Der auf dem Post­weg ver­lo­ren gegan­ge­ne frist­ge­bun­de­ne Schrift­satz

Ist ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz (hier: Beru­fungs­be­grün­dung) ver­lo­ren gegan­gen, ist Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand bereits dann zu gewäh­ren, wenn die Par­tei auf der Grund­la­ge einer aus sich her­aus ver­ständ­li­chen, geschlos­se­nen Schil­de­rung der tat­säch­li­chen Abläu­fe bis zur recht­zei­ti­gen Auf­ga­be zur Post glaub­haft macht, dass der Ver­lust mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit nicht im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Par­tei oder ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ein­ge­tre­ten ist. Den Ver­lust des Schrift­stücks auf dem Post­weg kann die Par­tei regel­mä­ßig nicht anders glaub­haft machen als durch die Glaub­haft­ma­chung der recht­zei­ti­gen Auf­ga­be zur Post.

Der auf dem Post­weg ver­lo­ren gegan­ge­ne frist­ge­bun­de­ne Schrift­satz

Die Ver­wer­fung der Beru­fung als unzu­läs­sig ver­letzt in einem sol­chen Fall die Beklag­te in ihren Ver­fah­rens­grund­rech­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs nach Art. 103 Abs. 1 GG und auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes gemäß Art. 2 Abs. 1 GG i.V.m. dem Rechts­staats­prin­zip 1.

Im hier ent­schie­de­nen Fall war die Auf­ga­be zur Post am 3.09.2014 (Mitt­woch) grund­sätz­lich aus­rei­chend, um den Ein­gang bei Gericht inner­halb der erst am 8.09.2014 (Mon­tag) ablau­fen­den Frist für die Beru­fungs­be­grün­dung zu gewähr­leis­ten 2. Wei­te­re Vor­keh­run­gen muss­te die Beklag­te nicht ergrei­fen. Ins­be­son­de­re war sie nicht gehal­ten, die Beru­fungs­be­grün­dung zusätz­lich zur recht­zei­ti­gen Auf­ga­be zur Post auch per Tele­fax an das Gericht zu über­sen­den 3. Eine Par­tei ist auch nicht ver­pflich­tet, den Ein­gang frist­ge­bun­de­ner Schrift­sät­ze bei Gericht zu über­wa­chen und eine Ein­gangs­be­stä­ti­gung vor Strei­chung der Frist ein­zu­ho­len. Viel­mehr darf sich der Absen­der grund­sätz­lich auf die Zuver­läs­sig­keit der Post­diens­te ver­las­sen 4.

Eine Behaup­tung ist schon dann im Sin­ne von § 236 Abs. 2 Satz 1 Halb­satz 2 i.V.m. § 294 ZPO glaub­haft gemacht, wenn eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit dafür besteht, dass sie zutrifft 5. Der Tatrich­ter hat die Bewei­se im Hin­blick dar­auf nach § 286 ZPO frei zu wür­di­gen 6. Die Beweis­wür­di­gung kann von dem Rechts­be­schwer­de­ge­richt nur dar­auf über­prüft wer­den, ob sich der Tatrich­ter ent­spre­chend dem Gebot des § 286 ZPO mit dem Pro­zess­stoff und den Beweis­ergeb­nis­sen umfas­send und wider­spruchs­frei aus­ein­an­der­ge­setzt hat, die Beweis­wür­di­gung also voll­stän­dig und recht­lich mög­lich ist und nicht gegen Denk­ge­set­ze und Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt 7.

