Der Biss in der Hun­de­pen­si­on – und die Tier­hal­ter­haf­tung

Ein Aus­schluss der Tier­hal­ter­haf­tung wegen Han­delns auf eige­ne Gefahr kommt auch dann regel­mä­ßig nicht in Betracht, wenn der Geschä­dig­te einen Hund für meh­re­re Tage in sei­ner Hun­de­pen­si­on auf­ge­nom­men und für die­se Zeit die Beauf­sich­ti­gung des Tie­res über­nom­men hat 1. Ein für die Ver­let­zung mit­ur­säch­li­ches Fehl­ver­hal­ten des Geschä­dig­ten ist gege­be­nen­falls nach § 254 BGB anspruchs­min­dernd zu berück­sich­ti­gen.

Der Biss in der Hun­de­pen­si­on – und die Tier­hal­ter­haf­tung

§ 833 Satz 1 BGB begrün­det eine Gefähr­dungs­haf­tung des Tier­hal­ters für den Fall, dass ein ande­rer durch das Tier in einem der in die­ser Vor­schrift genann­ten Rechts­gü­ter ver­letzt wird. Der Grund für die stren­ge Tier­hal­ter­haf­tung liegt in dem unbe­re­chen­ba­ren oder aber auch instinkt­ge­mä­ßen selbst­tä­ti­gen tie­ri­schen Ver­hal­ten und der dadurch her­vor­ge­ru­fe­nen Gefähr­dung von Leben, Gesund­heit und Eigen­tum Drit­ter, also der ver­wirk­lich­ten Tier­ge­fahr 2. Die­se ist dann nicht anzu­neh­men, wenn kei­ner­lei eige­ne Ener­gie des Tie­res an dem Gesche­hen betei­ligt ist. Ver­let­zun­gen durch Hun­de­bis­se sind danach grund­sätz­lich der spe­zi­fi­schen Tier­ge­fahr zuzu­rech­nen.

Der Tier­hal­ter­haf­tung des Hun­de­hal­ters steht nicht ent­ge­gen, dass die Pen­si­ons­be­trei­be­rin sei­nen Hund für zehn Tage in ihrer Hun­de­pen­si­on auf­nahm und für die­se Zeit die Beauf­sich­ti­gung des Tie­res über­nahm. Die Haf­tung des Tier­hal­ters nach § 833 Satz 1 BGB greift nach herr­schen­der Mei­nung in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur näm­lich grund­sätz­lich auch dann ein, wenn ein Tier­auf­se­her im Rah­men sei­ner Auf­sichts­füh­rung durch das betreu­te Tier ver­letzt wird 3.

Ein Anspruch der Betrei­be­rin der (ent­gelt­li­chen) Hun­de­pen­si­on aus § 833 Satz 1 BGB wegen des erlit­te­nen Bis­ses kann auch nicht unter dem Gesichts­punkt der frei­wil­li­gen Risi­ko­über­nah­me ver­neint wer­den. Bei der Tier­hal­ter­haf­tung hat der Bun­des­ge­richts­hof eine voll­stän­di­ge Haf­tungs­frei­stel­lung des Tier­hal­ters unter dem Gesichts­punkt des Han­delns auf eige­ne Gefahr nur in eng begrenz­ten Aus­nah­me­fäl­len erwo­gen. Der Umstand, dass sich der Geschä­dig­te der Gefahr selbst aus­ge­setzt hat, ist regel­mä­ßig erst bei der Abwä­gung der Ver­ur­sa­chungs- und Ver­schul­dens­an­tei­le nach § 254 BGB zu berück­sich­ti­gen 4. Unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen die Tier­hal­ter­haf­tung aus­nahms­wei­se bereits im Anwen­dungs­be­reich aus­ge­schlos­sen sein könn­te, weil deren Gel­tend­ma­chung gegen Treu und Glau­ben ver­stie­ße 5, kann hier offen­blei­ben, denn ein sol­cher Aus­nah­me­fall ist vor­lie­gend nicht gege­ben.

Für Fall­ge­stal­tun­gen, in denen sich Per­so­nen der Tier­ge­fahr aus beruf­li­chen Grün­den vor­über­ge­hend aus­set­zen, ohne dabei die voll­stän­di­ge Herr­schaft über das Tier zu über­neh­men, wird ein gene­rel­ler Aus­schluss der Tier­hal­ter­haf­tung sowohl unter dem Gesichts­punkt des Han­delns auf eige­ne Gefahr als auch unter Schutz­zwe­cker­wä­gun­gen von der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung abge­lehnt 6. Für Fäl­le der vor­lie­gen­den Art kann grund­sätz­lich nichts ande­res gel­ten.

