Der aus unle­ser­li­chen Zei­chen bestehen­de Schrift­zug am Ende einer Beru­fungs­schrift

Ein aus unle­ser­li­chen Zei­chen bestehen­der Schrift­zug am Ende einer Beru­fungs­schrift stellt jeden­falls dann eine Unter­schrift im Sin­ne des § 130 Nr. 6 ZPO dar, wenn sei­ne indi­vi­du­el­len, cha­rak­te­ris­ti­schen Merk­ma­le die Wie­der­ga­be eines Namens erken­nen las­sen und auf­grund einer Gesamt­wür­di­gung aller dem Beru­fungs­ge­richt bei Ablauf der Beru­fungs­frist zur Ver­fü­gung ste­hen­den Umstän­de die Iden­ti­fi­zie­rung des Aus­stel­lers ermög­li­chen [1]. Ein Rechts­an­walt, der die Beru­fungs­schrift für den dort bezeich­ne­ten Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Par­tei mit dem Zusatz "i.V." unter­zeich­net, han­delt erkenn­bar als Unter­be­voll­mäch­tig­ter und über­nimmt mit sei­ner Unter­schrift die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt der Beru­fungs­schrift.

Der aus unle­ser­li­chen Zei­chen bestehen­de Schrift­zug am Ende einer Beru­fungs­schrift

Die unle­ser­li­che Unter­schrift[↑]

Die Beru­fungs­schrift muss als bestim­men­der Schrift­satz im Anwalts­pro­zess grund­sätz­lich von einem beim Beru­fungs­ge­richt pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Rechts­an­walt eigen­hän­dig unter­schrie­ben sein [2]. Die Unter­schrift soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermög­li­chen und des­sen unbe­ding­ten Wil­len zum Aus­druck brin­gen, die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men [3]. Zugleich soll sicher­ge­stellt wer­den, dass es sich bei dem Schrift­stück nicht nur um einen Ent­wurf han­delt, son­dern dass es mit Wis­sen und Wil­len des Berech­tig­ten dem Gericht zuge­lei­tet wor­den ist [4].

Eine den Anfor­de­run­gen des § 130 Nr. 6 ZPO genü­gen­de Unter­schrift setzt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs einen die Iden­ti­tät des Unter­zeich­nen­den aus­rei­chend kenn­zeich­nen­den Schrift­zug vor­aus, der indi­vi­du­el­le und ent­spre­chend cha­rak­te­ris­ti­sche Merk­ma­le auf­weist, die die Nach­ah­mung erschwe­ren, der sich als Wie­der­ga­be eines Namens dar­stellt und der die Absicht einer vol­len Unter­schrift erken­nen lässt, selbst wenn er nur flüch­tig nie­der­ge­legt und von einem star­ken Abschlei­fungs­pro­zess gekenn­zeich­net ist. Unter die­sen Vor­aus­set­zun­gen kann selbst ein ver­ein­fach­ter und nicht les­ba­rer Namens­zug als Unter­schrift anzu­er­ken­nen sein, wobei ins­be­son­de­re von Bedeu­tung ist, ob der Unter­zeich­ner auch sonst in glei­cher oder ähn­li­cher Wei­se unter­schreibt. Dabei ist in Anbe­tracht der Varia­ti­ons­brei­te, die selbst Unter­schrif­ten ein und der­sel­ben Per­son auf­wei­sen, jeden­falls bei gesi­cher­ter Urhe­ber­schaft ein groß­zü­gi­ger Maß­stab anzu­le­gen [5].

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen han­delt es sich im hier ent­schie­de­nen Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs bei dem Schrift­zug auf der Beru­fungs­schrift um eine Unter­schrift im Sin­ne des § 130 Nr. 6 ZPO, auch wenn die Unter­schrift kei­nen les­ba­ren Namens­zug erken­nen lässt. Sie besteht, wie die vom Beklag­ten zur Akte gereich­ten Schrift­pro­ben zei­gen, nach einem jahr­zehn­te­lan­gen, suk­zes­si­ven Abschlei­fungs­pro­zess nur noch aus den sti­li­sier­ten Über­bleib­seln einer Rei­hen­fol­ge von Buch­sta­ben, aus denen sich der Vor- und Nach­na­me Rechts­an­walt M.s zusam­men­setzt. Gleich­wohl weist der vom Beru­fungs­ge­richt zutref­fend als Abfol­ge aus Stri­chen, Punk­ten und Haken beschrie­be­ne Schrift­zug star­ke indi­vi­du­el­le Merk­ma­le auf, die ins­be­son­de­re wegen der unge­wöhn­li­chen Kom­bi­na­ti­on der Schrift­zei­chen kei­nen ernst­haf­ten Zwei­fel dar­an auf­kom­men las­sen, dass es sich um eine von ihrem Urhe­ber zum Zwe­cke der Indi­vi­dua­li­sie­rung und Legi­ti­mie­rung geleis­te­te Unter­schrift han­delt. Rechts­an­walt M. unter­schreibt, wie er durch sei­ne eben­so unter­zeich­ne­te eides­statt­li­che Ver­si­che­rung glaub­haft gemacht hat, seit Jah­ren in die­ser Wei­se. Auch dem Beru­fungs­ge­richt lie­gen aus ande­ren Ver­fah­ren Schrift­stü­cke vor, wel­che sei­ne gleich gear­te­te Unter­schrift tra­gen, ohne dass dies bean­stan­det wor­den wäre.

