Der Anspruch des Bür­gen auf Urkun­den­ein­sicht

Ein schutz­wür­di­ges recht­li­ches Inter­es­se an der Ein­sicht in eine Urkun­de im Sin­ne von § 810 Fall 2 BGB fehlt, wenn der Anspruch­stel­ler die Ein­sicht nur auf­grund vager Ver­mu­tun­gen über den Inhalt der Urkun­de ver­langt, um erst durch die Ein­sicht Anhalts­punk­te für eine spä­te­re Rechts­ver­fol­gung zu gewin­nen.

Der Anspruch des Bür­gen auf Urkun­den­ein­sicht

Die Vor­schrift des § 810 BGB gewährt kei­nen Anspruch auf Ein­sicht in kom­plet­te Akten, Urkun­den­samm­lun­gen oder in sämt­li­che, einen bestimm­ten Ver­trag betref­fen­de Schrift­stü­cke. Der für die Vor­aus­set­zun­gen einer Ein­sichts­ge­wäh­rung nach § 810 BGB dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­ge Anspruch­stel­ler muss die kon­kre­te Urkun­de und deren angeb­li­chen Inhalt genau bezeich­nen.

Anlass für die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs zum gesetz­li­chen Schuld­ver­hält­nis des § 810 BGB war ein Rechts­streit zwi­schen einem Bür­gen und dem Gläu­bi­ger:

Grund­sätz­lich trägt die Bür­gin die Dar­le­gungs- und Beweis­last für die Erfül­lung der Haupt­schuld. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richt­ho­fes muss ein Bür­ge, der Erfül­lung durch Leis­tun­gen des Haupt­schuld­ners auf die Haupt­schuld oder durch Auf- bzw. Ver­rech­nun­gen des Gläu­bi­gers behaup­tet und dar­aus die Befrei­ung von sei­ner Bürg­schafts­schuld her­lei­ten will, die­se Leis­tun­gen dar­le­gen und bewei­sen. Dies gilt sowohl für Rück­for­de­rungs­an­sprü­che des Gläu­bi­gers aus dem Haupt­schuld­ner gewähr­ten Til­gungs­dar­le­hen als auch für die­sem ein­ge­räum­te Kon­to­kor­rent­kre­di­te und resul­tiert aus der stren­gen Akzes­so­ri­tät der Bürg­schaft gegen­über der Haupt­schuld. Zwi­schen dem Bür­gen und dem Gläu­bi­ger muss des­halb hin­sicht­lich der Erfül­lungs­ein­re­de die­sel­be Dar­le­gungs- und Beweis­last­ver­tei­lung gel­ten wie zwi­schen die­sem und dem Haupt­schuld­ner [1].

Dabei steht dem Bür­gen gegen­über dem Gläu­bi­ger des Haupt­schuld­ners grund­sätz­lich ein Ein­sichts­recht in die das Rechts­ver­hält­nis des Gläu­bi­gers zum Haupt­schuld­ner betref­fen­den Urkun­den zu (§ 810 Fall 2 BGB i.V.m. §§ 422, 423 ZPO).

Danach kann jeder die Gestat­tung der Ein­sicht in eine Urkun­de von deren Besit­zer ver­lan­gen, wenn in der Urkun­de ein zwi­schen dem Anspruch­stel­ler und einem ande­ren bestehen­des Rechts­ver­hält­nis beur­kun­det ist und der Anspruch­stel­ler ein recht­li­ches Inter­es­se an der Ein­sichts­ge­wäh­rung hat. Dabei muss es sich nicht um ein zwi­schen dem Anspruch­stel­ler und dem Besit­zer der Urkun­de bestehen­des Rechts­ver­hält­nis han­deln. Auf ein sol­ches recht­li­ches Inter­es­se kann sich viel­mehr jeder beru­fen, der die Ein­sicht­nah­me in eine Urkun­de zur För­de­rung, Erhal­tung oder Ver­tei­di­gung sei­ner recht­lich geschütz­ten Inter­es­sen benö­tigt [2]. Hier­zu gehört auch ein Bür­ge im Hin­blick auf die Geschäfts­bü­cher sei­nes Bürg­schafts­gläu­bi­gers, soweit dar­in angeb­li­che Zah­lun­gen des Haupt­schuld­ners ver­bucht sind [3].

