Der abwe­sen­de Schuld­ner – und die ver­säum­te Ein­spruchs­frist gegen den Voll­stre­ckungs­be­scheid

Ver­folgt der Klä­ger eine erheb­li­che For­de­rung mit einem Mahn­be­scheid, muss eine Par­tei, die tat­säch­lich Kennt­nis vom Mahn­be­scheid erhält und kei­nen Wider­spruch gegen den Mahn­be­scheid ein­legt, erst ab einer Frist von sechs Mona­ten ab der Zustel­lung des Mahn­be­scheids nicht mehr mit wei­te­ren Zustel­lun­gen rech­nen.

Der abwe­sen­de Schuld­ner – und die ver­säum­te Ein­spruchs­frist gegen den Voll­stre­ckungs­be­scheid

Zwar kann ein Ver­schul­den des Beklag­ten an der Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist (§ 339 Abs. 1 ZPO in Ver­bin­dung mit § 700 Abs. 1 ZPO) ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main1 nicht allein dar­auf gestützt wer­den, dass ein recht­zei­tig ein­ge­leg­ter Wider­spruch den Erlass des Voll­stre­ckungs­be­scheids ver­hin­dert hät­te oder jeden­falls als Ein­spruch gewer­tet wor­den wäre. Die vom Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt her­an­ge­zo­ge­ne Ent­schei­dung2 ist mit dem Streit­fall in einem ent­schei­den­den Punkt nicht ver­gleich­bar, weil dort die Zustel­lung des Voll­stre­ckungs­be­scheids bereits neun Tage nach Ablauf der Wider­spruchs­frist erfolg­te3. Die­se Ent­schei­dun­gen beru­hen mit­hin dar­auf, dass eine Par­tei nach Zustel­lung eines Mahn­be­scheids jeden­falls für eine im unmit­tel­ba­ren Anschluss nach Ablauf der Wider­spruchs­frist zu erwar­ten­de Zustel­lung Vor­sor­ge zu tref­fen hat und dies auch erfol­gen kann, indem die Par­tei Wider­spruch ein­legt. Im hier ent­schie­de­nen Streit­fall lie­gen zwi­schen dem Ablauf der Wider­spruchs­frist und der Zustel­lung des Voll­stre­ckungs­be­scheids jedoch fast drei Mona­te. Unter die­sen Umstän­den kann ein Ver­schul­den der Par­tei nicht allein dadurch begrün­det wer­den, dass sie bis­lang kei­nen Wider­spruch ein­ge­legt hät­te. Eine sol­che Begrün­dung lie­fe dar­auf hin­aus, dass ein Ver­schul­den an der Ver­säu­mung einer Ein­spruchs­frist bereits dann vor­liegt, wenn es die Par­tei zu der mit einem Ein­spruch anfecht­ba­ren Ent­schei­dung hat kom­men las­sen. Das trifft nicht zu.

Jedoch erweist sich die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts Frank­furt am Main4 im Ergeb­nis aus ande­ren Grün­den als rich­tig. Wie­der­ein­set­zung ist nur zu gewäh­ren, wenn der Beklag­te ohne sein Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Not­frist des § 339 Abs. 1 ZPO ein­zu­hal­ten (§ 233, Satz 1 ZPO). Die eine Wie­der­ein­set­zung begrün­den­den Tat­sa­chen hat die Par­tei dar­zu­le­gen und glaub­haft zu machen (§ 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO). Ist die Par­tei bereits an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren betei­ligt oder hat sie kon­kre­te Anhalts­punk­te dafür, dass ein sol­ches gegen sie begin­nen und wäh­rend ihrer Abwe­sen­heit Fris­ten in Lauf gesetzt oder Ter­mi­ne bestimmt wer­den, so obliegt es ihr, ihren Post­ein­gang zu kon­trol­lie­ren und für eine recht­zei­ti­ge Erle­di­gung frist­wah­ren­der Hand­lun­gen zu sor­gen5.

Nach die­sen Maß­stä­ben kann nicht fest­ge­stellt wer­den, dass der Beklag­te ohne sein Ver­schul­den ver­hin­dert war, die Ein­spruchs­frist ein­zu­hal­ten. Unter den Umstän­den des Streit­fal­les muss­te der Beklag­te nach der Zustel­lung des Mahn­be­scheids, den er unstrei­tig auch tat­säch­lich erhal­ten hat, mit wei­te­ren gericht­li­chen Zustel­lun­gen rech­nen. Ins­be­son­de­re ent­hält der Mahn­be­scheid gemäß § 692 Abs. 1 Nr. 4 ZPO den Hin­weis, dass ein dem Mahn­be­scheid ent­spre­chen­der Voll­stre­ckungs­be­scheid erge­hen kann, aus dem der Antrag­stel­ler die Zwangs­voll­stre­ckung betrei­ben kann, falls der Antrags­geg­ner nicht bis zum Frist­ab­lauf Wider­spruch erho­ben hat. Die Zustel­lung des gericht­li­chen Mahn­be­scheids ermög­lich­te dem Beklag­ten, Wider­spruch ein­zu­le­gen; er hat daher einen ers­ten Zugang zu Gericht erhal­ten6. Der Beklag­te hat sich inner­halb der Wie­der­ein­set­zungs­frist aus­schließ­lich dazu erklärt, dass er vom 06.05.bis 24.05.2017 orts­ab­we­send gewe­sen sei und erst nach sei­ner Rück­kehr von dem am 8.05.2017 zuge­stell­ten Voll­stre­ckungs­be­scheid erfah­ren habe. Mit die­sem Vor­trag hat der Beklag­te nicht aus­rei­chend dar­ge­legt, dass ihn an der Ver­säu­mung der Ein­spruchs­frist kein Ver­schul­den trifft.

