Der angeb­lich wider­sprüch­li­che Beweis­an­trag

Nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung ver­pflich­tet Art. 103 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit den Grund­sät­zen der Zivil­pro­zess­ord­nung die Gerich­te, erheb­li­chen Beweis­an­trä­gen nach­zu­ge­hen. Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots, die im Pro­zess­recht kei­ne Stüt­ze fin­det, ver­stößt gegen Art. 103 Abs. 1 GG 1.

Der angeb­lich wider­sprüch­li­che Beweis­an­trag

Aller­dings kann es an einem ord­nungs­ge­mä­ßen Beweis­an­tritt feh­len, wenn der Vor­trag der beweis­be­las­te­ten Par­tei in Bezug auf die unter Beweis gestell­te Behaup­tung wider­sprüch­lich ist 2.

Ein Sach­vor­trag zur Begrün­dung eines Kla­ge­an­spruchs ist dann schlüs­sig und damit erheb­lich, wenn der Klä­ger Tat­sa­chen vor­trägt, die in Ver­bin­dung mit einem Rechts­satz geeig­net und erfor­der­lich sind, das gel­tend gemach­te Recht als in der Per­son des Klä­gers ent­stan­den anzu­se­hen 3.

Eine Par­tei ist nicht gehin­dert, ihr Vor­brin­gen im Lau­fe des Rechts­streits zu ändern, ins­be­son­de­re zu prä­zi­sie­ren, zu ergän­zen oder zu berich­ti­gen. Dabei ent­ste­hen­de Wider­sprüch­lich­kei­ten im Par­tei­vor­trag kön­nen allen­falls im Rah­men der Beweis­wür­di­gung Beach­tung fin­den 4.

Die Nicht­be­rück­sich­ti­gung eines erheb­li­chen Beweis­an­ge­bots wegen ver­meint­li­cher Wider­sprü­che im Vor­trag der beweis­be­las­te­ten Par­tei läuft auf eine pro­zes­su­al unzu­läs­si­ge vor­weg­ge­nom­me­ne tatrich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung hin­aus und ver­stößt damit zugleich gegen Art. 103 Abs. 1 GG 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Novem­ber 2016 – I ZR 235/​15

  1. BVerfGE 69, 141, 143 f.; BVerfG, NJW 1993, 254; WM 2012, 492, 493; BGH, Beschluss vom 16.09.2014 – VI ZR 118/​13, VersR 2015, 338 Rn. 4; Beschluss vom 23.04.2015 – V ZR 200/​14 7; Beschluss vom 14.06.2016 – VI ZR 346/​15[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 14.07.1987 – VI ZR 199/​86, VersR 1988, 158; Beschluss vom 14.06.2016 – VI ZR 346/​15 13[]
  3. BGH, Urteil vom 12.07.1984 – VII ZR 123/​83, NJW 1984, 2888, 2889[]
  4. BGH, Urteil vom 01.07.1999 – VII ZR 202/​98, NJW-RR 2000, 208[]
  5. vgl. BVerfG, NJW 2009, 1585 Rn. 21 f.; BGH, Beschluss vom 19.11.2008 – IV ZR 341/​07, RuS 2010, 64 Rn. 3; Beschluss vom 19.01.2012 – V ZR 141/​11, WuM 2012, 164 Rn. 8; Beschluss vom 06.02.2013 – I ZR 22/​12, TranspR 2013, 430 Rn. 11[]