Bei der vor­lie­gend von der Bür­gin zur Ein­sicht begehr­ten Kor­re­spon­denz der Gläu­bi­ge­rin mit dem Insol­venz­ver­wal­ter der Haupt­schuld­ne­rin und dem Zwangs­ver­wal­ter von deren Betriebs­grund­stück han­delt es sich um Urkun­den im Sin­ne von § 810 BGB. Im Hin­blick auf das sich aus § 810 BGB erge­ben­de Ein­sichts­recht ist von den Vor­schrif­ten der §§ 422, 423 ZPO, mit­hin vom zivil­pro­zes­sua­len Urkun­den­be­griff aus­zu­ge­hen. Urkun­den sind danach durch Nie­der­schrift ver­kör­per­te Gedan­ken­er­klä­run­gen, die Aus­sa­gen über Rechts­ge­schäf­te oder Rechts­ver­hält­nis­se zum Inhalt haben, gleich­gül­tig, in wel­cher Wei­se die Nie­der­schrift erfolgt [4].

Aller­dings kann der Bür­gin nicht aus § 810 BGB i.V.m. § 422 ZPO ein Ein­sichts­recht in meh­re­re Akten­ord­ner, die den kom­plet­ten Schrift­wech­sel der Gläu­bi­ge­rin mit Drit­ten, also eine undif­fe­ren­zier­te Viel­zahl von Urkun­den beinhal­ten, zuge­bil­ligt wer­den.

Zur Begrün­dung des recht­li­chen Inter­es­ses eines Anspruch­stel­lers im Sin­ne von § 810 BGB müs­sen hin­rei­chend bestimm­te Anhalts­punk­te vor­lie­gen, die auf einen Zusam­men­hang zwi­schen dem Inhalt der zur Ein­sicht­nah­me begehr­ten Urkun­de und dem Rechts­ver­hält­nis hin­wei­sen, zu des­sen Klar­stel­lung die Ein­sicht ver­langt wird. Unge­schrie­be­ne Anspruchs­vor­aus­set­zung des Ein­sichts­rechts ist dabei die Schutz­wür­dig­keit die­ses recht­li­chen Inter­es­ses des Anspruch­stel­lers [5]. Hier­an fehlt es, wenn ein Anspruch­stel­ler ledig­lich auf­grund vager Ver­mu­tun­gen Urkun­den­ein­sicht ver­langt, um erst dadurch Anhalts­punk­te für eine spä­te­re Rechts­ver­fol­gung gegen den Besit­zer der Urkun­de oder gegen Drit­te zu gewin­nen. In einem sol­chen Fall zielt das Ein­sichts­ver­lan­gen auf eine unzu­läs­si­ge Aus­for­schung [6].

Außer­dem muss eine vor­zu­le­gen­de Urkun­de stets genau bezeich­net wer­den, ins­be­son­de­re wenn sie sich in Akten befin­det. Des­halb genügt es nicht, wenn der Anspruch­stel­ler bean­tragt, ihm Ein­sicht in kom­plet­te Akten, ande­re Urkun­den­samm­lun­gen oder in sämt­li­che, einen bestimm­ten Ver­trag betref­fen­de Schrift­stü­cke zu gewäh­ren [7]. Der für die Vor­aus­set­zun­gen einer Ein­sichts­ge­wäh­rung nach § 810 BGB dar­le­gungs- und beweis­pflich­ti­ge Anspruch­stel­ler muss des­halb außer dem objek­ti­ven Zusam­men­hang des kon­kre­ten Rechts­ver­hält­nis­ses mit der Urkun­de und sei­nem recht­li­chen Inter­es­se auch die Urkun­de selbst und deren angeb­li­chen Inhalt genau bezeich­nen [8].

