Der Ein­wand der ver­letz­ten Scha­dens­min­de­rungs­pflicht – und die Dar­le­gungs- und Beweislast

Für die Tat­sa­chen, die die rechts­ver­nich­ten­de Ein­wen­dung der Ver­let­zung der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht begrün­den, ist der Schä­di­ger dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig1.

Der Ein­wand der ver­letz­ten Scha­dens­min­de­rungs­pflicht – und die Dar­le­gungs- und Beweislast

Dabei darf ihm indes nichts Unmög­li­ches abver­langt wer­den. Des­halb hat der Geschä­dig­te, soweit es um Umstän­de aus sei­ner Sphä­re geht, in die der Schä­di­ger kei­nen Ein­blick hat, an der Sach­auf­klä­rung mit­zu­wir­ken und erfor­der­li­chen­falls dar­zu­le­gen, was er zur Scha­dens­min­de­rung unter­nom­men oder aus wel­chen Grün­den er es unter­las­sen hat, etwas zu unter­neh­men2.

Eine sol­che, im Ein­zel­fall nach Treu und Glau­ben bestehen­de sekun­dä­re Dar­le­gungs­last wäre im vor­lie­gen­den Fall nur inso­weit anzu­neh­men, als die Rea­li­sier­bar­keit und Zumut­bar­keit einer kon­kre­ten Maß­nah­me zur Gering­hal­tung des Scha­dens von inter­nen Umstän­den aus dem Geschäfts­be­trieb der Gech­ä­dig­ten abhän­gen wür­de, von denen die Schä­di­ge­rin weder Kennt­nis hat noch haben kann.

Die­se Grund­sät­ze hat das Ober­lan­des­ge­richt Cel­le im hier ent­schie­de­nen Fall in der Vor­in­stanz3 zwar im Aus­gangs­punkt zutref­fend gese­hen, sie jedoch bei der Wür­di­gung der Ein­zel­fall­um­stän­de aus den Augen ver­lo­ren. Die Beklag­te war als Schä­di­ge­rin dar­le­gungs- und gege­be­nen­falls beweis­pflich­tig für das Bestehen einer kon­kre­ten Mög­lich­keit zur Scha­dens­min­de­rung, deren Ergrei­fung und Ver­wirk­li­chung der geschä­dig­ten Klä­ge­rin zumut­bar gewe­sen wäre. Ins­be­son­de­re bestand kei­ne sekun­dä­re Dar­le­gungs- und Beweis­last der Klä­ge­rin in Bezug auf den vom Gericht für die (wei­te­re) Wirt­schaft­lich­keit des Vor­ha­bens als maß­geb­lich erach­te­ten aktu­el­len Bedarf an Pfle­ge­plät­zen auf dem Gebiet der beklag­ten Kom­mu­ne, den die­se selbst ein­schät­zen kann (und zur Wahr­neh­mung ihrer kom­mu­na­len Auf­ga­ben auch ein­schät­zen muss). Das Glei­che gilt für die Fra­ge, ob ein Pfle­ge­heim mit gegen­über der ursprüng­li­chen Pla­nung der Klä­ge­rin redu­zier­ter Kapa­zi­tät ren­ta­bel betrie­ben wer­den kann. Die hier­für maß­ge­ben­den Umstän­de lie­gen nicht allein in der Kennt­nis­sphä­re der Klä­ge­rin. Indem die Vor­in­stanz gleich­wohl von einer umfas­sen­den, nicht auf kon­kret benann­te Umstän­de aus der eige­nen Sphä­re beschränk­ten Dar­le­gungs­ver­pflich­tung der Geschä­dig­ten aus­ge­gan­gen ist, hat sie im Streit­fall die Ver­tei­lung der Vor­trags- und Beweis­last in unge­recht­fer­tig­ter Wei­se umge­kehrt und ist fak­tisch zu einer non-liquet, Ent­schei­dung mit dem unrich­ti­gen Inhalt gelangt, dass ein Mit­ver­schul­den anzu­neh­men sei, solan­ge es die Klä­ge­rin nicht aus­ge­räumt habe. Beson­ders deut­lich wird dies in der For­mu­lie­rung des Beru­fungs­ge­richts, dass sich aus dem ver­blei­ben­den Bedarf von 59 Pfle­ge­plät­zen nicht zu sei­ner Über­zeu­gung erge­be, dass das Pro­jekt über­haupt nicht mehr mit wirt­schaft­li­chem Erfolg rea­li­sier­bar gewe­sen sei.

