Der Feh­ler des Durch­gangs­arz­tes – und die Haf­tung der Berufs­ge­nos­sen­schaft

Für eine Scha­dens­er­satz­kla­ge wegen eines Behand­lungs­feh­lers ist nicht der Durch­gangs­arzt, son­dern gemäß Art. 34 GG i.V.m. § 839 BGB die Berufs­ge­nos­sen­schaft pas­siv­le­gi­ti­miert.

Der Feh­ler des Durch­gangs­arz­tes – und die Haf­tung der Berufs­ge­nos­sen­schaft

Wegen des regel­mä­ßig gege­be­nen inne­ren Zusam­men­hangs der Dia­gno­se­stel­lung und der sie vor­be­rei­ten­den Maß­nah­men mit der Ent­schei­dung über die rich­ti­ge Heil­be­hand­lung sind jene Maß­nah­men eben­falls der öffent­lich­recht­li­chen Auf­ga­be des Durch­gangs­arz­tes zuzu­ord­nen mit der Fol­ge, dass die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger für etwai­ge Feh­ler in die­sem Bereich haf­ten 1.

Eine Erst­ver­sor­gung durch den Durch­gangs­arzt ist eben­falls der Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes zuzu­rech­nen mit der Fol­ge, dass die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger für etwai­ge Feh­ler in die­sem Bereich haf­ten 2.

Bei der Bestim­mung der Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on ist regel­mä­ßig auf den Durch­gangs­arzt­be­richt abzu­stel­len, in dem der Durch­gangs­arzt selbst die „Art der Erst­ver­sor­gung (durch den D‑Arzt)” doku­men­tiert.

Die ärzt­li­che Heil­be­hand­lung ist aller­dings regel­mä­ßig nicht Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes im Sin­ne von Art. 34 GG 3. Auch die ärzt­li­che Behand­lung nach einem Arbeits­un­fall ist kei­ne der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de Auf­ga­be. Die Heil­be­hand­lung als sol­che stellt kei­ne der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de Pflicht dar. Der Arzt, der die Heil­be­hand­lung durch­führt, übt des­halb kein öffent­li­ches Amt aus und haf­tet für Feh­ler per­sön­lich 4.

Die Tätig­keit eines D‑Arztes wird jedoch nicht in vol­lem Umfang dem Pri­vat­recht zuge­ord­net. Ob die all­ge­mei­ne oder die beson­de­re Heil­be­hand­lung erfor­der­lich ist, ent­schei­det grund­sätz­lich der D‑Arzt nach Art und Schwe­re der Ver­let­zung. Bei die­ser Ent­schei­dung erfüllt er eine der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de Auf­ga­be und übt damit ein öffent­li­ches Amt aus. Ist sei­ne Ent­schei­dung über die Art der Heil­be­hand­lung feh­ler­haft und wird der Ver­letz­te dadurch geschä­digt, haf­tet in die­sem Fall für Schä­den nicht der D‑Arzt per­sön­lich, son­dern die Berufs­ge­nos­sen­schaft nach Art. 34 Satz 1 GG i.V.m. § 839 BGB 5. Dies gilt auch, soweit die Über­wa­chung des Heil­erfolgs ledig­lich als Grund­la­ge der Ent­schei­dung dient, ob der Ver­letz­te in der all­ge­mei­nen Heil­be­hand­lung ver­bleibt oder in die beson­de­re Heil­be­hand­lung über­wie­sen wer­den soll 6.

Der Pati­ent macht gel­tend, der behan­deln­den Ärz­tin sei am 3.03.2010 ein Behand­lungs­feh­ler unter­lau­fen, weil sie eine Frak­tur nicht erkannt habe. Die Frak­tur hät­te durch Ruhig­stel­lung ohne Ope­ra­ti­on aus­hei­len kön­nen. Fol­gen sei­en dau­er­haf­te Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit und Min­der­be­weg­lich­keit der Wir­bel­säu­le. Der D‑Arzt sei als D‑Arzt und Chef­arzt für die Fehl­be­hand­lung bei der Ein­gangs­dia­gno­se und Erst­ver­sor­gung ver­ant­wort­lich. Die­ses Vor­brin­gen führt nicht zur Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on des Durch­gangs­arz­tes.