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen wird bei der Beja­hung eines Ein­sichts­rechts in die gesam­te Kor­re­spon­denz ver­kannt, dass die der Gläu­bi­ge­rin auf­er­leg­te Vor­la­ge ihres gesam­ten Schrift­wech­sels mit dem Insol­venz- und dem Zwangs­ver­wal­ter der Haupt­schuld­ne­rin auf eine unzu­läs­si­ge Aus­for­schung neu­er Tat­sa­chen gerich­tet ist, aus denen die Bür­gin erst wei­te­re Erfül­lungs­ein­re­den her­lei­ten möch­te [9]. Da es an einer genau­en Bezeich­nung kon­kre­ter Urkun­den fehlt, besteht auf der Grund­la­ge ihres bis­he­ri­gen Sach­vor­tra­ges kein mate­ri­ell­recht­li­cher Anspruch der Bür­gin auf die Ein­sicht in die Kor­re­spon­denz der Gläu­bi­ge­rin mit den o.g. Ver­wal­tern aus § 810 BGB i.V.m. § 422 ZPO.

Die Anord­nung der Vor­la­ge des gesam­ten Schrift­wech­sels der Gläu­bi­ge­rin mit dem Insol­venz- bzw. Zwangs­ver­wal­ter der Haupt­schuld­ne­rin kann auch nicht mit Erfolg auf § 142 ZPO gestützt wer­den.

Zwar dient die­se Vor­schrift nicht unmit­tel­bar Beweis­zwe­cken, son­dern pri­mär der mate­ri­el­len Pro­zess­lei­tung, mit deren Hil­fe sich das Gericht mög­lichst früh­zei­tig einen umfas­sen­den Über­blick über den Pro­zess­stoff ver­schaf­fen bzw. das Par­tei­vor­brin­gen rich­tig ver­ste­hen kön­nen soll. Dabei darf das Gericht jedoch einer Urkun­de nichts ent­neh­men, was von den Par­tei­en im Pro­zess noch nicht vor­ge­tra­gen wor­den ist, denn auch § 142 ZPO ermög­licht kei­ne Amts­auf­klä­rung. Das Gericht darf mit sei­ner Anord­nung des­halb kei­nes­falls die Gren­zen des Par­tei­vor­tra­ges über­schrei­ten. Die Bedeu­tung einer kon­kret zu bezeich­nen­den Urkun­de für die begehr­te Ent­schei­dung muss sich viel­mehr aus dem schlüs­si­gen Par­tei­vor­trag erge­ben. Die pau­scha­le Auf­for­de­rung zur Vor­la­ge gan­zer Urkun­den­samm­lun­gen, Doku­men­ta­tio­nen oder einer kom­plet­ten Kor­re­spon­denz ist des­halb auch nach § 142 ZPO unzu­läs­sig [10].

Aus die­sem Grun­de hat auch der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Beschluss vom 15.06.2010 [11] noch­mals betont, dass für eine Anord­nung der Vor­le­gung einer Urkun­de anders als im Fal­le des § 423 ZPO zwar die Bezug­nah­me der beweis­pflich­ti­gen Par­tei auf kon­kret benann­te Urkun­den, die sich im Besitz der nicht beweis­be­las­te­ten Gegen­par­tei befin­den, aus­reicht. Bezeich­net also eine Pro­zess­par­tei die von ihr zur Vor­le­gung begehr­te Urkun­de so genau, wie in dem dort ent­schie­de­nen Fall eine datier­te Notiz über die Besich­ti­gung einer kon­kre­ten Immo­bi­lie, so liegt dar­in kei­ne pro­zess­ord­nungs­wid­ri­ge Aus­for­schung. Auch die Vor­schrift des § 142 Abs. 1 ZPO befreit die Par­tei, die sich auf eine Urkun­de bezieht, aber nicht von ihrer Dar­le­gungs- und Sub­stan­ti­ie­rungs­last [12]. Dem ent­spre­chend darf das Gericht die Urkun­den­vor­le­gung nicht zum Zwe­cke blo­ßer Infor­ma­ti­ons­ge­win­nung, son­dern nur bei Vor­lie­gen eines schlüs­si­gen, auf kon­kre­te Tat­sa­chen bezo­ge­nen Vor­trags anord­nen [13].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 27. Mai 2014 – XI ZR 264/​13