Der Auf­fas­sung, eine Haf­tung des Hun­de­s­hal­ters wer­de des­halb nicht vom Schutz­zweck der Norm des § 833 Satz 1 BGB umfasst, weil das Inter­es­se der Betrei­be­rin der Hun­de­pen­si­on, den Hund auf­zu­neh­men, das des Hun­de­hal­ters über­wie­ge, weil sie mit dem Betrieb der Hun­de­pen­si­on ihren Lebens­un­ter­halt ver­die­ne, kann nicht gefolgt wer­den. Der Bun­des­ge­richts­hof ist einer sol­chen Sicht­wei­se bereits frü­her ent­ge­gen­ge­tre­ten 7. Er hat für den Fall der Ver­let­zung eines Huf­schmie­des durch ein zu beschla­gen­des Pferd aus­ge­führt, es sei grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass ein Huf­schmied durch Abschluss des Werk­ver­tra­ges allein noch nicht die Gefahr einer Ver­let­zung durch das Tier über­neh­me. Denn es ent­spre­che weder der Inter­es­sen­la­ge noch den Erfor­der­nis­sen von Treu und Glau­ben, dass der Huf­schmied, der sich der mit dem Huf­be­schlag not­wen­dig ver­bun­de­nen Tier­ge­fahr aus­set­zen müs­se, um sei­nen Lebens­un­ter­halt zu erwer­ben, auch die durch die Tier­ge­fahr her­vor­ge­ru­fe­nen Scha­dens­fol­gen auf sich neh­me, die das Gesetz dem Tier­hal­ter als dem Urhe­ber der Gefahr anlas­te. Zum Wesen des Beschlag­ver­tra­ges gehö­re es, dass der Huf­schmied sich einer erhöh­ten Tier­ge­fahr aus­set­ze, nicht dage­gen, dass er den Tier­hal­ter, von des­sen Tier die Gefahr aus­ge­he, von sei­ner gesetz­li­chen Haf­tung für die Scha­dens­fol­gen ent­bin­de, die aus der Tier­ge­fahr erwach­sen könn­ten.

Die­se Über­le­gun­gen, an denen fest­zu­hal­ten ist, tref­fen grund­sätz­lich auch für den Fall der Obhut über einen Hund in einer Tier­pen­si­on zu. Die von den Vor­in­stan­zen ver­tre­te­ne ein­schrän­ken­de Anwen­dung des § 833 Satz 1 BGB ent­spricht in Fäl­len der vor­lie­gen­den Art nicht der Inten­ti­on des Geset­zes und ist auch nicht inter­es­sen­ge­recht.

Der Umstand, dass der Inha­ber einer Hun­de­pen­si­on – im Unter­schied z.B. zum Huf­schmied oder Tier­arzt – sich dem Tier nicht nur zur Vor­nah­me ein­zel­ner Ver­rich­tun­gen nähert, son­dern des­sen Beauf­sich­ti­gung gege­be­nen­falls für meh­re­re Tage voll­stän­dig über­nimmt und wäh­rend die­ser Zeit die allei­ni­ge Herr­schaft über das Tier inne­hat, recht­fer­tigt inso­weit kei­ne abwei­chen­de recht­li­che Beur­tei­lung. Grund­sätz­lich uner­heb­lich ist, dass der Tier­hal­ter wäh­rend der Zeit der Obhut sei­nes Hun­des in der Tier­pen­si­on von einer eige­nen Ein­wir­kung auf sein Tier aus­ge­schlos­sen ist. Die­ser Gesichts­punkt, der genau­so auf den Pfer­de­hal­ter zutrifft, der sein Pferd einem Rei­ter zum selb­stän­di­gen Aus­rei­ten über­lässt 8 oder es bei einem Drit­ten unter­stellt, wo es von die­sem eigen­mäch­tig zu einer Reit­stun­de ein­ge­setzt wird 9, steht der Tier­hal­ter­haf­tung grund­sätz­lich nicht ent­ge­gen 10. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs bleibt die Tier­hal­ter­haf­tung auch bei län­ger dau­ern­der Über­las­sung des Tie­res an einen Drit­ten erhal­ten, wenn der­je­ni­ge, der sich des Tie­res begibt, wei­ter­hin für die Kos­ten der Tier­hal­tung auf­kommt, den all­ge­mei­nen Wert und Nut­zen des Tie­res für sich in Anspruch nimmt und das Risi­ko sei­nes Ver­lus­tes trägt. Selbst eine etwai­ge Nut­zung des Tie­res durch den Drit­ten auch für eige­ne Zwe­cke steht dem nicht ent­ge­gen, solan­ge sich nicht der Schwer­punkt der Nut­zung des Tie­res auf den Drit­ten ver­la­gert 11.

Die Tier­hal­ter­haf­tung des Hun­de­hal­ters gegen­über dem Tier­auf­se­her, dem er sei­nen Hund zur Unter­brin­gung in einer Hun­de­pen­si­on über­las­sen hat, kann auch nicht mit der Begrün­dung ver­neint wer­den, der gewerb­lich täti­ge Inha­ber der Hun­de­pen­si­on sei des­we­gen wäh­rend der Zeit der Unter­brin­gung des Tie­res für die­ses allein ver­ant­wort­lich, weil er auf­grund sei­ner Pro­fes­sio­na­li­tät eine Schä­di­gung durch das Tier ver­mei­den kön­ne. Die­se Erwä­gung lie­ße außer Acht, dass auch der Fach­mann nicht voll­stän­dig zu ver­hin­dern ver­mag, dass sich typi­sche, gleich­wohl aber auch von ihm nicht zu beherr­schen­de Tier­ge­fah­ren rea­li­sie­ren 12, zumal er mit der gege­be­nen­falls gera­de die­sem Tier anhaf­ten­den beson­de­ren Gefahr oft­mals weni­ger ver­traut sein wird als der Tier­hal­ter, der die Eigen­ar­ten sei­nes Tie­res kennt. Der Umstand, dass ein Tier­auf­se­her gewerb­lich tätig wird, macht ihn nicht weni­ger schutz­wür­dig.

