Der abge­lös­te Sach­ver­stän­di­ge

Die Fra­ge, ob das Beru­fungs­ge­richt die sach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen nach § 412 Abs. 1 ZPO zu Recht als gege­ben ange­se­hen hat, unter­liegt nicht der Nach­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt.

Der abge­lös­te Sach­ver­stän­di­ge

Das Recht der Pro­zess­par­tei­en, die Ladung des gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen zur münd­li­chen Erläu­te­rung sei­nes Gut­ach­tens zu ver­lan­gen, bezieht sich nicht auf einen frü­he­ren – gleich­sam "abge­lös­ten" – Sach­ver­stän­di­gen, des­sen Gut­ach­ten der Tatrich­ter für unge­nü­gend erach­tet und des­halb zum Anlass genom­men hat, gemäß § 412 Abs. 1 ZPO einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen zu beauf­tra­gen.

Die Anord­nung der Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen steht gemäß § 412 Abs. 1 ZPO (in Ver­bin­dung mit § 144 Abs. 1 Satz 1 und Abs. 3 ZPO) im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Tatrich­ters [1].

Die vor­he­ri­ge Anhö­rung des bis­he­ri­gen Sach­ver­stän­di­gen ist nicht gebo­ten. Wenn­gleich es häu­fig zweck­mä­ßig sein wird, vor der Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen den Ver­such zu unter­neh­men, bestehen­de Zwei­fel oder Lücken durch ein Ergän­zungs­gut­ach­ten oder eine münd­li­che Anhö­rung des bis­lang beauf­trag­ten Sach­ver­stän­di­gen zu behe­ben [2], ist es dem Tatrich­ter nicht ver­sagt, sogleich einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen zu beauf­tra­gen [3], ins­be­son­de­re dann, wenn die wei­te­re Anhö­rung des bis­he­ri­gen Sach­ver­stän­di­gen kei­nen Auf­klä­rungs­er­folg ver­spricht [4]. Dem­ge­mäß kann das Beru­fungs­ge­richt auch ohne vor­he­ri­ge Anhö­rung des erst­in­stanz­li­chen Sach­ver­stän­di­gen einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen beauf­tra­gen, wenn es das Gut­ach­ten des erst­in­stanz­li­chen Sach­ver­stän­di­gen für unge­nü­gend erach­tet. Zwar darf das Beru­fungs­ge­richt nicht von dem Gut­ach­ten eines erst­in­stanz­lich beauf­trag­ten gericht­li­chen Sach­ver­stän­di­gen oder der Wür­di­gung die­ses Gut­ach­tens durch das erst­in­stanz­li­che Gericht abwei­chen, ohne die hier­zu erfor­der­li­che Sach­kun­de dar­zu­le­gen, die in der Regel – man­gels eige­ner Sach­kun­de des (Berufungs-)Gerichts – nur durch ent­spre­chen­de wei­te­re sach­ver­stän­di­ge Bera­tung gewon­nen wer­den kann [5]. So liegt es aber nicht, wenn das Beru­fungs­ge­richt ohne vor­he­ri­ge Anhö­rung des erst­in­stanz­li­chen Sach­ver­stän­di­gen einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen beauf­tragt, weil es gewich­ti­ge Zwei­fel am erst­in­stanz­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten hegt. Das Beru­fungs­ge­richt setzt sich bei die­ser Ver­fah­rens­wei­se nicht ohne eige­ne Sach­kun­de und unter Ver­zicht auf sach­kun­di­ge Bera­tung über das erst­in­stanz­li­che Gut­ach­ten und des­sen Wür­di­gung durch das Vor­der­ge­richt hin­weg, son­dern ver­folgt hier­mit das Ziel, über einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen wei­ter­ge­hen­de und bes­se­re Sach­kun­de ver­mit­telt zu bekom­men. Neben der Anhö­rung des bis­he­ri­gen Sach­ver­stän­di­gen (§ 411 Abs. 3 ZPO) ist die Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen (§ 412 Abs. 1 ZPO) ein taug­li­ches Mit­tel, um Unklar­hei­ten, Unvoll­stän­dig­kei­ten und Zwei­fel aus­zu­räu­men und der damit ver­bun­de­nen Pflicht zur wei­ter­ge­hen­den Auf­klä­rung nach­zu­kom­men [6]. Will sich der Tatrich­ter zur wei­te­ren Auf­klä­rung des letz­te­ren Mit­tels bedie­nen, so han­delt er nicht schon des­halb ver­fah­rens­feh­ler­haft, weil er vor der Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen auf die Anhö­rung des bis­he­ri­gen Sach­ver­stän­di­gen ver­zich­tet.