  1. BGH, Urtei­le vom 18.05.1995 – IX ZR 129/​94, WM 1995, 1229, 1230; und vom 07.12 1995 – IX ZR 110/​95, WM 1996, 192 f. sowie BGH, Beschluss vom 26.06.2007 – XI ZR 201/​06 16[]
  2. BGH, Urteil vom 31.03.1971 – VIII ZR 198/​69, WM 1971, 565, 567; Palandt/​Sprau, BGB, 73. Aufl., § 810 Rn. 2; RGRK/​Steffen, BGB, 12. Aufl., § 810 Rn. 6[]
  3. RGZ 56, 109, 112; BGH, Urtei­le vom 10.12 1987 – IX ZR 269/​86, WM 1988, 209, 210; und vom 18.05.1995 – IX ZR 129/​94, WM 1995, 1229, 1230; RGRK/​Steffen, BGB, 12. Aufl., § 810 Rn. 12; Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 810 Rn. 8; Palandt/​Sprau, BGB, 73. Aufl., § 810 Rn. 7; Michel, WiB 1996, 269, 270[]
  4. BGH, Urteil vom 28.11.1975 – V ZR 127/​74, BGHZ 65, 300, 301; Staudinger/​Marburger, BGB, Neubearb.2009, § 810 Rn. 6; Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 810 Rn. 3; Soergel/​Hadding, BGB, 13. Aufl., § 810 Rn. 3[]
  5. Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, 6. Aufl., § 810 Rn. 11; PWW/­Buck-Heeb, BGB, 8. Aufl., § 810 Rn. 3[]
  6. BGH, Urteil vom 30.11.1989 – III ZR 112/​88, BGHZ 109, 260, 267; Staudinger/​Marburger, BGB, Neubearb.2009, § 810 Rn. 10; Münch­Komm-BGB/Ha­ber­sack, aaO; PWW/­Buck-Heeb, aaO; Palandt/​Sprau, BGB, 73. Aufl., § 810 Rn. 2; RGRK/​Steffen, BGB, 12. Aufl., § 810 Rn. 6[]
  7. RG, Das Recht 1912 Nr. 1604; Baumgärtel/​Laumen/​Prütting, Hdb Beweis­last Schuld­recht BT II, 3. Aufl., § 810 Rn. 1 mwN[]
  8. RG, aaO; Soergel/​Hadding, BGB, 13. Aufl., § 810 Rn. 18 mwN[]
  9. anders noch Thü­rO­LG, Urteil vom 02.07.2013 – 5 U 680/​12[]
  10. BGH, Beschluss vom 14.06.2007 – VII ZR 230/​06, NJW-RR 2007, 1393 Rn. 10 für Akten­ord­ner mit Berech­nungs­un­ter­la­gen; Lei­pold in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 142 Rn. 4 f. sowie 9 ff. mwN; Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl. § 142 Rn. 1 f.; Uhlen­bruck, NZI 2002, 589, 590[]
  11. BGH, Beschluss vom 15.06.2010 – XI ZR 318/​09, WM 2010, 1448 Rn. 25[]
  12. vgl. BT-Drs. 14/​6036, S. 121; Lei­pold in Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 142 Rn. 9[]
  13. BGH, Urteil vom 26.06.2007 – XI ZR 277/​05, BGHZ 173, 23 Rn. 18 ff. und BGH, Beschluss vom 15.06.2010 – XI ZR 318/​09, WM 2010, 1448 Rn. 25[]