Das zu hei­ße Bade­was­ser im Pfle­ge­heim – und die Haf­tung des Heim­trä­gers

Ein Heim­be­woh­ner, der dem Heim­trä­ger zum Schutz sei­ner kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit anver­traut ist, kann erwar­ten, dass der Heim­trä­ger ihn vor einer jeden­falls in einer DIN-Norm beschrie­be­nen Gefah­ren­la­ge schützt, wenn er selbst auf Grund kör­per­li­cher oder geis­ti­ger Ein­schrän­kun­gen nicht in der Lage ist, die Gefahr eigen­ver­ant­wort­lich zu erken­nen und ange­mes­sen auf sie zu reagie­ren.

Das zu hei­ße Bade­was­ser im Pfle­ge­heim – und die Haf­tung des Heim­trä­gers

Um die dar­aus fol­gen­de Obhuts­pflicht zu erfül­len, muss der Heim­trä­ger, soweit dies mit einem ver­nünf­ti­gen finan­zi­el­len und per­so­nel­len Auf­wand mög­lich und für die Heim­be­woh­ner sowie das Pfle­geund Betreu­ungs­per­so­nal zumut­bar ist, nach sei­nem Ermes­sen ent­we­der die Emp­feh­lun­gen der DIN-Norm umset­zen oder aber die erfor­der­li­che Sicher­heit gegen­über der die­ser Norm zugrun­de lie­gen­den Gefahr auf ande­re Wei­se gewähr­leis­ten, um Schä­den der Heim­be­woh­ner zu ver­mei­den [1].

Durch den Heim­ver­trag wur­den Obhuts­pflich­ten der Heim­trä­ge­rin gemäß § 241 Abs. 2 BGB zum Schutz der kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit der ihr anver­trau­ten Heim­be­woh­ne­rin begrün­det. Eben­so bestand eine inhalts­glei­che all­ge­mei­ne Ver­kehrs­si­che­rungs­pflicht zum Schutz der Bewoh­ner vor Schä­di­gun­gen, die ihnen wegen Krank­heit oder sons­ti­ger kör­per­li­cher oder geis­ti­ger Ein­schrän­kun­gen durch sie selbst oder durch die Ein­rich­tung und bau­li­che Gestal­tung des Heims droh­ten. Eine schuld­haf­te Ver­let­zung die­ser Pflich­ten war geeig­net, sowohl einen Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen ver­trag­li­cher Pflicht­ver­let­zung (§ 280 Abs. 1, § 278 Satz 1 BGB) als auch einen damit kor­re­spon­die­ren­den delik­ti­schen Anspruch aus §§ 823, 831 BGB zu begrün­den [2].

Die­se Pflich­ten sind jedoch auf die in ver­gleich­ba­ren Hei­men übli­chen (gebo­te­nen) Maß­nah­men begrenzt, die mit einem ver­nünf­ti­gen finan­zi­el­len und per­so­nel­len Auf­wand rea­li­sier­bar sind. Maß­stab ist das Erfor­der­li­che und das für die Heim­be­woh­ner und das Pfle­ge­per­so­nal Zumut­ba­re. Dabei ist zu beach­ten, dass beim Woh­nen in einem Heim die Wür­de sowie die Inter­es­sen und Bedürf­nis­se der Bewoh­ner vor Beein­träch­ti­gun­gen zu schüt­zen und die Selb­stän­dig­keit, die Selbst­be­stim­mung und die Selbst­ver­ant­wor­tung der Bewoh­ner zu wah­ren und zu för­dern sind (vgl. § 2 Abs. 1 Nr. 1 und 2 HeimG) [3].