Wenn – wie hier – ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz ver­lo­ren gegan­gen ist, ist eine Glaub­haft­ma­chung, wo und auf wel­che Wei­se es zum Ver­lust des Schrift­stücks gekom­men ist, nicht erfor­der­lich; Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand ist viel­mehr bereits dann zu gewäh­ren, wenn die Par­tei auf der Grund­la­ge einer aus sich her­aus ver­ständ­li­chen, geschlos­se­nen Schil­de­rung der tat­säch­li­chen Abläu­fe bis zur recht­zei­ti­gen Auf­ga­be zur Post glaub­haft macht, dass der Ver­lust mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit nicht im Ver­ant­wor­tungs­be­reich der Par­tei oder ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ein­ge­tre­ten ist 8. Den Ver­lust des Schrift­stücks auf dem Post­weg kann die Par­tei regel­mä­ßig nicht anders glaub­haft machen als durch die Glaub­haft­ma­chung der recht­zei­ti­gen Auf­ga­be zur Post 9.

Nach die­sen Maß­stä­ben hat die Beklag­te durch Vor­la­ge beglau­big­ter Aus­zü­ge des Post­aus­gangs­buchs und des Fris­ten­ka­len­ders sowie durch die anwalt­li­che Ver­si­che­rung der sach­be­ar­bei­ten­den Rechts­an­wäl­tin und die eides­statt­li­chen Ver­si­che­run­gen des Kanz­lei­per­so­nals mit über­wie­gen­der Wahr­schein­lich­keit die Mög­lich­keit aus­ge­räumt, dass die Beru­fungs­be­grün­dung in der Kanz­lei ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­lo­ren gegan­gen ist, bevor sie dort ver­sand­fer­tig gemacht wor­den ist, und dies auf Grund unzu­rei­chen­der Kon­trol­le der aus­ge­hen­den Post nicht ent­deckt wor­den ist 10. Dies folgt zum einen aus der Erfas­sung der Beru­fungs­be­grün­dung in dem Post­aus­gangs­buch, das grund­sätz­lich geeig­net ist, die erfor­der­li­che Aus­gangs­kon­trol­le zu gewähr­leis­ten 11, und der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung der Aus­zu­bil­den­den V. , wonach sie am Nach­mit­tag des 3.09.2014 die gesam­te aus­ge­hen­de Post ver­sand­fer­tig ver­packt, fran­kiert und den jewei­li­gen Ein­trag im Post­aus­gangs­buch – auch bezüg­lich der Beru­fungs­be­grün­dung und der für die Beklag­te bestimm­ten Abschrift – hand­schrift­lich vor­ge­nom­men hat. Aus der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung ergibt sich fer­ner, dass die Aus­zu­bil­den­de sodann die gesam­te fer­ti­ge Post in die dafür vor­ge­se­he­ne Tasche gesteckt und in den Brief­kas­ten des Haupt­post­amts in A. ein­ge­wor­fen hat. Zum ande­ren ist in dem eben­falls vor­ge­leg­ten Fris­ten­ka­len­der die Beru­fungs­be­grün­dungs­frist durch das in roter Hand­schrift ver­fass­te Kür­zel "Ausl." als erle­digt gekenn­zeich­net. Hier­zu hat die Rechts­an­walts­fach­an­ge­stell­te Z. bestä­tigt, dass die Ein­tra­gung von ihr stam­me, sie sich nach dem Aus­tra­gen und Ver­pa­cken der Nach­mit­tags­post regel­mä­ßig über die Frist­sa­chen ver­ge­wis­se­re und eine Frist nur dann strei­che, wenn ihr bekannt sei, dass ein Schrei­ben post­fer­tig gemacht wor­den sei. Danach besteht jeden­falls eine über­wie­gen­de Wahr­schein­lich­keit dafür, dass die Beru­fungs­be­grün­dung auf dem Post­weg ver­lo­ren gegan­gen ist und die Beklag­te oder ihre Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten (§ 85 Abs. 2 ZPO) kein Ver­schul­den trifft. Soweit das Beru­fungs­ge­richt eine exak­te Erin­ne­rung des Kanz­lei­per­so­nals an das Schrift­stück ver­misst, über­sieht es, dass sowohl die Ange­stell­te Z. als auch die Aus­zu­bil­den­de V. kon­kre­te, auf die frag­li­che Beru­fungs­be­grün­dung bezo­ge­ne Ein­tra­gun­gen im Fris­ten­ka­len­der bezie­hungs­wei­se im Post­aus­gangs­buch vor­ge­nom­men haben. Die Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts, der Glaub­haft­ma­chung ste­he ent­ge­gen, dass die Frist für die Beru­fungs­be­grün­dung im Fris­ten­ka­len­der nicht durch­ge­stri­chen wor­den sei, lässt außer Acht, dass die Frist durch den farb­lich her­vor­ge­ho­be­nen hand­schrift­li­chen Ver­merk "Ausl." hin­rei­chend als erle­digt gekenn­zeich­net war. Es reicht aus, dass im Fris­ten­ka­len­der ver­merk­te Fris­ten ent­we­der gestri­chen oder ander­wei­tig als erle­digt gekenn­zeich­net wer­den 12. Fris­ten­ka­len­der sind zudem so zu füh­ren, dass auch eine erle­dig­te Frist noch erkenn­bar und bei der all­abend­li­chen End­kon­trol­le über­prüf­bar ist 13. Die­sen Anfor­de­run­gen genügt die Ver­fah­rens­wei­se in der Kanz­lei der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten.

