom­bi­na­ti­on mag – wie das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men hat – auch als künst­le­ri­sche Tech­nik in Betracht kom­men, nament­lich in Form einer lite­ra­ri­sche Col­la­ge oder Mon­ta­ge. Der Ein­satz einer grund­sätz­lich als künst­le­ri­sche Tech­nik gebräuch­li­chen Form allein reicht jedoch zur Annah­me eines Kunst­werks im Sin­ne von Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG nicht aus 8. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass das Werk auch die der Kunst eige­nen mate­ri­el­len Struk­tur­merk­ma­le auf­weist, also ins­be­son­de­re Ergeb­nis frei­er schöp­fe­ri­scher Gestal­tung ist, in der Ein­drü­cke, Erfah­run­gen und Phan­ta­si­en des Autors zum Aus­druck kom­men, wobei als Ele­men­te schöp­fe­ri­scher Gestal­tung der Ein­satz und die ver­frem­den­de Ver­knüp­fung von ver­schie­de­nen Stil­mit­teln in Betracht kom­men, die Inter­pre­ta­tio­nen zulas­sen und so auf eine künst­le­ri­sche Absicht schlie­ßen las­sen 9. Hier­zu hat das Beru­fungs­ge­richt kei­ne hin­rei­chen­den Fest­stel­lun­gen getrof­fen.

Soweit es ange­nom­men hat, die mit­ein­an­der kom­bi­nier­ten Tex­te sei­en in Sprach­ebe­ne und Sprach­stil unter­schied­lich, lässt dies eine schöp­fe­ri­sche Gestal­tung nicht erken­nen, son­dern beschreibt ledig­lich den tech­ni­schen Umstand der Kom­bi­na­ti­on ver­schie­den­ar­ti­ger Tex­te. Dass die­se Zusam­men­stel­lung nicht eine blo­ße Mit­tei­lung, son­dern pri­mär unmit­tel­ba­rer Aus­druck der indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit des Beklag­ten ist, bei der sei­ne Intui­ti­on, sei­ne Phan­ta­sie und sein Kunst­ver­stand zusam­men­wir­ken, lässt sich den Fest­stel­lun­gen des ange­grif­fe­nen Urteils nicht ent­neh­men. Das­sel­be gilt für die Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, die ein­zel­nen Tei­le der Mon­ta­ge trä­ten mit­ein­an­der in Wech­sel­wir­kung und führ­ten so zu einem Effekt, der über die in den ein­zel­nen Tex­ten ent­hal­te­nen Aus­sa­gen hin­aus­ge­he. Auch ein sol­cher Effekt kann allein auf dem for­ma­len Akt der Kom­bi­na­ti­on von Tex­ten mit unter­schied­li­chen Aus­sa­gen und der Hin­zu­fü­gung von Licht­bil­dern beru­hen, ohne dass dar­in auch eine per­sön­li­che schöp­fe­ri­sche Gestal­tung lie­gen muss, die die Kom­bi­na­ti­on erst zu einem nach Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG geschütz­ten Kunst­werk macht.

Ein Kunst­cha­rak­ter ergibt sich auch nicht aus den übri­gen Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts. Sei­ne Annah­me, die kon­kre­te Auf­ma­chung der Zei­tungs­ar­ti­kel und der dazu­ge­hö­ri­gen Licht­bil­der ver­sä­hen die im beschrie­be­nen Zeit­raum vor Ort herr­schen­de öffent­li­che Atmo­sphä­re in Zusam­men­schau mit den Tage­buch­auf­zeich­nun­gen und sons­ti­gen Tex­ten mit Far­be und mach­ten sie erfahr­bar, spricht viel­mehr dafür, dass die Kom­bi­na­ti­on von eige­nen Tex­ten mit den Zei­tungs­ar­ti­keln und Licht­bil­dern aus der Zei­tung der Klä­ge­rin vor­wie­gend einer mög­lichst anschau­li­chen und facet­ten­rei­chen Mit­tei­lung his­to­ri­scher Tat-sachen und deren Bewer­tung durch den Beklag­ten dient und gera­de nicht pri­mär schöp­fe­ri­scher Aus­druck sei­ner indi­vi­du­el­len Per­sön­lich­keit ist.

