Der Abbruch einer Mau­er an der Grund­stücks­gren­ze

Der Abbruch eines ober­ir­di­schen Bau­werks (hier: einer Mau­er), der dazu führt, dass das angren­zen­de Grund­stück sei­nen Halt ver­liert, kann einer Ver­tie­fung des Grund­stücks nicht gleich­ge­setzt wer­den. Aus dem nach­bar­recht­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis kann nur die Pflicht zu einer Ankün­di­gung der­ar­ti­ger Abriss­ar­bei­ten her­ge­lei­tet wer­den, die so recht­zei­tig erfol­gen muss, dass sie den Grund­stücks­nach­barn in die Lage ver­setzt, vor­her eige­ne Stüt­zungs­maß­nah­men zu tref­fen.

Der Abbruch einer Mau­er an der Grund­stücks­gren­ze

Zu prü­fen ist ein Unter­las­sungs­an­spruch gemäß § 1004 Abs. 1 Satz 1 BGB in Ver­bin­dung mit den nach­bar­recht­li­chen Son­der­vor­schrif­ten. Der Eigen­tü­mer darf mit sei­nem Grund­stück nach Belie­ben ver­fah­ren, auch wenn dies nach­tei­li­ge Aus­wir­kun­gen auf das Nach­bar­grund­stück hat, solan­ge ihm das Nach­bar­recht sei­ne Hand­lung nicht ver­bie­tet1. Ein sol­ches Ver­bot kann sich nur aus § 909 BGB erge­ben.

Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Norm lie­gen aller­dings nur vor, wenn der Eigen­tü­mer den Höhen­un­ter­schied ver­ur­sacht hat. Gemäß § 909 BGB darf ein Grund­stück nicht in der Wei­se ver­tieft wer­den, dass der Boden des Nach­bar­grund­stücks die erfor­der­li­che Stüt­ze ver­liert, es sei denn, dass für eine genü­gen­de ander­wei­ti­ge Befes­ti­gung gesorgt ist; der Anspruch auf Unter­las­sung einer ver­bots­wid­ri­gen Ver­tie­fung rich­tet sich unter ande­rem gegen den Eigen­tü­mer als Stö­rer2. Die Ent­fer­nung der Stütz­mau­er selbst stellt kei­ne Ver­tie­fung im Sin­ne von § 909 BGB dar; denn eine sol­che setzt bezo­gen auf das Grund­stück des Beklag­ten eine Sen­kung des Boden­ni­veaus vor­aus und umfasst nicht die Ent­fer­nung ober­ir­di­scher Gebäu­de­tei­le3.

Soll­te der Eigen­tü­mer sei­ner­zeit die Mau­er nach einer von ihm vor­ge­nom­me­nen Ver­tie­fung sei­nes Grund­stücks zum Zwe­cke der Befes­ti­gung errich­tet haben, müss­te er das Nach­bar­grund­stück gemäß § 909 BGB auch wei­ter­hin abstüt­zen und hät­te den ersatz­lo­sen Abriss zu unter­las­sen. Hat dage­gen der Nach­bar sein Grund­stück auf­ge­schüt­tet, oder ist nicht fest­stell­bar, wor­auf der Höhen­un­ter­schied beruht, schei­det der Anspruch aus.

Ein Unter­las­sungs­an­spruch lässt sich auch nicht aus einer ana­lo­gen Anwen­dung von § 909 BGB her­lei­ten. Die Ent­fer­nung der Mau­er ist nicht einer Ver­tie­fung gleich­zu­set­zen.

Aller­dings wird mit Blick auf die als erwünscht ange­se­he­ne Ein­be­zie­hung von Grund­stücks­er­hö­hun­gen in den Schutz­be­reich des § 909 BGB ver­tre­ten, die Norm sei nicht nur auf Ver­tie­fun­gen anwend­bar. Viel­mehr genü­ge auch ohne Sen­kung des Boden­ni­veaus jede Ein­wir­kung auf ein Grund­stück, die zur Fol­ge habe, dass der Boden des Nach­bar­grund­stücks in der Senk­rech­ten den Halt ver­lie­re oder dass dort die Fes­tig­keit der unte­ren Boden­schich­ten in ihrem waa­ge­rech­ten Ver­lauf beein­träch­tigt wer­de. Die ratio legis der Norm sei in dem Stütz­ver­lust des Nach­bar­grund­stücks begrün­det und nicht in der Sen­kung der Erd­ober­flä­che des Bau­grund­stücks4.

