Den über­hör­te letz­te Auf­ruf am Check-In

Ver­passt ein Rei­sen­der sei­nen Flug, hat die Rei­se­ver­an­stal­te­rin Ent­schä­di­gung zu zah­len, wenn die Flug­ge­sell­schaft weder durch eine Durch­sa­ge per Laut­spre­cher noch durch ein Anspre­chen aller War­ten­der in der Schlan­ge sicher­ge­stellt hat, dass alle Rei­sen­den die erfor­der­li­chen Infor­ma­tio­nen erhal­ten.

Den über­hör­te letz­te Auf­ruf am Check-In

Mit die­ser Begrün­dung hat das Amts­ge­richt Mün­chen in dem hier vor­lie­gen­den Fall der Kla­ge auf Min­de­rung und Scha­dens­er­satz in Höhe von 852,03 Euro statt­ge­ge­ben. Für sich, ihren Part­ner und zwei Kin­der hat­te die Klä­ge­rin aus dem thü­rin­gi­schen Kyff­häu­ser­kreis für 2.262 Euro eine All-Inclu­si­ve-Flug­rei­se vom 29.09.2017 bis 09.10.2017 nach Side gebucht. Die Mün­che­ner Rei­se­ver­an­stal­te­rin hat im Vou­cher­heft dar­auf hin­ge­wie­sen, dass spä­tes­tens 30 Minu­ten vor dem Abflug die Ein­check­zeit endet. Der Hin­flug soll­te am 29.09.2017 um 14:45 Uhr mit der Flug­ge­sell­schaft Con­dor ab dem Flug­ha­fen Leip­zig mit Ankunft in Anta­lya um 19 Uhr erfol­gen. Am Flug­ha­fen wur­de gleich­zei­tig mit dem gebuch­ten Flug nach Anta­lya auch ein Flug nach Grie­chen­land abge­fer­tigt. Um ca. 14:20 Uhr kam die Klä­ge­rin zu spät am Schal­ter zum Check-In an die Rei­he. Das Flug­zeug flog ohne die Klä­ge­rin und ihre Fami­lie nach Anta­lya.

Die Klä­ge­rin behaup­tet, alle sei­en ca. zwei Stun­den vor Abflug am Abflug­schal­ter auf dem Leip­zi­ger Flug­ha­fen gewe­sen. Auf dem Bild­schirm vor dem Check-In sei ledig­lich der Name der Flug­li­nie ange­ge­ben gewe­sen. Die Klä­ge­rin und ihre Fami­lie hät­ten sich an der dort befind­li­chen War­te­schlan­ge ange­stellt, die zu drei Schal­tern führ­te. Sie sei­en davon aus­ge­gan­gen, dass sämt­li­che War­ten­den das glei­che Ziel hät­ten. Sie hät­ten weder gehört, dass sie auf­ge­ru­fen wor­den sei­en, noch sei­en sie dar­auf hin­ge­wie­sen wor­den, dass man nicht mehr ein­che­cken kön­ne, wenn man nicht an der Schlan­ge vor­bei­ge­he. Es sei auch kei­ner aus der Schlan­ge her­aus nach vor­ne gegan­gen. Sie hät­ten einen neu­en Flug ab Ber­lin-Tegel buchen müs­sen. Die Nacht hät­ten sie in Leip­zig bei Ver­wand­ten auf dem Fuß­bo­den geschla­fen. Am 30.09.2017 sei­en sie mit dem Zug nach Ber­lin gefah­ren, um von dort über Istan­bul nach Anta­lya zu flie­gen. Erst am 01.10.2017 gegen 3:00 Uhr sei man im Hotel ange­kom­men.

