Der dann doch nicht mehr aus­sa­ge­be­rei­te Jour­na­list

Hat ein Pres­se­ver­tre­ter als Zeu­ge in Kennt­nis sei­nes Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rechts in einem Rechts­streit in öffent­li­cher Sit­zung umfas­send zur Per­son eines Infor­man­ten und zu den mit die­sem geführ­ten Gesprä­chen aus­ge­sagt, ohne sich auf sein Zeug-nis­ver­wei­ge­rungs­recht gemäß § 383 Abs. 1 Nr. 5 ZPO zu beru­fen, darf er regel­mä­ßig in einem nach­fol­gen­den Zivil­rechts­streit die Zeu­gen­aus­sa­ge zu den glei­chen Beweis-fra­gen nicht unter Beru­fung auf ein sol­ches Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht ver­wei­gern.

Der dann doch nicht mehr aus­sa­ge­be­rei­te Jour­na­list

Die Pres­se­frei­heit fin­det ihre Schran­ken in den all­ge­mei­nen Geset­zen (Art. 5 Abs. 2 GG). Dazu gehö­ren auch die Pro­zess­ge­set­ze. Im Inter­es­se der Pres­se­frei­heit einer­seits und der Funk­ti­ons­fä­hig­keit der Rechts­pfle­ge ande­rer­seits ent­hält § 383 Abs. 1 Nr. 5 ZPO für Pres­se­an­ge­hö­ri­ge eine Aus­nah­me von der all­ge­mei­nen Zeug­nis­pflicht. Dies ist kein per­sön­li­ches Pri­vi­leg der Pres­se­an­ge­hö­ri­gen. Der Zweck der Pri­vi­le­gie­rung liegt viel­mehr unmit­tel­bar in dem Schutz des Ver­trau­ens­ver­hält­nis­ses zwi­schen der Pres­se und den pri­va­ten Infor­man­ten und mit­tel­bar in der Gewähr­leis­tung einer insti­tu­tio­nell eigen­stän­di­gen und funk­ti­ons­fä­hi­gen Pres­se. Die Pri­vi­le­gie­rung dient ins­be­son­de­re nicht dazu, Jour­na­lis­ten grund­sätz­lich von der Mit­wir­kung an der gericht­li­chen Auf­klä­rung von Rechts­ver­let­zun­gen frei­zu­stel­len. Dem­entspre­chend ist das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Pres­se und Infor­man­ten nur im Rah­men der tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des § 383 Abs. 1 Nr. 5 ZPO geschützt, nicht aber ein umfas­sen­des Recht zur Geheim­hal­tung von Tat­sa­chen ein­ge­räumt wor­den, die zur Rechts­ver­fol­gung der von einer Pres­se­ver­öf­fent­li­chung nach­tei­lig betrof­fe­nen Per­so­nen erheb­lich sind1.

Das Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht des § 383 Abs. 1 Nr. 5 ZPO ist regel­mä­ßig nicht auf einen Pres­se­ver­tre­ter anzu­wen­den, der sei­ne Bezie­hung zu bestimm­ten Infor­man­ten, über die er als Zeu­ge bekun­den soll, nament­lich und inhalt­lich bereits offen­ge­legt hat, sofern das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu dem Infor­man­ten durch die Zeu­gen­aus­sa­ge nicht wei­ter als bereits gesche­hen beein­träch­tigt wird.

Dies ist nicht nur dann der Fall, wenn ein Pres­se­ver­tre­ter sich selbst als Autor eines Arti­kels bezeich­net hat, in dem ein Gewährs­mann nament­lich und mit wört­li­chen Zita­ten benannt wird2.

Auch wenn ein Pres­se­ver­tre­ter – ohne sich auf sein Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­recht (mit Erfolg) beru­fen zu haben – in einem Rechts­streit in öffent­li­cher Sit­zung umfang­reich zur Per­son eines Infor­man­ten und zu den mit die­sem geführ­ten Gesprä­chen bekun­det hat, ist das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zu dem Infor­man­ten offen­ge­legt. Der Zweck des § 383 Abs. 1 Nr. 5 ZPO, das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen Pres­se und Rund­funk und ihren Infor­man­ten zu schüt­zen, so dass sie ihre Kon­troll­funk­ti­on unter Ein­schal­tung ver­läss­li­cher Infor­man­ten unter Wah­rung des Redak­ti­ons­ge­heim­nis­ses wahr­neh­men kön­nen, ist in die­sem Fall nicht mehr zu errei­chen.

Dem kann nicht mit Erfolg ent­ge­gen­ge­hal­ten wer­den, die Zeu­gen­aus­sa­ge in einem Gerichts­ver­fah­ren habe eine gerin­ge­re Öffent­lich­keits­wir­kung als etwa eine Pres­se­ver­öf­fent­li­chung. Jeden­falls bei einer Fall­ge­stal­tung wie der vor­lie­gen­den ist dies kein über­zeu­gen­der Gesichts­punkt. Denn hier geht es wie­der­um allein um die Aus­sa­ge in einer münd­li­chen Ver­hand­lung, so dass eine wei­te­re Offen­le­gung des Ver­hält­nis­ses zu den Infor­man­ten nicht zu besor­gen ist.

Bei einer Fall­ge­stal­tung wie der vor­lie­gen­den ist der Zweck des § 383 Abs. 1 Nr. 5 ZPO im Übri­gen aus einem wei­te­ren Grund nicht zu errei­chen. Die frü­he­ren Aus­sa­gen des Jour­na­lis­ten vor dem Land­ge­richt H. könn­ten gege­be­nen­falls im vor­lie­gen­den Rechts­streit im Wege des Urkun­den­be­wei­ses ver­wer­tet wer­den. Die Zeug­nis­ver­wei­ge­rung eines Zeu­gen im Zivil­pro­zess schließt – anders als im Straf­pro­zess, § 252 StPO – die Ver­wer­tung von Nie­der­schrif­ten frü­he­rer in Kennt­nis des Zeug­nis­ver­wei­ge­rungs­rechts getä­tig­ter Aus­sa­gen nicht aus3. Für ein Ver­wer­tungs­ver­bot4 ist hier nichts ersicht­lich. Kommt es zur Ver­wer­tung der frü­he­ren Aus­sa­gen im Wege des Urkun­den­be­wei­ses, ist das Ver­trau­ens­ver­hält­nis zwi­schen dem Jour­na­lis­ten und sei­nen Infor­man­ten in glei­cher Wei­se offen­ge­legt, wie es bei der beab­sich­tig­ten Zeu­gen­ver­neh­mung der Fall sein wird.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 4. Dezem­ber 2012 – VI ZB 2/​12

  1. BVerfG, NJW 2002, 592 f. unter Hin­weis auf BVerfGE 20, 162, 176; 36, 193, 204; 64, 108, 114 f.; 95, 28, 36 []
  2. so in dem Fall BVerfG, aaO []
  3. vgl. OLG Köln, VersR 1993, 335 f.; Beck­OK ZPO/​Scheuch, Stand: Okto­ber 2012, § 383 Rn. 17; Münch­Komm-ZPO/­Damrau, 4. Aufl., § 383 Rn. 43; Zöller/​Greger, ZPO, 29. Aufl., § 373 Rn. 9 und § 383 Rn. 6 []
  4. vgl. dazu BGH, Urtei­le vom 12.02.1985 – VI ZR 202/​83, VersR 1985, 573; vom 10.12.2002 – VI ZR 378/​01, BGHZ 153, 165 []