Unter­schrift "i.V."[↑]

Die Erwä­gung, die Beru­fungs­schrift wei­se des­halb kei­ne Unter­schrift im Sin­ne des § 130 Nr. 6 ZPO auf, weil sie nicht erken­nen las­se, dass sie in Ver­tre­tung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Beklag­ten von einem ande­ren ver­ant­wort­li­chen Rechts­an­walt unter­zeich­net wor­den sei, recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung.

Anders als das Beru­fungs­ge­richt meint, kön­nen die Schrift­zei­chen links von einem lan­gen senk­rech­ten Strich, mit dem der sti­li­sier­te Namens­zug beginnt, ohne wei­te­res als Kür­zel "i.V." iden­ti­fi­ziert wer­den. Sie las­sen unzwei­fel­haft ein klei­nes "i", dann einen Punkt, sodann einen als "V" zu deu­ten­den Haken und schließ­lich wie­der einen Punkt erken­nen. Ihr Erschei­nungs­bild ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts auch nicht "fast iden­tisch" mit den Zei­chen rechts von jenem Strich. Dort fin­den sich zwar auch Punk­te und Haken, die aller­dings im unte­ren Bereich leicht gerun­det sind und des­halb, anders als der Haken links des Strichs, nicht die spitz zulau­fen­den Kon­tu­ren eines "V" auf­wei­sen. Ein "i" ent­hält der den Namen des Unter­zeich­nen­den betref­fen­de Teil der Unter­schrift über­haupt nicht.

Ent­schei­dend tritt hin­zu, dass das Beru­fungs­ge­richt unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­falls bei objek­ti­ver Betrach­tungs­wei­se kei­nen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel dar­an haben konn­te, dass die Beru­fungs­schrift von Rechts­an­walt M. unter­zeich­net ist. In einem schrift­li­chen Hin­weis des Vor­sit­zen­den vom 19.04.2010 hat es den Par­tei­en mit­ge­teilt, die Unter­schrif­ten aller Anwäl­te der Kanz­lei, zu der der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te W.D. des Beklag­ten, Rechts­an­walt M. und ein wei­te­rer Anwalt K. gehö­ren, zu ken­nen. Der Bun­des­ge­richts­hof geht eben­so wie die Rechts­be­schwer­de davon aus, dass die­se Mit­tei­lung zutrifft. Dann aber hät­te dem Beru­fungs­ge­richt auf­fal­len müs­sen, dass es sich bei der mit einem lan­gen senk­rech­ten Strich begin­nen­den Schrift­zei­chen­fol­ge um die stets gleich­ar­ti­ge Unter­schrift des Rechts­an­walts M. han­delt und dass die ers­ten vier Zei­chen des Schrift­zu­ges folg­lich nicht den Namen des Unter­zeich­nen­den betref­fen; sie konn­ten ver­nünf­ti­ger­wei­se nur als Zusatz "i.V." gele­sen wer­den.

Nach der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung kön­nen Rechts­mit­tel­schrif­ten unter Wah­rung der sich aus § 130 Nr. 6, § 520 Abs. 4 ZPO erge­ben­den Form­erfor­der­nis­se in Unter­voll­macht von einem zuge­las­se­nen Rechts­an­walt unter­zeich­net wer­den, weil auch dann sicher­ge­stellt ist, dass der Unter­zeich­nen­de die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt der Rechts­mit­tel­schrift und deren Ein­rei­chung bei Gericht trägt [6].

Hier steht außer Fra­ge, dass es sich beim Aus­stel­ler um einen bei dem Beru­fungs­ge­richt pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­gen Rechts­an­walt han­delt. Dass Rechts­an­walt M. in Unter­voll­macht für den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten W.D. des Beklag­ten gehan­delt hat, ergibt sich ohne wei­te­res aus dem sei­ner Unter­schrift hand­schrift­lich hin­zu­ge­füg­ten Zusatz "i.V." [7].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. April 2012 – VII ZB 36/​10

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Beschluss vom 17.11.2009 – XI ZB 6/​09, NJW-RR 2010, 358[]
  2. § 130 Nr. 6, § 519 Abs. 4 ZPO[]
  3. BGH, Beschluss vom 26.10.2011 – IV ZB 9/​11; Beschluss vom 22.11.2005 – VI ZB 75/​04, VersR 2006, 387 Rn. 5; Urteil vom 11.10.2005 – XI ZR 398/​04, NJW 2005, 3773; Beschluss vom 15.06.2004 VI ZB 9/​04, NJW-RR 2004, 1364; Beschluss vom 28.08.2003 – I ZB 1/​03, MDR 2004, 349, 350; Urteil vom 31.03.2003 II ZR 192/​02, NJW 2003, 2028; eben­so: BAG, NJW 1990, 2706[]
  4. BGH, Beschluss vom 26.10.2011 IV ZB 9/​11[]
  5. BGH, Beschluss vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, NJW 2005, 3775 m.w.N.; Beschluss vom 17.11.2009 – XI ZB 6/​09, NJW-RR 2010, 358 Rn. 12[]
  6. BGH, Urteil vom 31.03.2003 – II ZR 192/​02, NJW 2003, 2028; BAG, NJW 1990, 2706, m.w.N.[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 05.11.1987 V ZR 139/​87, NJW 1988, 210 – in Abgren­zung zur Unter­zeich­nung mit dem Zusatz "i.A."[]