Der Aus­kunfts­an­spruch des Auf­trag­neh­mers und sei­ne Ver­jäh­rung

Der Aus­kunfts­an­spruch gemäß § 666 Vari­an­te 2 BGB begrün­det eine aus dem Auf­trags­ver­hält­nis fol­gen­de unselb­stän­di­ge Neben­pflicht und ver­jährt grund­sätz­lich nicht vor des­sen Been­di­gung.

Der Aus­kunfts­an­spruch des Auf­trag­neh­mers und sei­ne Ver­jäh­rung

Der Aus­kunfts­an­spruch gemäß § 666 Vari­an­te 2 BGB setzt ein Ver­lan­gen des Geschäfts­herrn vor­aus. Es han­delt sich damit um einen so genann­ten ver­hal­te­nen Anspruch. Die­se For­de­run­gen sind dadurch gekenn­zeich­net, dass der Schuld­ner die Leis­tung nicht von sich aus erbrin­gen muss bezie­hungs­wei­se nicht leis­ten darf, bevor sie der Gläu­bi­ger ver­langt 1.

In der Kom­men­tar­li­te­ra­tur herrscht die fast ein­hel­li­ge Auf­fas­sung, dass nach dem Inkraft­tre­ten des Schuld­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­set­zes die drei­jäh­ri­ge Ver­jäh­rungs­frist des § 199 Abs. 1 BGB für die­se Ansprü­che ent­spre­chend § 604 Abs. 5, § 695 Satz 2, § 696 Satz 3 BGB erst mit ihrer Gel­tend­ma­chung durch den Gläu­bi­ger beginnt 2. Auch dem Auf­satz von Rieb­le 3 ist Gegen­tei­li­ges nicht zu ent­neh­men. Die­ser Autor befür­wor­tet ledig­lich, für ver­hal­te­ne Ansprü­che die Zehn­jah­res­frist des § 199 Abs. 4 BGB bereits mit dem "objek­ti­ven" Ent­ste­hen der For­de­rung begin­nen zu las­sen 4. Hin­sicht­lich der im vor­lie­gen­den Sach­ver­halt maß­geb­li­chen Drei­jah­res­frist des § 199 Abs. 1 BGB hält er es jedoch eben­falls für gebo­ten, die Ver­jäh­rung von ver­hal­te­nen Ansprü­chen erst ab dem Leis­tungs­ver­lan­gen des Gläu­bi­gers begin­nen zu las­sen 5.

Der XI. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs hat bereits in sei­nen Urtei­len vom 29.01.2008 6 und vom 11. März 2008 7 – die jewei­li­ge Ent­schei­dung aller­dings nicht tra­gend – aus­ge­führt, ver­hal­te­ne Ansprü­che begän­nen erst mit ihrer Gel­tend­ma­chung zu ver­jäh­ren. Der in die­ser Sache erken­nen­de Senat hat die Fra­ge, ob § 604 Abs. 5, § 695 Satz 2, § 696 Satz 3 BGB auf sons­ti­ge ver­hal­te­ne Ansprü­che ent­spre­chend anwend­bar sind, in sei­ner Ent­schei­dung vom 11. März 2010 8 noch offen gelas­sen. In sei­nem Urteil vom 3. Novem­ber 2011 9 hat er sich mitt­ler­wei­le der Auf­fas­sung der Kom­men­tar­li­te­ra­tur hin­sicht­lich von einem Geschäfts­be­sor­ger peri­odisch zu erfül­len­der Ansprü­che auf Rechen­schafts­le­gung (§ 666 Vari­an­te 3 BGB) ange­schlos­sen.

Ob auf den dem vor­lie­gen­den Rechts­streit zugrun­de lie­gen­de Aus­kunfts­an­spruch § 604 Abs. 5, § 695 Satz 2 und § 696 Satz 3 BGB eben­falls ent­spre­chend anzu­wen­den sind, kann auf sich beru­hen. Selbst wenn die Ver­jäh­rung eines sol­chen Anspruchs unab­hän­gig von sei­ner Gel­tend­ma­chung begän­ne, wäre die For­de­rung des Klä­gers zum Zeit­punkt der Kla­ge­er­he­bung nicht ver­jährt.