Dem kann nicht gefolgt wer­den. § 909 BGB regelt einen klar umschrie­be­nen Son­der­fall. Ohne­hin besteht für Erhö­hun­gen eine plan­wid­ri­ge Rege­lungs­lü­cke schon dann nicht, wenn – wie hier (§ 20 Ber­li­ner Nach­bar­rechts­ge­setz) – in den Nach­bar­ge­set­zen der Län­der Rege­lun­gen dazu ent­hal­ten sind5. Im Übri­gen fehlt jeder Anlass für eine Aus­deh­nung von § 909 BGB, die all­ge­mein auf eine Sen­kung des Boden­ni­veaus ver­zich­te­te und die Vor­schrift damit ihrer Kon­tu­ren beraub­te.

Ins­be­son­de­re die Ein­be­zie­hung des Abbruchs von ober­ir­di­schen Bau­wer­ken ist nicht sach­ge­recht. Ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer muss es näm­lich nicht hin­neh­men, dass eine auf sei­nem Grund­stück ste­hen­de Mau­er von dem Nach­barn als Abstüt­zung für des­sen Grund­stücks­auf­schüt­tung zweck­ent­frem­det wird6; er darf die Mau­er auch dann abrei­ßen, wenn das angren­zen­de Grund­stück dadurch sei­nen Halt ver­liert. Es ist Sache des Auf­schüt­ten­den, die erfor­der­li­chen Schutz­maß­nah­men zu ergrei­fen. Die Nach­bar­rechts­ge­set­ze der Län­der sehen dies zum Teil aus­drück­lich vor. Gemäß § 20 des Ber­li­ner Nach­bar­rechts­ge­set­zes darf der Boden über die Ober­flä­che des Nach­bar­grund­stücks hin­aus nur erhöht wer­den, wenn sol­che Vor­keh­run­gen getrof­fen und unter­hal­ten wer­den, dass eine Schä­di­gung des Nach­bar­grund­stücks ins­be­son­de­re durch Absturz, Abschwem­mung oder Pres­sung des Bodens aus­ge­schlos­sen ist. Zu der­ar­ti­gen Schutz­maß­nah­men zäh­len typi­scher­wei­se Stütz­mau­ern, die der Auf­schüt­ten­de auf sei­nem eige­nen Grund­stück zu errich­ten hat7.

An einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke fehlt es auch dann, wenn die Ver­ant­wort­lich­keit für die Höhen­un­ter­schie­de nicht fest­stell­bar ist. Aus § 909 BGB ergibt sich nicht, dass der Eigen­tü­mer eines tie­fer­lie­gen­den Grund­stücks das angren­zen­de höher­lie­gen­de Grund­stück abzu­stüt­zen hat; rich­tig ist das Gegen­teil. Die Abstüt­zung ist Sache des jewei­li­gen Grund­stücks­ei­gen­tü­mers, wenn der Nach­bar den Stütz­ver­lust nicht durch eine Ver­tie­fung ver­ur­sacht hat.

Schließ­lich lässt sich der Unter­las­sungs­an­spruch nicht aus dem nach­bar­recht­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis her­lei­ten.

Die Rech­te und Pflich­ten von Grund­stücks­nach­barn haben nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ins­be­son­de­re durch die Vor­schrif­ten der §§ 905 ff. BGB und die Bestim­mun­gen der Nach­bar­rechts­ge­set­ze der Län­der eine ins Ein­zel­ne gehen­de Son­der­re­ge­lung erfah­ren. Zwar ist auch auf sie der all­ge­mei­ne Grund­satz von Treu und Glau­ben (§ 242 BGB) anzu­wen­den; dar­aus folgt für die Nach­barn eine Pflicht zur gegen­sei­ti­gen Rück­sicht­nah­me, deren Aus­wir­kun­gen auf den kon­kre­ten Fall unter dem Begriff des nach­bar­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis­ses zusam­men­ge­fasst wer­den. Eine dar­aus fol­gen­de selb­stän­di­ge Ver­pflich­tung ist aber mit Rück­sicht auf die nach­bar­recht­li­chen Son­der­re­ge­lun­gen eine Aus­nah­me und kann nur dann zur Anwen­dung kom­men, wenn ein über die gesetz­li­che Rege­lung hin­aus­ge­hen­der bil­li­ger Aus­gleich der wider­strei­ten­den Inter­es­sen drin­gend gebo­ten erscheint. Nur unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann die Aus­übung gewis­ser aus dem Eigen­tum flie­ßen­der Rech­te ganz oder teil­wei­se unzu­läs­sig wer­den. Das Rechts­in­sti­tut darf ins­be­son­de­re nicht dazu die­nen, die nach­bar­recht­li­chen Rege­lun­gen in ihr Gegen­teil zu ver­keh­ren8.