Wel­chen kon­kre­ten Inhalt die Ver­pflich­tung hat, einer­seits die Men­schen­wür­de und das Frei­heits­recht eines kör­per­lich oder geis­tig beein­träch­tig­ten Heim­be­woh­ners zu ach­ten und ande­rer­seits sein Leben und sei­ne kör­per­li­che Unver­sehrt­heit zu schüt­zen, kann nicht gene­rell, son­dern nur auf­grund einer sorg­fäl­ti­gen Abwä­gung sämt­li­cher Umstän­de des jewei­li­gen Ein­zel­falls ent­schie­den wer­den [4]. Soweit im Hin­blick auf eine bestimm­te Gefah­ren­la­ge tech­ni­sche Rege­lun­gen wie ins­be­son­de­re DIN-Nor­men bestehen, kön­nen die­se im Rah­men der gebo­te­nen Gesamt­ab­wä­gung zur Kon­kre­ti­sie­rung des Umfangs der Obhutsund Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten des Heim­trä­gers mit her­an­ge­zo­gen wer­den.

Zwar haben DIN-Nor­men als tech­ni­sche Regeln kei­ne nor­ma­ti­ve Gel­tung. Es han­delt sich viel­mehr um auf frei­wil­li­ge Anwen­dung aus­ge­rich­te­te pri­va­te tech­ni­sche Rege­lun­gen mit Emp­feh­lungs­cha­rak­ter. Sie kön­nen die aner­kann­ten Regeln der Tech­nik wie­der­ge­ben, hin­ter die­sen aber auch zurück­blei­ben [5]. Da sie jedoch die wider­leg­li­che Ver­mu­tung in sich tra­gen, den Stand der all­ge­mein aner­kann­ten Regeln der Tech­nik wie­der­zu­ge­ben [6], sind sie zur Bestim­mung des nach der Ver­kehrs­auf­fas­sung Gebo­te­nen in beson­de­rer Wei­se geeig­net und kön­nen regel­mä­ßig zur Fest­stel­lung von Inhalt und Umfang bestehen­der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten her­an­ge­zo­gen wer­den [7]. Auch außer­halb ihres unmit­tel­ba­ren Anwen­dungs­be­reichs kom­men DIN-Nor­men als Maß­stab für ver­kehrs­ge­rech­tes Ver­hal­ten in Betracht, soweit Gefah­ren betrof­fen sind, vor denen sie schüt­zen sol­len [8]. Da sie jedoch im All­ge­mei­nen kei­ne abschlie­ßen­den Ver­hal­tens­an­for­de­run­gen ent­hal­ten, darf sich der Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­ge nicht dar­auf beschrän­ken, die Emp­feh­lun­gen tech­ni­scher Nor­men unbe­se­hen umzu­set­zen. Viel­mehr hat er die zur Scha­dens­ab­wehr erfor­der­li­chen Maß­nah­men anhand der Umstän­de des Ein­zel­falls eigen­ver­ant­wort­lich zu tref­fen [9]. Die Zumut­bar­keit von Siche­rungs­vor­keh­run­gen ist dabei unter Abwä­gung der Wahr­schein­lich­keit der Gefahr­ver­wirk­li­chung, der Gewich­tig­keit mög­li­cher Scha­dens­fol­gen und des mit etwai­gen Siche­rungs­vor­keh­run­gen ver­bun­de­nen Auf­wands zu bestim­men [10].

Die­se Erwä­gun­gen gel­ten auch für die Bestim­mung der Obhutsund 16 Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ten eines Heim­trä­gers, soweit in DIN-Nor­men ent­hal­te­ne tech­ni­sche Rege­lun­gen bestimm­te als rege­lungs­be­dürf­tig erkann­te Gefah­ren­la­gen beschrei­ben. Dabei kann bereits die blo­ße Exis­tenz einer DIN-Norm für das Bestehen eines Risi­kos spre­chen, dem durch Sicher­heits­vor­keh­run­gen zu begeg­nen ist [11]. Ein Heim­be­woh­ner, der dem Heim­trä­ger zum Schutz sei­ner kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit anver­traut ist, kann erwar­ten, dass der Heim­trä­ger ihn vor einer jeden­falls in einer DIN-Norm beschrie­be­nen Gefah­ren­la­ge schützt, wenn er selbst auf Grund kör­per­li­cher oder geis­ti­ger Ein­schrän­kun­gen nicht in der Lage ist, die Gefahr eigen­ver­ant­wort­lich zu erken­nen und ange­mes­sen auf sie zu reagie­ren. Um die dar­aus fol­gen­de Obhuts­pflicht zu erfül­len, muss der Heim­trä­ger, soweit dies mit einem ver­nünf­ti­gen finan­zi­el­len und per­so­nel­len Auf­wand mög­lich und für die Heim­be­woh­ner sowie das Pfle­geund Betreu­ungs­per­so­nal zumut­bar ist, nach sei­nem Ermes­sen ent­we­der die Emp­feh­lun­gen der DIN-Norm umset­zen oder aber die erfor­der­li­che Sicher­heit gegen­über der die­ser Norm zugrun­de lie­gen­den Gefahr auf ande­re Wei­se gewähr­leis­ten, um Schä­den der Heim­be­woh­ner zu ver­mei­den [12].