Die Fra­ge, ob der D‑Arzt auch bei der Unter­su­chung zur Dia­gno­se­stel­lung und bei der Dia­gno­se­stel­lung ein öffent­li­ches Amt aus­übt, ist höchst­rich­ter­lich noch nicht geklärt 7.

In der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung wird bei der Ein­ord­nung eines Dia­gno­se­feh­lers teil­wei­se dar­auf abge­stellt, dass sich die Pflich­ten des D‑Arztes bei der Aus­übung sei­nes öffent­li­chen Amtes mit denen aus einem pri­vat­recht­li­chen ärzt­li­chen Behand­lungs­ver­trag mit dem Pati­en­ten über­schnei­den kön­nen 8. Mit­hin sei es für die Fra­ge der Haf­tung ent­schei­dend, in wel­chem Bereich sich der Feh­ler bei der Unter­su­chung aus­wir­ke. Kom­me es auf­grund des­sen zu einer feh­ler­haf­ten Ent­schei­dung der Fra­ge, ob eine beson­de­re Heil­be­hand­lung ein­zu­lei­ten sei, und wer­de der Pati­ent dadurch geschä­digt, so sei die Tätig­keit des D‑Arztes als hoheit­lich zu qua­li­fi­zie­ren und es haf­te der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger. Wir­ke sich der Dia­gno­se­feh­ler hin­ge­gen so aus, dass es zu einer unsach­ge­mä­ßen Heil­be­hand­lung durch den D‑Arzt kom­me, so haf­te er per­sön­lich nach all­ge­mei­nen zivil­recht­li­chen Grund­sät­zen 9.

Teil­wei­se wird aller­dings eine Haf­tung der Berufs­ge­nos­sen­schaft für die Fol­gen eines Dia­gno­se­feh­lers dann bejaht, wenn die Dia­gno­se der Ent­schei­dung des Arz­tes dient, ob die beson­de­re Heil­be­hand­lung ein­zu­lei­ten sei, und sich die­ser Feh­ler in der wei­te­ren Behand­lung fort­setzt, weil eine ein­heit­li­che Auf­ga­be nicht in haf­tungs­recht­lich unter­schied­lich zu beur­tei­len­de Tätig­keits­be­rei­che auf­ge­spal­ten wer­den dür­fe 10.

Auch im Schrift­tum ist umstrit­ten, wie Dia­gno­se- oder Befund­er­he­bungs­feh­ler des D‑Arztes im Rah­men der Ein­gangs­un­ter­su­chung zu beur­tei­len sind.

Teil­wei­se wird die Auf­fas­sung ver­tre­ten, der Arzt haf­te für Feh­ler bei der Unter­su­chung zur Dia­gno­se­stel­lung und bei der Dia­gno­se­stel­lung per­sön­lich 11. Der gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger sei nur ver­pflich­tet, das durch­gangs­ärzt­li­che Ver­fah­ren zu orga­ni­sie­ren und zur Ver­fü­gung zu stel­len. Er habe kei­ne gesetz­li­che Ver­pflich­tung, den jewei­li­gen Ver­si­cher­ten selbst zu unter­su­chen, son­dern schul­de nur eine unfall­me­di­zi­ni­sche Ver­sor­gung im Sin­ne des Vor­hal­tens einer ent­spre­chen­den Infra­struk­tur. Hier­für sei das D‑Arztverfahren ein­ge­führt wor­den, wel­ches sicher­stel­len sol­le, dass die Unfall­ver­letz­ten im Regel­fall von einem beson­ders qua­li­fi­zier­ten und sach­lich aus­ge­stat­te­ten Arzt unter­sucht wür­den. Sowohl Dia­gno­se als auch Befund­er­he­bung sei­en ele­men­ta­re ärzt­li­che Auf­ga­ben, wel­che nicht zu einer öffent­li­chen Auf­ga­be wür­den. Daher kom­me eine Haf­tung des gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers allen­falls in Betracht, wenn die Feh­ler sich in der Wei­se aus­wirk­ten, dass der Ver­letz­te auf­grund sei­ner Ver­let­zun­gen nicht einer adäqua­ten Form der Heil­be­hand­lung zuge­führt wer­de. Über mehr müs­se der D‑Arzt in Erfül­lung sei­ner Amts­pflich­ten nicht ent­schei­den 12.