Das Beru­fungs­ge­richt hat sich – anders als das Land­ge­richt – bei sei­ner Erör­te­rung des Zitat­rechts nach § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG nicht mit den in den Unter­las­sungs­an­trä­gen im Ein­zel­nen auf­ge­führ­ten Zei­tungs­ar­ti­keln und Licht­bil­dern kon­kret befasst, son­dern ange­nom­men, das durch die Bear­bei­tungs­tech­nik geschaf­fe­ne künst­le­ri­sche Ergeb­nis erfas­se den Buch­in­halt im Gan­zen, so dass eine iso­lier­te Betrach­tung ein­zel­ner Tei­le des Buches, nament­lich des „Doku­men­ta­ti­ons­teils“ ab Buch­sei­te 232, nicht geeig­net sei, den Gesamt­ein-druck des Buches für sich maß­geb­lich zu prä­gen. Auch die­se Beur­tei­lung ist nicht frei von Rechts­feh­lern.

Wird durch ein Kunst­werk in meh­re­re urhe­ber­recht­lich geschütz­te Wer­ke ein­ge­grif­fen, ent­bin­det die durch Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GG gefor­der­te kunst­spe­zi­fi­sche Betrach­tung nicht von der kon­kre­ten Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG im Hin­blick auf jeden ein­zel­nen Ein­griff. Denn die Qua­li­fi­zie­rung des zitie­ren­den Sprach­werks im Sin­ne des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG als Kunst­werk allein reicht für die Annah­me die­ser Schutz­schran­ke nicht aus. Zu prü­fen bleibt fer­ner das Erfor­der­nis der inne­ren Ver­bin­dung der zitier­ten Stel­len mit den Gedan­ken und Über­le­gun­gen des Zitie­ren­den. Denn die durch eine ver­fas­sungs­kon­for­me Aus­le­gung gefor­der­te Erwei­te­rung des Zitat­rechts besteht allein dar­in, dass die für den Zitatz­weck erfor­der­li­che inne­re Ver­bin­dung nicht auf die Funk­ti­on als Beleg­stel­le oder Erör­te­rungs­grund­la­ge für selb­stän­di­ge Aus­füh­run­gen des Zitie­ren­den zum Zwe­cke der Erleich­te­rung der geis­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung begrenzt ist, son­dern dar­über hin­aus auch die Eigen­schaft als Mit­tel des künst­le­ri­schen Aus­drucks und der künst­le­ri­schen Gestal­tung aner­kannt wer­den muss 10. Ob eine sol­che inne­re Ver­bin­dung vor­liegt, kann nur kon­kret bezo­gen auf jeden ein­zel­nen Ein­griff in urhe­ber­recht­li­che Ver­wer­tungs­rech­te beant­wor­tet wer­den.

Das Beru­fungs­ur­teil erweist sich auch nicht aus ande­ren Grün­den als rich­tig (§ 561 ZPO). Ins­be­son­de­re greift die Schutz­schran­ke des § 50 UrhG nicht ein. Das Beru­fungs­ge­richt hat dazu – von sei­nem Rechts­stand­punkt aus fol­ge­rich­tig – kei­ne eige­nen Fest­stel­lun­gen getrof­fen. Das Land­ge­richt, auf des­sen Fest­stel­lun­gen das Beru­fungs­ge­richt ver­weist, hat indes­sen fest­ge­stellt, dass der Beklag­te in sei­nem Buch nicht über aktu­el­le Tages­er­eig­nis­se berich­tet und kei­ne Tages­in­ter­es­sen befrie­digt. Dies lässt Rechts­feh­ler nicht erken­nen und ist vom Beklag­ten weder in der Beru­fungs- noch in der Revi­si­ons­in­stanz bean­stan­det wor­den.

Der Bun­des­ge­richts­hof ver­mag nach alle­dem nicht in der Sache selbst zu ent­schei­den, weil sie nicht zur End­ent­schei­dung reif ist. Die Sache bedarf einer erneu­ten Beur­tei­lung der Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG durch den Tatrich­ter. Das Beru­fungs­ur­teil ist des­halb auf­zu­he­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung, auch über die Kos­ten der Revi­si­on, an das Beru­fungs­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO).