Das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men [13] hat dage­gen im vor­lie­gen­den Fall in der Vor­in­stanz die erfor­der­li­che Abwä­gung der gesam­ten Umstän­de des Ein­zel­falls unter Ein­schluss der Maß­ga­ben der DIN EN 806–2 rechts­feh­ler­haft nicht vor­ge­nom­men. Es hat sei­ne Auf­fas­sung, die Heim­be­woh­ne­rin habe beim Baden nicht beauf­sich­tigt wer­den müs­sen, und es habe auch kei­ner Kon­trol­le der Tem­pe­ra­tur des ein­lau­fen­den Was­sers bedurft, vor allem damit begrün­det, dass die Bewoh­ne­rin in der Ver­gan­gen­heit regel­mä­ßig allein geduscht bezie­hungs­wei­se geba­det habe und in eine Hil­fe­be­darfs­grup­pe mit einem rela­tiv hohen Grad an Selb­stän­dig­keit ein­ge­stuft gewe­sen sei. Durch die­se ver­eng­te Sicht­wei­se hat das OLG Bre­men für die Abwä­gungs­ent­schei­dung wesent­li­che Gesichts­punk­te außer Betracht gelas­sen.

Es feh­len bereits Fest­stel­lun­gen dazu, ob in ver­gleich­ba­ren Wohn­hei­men die Instal­la­ti­on eines Tem­pe­ra­tur­be­grenz­ers bezie­hungs­wei­se ein sons­ti­ger gleich­wer­ti­ger Ver­brü­hungs­schutz zum übli­chen Stan­dard gehö­ren. Dafür könn­te spre­chen, dass der Schutz vor Ver­brü­hun­gen bereits in der Ver­gan­gen­heit mehr­fach Gegen­stand ober­ge­richt­li­cher Ent­schei­dun­gen war und die Gerich­te hier­bei gestei­ger­te Sicher­heits­an­for­de­run­gen hin­sicht­lich schutz­be­dürf­ti­ger Heim­be­woh­ner ange­nom­men haben [14].