Der Anspruch gemäß § 666 Vari­an­te 2 BGB begrün­det eine aus dem Auf­trags­ver­hält­nis fol­gen­de unselb­stän­di­ge Neben­pflicht 10. Der Beauf­trag­te unter­liegt den weit­rei­chen­den Infor­ma­ti­ons­pflich­ten des § 666 BGB, weil er fremd­nüt­zig im Rechts­kreis des Auf­trag­ge­bers tätig wird und des­halb des­sen Inter­es­sen wahr­zu­neh­men sowie gemäß § 665 BGB grund­sätz­lich des­sen Wei­sun­gen zu befol­gen hat 11. Die Infor­ma­ti­ons­pflich­ten des Geschäfts­be­sor­gers die­nen dazu, dem Auf­trag­ge­ber als Geschäfts­herrn zur Sicher­stel­lung sei­ner von dem Beauf­trag­ten wahr­zu­neh­men­den Inter­es­sen eine Inter­ven­ti­on in die Aus­füh­rung durch Wei­sun­gen zu ermög­li­chen, Steue­rungs­maß­nah­men und ander­wei­ti­ge Dis­po­si­tio­nen vor­zu­be­rei­ten oder vor­zu­neh­men, sich auf den erreich­ten Stand der Geschäfts­be­sor­gung ein­zu­stel­len und die Wah­rung sei­ner Rech­te bei etwai­ger man­gel­haf­ter Geschäfts­füh­rung durch den Beauf­trag­ten zu erleich­tern 12. Die­sem Zweck ent­spre­chend schul­det der Beauf­trag­te dem Auf­trag­ge­ber jeder­zeit Aus­kunft zumin­dest wäh­rend der gesam­ten Dau­er des Auf­trags­ver­hält­nis­ses 13. Der Aus­kunfts­an­spruch bezieht sich auf den jewei­li­gen Stand der Geschäf­te. Dabei kann sich je nach den Umstän­den des Ein­zel­falls zur Erfül­lung des Zwecks der Aus­kunft auch die Not­wen­dig­keit erge­ben, dass dem Auf­trag­ge­ber Infor­ma­tio­nen über Vor­gän­ge zu geben sind, die län­ger als die nach der Ulti­moRe­gel des § 199 Abs. 1 BGB zu berech­nen­de Drei­jah­res­frist zurück­lie­gen. Ist die Aus­kunfts­ver­pflich­tung somit – wie die Revi­si­on selbst her­vor­hebt – als Dau­erne­ben­pflicht aus­ge­stal­tet, die zur Siche­rung des Anspruchs auf ord­nungs­ge­mä­ße Durch­füh­rung des Auf­trags fort­lau­fend bis zur Been­di­gung des Auf­trags­ver­hält­nis­ses besteht, wür­de die­se Kon­zep­ti­on kon­ter­ka­riert, wenn der Anspruch vor Been­di­gung des Dau­er­schuld­ver­hält­nis­ses bezo­gen auf bestimm­te Zeit­räu­me wegen Ver­jäh­rung nicht mehr durch­setz­bar wäre 14. Daher beginnt die Ver­jäh­rung des Aus­kunfts­an­spruchs nach § 666 Vari­an­te 2 BGB nicht vor Been­di­gung des Auf­trags­ver­hält­nis­ses 15. Wie weit die zu ertei­len­den Aus­künf­te zurück rei­chen müs­sen, ist damit kei­ne Fra­ge der Ver­jäh­rung der For­de­rung, son­dern eine sol­che ihres Inhalts oder ihrer Ver­wir­kung.