Abge­se­hen davon unter­liegt die Fra­ge, ob das Beru­fungs­ge­richt die sach­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen nach § 412 Abs. 1 ZPO zu Recht als gege­ben ange­se­hen hat, nicht der Nach­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt. Durch eine sol­che Maß­nah­me wird die Erkennt­nis­grund­la­ge des Tatrich­ters erwei­tert und wer­den Ver­fah­rens­rech­te der Pro­zess­par­tei­en nicht beein­träch­tigt. Anders als das Unter­blei­ben der gebo­te­nen Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen [7] stellt die etwa unnö­ti­ge Beauf­tra­gung eines ande­ren Sach­ver­stän­di­gen kei­nen mit der Revi­si­on rüge­fä­hi­gen Ver­fah­rens­feh­ler dar. Dies ent­spricht der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach im Revi­si­ons­ver­fah­ren nicht zu prü­fen ist, ob das Beru­fungs­ge­richt das Vor­lie­gen der Vor­aus­set­zun­gen für eine erneu­te Tat­sa­chen­fest­stel­lung nach § 529 Abs. 1 Nr. 1 ZPO zu Unrecht ange­nom­men hat [8].

Zwar darf der Tatrich­ter den Streit zwi­schen meh­re­ren sach­ver­stän­di­gen Gut­ach­tern nicht dadurch ent­schei­den darf, dass er ohne ein­leuch­ten­de und logisch nach­voll­zieh­ba­re Begrün­dung einem von ihnen den Vor­zug gibt; vor­han­de­ne wei­te­re Auf­klä­rungs­mög­lich­kei­ten müs­sen genutzt wer­den, wenn sie sich anbie­ten und Erfolg ver­spre­chen [9].

Die­sen Anfor­de­run­gen hat in dem aktu­el­len Fall das Beru­fungs­ge­richt nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof aber genügt. Es hat auf­grund von gewich­ti­gen Zwei­feln am erst­in­stanz­li­chen Gut­ach­ten, die es in sei­nem Urteil näher dar­ge­legt hat, einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen beauf­tragt. Die­ser hat sich in sei­nem Gut­ach­ten auf­trags­ge­mäß mit den Aus­füh­run­gen des erst­in­stanz­li­chen Sach­ver­stän­di­gen aus­ein­an­der­ge­setzt. Er ist von Sei­ten des Beru­fungs­ge­richts und der Pro­zess­par­tei­en, ins­be­son­de­re des Klä­gers, sodann mehr­fach mit sei­nen Abwei­chun­gen vom erst­in­stanz­li­chen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten kon­fron­tiert wor­den und hat hier­zu im Ein­zel­nen Stel­lung genom­men, und zwar sowohl in schrift­li­chen Ergän­zungs­gut­ach­ten als auch wäh­rend sei­ner münd­li­chen Befra­gung vor dem Beru­fungs­ge­richt. Hier­nach hat das Beru­fungs­ge­richt unter ein­ge­hen­der Wür­di­gung der Aus­füh­run­gen des erst­in­stanz­li­chen Gut­ach­ters die Scha­dens­be­rech­nung des von ihm beauf­trag­ten zwei­ten Sach­ver­stän­di­gen für überzeugend(er) ange­se­hen und sei­ner Ent­schei­dung zu Grun­de gelegt.

Dabei war das Beru­fungs­ge­richt nicht ver­pflich­tet, den erst­in­stanz­li­chen Gut­ach­ter zu laden; ohne Rechts­feh­ler hat es von die­ser Ladung abge­se­hen. Die Ladung des erst­in­stanz­li­chen Gut­ach­ters war hier nicht schon des­halb gebo­ten, weil das Gericht auf Antrag einer Par­tei unab­hän­gig von § 411 Abs. 3 ZPO grund­sätz­lich ver­pflich­tet ist, den (gericht­li­chen) Sach­ver­stän­di­gen zur münd­li­chen Erläu­te­rung sei­nes Gut­ach­tens zu laden. Die­se Pflicht besteht auch dann, wenn das Gericht das vor­lie­gen­de schrift­li­che (Ergänzungs-)Gutachten für aus­rei­chend und über­zeu­gend hält und selbst kei­nen Bedarf für eine münd­li­che Erläu­te­rung sieht. Denn die Par­tei hat zur Gewähr­leis­tung des recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) nach §§ 397, 402 ZPO einen Anspruch dar­auf, dass sie dem Sach­ver­stän­di­gen die Fra­gen, die sie zur Auf­klä­rung der Sache für erfor­der­lich hält, zur münd­li­chen Beant­wor­tung vor­le­gen kann [10]. Die­se Pflicht erstreckt sich jedoch nicht auf einen frü­he­ren Sach­ver­stän­di­gen, des­sen Gut­ach­ten der Tatrich­ter für unge­nü­gend erach­tet und des­halb zum Anlass genom­men hat, gemäß § 412 Abs. 1 ZPO einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen zu beauf­tra­gen. Das Recht der Par­tei auf Ladung und Befra­gung des Sach­ver­stän­di­gen dient dem Zweck der Wah­rung des Anspruchs auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs in Bezug auf die sach­ver­stän­di­ge Bera­tung des Tatrich­ters als eine bedeut­sa­me Grund­la­ge der rich­ter­li­chen Sach­ent­schei­dung. Hat das Gericht gemäß § 412 Abs. 1 ZPO einen ande­ren Sach­ver­stän­di­gen beauf­tragt, so nimmt die­ser anstel­le des bis­he­ri­gen Sach­ver­stän­di­gen die Stel­lung des sach­ver­stän­di­gen Bera­ters ein; dem­entspre­chend bezie­hen sich die Fra­ge- und Anhö­rungs­be­fug­nis­se der Pro­zess­par­tei­en auch (nur) auf sei­ne – des "neu­en" Sach­ver­stän­di­gen – Begut­ach­tung. Die Par­tei­en haben das Recht, die Ladung des nun­mehr beauf­trag­ten, "neu­en" Sach­ver­stän­di­gen zu ver­lan­gen. In Bezug auf den frü­he­ren, gleich­sam "abge­lös­ten" Sach­ver­stän­di­gen steht ihnen ein sol­cher Anspruch dem­ge­gen­über nicht zu, da die­ser nicht mehr die Funk­ti­on eines sach­ver­stän­di­gen Bera­ters des Gerichts inne­hat.