Ins­be­son­de­re war aber der Inhalt der seit Juni 2005 gel­ten­den DIN EN 806–2 („Tech­ni­sche Regeln für Trink­was­ser­In­stal­la­tio­nen Teil 2: Pla­nung“) in den Blick zu neh­men. Nach Satz 1 der Nr. 9.03.2 sind Anla­gen für erwärm­tes Trink­was­ser so zu gestal­ten, dass das Risi­ko von Ver­brü­hun­gen gering ist. Ent­spre­chend wird in Satz 2 aus­ge­führt, dass an „Ent­nah­me­stel­len mit beson­de­rer Beach­tung der Aus­lauf­tem­pe­ra­tu­ren“ (z.B. Kran­ken­häu­ser, Schu­len, Senio­ren­hei­me die Auf­zäh­lung ist nicht abschlie­ßend) ther­mo­sta­ti­sche Misch­ven­ti­le oder bat­te­rien mit Begren­zung der obe­ren Tem­pe­ra­tur ein­ge­setzt wer­den soll­ten. Dabei wird in Satz 3 eine Tem­pe­ra­tur von höchs­tens 43 °C emp­foh­len.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Bre­men ist der dadurch vor­ge­se­he­ne Schutz vor Ver­brü­hun­gen im vor­lie­gen­den Fall nicht des­halb ohne Rele­vanz, weil die DIN EN 806–2 mit der Emp­feh­lung einer Begren­zung der Was­ser­tem­pe­ra­tur erst im Juni 2005 ein­ge­führt wur­de und pri­mär die Pla­nung von Trink­was­ser­in­stal­la­tio­nen regelt, ohne die Nach­rüs­tung älte­rer tech­ni­scher Anla­gen expli­zit vor­zu­se­hen. Denn der DIN ist über ihren unmit­tel­ba­ren Anwen­dungs­be­reich hin­aus all­ge­mein­gül­tig zu ent­neh­men, dass bei Warm­was­ser­an­la­gen das Risi­ko von Ver­brü­hun­gen besteht, wenn die Aus­lauf­tem­pe­ra­tur mehr als 43 °C beträgt, und des­halb in Ein­rich­tun­gen mit einem beson­ders schutz­be­dürf­ti­gen Benut­zer­kreis („Kran­ken­häu­ser, Schu­len, Senio­ren­hei­me usw.“) spe­zi­el­le Sicher­heits­vor­keh­run­gen zur Ver­min­de­rung des Risi­kos von Ver­brü­hun­gen erfor­der­lich sind. Nach dem sicher­heits­tech­ni­schen Zweck der Emp­feh­lung sol­len die geschil­der­te appa­ra­ti­ve Tem­pe­ra­tur­be­gren­zung oder ande­re geeig­ne­te Sicher­heits­vor­keh­run­gen [15] über­all dort zum Ein­satz kom­men, wo im Rah­men einer für das Wohl der Bewoh­ner ver­ant­wort­li­chen Ein­rich­tung Per­so­nen leben, die auf Grund ihrer kör­per­li­chen oder geis­ti­gen Ver­fas­sung nicht in der Lage sind, die mit hei­ßem Was­ser ver­bun­de­nen Gefah­ren zu beherr­schen, und des­halb ein beson­de­rer Schutz vor Ver­brü­hun­gen erfor­der­lich ist.

Dies gilt auch für die Wohn­ein­rich­tung der Heim­trä­ge­rin, in der Per­so­nen leben, die trotz eines gewis­sen Gra­des an Selb­stän­dig­keit zu einem eigen­stän­di­gen Leben ohne Betreu­ung nicht in der Lage sind. Dass die Bewoh­ner nicht in dem Aus­maß betreu­ungs­be­dürf­tig sind wie in einem Pfle­ge­heim, ändert dar­an nichts; dies trifft eben­so auf die in der DIN bei­spiel­haft ange­führ­ten Kran­ken­häu­ser, Schu­len oder Senio­ren­hei­me zu.

Dar­über hin­aus rich­tet sich das Maß der gebo­te­nen Sicher­heits­vor­keh­run­gen bei einer tech­ni­schen Anla­ge nicht aus­schließ­lich nach den zum Zeit­punkt ihrer Errich­tung bestehen­den Erkennt­nis­sen und dem dama­li­gen Stand der Tech­nik. Viel­mehr ist es eine Fra­ge des Ein­zel­falls, ob aus sach­kun­di­ger Sicht eine kon­kre­te Gefahr besteht, dass durch die tech­ni­sche Anla­ge ohne Nach­rüs­tung Rechts­gü­ter ande­rer ver­letzt wer­den kön­nen. Je grö­ßer die Gefahr und je schwer­wie­gen­der die im Fal­le ihrer Ver­wirk­li­chung dro­hen­den Fol­gen sind, umso eher kann die nach­träg­li­che Umset­zung neue­rer Sicher­heits­stan­dards gebo­ten sein [16]. Auch wenn dem Ver­kehrs­si­che­rungs­pflich­ti­gen im Ein­zel­fall eine ange­mes­se­ne Über­gangs­zeit zuzu­bil­li­gen sein mag [17], ist die­se im vor­lie­gen­den Fall nach einem Zeit­raum von annä­hernd acht Jah­ren ver­stri­chen [18]. Es kommt hin­zu, dass bereits die inzwi­schen nicht mehr aktu­el­le DIN 1988 Teil 2 (Dezem­ber 1988), die Vor­gän­ger­norm der DIN EN 806–2, in Nr. 4.2 die Emp­feh­lung ent­hielt, bei Was­ser­tem­pe­ra­tu­ren im häus­li­chen Bereich von über 45 °C Sicher­heits­misch­bat­te­rien oder ther­mo­sta­tisch gesteu­er­te Misch­bat­te­rien mit Sicher­heits­an­schlag ein­zu­bau­en.