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Ent­ge­gen der Mei­nung des OLG Cel­le ist nach dem der­zei­ti­gen Sach- und Streit­stand fer­ner nicht davon aus­zu­ge­hen, dass die Klä­ge­rin über die für eine Grund­stücks­nut­zung – auch für eine alter­na­ti­ve Bebau­ung mit einem Büro­ge­bäu­de – erfor­der­li­chen Finanz­mit­tel ver­fügt hat. Sei­ne Ansicht, die Klä­ge­rin habe das Gegen­teil nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt, wobei sich ins­be­son­de­re kei­ne Erschöp­fung der bewil­lig­ten Dar­le­hen oder eine Zah­lungs­un­fä­hig­keit ihrer­seits fest­stel­len las­se, ist von Rechts­feh­lern beein­flusst. Dabei kann dahin­ste­hen, ob die Klä­ge­rin zumin­dest in Bezug auf ihre finan­zi­el­len Mög­lich­kei­ten sekun­där dar­le­gungs­pflich­tig gewe­sen ist. Denn das Gericht hat dies­be­züg­li­ches Vor­brin­gen der Klä­ge­rin erkenn­bar unbe­rück­sich­tigt gelas­sen bezie­hungs­wei­se miss­ver­stan­den. So hat sie schrift­sätz­lich unter Vor­la­ge ihrer Jah­res­ab­schlüs­se vor­ge­tra­gen. die mit dem geschei­ter­ten Bau­vor­ha­ben ver­bun­de­nen und aus den gewähr­ten Dar­le­hens­mit­teln begli­che­nen Kos­ten, dar­un­ter Anschaf­fungs, Pla­nungs- und Rechts­ver­fol­gungs­kos­ten, hät­ten zu ihrer nicht nur vor­über­ge­hen­den Über­schul­dung – und nicht, wie im Schlus­s­ur­teil dar­ge­legt, zu ihrer Zah­lungs­un­fä­hig­keit – geführt. Zu deren Besei­ti­gung sowie zur Deckung der gestie­ge­nen Bau­kos­ten habe es einer Nach­fi­nan­zie­rung bedurft, die auch bei einem ande­ren Kre­dit­in­sti­tut nicht zu erlan­gen gewe­sen sei4. Mit nach­ge­las­se­nem Schrift­satz hat sie erläu­ternd aus­ge­führt, die Spar­kas­se (Zes­sio­na­rin) habe ihre Dar­le­hens­zu­sa­ge zurück­ge­zo­gen, nach­dem die Bau­ge­neh­mi­gung ver­sagt wor­den und wegen der nach­fol­gend ent­stan­de­nen Kon­kur­renz­si­tua­ti­on kein Päch­ter mehr zu fin­den gewe­sen sei. Die avi­sier­ten lang­fris­ti­gen Dar­le­hen über mehr als 5, 5 Mio. € sei­en nicht aus­ge­zahlt wor­den, viel­mehr habe sie nur eine Zwi­schen­fi­nan­zie­rung von 1, 78 Mio. € zur Deckung ihrer Aus­ga­ben erhalten.

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Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. Dezem­ber 2020 – III ZR 45/​19

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.05.1984 – III ZR 18/​83, BGHZ 91, 243, 260; und vom 11.01.2007 – III ZR 116/​06, NJW 2007, 1063, 1064, BGH, Urteil vom 26.09.2006 – VI ZR 124/​05, NJW 2007, 64, 65 Rn. 8[]
  2. vgl. zB BGH, Urteil vom 22.05.1984 und BGH, Urteil vom 26.09.2006, jew. aaO[]
  3. OLG Cel­le, Urteil vom 07.03.2019 – 16 U 98/​12[]
  4. zur Zumut­bar­keit, zum Zweck der Scha­dens­min­de­rung Kre­di­te auf­zu­neh­men, sie­he über­dies BGH, Urteil vom 26.05.1988 – III ZR 42/​87, NJW 1989, 290, 291; BGH, Urtei­le vom 18.02.2002 – II ZR 355/​00, NJW 2002, 2553, 2555; und vom 16.11.2005 – IV ZR 120/​04, NJW-RR 2006, 394 Rn. 37[]