Dies ergibt sich nicht allein aus der seit der Zustel­lung des Mahn­be­scheids ver­stri­che­nen Zeit von drei Mona­ten und fünf Tagen bis zur Zustel­lung des Voll­stre­ckungs­be­scheids7. Der Klä­ger ver­folg­te mit dem Mahn­be­scheid eine erheb­li­che For­de­rung über 360.000 €. Unter die­sen Umstän­den muss eine Par­tei, die kei­nen Wider­spruch gegen den Mahn­be­scheid ein­legt, erst ab einer Frist von sechs Mona­ten ab der Zustel­lung des Mahn­be­scheids nicht mehr mit wei­te­ren Zustel­lun­gen rech­nen (arg. § 701 ZPO, wonach die Wir­kung des Mahn­be­scheids weg­fällt, wenn der Antrag­stel­ler den Erlass des Voll­stre­ckungs­be­scheids nicht bin­nen einer sechs­mo­na­ti­gen Frist bean­tragt, die mit der Zustel­lung des Mahn­be­scheids beginnt). Liegt die Zustel­lung eines über eine erheb­li­che For­de­rung lau­ten­den Mahn­be­scheids noch kei­ne sechs Mona­te zurück, muss die Par­tei in der Regel mit wei­te­ren Zustel­lun­gen rech­nen. Der Beklag­te hat ande­re Umstän­de, die dafür spre­chen kön­nen, dass er Anfang Mai 2017 nicht mehr mit einer wei­te­ren Rechts­ver­fol­gung oder mit wei­te­ren Zustel­lun­gen rech­nen muss­te oder wel­che die unter­las­se­ne Vor­sor­ge ent­schul­di­gen kön­nen, weder dar­ge­legt noch erge­ben sie sich sonst aus dem Sach­vor­trag der Par­tei­en. Ins­be­son­de­re hat er nicht gel­tend gemacht, dass er kei­ne außer­ge­richt­li­chen Mah­nun­gen oder Zah­lungs­auf­for­de­run­gen erhal­ten habe oder dass er aus ande­ren Grün­den anneh­men durf­te, dem Mahn­be­scheid wer­de sich kei­ne wei­te­re gericht­li­che Anspruchs­ver­fol­gung anschlie­ßen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. Novem­ber 2018 – IX ZA 14/​18

  1. OLG Frank­furt a.M., Urteil vom 24.08.2018 24 U 158/​17 []
  2. BGH, Beschluss vom 14.07.1987 – IX ZB 48/​87, VersR 1988, 158, 159 []
  3. eben­so BGH, Beschluss vom 19.10.1983 – VIII ZB 30/​83, VersR 1984, 81 für eine Zustel­lung des Voll­stre­ckungs­be­scheids sechs Tage nach Ablauf der Wider­spruchs­frist []
  4. OLG Frank­furt a.M., Urteil vom 24.08.2018 24 U 158/​17 []
  5. BVerfG, NJW 2007, 3486, 3487 f; Beschluss vom 19.10.1983 – VIII ZB 30/​83, VersR 1984, 81, 82 unter 2 a; vom 08.06.1988 IVb ZB 68/​88, NJW 1988, 2672, 2673 mwN; vom 21.09.1988 – VIII ZB 26/​88 5; vom 27.11.1991 – IV ZR 237/​91, VersR 1992, 1373; vom 19.12 1994 – II ZR 174/​94, VersR 1995, 810, 811 unter 2, mwN; vom 24.07.2000 – II ZB 22/​99, NJW 2000, 3143 mwN; vom 18.02.2009 – IV ZR 193/​07, NJW 2009, 1608 Rn. 3; eben­so zum Mahn­ver­fah­ren BGH, Beschluss vom 14.07.1987 – IX ZB 48/​87, VersR 1988, 158 []
  6. BGH, Beschluss vom 19.10.1983, aaO []
  7. vgl. auch BGH, Urteil vom 19.07.2007 – I ZR 136/​05, NJW-RR 2008, 218 Rn. 30 zur Zustel­lung eines Ver­säum­nis­ur­teils im schrift­li­chen Ver­fah­ren []