Die Was­ser­in­stal­la­ti­on in der von der Heim­be­woh­ne­rin benutz­ten Dusche wies kei­ne Tem­pe­ra­tur­be­gren­zung und auch kei­ne ande­ren geeig­ne­ten Sicher­heits­vor­keh­run­gen auf. Das hei­ße Was­ser trat, sofern nicht manu­ell kal­tes Was­ser bei­gemischt wur­de, mit der Tem­pe­ra­tur aus, die im Warm­was­ser­sys­tem vor­han­den war. Die­se lag ent­spre­chend den Emp­feh­lun­gen zur Ver­mei­dung von Gefah­ren durch Legio­nel­len bei zumin­dest annä­hernd 60 °C und war jeden­falls so heiß, dass es bin­nen kür­zes­ter Zeit zu schwer­wie­gen­den Ver­brü­hun­gen kom­men konn­te.

Es spricht viel dafür, dass die Heim­be­woh­ne­rin die­se mit der hohen Was­ser­tem­pe­ra­tur ver­bun­de­ne Gefahr nicht recht­zei­tig erken­nen und nicht ange­mes­sen auf sie reagie­ren konn­te. Infol­ge ihrer Dia­be­tesEr­kran­kung hat­te sie ein deut­lich ver­min­der­tes Schmerz­emp­fin­den und konn­te die zu hohe Was­ser­tem­pe­ra­tur sowie die dadurch ver­ur­sach­ten Ver­brü­hun­gen des­halb nicht so schnell wahr­neh­men wie ein gesun­der Mensch. Auf Grund ihrer geis­ti­gen Behin­de­rung durch das Pra­der­Wil­li­Syn­drom bestand bei ihr zudem das Risi­ko, dass sie auf vom gewöhn­li­chen Tages­ab­lauf abwei­chen­de Gefah­ren­si­tua­tio­nen nicht adäquat reagier­te. Da das OLG Bre­men inso­weit kei­ne nähe­ren Fest­stel­lun­gen getrof­fen hat, ist im Revi­si­ons­ver­fah­ren vom Vor­trag der Heim­be­woh­ne­rin aus­zu­ge­hen, wonach sie auf Grund ihrer geis­ti­gen Behin­de­rung (Gen­De­fekt) bei neu­en und uner­war­te­ten Situa­tio­nen oft an ihre Gren­zen sto­ße und schon die vage Aus­sicht, dass der Tages­rhyth­mus gestört wer­den könn­te, zu Stress­re­ak­tio­nen füh­re. Die­se Sym­pto­me sei­en bei ihr stark aus­ge­prägt. Durch das zu hei­ße Bade­was­ser sei sie auf Grund ihrer Behin­de­rung nicht mehr in der Lage gewe­sen, einen kla­ren Gedan­ken zu fas­sen und zum Bei­spiel das hei­ße Was­ser sofort abzu­stel­len bezie­hungs­wei­se die Bade­wan­ne zu ver­las­sen.