Für die neue Ver­hand­lung wird auf Fol­gen­des hin­ge­wie­sen:
Die Unter­las­sungs­an­trä­ge rich­ten sich abs­trakt gegen die Ver­viel­fäl­ti­gung und Ver­brei­tung von in der „Mär­ki­schen Oder­zei­tung“ erschie­ne­nen Arti­keln und Licht­bil­dern ohne Erlaub­nis der Klä­ge­rin. Sie erfas­sen damit auch Fäl­le, in denen sol­che Arti­kel oder Licht­bil­der vom Beklag­ten als Beleg­stel­le oder Erör­te­rungs­grund­la­ge für selb­stän­di­ge Aus­füh­run­gen zitiert wer­den und damit der Erleich­te­rung der geis­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zung die­nen. In sol­chen Fäl­len kön­nen die Vor­aus­set­zun­gen des § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG erfüllt sein. Der Klä­ge­rin ist nach § 139 Abs. 1 ZPO Gele­gen­heit zu geben, ihre Anträ­ge inso­weit gege­be­nen­falls neu zu fas­sen und die­se auf die – bis­lang ledig­lich in Gestalt eines mit „ins­be­son­de­re“ ein­ge­lei­te­ten Teils zum Gegen­stand der Anträ­ge gemach­te – kon­kre­te Ver­let­zungs­form zu bezie­hen.

Im Hin­blick auf die im Doku­men­ta­ti­ons­teil ab Buch­sei­te 232 auf­ge­führ­ten Arti­kel und Licht­bil­der schei­det die Zuläs­sig­keit des Ein­griffs in die der Klä­ge­rin zuste­hen­den urhe­ber­recht­li­chen Befug­nis­se der Klä­ge­rin gemäß § 51 Satz 2 Nr. 2 UrhG unab­hän­gig davon aus, ob das Beru­fungs­ge­richt im wie­der­eröff­ne­ten Beru­fungs­ver­fah­ren erneut zu dem Ergeb­nis gelangt, dass es sich bei dem Buch des Beklag­ten auf­grund der Col­la­ge­tech­nik um ein Kunst­werk han­delt. Denn die Doku­men­ta­ti­on ent­hält nach den rechts­feh­ler­frei­en Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts kei­ne eige­nen Aus­füh­run­gen des Beklag­ten, die sich mit den Zei­tungs­ar­ti­keln oder bild­li­chen Dar­stel­lun­gen geis­tig aus­ein­an­der­set-zen. Des­halb kann sich der Beklag­te inso­weit weder auf eine inne­re Ver­bin­dung eige­ner Gedan­ken mit den frem­den Wer­ken im Sin­ne einer Beleg­funk­ti­on noch auf eine Zuläs­sig­keit der Ver­öf­fent­li­chung der frem­den Wer­ke unter dem Ge-sichts­punkt des künst­le­ri­schen Aus­drucks im Rah­men einer Col­la­ge beru­fen.

Bei der Beur­tei­lung, ob die ange­grif­fe­ne Ver­wen­dung der Arti­kel und Fotos im Buch des Beklag­ten nach § 51 UrhG zuläs­sig sind, kommt es in jedem Ein­zel­fall maß­geb­lich dar­auf an, ob dies zum Zweck des Zitats geschieht. Die Zitat­frei­heit soll die geis­ti­ge Aus­ein­an­der­set­zung mit frem­den Wer­ken erleich­tern 11. Die Zitier­frei­heit gestat­tet es nicht, ein frem­des Werk nur um sei­ner selbst wil­len zur Kennt­nis der All­ge­mein­heit zu brin­gen. Eben­so wenig reicht es aus, dass ein sol­ches Werk in einer bloß äußer­li­chen zusam­men­hang­lo­sen Wei­se ein­ge­fügt und ange­hängt wird. Die Ver­fol­gung des Zitatz­wecks im Sin­ne des § 51 UrhG erfor­dert viel­mehr, dass der Zitie­ren­de eine inne­re Ver­bin­dung zwi­schen dem frem­den Werk und den eige­nen Gedan­ken her­stellt und das Zitat als Beleg­stel­le oder Erör­te­rungs­grund­la­ge für selb­stän­di­ge Aus­füh­run­gen des Zitie­ren­den erscheint 12. An einer sol­chen inne­ren Ver­bin­dung fehlt es regel­mä­ßig, wenn sich das zitie­ren­de Werk nicht näher mit dem ein­ge­füg­ten frem­den Werk aus­ein­an­der­setzt, son­dern es nur zur Illus­tra­ti­on ver­wen­det 13, es in einer bloß äußer­li­chen, zusam­men­hang­lo­sen Wei­se ein­fügt oder anhängt 14 oder das Zitat aus­schließ­lich eine infor­mie­ren­de Bericht­erstat­tung bezweckt 15. In die­sem Zusam­men­hang ist zu berück­sich­ti­gen, dass die auf der Sozi­al­bin­dung des geis­ti­gen Eigen­tums beru­hen­den Schran­ken­be­stim­mun­gen der §§ 45 ff. UrhG gene­rell eng aus­zu­le­gen sind 16.