Hin­sicht­lich eines Feh­lers bei der durch­gangs­ärzt­li­chen Ein­gangs­un­ter­su­chung zur Dia­gno­se­stel­lung sowie der Dia­gno­se­stel­lung selbst wird die Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Schles­wig, dass hier­für die Berufs­ge­nos­sen­schaft ein­zu­ste­hen habe, von ande­ren Mei­nun­gen im Schrift­tum geteilt 13. Dies soll auch dann gel­ten, wenn der Feh­ler in der fal­schen Dia­gno­se besteht und sich in der wei­te­ren Behand­lung durch den D‑Arzt fort­setzt. Auch in die­sem Fall stel­le er eine Fol­ge der öffent­lich­recht­li­chen Fehl­dia­gno­se dar und blei­be dem öffent­lich­recht­li­chen Bereich zuzu­ord­nen. Die durch­gangs­ärzt­li­chen Unter­su­chun­gen mit anschlie­ßen­der Dia­gno­se­stel­lung sei­en unab­ding­ba­rer und damit auch „inhalt­li­cher” Teil der öffent­lich­recht­lich gepräg­ten Ent­schei­dung des D‑Arztes über die wei­te­re Heil­be­hand­lung. Eine haf­tungs­recht­li­che Auf­spal­tung die­ses ein­heit­li­chen Ent­schei­dungs­vor­gangs sei weder inter­es­sen­ge­recht noch recht­lich über­zeu­gend. Auf­grund des inne­ren Zusam­men­hangs mit der Ent­schei­dung über das „Ob und Wie” der Heil­be­hand­lung müss­ten die dafür gel­ten­den Grund­sät­ze auch für die zur Ent­schei­dung füh­ren­den Unter­su­chun­gen zur Dia­gno­se­stel­lung und für die Dia­gno­se­stel­lung gel­ten 14.

Die­se Auf­fas­sung ist vor­zugs­wür­dig.

Nach § 34 Abs. 1 Satz 1 SGB VII haben die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger bei der Durch­füh­rung der Heil­be­hand­lung alle Maß­nah­men zu tref­fen, durch die eine mög­lichst früh­zei­tig nach dem Ver­si­che­rungs­fall ein­set­zen­de und sach­ge­mä­ße Heil­be­hand­lung und, soweit erfor­der­lich, beson­de­re unfall­me­di­zi­ni­sche oder Berufs­krank­hei­ten-Behand­lung gewähr­leis­tet wird. Schon dies spricht dafür, nicht nur die Ent­schei­dung, ob die all­ge­mei­ne oder die beson­de­re Heil­be­hand­lung erfor­der­lich ist, son­dern auch die sie vor­be­rei­ten­den Maß­nah­men als Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes zu betrach­ten 15. Maß­geb­lich für eine sol­che Zuord­nung sind aber auch inhalt­li­che Über­le­gun­gen. Durch­gangs­ärzt­li­che Unter­su­chun­gen, ins­be­son­de­re not­wen­di­ge Befund­er­he­bun­gen zur Stel­lung der rich­ti­gen Dia­gno­se und die anschlie­ßen­de Dia­gno­se­stel­lung, sind regel­mä­ßig unab­ding­ba­re Vor­aus­set­zun­gen für die Ent­schei­dung, ob eine all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung oder eine beson­de­re Heil­be­hand­lung erfol­gen soll. Ein Feh­ler in die­sem Sta­di­um wird regel­mä­ßig der Vor­ga­be des § 34 Abs. 1 Satz 1 SGB VII ent­ge­gen­ste­hen, eine mög­lichst früh­zei­tig nach dem Ver­si­che­rungs­fall ein­set­zen­de und sach­ge­mä­ße Heil­be­hand­lung zu gewähr­leis­ten. Mit­hin bil­den die Befund­er­he­bung und die Dia­gno­se­stel­lung die Grund­la­ge für die der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de, in Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes erfol­gen­de Ent­schei­dung, ob eine all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung aus­reicht oder wegen der Schwe­re der Ver­let­zung eine beson­de­re Heil­be­hand­lung erfor­der­lich ist. Dies wird auch im Streit­fall dar­an deut­lich, dass der Pati­ent wegen der behaup­te­ten feh­ler­haf­ten ers­ten Dia­gno­se als arbeits­fä­hig ange­se­hen und erst nach der Ent­schei­dung des ande­ren D‑Arztes in die dor­ti­ge unfall­chir­ur­gi­sche Kli­nik auf­ge­nom­men und am 16.03.2010 ope­riert wur­de. Die Befund­er­he­bung im Rah­men der Ein­gangs­un­ter­su­chung und die zunächst gestell­te Dia­gno­se hat sich not­wen­di­ger­wei­se auch dahin­ge­hend aus­ge­wirkt, dass die Not­wen­dig­keit der Ope­ra­ti­on und die Erfor­der­lich­keit einer beson­de­ren Heil­be­hand­lung ver­neint wur­den.