Da die Beklag­te glaub­haft gemacht hat, dass die Beru­fungs­be­grün­dung am 3.09.2014 auf den Post­weg gebracht wor­den ist, kann dahin­ste­hen, ob in der Kanz­lei ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten gewähr­leis­tet war, dass die Erle­di­gung der frist­ge­bun­de­nen Sachen am Abend eines jeden Arbeits­tags anhand des Fris­ten­ka­len­ders von einer dazu beauf­trag­ten Büro­kraft über­prüft wur­de 14. Inso­weit bestehen­de etwai­ge Män­gel bei der Aus­gangs­kon­trol­le sind jeden­falls nicht kau­sal gewor­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 10. Sep­tem­ber 2015 – III ZB 56/​14

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 19.06.2013 – V ZB 226/​12, BeckRS 2013, 11832 Rn. 5; und vom 06.05.2015 – VII ZB 19/​14, NJW 2015, 2266 Rn. 6, jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 19.06.2013 aaO Rn. 7[]
  3. BGH, Beschluss vom 19.06.2013 aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 06.05.2015 aaO Rn. 14 mwN[]
  5. z.B. BGH, Beschlüs­se vom 21.10.2010 – – V ZB 210/​09, NJW-RR 2011, 136 Rn. 7 mwN; und vom 19.06.2013 aaO Rn. 12[]
  6. Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl., § 294 Rn. 6[]
  7. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 05.11.2010 – V ZR 228/​09, NJW 2011, 1217 Rn. 25; Beschluss vom 19.06.2013 aaO[]
  8. BGH, Beschlüs­se vom 19.06.2013 aaO Rn. 9; und vom 06.05.2015 aaO Rn. 11[]
  9. BGH, Beschluss vom 19.06.2013 aaO Rn. 13[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2015 – IV ZB 14/​14, BeckRS 2015, 01755 Rn. 9[]
  11. BGH, Beschluss vom 27.11.2013 – III ZB 46/​13, BeckRS 2014, 00520 Rn. 10 mwN[]
  12. vgl. BGH, Beschluss vom 07.01.2015 aaO Rn. 8[]
  13. BGH, Beschluss vom 04.11.2014 – VIII ZB 38/​14, NJW 2015, 253 Rn. 10[]
  14. sie­he dazu BGH, Beschlüs­se vom 27.11.2013 – III ZB 46/​13 aaO Rn. 8; und vom 26.02.2015 – III ZB 55/​14, NJW 2015, 2041 Rn. 8, jeweils mwN[]
  15. BSG, Urteil vom 08.11.2005 – B 1 KR 27/​04 R[]