Eine abwei­chen­de Beur­tei­lung wür­de über­dies zu Wider­sprü­chen mit § 666 Vari­an­te 3 BGB füh­ren. Danach hat der Auf­trag­neh­mer nach Aus­füh­rung des Auf­trags auf Ver­lan­gen Rechen­schaft abzu­le­gen. Die­se umfasst die gesam­te Dau­er der Geschäfts­füh­rung. Die im Rah­men der Rechen­schafts­le­gung, die unter ande­rem zur Vor­la­ge von Bele­gen ver­pflich­tet 16, zu ertei­len­den Infor­ma­tio­nen wer­den oft­mals, wie auch im vor­lie­gen­den Rechts­streit, deckungs­gleich mit den Aus­künf­ten sein, die nach § 666 Vari­an­te 2 BGB geschul­det wer­den. Könn­te sich der Auf­trag­neh­mer in einem sol­chen Fall gegen­über einem Aus­kunfts­ver­lan­gen nach § 666 Vari­an­te 2 BGB auf die Ver­jäh­rung beru­fen, wäh­rend das Geschäfts­be­sor­gungs­ver­hält­nis noch andau­ert, wäre der Auf­trag­ge­ber nach Been­di­gung des Auf­trags gleich­wohl in der Lage, über den Rechen­schafts­an­spruch des § 666 Vari­an­te 3 BGB die ihm zunächst vor­ent­hal­te­nen Infor­ma­tio­nen zu erlan­gen. Ein solch asyn­chro­nes Ergeb­nis wäre sinn­wid­rig.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 1. Dezem­ber 2011 – III ZR 71/​11

  1. Münch­Komm-BGB/Krü­ger, 5. Aufl., § 271 Rn. 4; Palandt/​Heinrichs, BGB, 70. Aufl., § 271 Rn. 1; Staudinger/​Bittner, BGB [2009], § 271 Rn. 27; Bamberger/​Roth/​Unberath, BGB, 2. Aufl., § 271 Rn. 2; vgl. auch BGH, Urteil vom 29.01.2008 – XI ZR 160/​07, BGHZ 175, 161, Rn. 24[]
  2. AnwK/​Mansel/​Stürner, BGB, [2005], § 199 Rn. 23; Erman/​SchmidtRäntsch, BGB, 13. Aufl., § 199 Rn. 4a; Henrich/​Spindler in Bamberger/​Roth, BGB, 2. Aufl., § 199 Rn. 10; dies. in Beck­OK, BGB, § 199 Rn. 10; HkBGB/​Dörner, 7. Aufl. § 199 Rn. 3; Kess­ler in Prütting/​Wegen/​Weinreich, BGB, 3. Aufl., § 199 Rn. 5; Münch­Komm-BGB/Gro­the, 6. Aufl., § 199 Rn. 7; Palandt/​Ellenberger, BGB, 70. Aufl., § 199 Rn. 8; Staudinger/​Peters/​Jacoby, BGB [2009], § 199 Rn. 12; a.A.: Münch­Komm-BGB/Krü­ger aaO; Staudinger/​Bittner aaO[]
  3. Rieb­le, NJW 2004, 2270[]
  4. Rieb­le, aaO S. 2272[]
  5. Rieb­le, aaO S. 2272 f[]
  6. BGH, aaO[]
  7. BGH, Urteil vom 11.03.2008 – XI ZR 81/​07[]
  8. BGH, Urteil vom 11.03.2010 – III ZR 178/​09, NJW 2010, 1956 Rn. 12[]
  9. BGH, Urteil vom 03.11.2011 – III ZR 105/​11, Rn. 29[]
  10. Staudinger/​Martinek, BGB [2006], § 666 Rn. 2, 4[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 03.11.2011 aaO, Rn. 12 und vom 08.02.2007 – III ZR 148/​06, WM 2007, 1423 Rn. 6 jew. zu § 666 Vari­an­te 3 BGB[]
  12. Staudinger/​Martinek aaO Rn. 9; sie­he auch BGH, Urteil vom 30.04.1964 – VII ZR 156/​62, BGHZ 41, 318, 320 f[]
  13. vgl. Staudinger/​Martinek aaO Rn. 8 f, der über­dies die Fort­dau­er der Aus­kunfts­pflicht nach Rechen­schafts­le­gung gemäß § 666 Vari­an­te 3 BGB und damit nach Been­di­gung des Auf­trags­ver­hält­nis­ses für mög­lich hält[]
  14. vgl. BGH, Urteil vom 20.01.2009 – XI ZR 487/​07, WM 2009, 542 Rn. 33 zu § 6 Abs. 2 Satz 4 Ver­brKrG, jetzt § 494 Abs. 5 BGB[]
  15. vgl. Staudinger/​Peters/​Jacoby aaO § 195 Rn. 26 und Anh. zu § 217 Rn. 1; so auch BGH aaO für den dort erör­ter­ten Anspruch[]
  16. BGH, Urteil vom 03.11.2011 – III ZR 105/​11, Rn. 12[]