Geht man von die­ser Sach­la­ge aus, begrün­de­te der unbe­auf­sich­tig­te Umgang mit hei­ßem Bade­was­ser, des­sen Tem­pe­ra­tur bei annä­hernd 60 °C lag, für die Heim­be­woh­ne­rin die kon­kre­te Gefahr von schwe­ren Kör­per­schä­den durch Ver­brü­hun­gen. Infol­ge des Zusam­men­tref­fens eines ver­min­der­ten Schmerz­emp­fin­dens mit der Behin­de­rung durch das Pra­der­Wil­li­Syn­drom war die­se Gefahr weit­aus grö­ßer als bei einem gesun­den Men­schen, der eine zu hohe Was­ser­tem­pe­ra­tur sofort erken­nen und adäquat auf sie reagie­ren kann. Der Annah­me einer sol­chen kon­kre­ten Gefahr steht nicht ent­ge­gen, dass die Heim­be­woh­ne­rin in der Ver­gan­gen­heit sowohl im Haus­halt ihrer Mut­ter als auch in der Ein­rich­tung der Heim­trä­ge­rin ohne Zwi­schen­fäl­le allein geduscht bezie­hungs­wei­se geba­det hat­te. Dass sich eine Gefahr in der Ver­gan­gen­heit nicht ver­wirk­licht hat, kann zwar dafür spre­chen, dass die Wahr­schein­lich­keit der Gefahr­ver­wirk­li­chung nicht sehr hoch ist. Ange­sichts der Schwe­re der dro­hen­den Kör­per­schä­den muss­te die Heim­trä­ge­rin jedoch auch einer nicht sehr wahr­schein­li­chen, aber gleich­wohl nicht mit hin­rei­chen­der Sicher­heit aus­ge­schlos­se­nen Gefahr­ver­wirk­li­chung Rech­nung tra­gen.

Die Heim­trä­ge­rin hät­te des­halb ent­we­der eine Begren­zung der Tem­pe­ra­tur des aus­tre­ten­den Was­sers ent­spre­chend den Emp­feh­lun­gen der DIN EN 806–2 tech­nisch sicher­stel­len müs­sen. Dies wäre ohne Umbau oder Erneue­rung der gesam­ten Hei­zungs­an­la­ge allein durch Aus­tausch der Misch­ar­ma­tu­ren in der Dusche mög­lich gewe­sen. Oder aber ohne eine sol­che Ände­rung an der Was­ser­in­stal­la­ti­on hät­te die Heim­be­woh­ne­rin vor Scha­den bewahrt wer­den müs­sen, indem die Tem­pe­ra­tur des Bade­was­sers durch eine Betreu­ungs­per­son der Ein­rich­tung über­prüft wor­den wäre. Da die mobi­le Bade­wan­ne ohne­hin in die Dusche gebracht wer­den muss­te, wäre der per­so­nel­le Mehr­auf­wand gering gewe­sen. Für die Eigen­stän­dig­keit der Heim­be­woh­ne­rin hät­te dies kei­ne unzu­mut­ba­re Beein­träch­ti­gung bedeu­tet, weil eine Beauf­sich­ti­gung nicht wäh­rend des gesam­ten Bades erfor­der­lich gewe­sen wäre, son­dern eine Kon­trol­le der Tem­pe­ra­tur wäh­rend des Ein­lau­fens des Bade­was­sers genügt hät­te. Dem­ge­gen­über war die von der Heim­trä­ge­rin behaup­te­te stan­dard­mä­ßi­ge Ein­stel­lung des Ein­he­bel­mi­schers auf eine erträg­li­che mitt­le­re Was­ser­tem­pe­ra­tur kei­ne geeig­ne­te Schutz­maß­nah­me, weil die Posi­ti­on des Mischer­he­bels sowohl absicht­lich als auch unbe­ab­sich­tigt leicht ver­stellt wer­den konn­te.

Eine etwai­ge Pflicht­ver­let­zung der Heim­trä­ge­rin wäre auch fahr­läs­sig im Sin­ne des § 276 Abs. 2 (i.V.m. § 278 Satz 1 bzw. § 831) BGB. Ihrem Per­so­nal war die Behin­de­rung der Heim­be­woh­ne­rin bekannt. Es hät­te erken­nen kön­nen und müs­sen, dass die Wahl der Tem­pe­ra­tur beim Ein­las­sen des Bade­was­sers für die Heim­be­woh­ne­rin auf Grund der indi­vi­du­el­len Aus­prä­gung ihrer Behin­de­rung ein Gefah­ren­po­ten­ti­al barg, dem ent­we­der durch den Ein­bau eines Tem­pe­ra­tur­be­grenz­ers oder, solan­ge ein sol­cher wie hier nicht vor­han­den war, durch die Beauf­sich­ti­gung des Was­ser­ein­lau­fens zu begeg­nen war.