Nach dem Zitatz­weck bestimmt sich auch, in wel­chem Umfang ein Zitat erlaubt ist 17. Ist der Zitatz­weck über­schrit­ten, so ist – wie das Land­ge­richt zutref­fend ange­nom­men hat – nicht nur der über­schie­ßen­de Teil, son­dern das gan­ze Zitat unzu­läs­sig 18.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Novem­ber 2011 – I ZR 212/​10

  1. BVerfG, GRUR 2001, 149, 151 Ger­ma­nia 3[]
  2. LG Pots­dam, Urteil vom 11.01.2010 – 2 O 266/​09[]
  3. OLG Bran­den­burg, Urteil vom 09.11.2010 – 6 U 14/​10, GRUR 2011, 141 = WRP 2011, 106[]
  4. BGH, Urteil vom 29.04.2010 – I ZR 69/​08, BGHZ 185, 291 Rn. 26 – Vor­schau­bil­der I, mwN[]
  5. BVerfG, GRUR 2001, 149, 151 = NJW 2001, 598 – Ger­ma­nia 3[]
  6. BVerfGE 30, 173, 188 f. – Mephis­to; BVerfGE 67, 213, 226 – Ana­chro­nis­ti­scher Zug; BVerfGE 75, 369, 377 – Strauß-Kari­ka­tur; BVerfGE 83, 130, 138 – Jose­fi­ne Mut­zen­ba­cher; BVerfGE 119, 1, 20 f. – Esra[]
  7. BVerfGE 30, 173, 189 – Mephisto9). Ob das urhe­ber­recht­lich geschütz­te Werk Gegen­stand und Gestal­tungs­mit­tel einer eige­nen künst­le­ri­schen Aus­sa­ge ist oder bloß der Anrei­che­rung des Werks durch frem­des geis­ti­ges Eigen­tum dient, ist auf Grund einer umfas­sen­den Wür­di­gung des gesam­ten Wer­kes zu ermit­teln ((BVerfG, GRUR 2001, 149, 152 – Ger­ma­nia 3[]
  8. vgl. BVerfGE 81, 278, 291 Bun­des­flag­ge; BVerfGE 83, 130, 138 – Jose­fi­ne Mut­zen­ba­cher; Scholz in Maunz/​Dürig, Grund­ge­setz, 62. Ergän­zungs­lie­fe­rung, Art. 5 Abs. 3 Rn. 30[]
  9. BVerfGE 81, 278, 291 – Bun­des­flag­ge; BVerfGE 83, 130, 138 – Jose­fi­ne Mut­zen­ba­cher[]
  10. BVerfG, GRUR 2001, 149, 151 – Ger­ma­nia 3[]
  11. BGH, Urteil vom 05.10.2010 – I ZR 127/​09, GRUR 2011, 415 Rn. 22 – Kunst­aus­stel­lung im Online-Archiv; Urteil vom 07.04.2011 – I ZR 56/​09, GRUR 2011, 1312 Rn. 45 = WRP 2011, 1463 – ICE[]
  12. BGH, Urteil vom 20.12.2007 – I ZR 42/​05, BGHZ 175, 135 Rn. 42 – TV Total; BGH, GRUR 2011, 1312 Rn. 46 – ICE[]
  13. BGH, GRUR 2011, 415 Rn. 22 – Kunst­aus­stel­lung im Online-Archiv, mwN[]
  14. BGH, Urteil vom 23.05.1985 – I ZR 28/​83, GRUR 1986, 59, 60 = NJW 1986, 131 – Geist­chris­ten­tum[]
  15. BGH, Urteil vom 01.07.1982 – I ZR 118/​80, BGHZ 85, 1, 10 f. – Pres­se­be­richt­erstat­tung und Kunst­werk­wie­der­ga­be[]
  16. BGHZ 185, 291 Rn. 27 – Vor­schau­bil­der I[]
  17. vgl. BGH, GRUR 1986, 59 f. – Geist­chris­ten­tum; Schricker/​Spindler in Schricker/​Loewenheim, Urhe­ber­recht, 4. Aufl., § 51 UrhG Rn. 19; Dust­mann in Fromm/​Nordemann, Urhe­ber­recht, 10. Aufl., § 51 UrhG Rn. 18; Lüft in Wandtke/​Bullinger, Urhe­ber­recht, 3. Aufl., § 51 UrhG Rn. 14[]
  18. vgl. Schricker/​Spindler aaO § 51 UrhG Rn. 19; Dust­mann aaO § 51 UrhG Rn. 47; Lüft aaO § 51 UrhG Rn. 6[]