Unbe­scha­det des­sen hat der Tatrich­ter den frü­he­ren Sach­ver­stän­di­gen aller­dings dann zu laden, wenn und soweit dies zur wei­te­ren Sach­auf­klä­rung, ins­be­son­de­re zur Behe­bung von Lücken oder Zwei­feln, erfor­der­lich ist (§ 286 Abs. 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 4. Novem­ber 2010 – III ZR 45/​10

  1. BGH, Urteil vom 16.03.1999 – VI ZR 34/​98, NJW 1999, 1778 f.[]
  2. sie­he BGH, Urteil vom 18.05.2009 – IV ZR 57/​08, NJW-RR 2009, 1192, 1193 Rn. 7; Zöller/​Greger aaO § 412 Rn. 1; Musielak/​Huber aaO § 412 Rn. 1; PG/​Katzenmeier, ZPO, 2. Aufl., § 412 Rn. 1[]
  3. sie­he BGH, Urteil vom 10.12.1991 – VI ZR 234/​90, NJW 1992, 1459 f m.w.N.; Musielak/​Huber aaO m.w.N.[]
  4. Zöller/​Greger aaO[]
  5. sie­he BGH, Urtei­le vom 08.06.1993 – VI ZR 192/​92, NJW 1993, 2380, 2381; und vom 21.01.1997 – VI ZR 86/​96, NJW 1997, 1446; sie­he auch BGH, Urtei­le vom 21.06.2001 – III ZR 313/​99, NJW 2001, 3054, 3056; vom 09.05.1989 – VI ZR 268/​88, NJW 1989, 2948 f m.w.N.; und vom 12.01.2001 – V ZR 420/​99, NJW-RR 2001, 732, 733; Zöller/​Gre­ger aaO § 402 Rn. 7a; Musielak/​Huber aaO § 411 Rn. 10[]
  6. sie­he dazu etwa BGH, Urtei­le vom 06.03.1986 – III ZR 245/​84, NJW 1986, 1928, 1930; vom 10.12.1991, aaO; und vom 15.06.1994 – IV ZR 126/​93, NJW-RR 1994, 1112[]
  7. vgl. dazu Zöller/​Greger aaO § 412 Rn. 4; PG/​Katzenmeier aaO § 412 Rn. 6[]
  8. BGH, Urteil vom 09.03.2005 – VIII ZR 266/​03, BGHZ 162, 313, 318 f.[]
  9. sie­he BGH, Urtei­le vom 04.03.1980 – V ZR 6/​79, VersR 1980, 533; vom 23.09.1986 – VI ZR 261/​85, NJW 1987, 442; vom 20.07.1999 – X ZR 121/​96, NJW-RR 2000, 44, 46; vom 24.09.2008 – IV ZR 250/​06, NJW-RR 2009, 35 Rn. 11 m.w.N.; vom 03.12.2008 – IV ZR 20/​06, NJW-RR 2009, 387, 388 Rn. 8; und vom 18. Mai 2009 aaO[]
  10. stän­di­ge Recht­spre­chung, sie­he etwa BGH, Urtei­le vom 05.07.2007 – III ZR 240/​06, BGHZ 173, 98, 101 Rn. 10; und vom 07.10.1997 – VI ZR 252/​96, NJW 1998, 162, 163 m.w.N.; sowie Beschlüs­se vom 05.09.2006 – VI ZR 176/​05, NJW-RR 2007, 212 Rn. 2; vom 22.05.2007 – VI ZR 233/​06, NJW-RR 2007, 1294 Rn. 3, m.w.N.; und vom 14.07.2009 – VIII ZR 295/​08, NJW-RR 2009, 1361, 1362 Rn. 10; Zöller/​Greger aaO § 411 Rn. 5a; Musielak/​Huber aaO § 411 Rn. 7, 9 – jeweils m.w.N.[]