Das ange­foch­te­ne Urteil war dem­nach auf­zu­he­ben (§ 562 Abs. 1 ZPO) und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt in Bre­men zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 ZPO). Da wei­te­re Fest­stel­lun­gen zu tref­fen sind, war der Bun­des­ge­richts­hof zu einer eige­nen Sach­ent­schei­dung nach § 563 Abs. 3 ZPO nicht in der Lage.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. August 2019 – III ZR 113/​18

  1. Bestä­ti­gung und Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 28.04.2005 – III ZR 399/​04, BGHZ 163, 53[]
  2. BGH, Urteil vom 28.04.2005 – III ZR 399/​04, BGHZ 163, 53, 55; s. auch OLG Düs­sel­dorf, VersR 2017, 501 f; OLG Koblenz, NJW-RR 2002, 867, 868; 2014, 458, 459 und OLG Mün­chen, FamRZ 2006, 1676, 1677[]
  3. BGH aaO[]
  4. BGH aaO; OLG Koblenz jew. aaO[]
  5. BGH, Urtei­le vom 14.05.1998 – VII ZR 184/​97, BGHZ 139, 16, 19 f; vom 14.06.2007 – VII ZR 45/​06, BGHZ 172, 346 Rn. 32; vom 07.07.2010 – VIII ZR 85/​09, NJW 2010, 3088 Rn. 14; und vom 24.05.2013 – V ZR 182/​12, NJW 2013, 2271 Rn. 26[]
  6. BGH, Urteil vom 24.05.2013 aaO Rn. 25[]
  7. BGH, Urtei­le vom 01.03.1988 – VI ZR 190/​87, BGHZ 103, 338, 341 f; vom 12.11.1996 – VI ZR 270/​95, NJW 1997, 582, 583; vom 13.03.2001 – VI ZR 142/​00, NJW 2001, 2019, 2020; vom 15.07.2003 – VI ZR 155/​02, NJW-RR 2003, 1459, 1460; und vom 03.02.2004 – VI ZR 95/​03, NJW 2004, 1449, 1450[]
  8. Palandt/​Sprau, BGB, 78. Aufl., § 823 Rn. 51 unter Hin­weis auf BGH, Urteil vom 15.07.2003 aaO, S. 1459[]
  9. BGH, Urtei­le vom 13.03.2001; und vom 03.02.2004 jeweils aaO sowie vom 09.09.2008 – VI ZR 279/​06, NJW 2008, 3778 Rn. 16 mwN[]
  10. BGH, Urteil vom 19.07.2018 – VII ZR 251/​17, NJW 2018, 2956 Rn.18; Palandt/​Sprau aaO § 823 Rn. 51; vgl. auch BGH, Urteil vom 05.10.2004 – VI ZR 294/​03, NJW-RR 2005, 251, 253[]
  11. vgl. OLG Cel­le, NJW-RR 1995, 984[]
  12. vgl. OLG Cel­le aaO S. 985[]
  13. OLG Bre­men, Urteil vom 13.04.2018 – 2 U 106/​17[]
  14. z.B. OLG Stutt­gart, VersR 2000, 333: Ein­bau eines Tem­pe­ra­tur­be­grenz­ers oder einer nur durch das Per­so­nal zu bedie­nen­den Sperr­vor­rich­tung [Reha­bi­li­ta­ti­ons­zen­trum]; OLG Mün­chen, FamRZ 2006, 1676: Instal­la­ti­on eines Tem­pe­ra­tur­reg­lers oder begrenz­ers [Pfle­ge­heim]; OLG Hamm, PflR 2014, 457: Ein­bau eines Absperr­ven­tils und von durch ein Sicher­heits­schloss ver­sperr­ten Türen [Pfle­ge­zen­trum][]
  15. dazu OLG Hamm, PflR 2014, 457, 461 f[]
  16. BGH, Urteil vom 02.03.2010 – VI ZR 223/​09, NJW 2010, 1967 Rn. 9 f[]
  17. BGH, Urteil vom 02.03.2010 aaO[]
  18. vgl. BGH, Urteil vom 01.03.1988 – VI ZR 190/​87, BGHZ 103, 338, 342[]