Ein Aus­nah­me­fall, der eine Unter­las­sungs­ver­pflich­tung recht­fer­ti­gen könn­te, wird allein durch die "fak­ti­sche Stüt­zungs­funk­ti­on" der Mau­er nicht begrün­det. Das Beru­fungs­ge­richt hat sich von der Vor­stel­lung lei­ten las­sen, die Kla­ge betref­fe einem Ersu­chen um einst­wei­li­gen Rechts­schutz ver­gleich­bar nur die Berech­ti­gung des Beklag­ten zu einem sofor­ti­gen ersatz­lo­sen Abriss, wäh­rend die Ent­schei­dung über die end­gül­ti­ge Ver­pflich­tung zu der Errich­tung und Unter­hal­tung einer Abstüt­zung im Rah­men der Wider­kla­ge zu erfol­gen habe. Dabei hat es offen­bar nicht bedacht, dass es dem Beklag­ten eine zeit­lich unbe­schränk­te und ver­ur­sa­cher­un­ab­hän­gi­ge Pflicht zur Absi­che­rung des Grund­stücks der Klä­ge­rin auf­er­legt, deren Been­di­gung davon abhän­gig ist, dass er das Ver­fah­ren der Wider­kla­ge wei­ter betreibt; er soll sogar noch wäh­rend der Voll­stre­ckung eines obsie­gen­den Urteils über die Wider­kla­ge dar­auf ach­ten müs­sen, dass der Abriss sei­ner Mau­er erst nach der Errich­tung der neu­en Abstüt­zung erfolgt. Das ver­kehrt die gesetz­li­che Zuord­nung von nach­bar­li­chen Rech­ten und Pflich­ten in ihr Gegen­teil.

Aus dem nach­bar­recht­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis kann nur die Pflicht zu einer Ankün­di­gung der­ar­ti­ger Abriss­ar­bei­ten her­ge­lei­tet wer­den, die so recht­zei­tig erfol­gen muss, dass sie den Grund­stücks­nach­barn in die Lage ver­setzt, vor­her eige­ne Stüt­zungs­maß­nah­men zu tref­fen; nur in die­sem ein­ge­schränk­ten Rah­men kann sich eine Unter­las­sungs­pflicht erge­ben.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Juni 2012 – V ZR 97/​11

  1. BGH, Urteil vom 12.11.1999 – V ZR 229/​98, NJW-RR 2000, 537; Deh­ner, Nach­bar­recht, 7. Aufl., B § 20 I 1, ins­bes. Fn. 2 []
  2. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.1984 – V ZR 199/​82, BGHZ 91, 282, 285 []
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.09.1979 V ZR 22/​78, NJW 1980, 224 f.; BGH, Urteil vom 27.03.1962 VI ZR 137/​61, VersR 1962, 572, 573; RGZ 70, 200, 206; Staudinger/​Roth, BGB [2009] § 909 Rn. 8 []
  4. Münch­Komm-BGB/­Sä­cker, 5. Aufl., § 909 Rn. 7 u. 10 []
  5. BGH, Urteil vom 20.05.1976 III ZR 103/​74, NJW 1976, 1840, 1841; Urteil vom 11.10.1973 III ZR 159/​71, NJW 1974, 53, 54; RGZ 155, 154, 160; Staudinger/​Roth [2009] § 909 Rn. 10; Soergel/​Baur, 13. Aufl., § 909 Rn. 5; RGRK/​Augustin, BGB, 12. Aufl., § 909 Rn. 24; Deh­ner, NZM 2005, 172, 173 []
  6. vgl. BGH, Urteil vom 20.05.1976 III ZR 103/​74, NJW 1976, 1840, 1841 []
  7. BGH Urteil vom 20.05.1976 III ZR 103/​74, NJW 1976, 1840, 1841; Deh­ner, Nach­bar­recht, 7. Aufl., B § 20 Fn. 78a []
  8. sie­he nur BGH, Urtei­le vom 21.10.1983 V ZR 166/​82, BGHZ 88, 344, 351 f. und vom 31.01.2003 V ZR 143/​02, NJW 2003, 1392 mwN []