Die Zeu­gin der Beklag­ten gab an, dass etwa eine Stun­de vor dem Abflug die Pas­sa­gie­re für den Flug nach Anta­lya auf­ge­ru­fen wor­den sein müss­ten, um sie vor­zu­zie­hen. Die Klä­ge­rin müs­se unauf­merk­sam oder zu spät gewe­sen sein.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Amts­ge­richt Mün­chen aus­ge­führt, dass die Art und Wei­se des geschil­der­ten Auf­ru­fens, indem ein Mit­ar­bei­ter an der Schlan­ge ent­lang­geht und mehr­mals laut ruft, nicht geeig­net sei, um sicher­zu­stel­len, dass alle Flug­gäs­te hier­von Kennt­nis erlan­gen. Es ist davon aus­zu­ge­hen, dass die war­ten­den Per­so­nen in der Schlan­ge am Check-In-Schal­ter sich auch mit­ein­an­der unter­hal­ten, wäh­rend sie war­ten, und dass des­halb ein gewis­ser Geräusch­pe­gel herrscht. Die aus­ru­fen­de Per­son müss­te dem­entspre­chend sehr laut rufen, um sämt­li­che ande­ren Geräu­sche zu über­tö­nen. Es ist auch mög­lich, dass Rei­sen­de für die kur­ze Zeit des Auf­rufs unauf­merk­sam sind. Die vol­le Auf­merk­sam­keit auf das Gesche­hen vor sich in und neben der War­te­schlan­ge wäh­rend der hier 1,5 Stun­den dau­ern­den War­te­zeit zu rich­ten, kann von kei­nem Rei­sen­den ver­langt wer­den. Die Flug­ge­sell­schaft hät­te ent­we­der durch eine Durch­sa­ge per Laut­spre­cher oder durch ein Anspre­chen aller War­ten­der in der Schlan­ge sicher­stel­len müs­sen, dass alle Rei­sen­den die Infor­ma­ti­on erhal­ten. Es kann auch nicht von den Flug­gäs­ten erwar­tet wer­den, dass die­se alle wis­sen, dass es auch sein kann, dass zwei Flü­ge gleich­zei­tig abge­fer­tigt wer­den, und dass sie an der War­te­schlan­ge vor­bei­ge­hen – ein sozi­al zumeist uner­wünsch­tes Ver­hal­ten – um bevor­zugt ein­ge­checkt zu wer­den. Die­se Erwar­tung hat selbst die Flug­ge­sell­schaft nicht, da sie ansons­ten gar kei­ne Auf­ru­fe machen wür­de. Dem­entspre­chend hält das Amts­ge­richt Mün­chen eine Min­de­rung in Höhe eines Tages­rei­se­prei­ses in Höhe von 205,64 € (2.262,- € : 11 Tage) für ange­mes­sen. Eben­falls ist Ersatz für nutz­los auf­ge­wen­de­te Urlaubs­zeit in Höhe von 205,64 € zuge­spro­chen wor­den.

Dar­über hin­aus hat das Amts­ge­richt Mün­chen bei der Klä­ge­rin ein erheb­li­ches Mit­ver­schul­den dar­an fest­ge­stellt, dass sie zu spät zum Check-In am Schal­ter ein­traf. Selbst wenn die Beklag­te bzw. die Flug­ge­sell­schaft kei­nen hin­rei­chen­den Auf­ruf für den Flug nach Anta­lya vor­ge­nom­men hat, hät­te die Klä­ge­rin selbst tätig wer­den müs­sen, um ein Ver­pas­sen des Flu­ges zu ver­hin­dern. Nach Auf­fas­sung des Amts­ge­richts Mün­chen erscheint es als gro­be Sorg­falts­pflicht­ver­let­zung in eige­nen Ange­le­gen­hei­ten, sich sorg­los in eine War­te­schlan­ge zu stel­len und sehen­den Auges den gebuch­ten Flug zu ver­pas­sen, ohne auch nur ein­mal eine Nach­fra­ge zu stel­len.

Aus die­sen Grün­den hat das Amts­ge­richt Mün­chen den gefor­der­ten Ersatz der durch den Ersatz­flug ent­stan­de­nen Scha­dens von ins­ge­samt 881,50 Euro um 50 % gemin­dert.

Amts­ge­richt Mün­chen, Urteil vom 5. Okto­ber 2018 – 154 C 2636/​18