Eine gene­rel­le Haf­tungs­frei­stel­lung lässt sich, wor­auf die Revi­si­ons­er­wi­de­rung abhebt, auch nicht mit einer Über­tra­gung der für den Fah­rer von Kraft­fahr­zeu­gen in § 8 Nr. 2 StVG getrof­fe­nen Rege­lung begrün­den, denn die­se Norm stellt eine Aus­nah­me­vor­schrift dar, die eng aus­zu­le­gen ist (vgl. zu §§ 8, 8a StVG a.F. BGH, Urtei­le vom 07.07.1956 – VI ZR 157/​55, VersR 1956, 640; und vom 03.12 1991 – VI ZR 378/​90, VersR 1992, 437, 438; aA Wag­ner, aaO) und deren Rege­lungs­ge­halt auch nicht auf ver­gleich­ba­re Sach­ver­hal­te ande­rer Gefähr­dungs­haf­tun­gen über­tra­gen wer­den kann. Die Gefähr­dungs­haf­tun­gen ent­hal­ten für die ein­zel­nen Haf­tungs­be­rei­che im Hin­blick auf die Beson­der­hei­ten der jewei­li­gen Mate­rie und ihrer Ent­ste­hungs­ge­schich­te je eigen­stän­di­ge und in sich abge­schlos­se­ne Rege­lun­gen, die nur aus ihrem jewei­li­gen Zusam­men­hang her­aus ver­stan­den und ange­wen­det wer­den kön­nen und dem­ge­mäß einer ent­spre­chen­den Anwen­dung auf ande­re Gefähr­dungs­haf­tun­gen nicht zugäng­lich sind 13.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. März 2014 – VI ZR 372/​13

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 17.03.2009 – VI ZR 166/​08, VersR 2009, 693[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 06.07.1976 – VI ZR 177/​75, BGHZ 67, 129, 130; und vom 20.12 2005 – VI ZR 225/​04, VersR 2006, 416 Rn. 7, jeweils mwN; dazu kri­tisch: Schie­mann in Erman, BGB, 13. Aufl., § 833 Rn. 4 mwN; vgl. auch Gre­ger, Haf­tungs­recht des Stra­ßen­ver­kehrs, 5. Aufl., § 9 Rn. 12 f.; Moritz in juris­PK-BGB, 6. Aufl., § 833 Rn. 14 ff.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 12.01.1982 – VI ZR 188/​80, VersR 1982, 366, 367; vom 19.01.1982 – VI ZR 132/​79, VersR 1982, 348 f.; und vom 09.06.1992 – VI ZR 49/​91, VersR 1992, 1145, 1146; BGH, Urteil vom 26.06.1972 – III ZR 32/​70, VersR 1972, 1047, 1048; OLG Hamm, VersR 1975, 865; OLG Frank­furt, VersR 1997, 456; OLG Karls­ru­he, NJW-RR 2009, 453; Palandt/​Sprau, BGB, 73. Aufl., § 834 Rn. 3; Geigel/​Haag, Der Haft­pflicht­pro­zess, 26. Aufl., Kap. 18 Rn. 39; Wussow/​Rüge, Unfall­haft­pflicht­recht, 16. Aufl., Kap. 11 Rn. 11; aA Münch­Komm-BGB/­Wag­ner, 6. Aufl., § 833 Rn.20[]
  4. BGH, Urteil vom 17.03.2009 – VI ZR 166/​08, VersR 2009, 693 Rn. 7; vgl. auch Schie­mann, aaO Rn. 6; Moritz, aaO Rn. 30; jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 20.12 2005 – VI ZR 225/​04, aaO Rn. 14 ff. mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 17.03.2009 – VI ZR 166/​08, aaO Rn. 11 und 19 mwN[]
  7. BGH, Urteil vom 28.05.1968 – VI ZR 35/​67, VersR 1968, 797, 798[]
  8. BGH, Urteil vom 30.09.1986 – VI ZR 161/​85, VersR 1987, 198, 200 mwN[]
  9. BGH, Urteil vom 19.01.1988 – VI ZR 188/​87, VersR 1988, 609 f. mwN[]
  10. aA OLG Nürn­berg, VersR 1999, 240, 241[]
  11. BGH, Urteil vom 19.01.1988 – VI ZR 188/​87, aaO[]
  12. vgl. Wussow/​Terbille, Unfall­haft­pflicht­recht, 15. Aufl., Kap. 11 Rn. 35[]
  13. BGH, Urteil vom 09.06.1992 – VI ZR 49/​91, aaO S. 1146 f.[]