In Anbe­tracht des regel­mä­ßig gege­be­nen inne­ren Zusam­men­hangs zwi­schen der Dia­gno­se­stel­lung und den sie vor­be­rei­ten­den Maß­nah­men und der Ent­schei­dung über die rich­ti­ge Heil­be­hand­lung sind jene Maß­nah­men eben­falls der öffent­lich­recht­li­chen Auf­ga­be des D‑Arztes zuzu­ord­nen. Auch wenn die rich­ti­ge Dia­gno­se zugleich eine Bedeu­tung für die spä­te­re Heil­be­hand­lung haben kann, wäre es eine unna­tür­li­che Auf­spal­tung eines ein­heit­li­chen Lebens­vor­gangs, wenn man die­se Maß­nah­men – je nach dem Vor­trag des Pati­en­ten – zugleich als öffent­lich­recht­lich und als pri­vat­recht­lich ein­stu­fen wür­de. Im Hin­blick dar­auf, dass die vor­be­rei­ten­den Maß­nah­men zur Dia­gno­se­stel­lung und die Dia­gno­se­stel­lung durch den D‑Arzt in ers­ter Linie zur Erfül­lung sei­ner sich aus dem öffent­li­chen Amt erge­ben­den Pflich­ten vor­ge­nom­men wer­den, sind auch die­se Maß­nah­men die­sem Amt zuzu­ord­nen, mit der Fol­ge, dass die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger für etwai­ge Feh­ler in die­sem Bereich haf­ten. Soweit aus der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur „dop­pel­ten Ziel­rich­tung” 16 etwas ande­res abge­lei­tet wer­den kann, hält der Bun­des­ge­richts­hof dar­an für die vor­be­rei­ten­den Maß­nah­men zur Dia­gno­se­stel­lung und die Dia­gno­se­stel­lung nicht fest. Auf Anfra­ge hat der III. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs mit­ge­teilt, dass er an einer inso­weit etwa abwei­chen­den Auf­fas­sung 17 eben­falls nicht fest­hält 18.

Auch das Vor­brin­gen des Pati­en­ten zur Erst­ver­sor­gung führt nicht zur Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on des Durch­gangs­arz­tes.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat aller­dings ent­schie­den, dass ein von einer Berufs­ge­nos­sen­schaft bestell­ter D‑Arzt bei der ärzt­li­chen Erst­ver­sor­gung eines Unfall­ver­letz­ten nicht in Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes han­delt 19.

Im Hin­blick auf die­se Ent­schei­dung wur­de in der Recht­spre­chung ange­nom­men, der Bun­des­ge­richts­hof fas­se den Amts­pflicht­be­reich, für den nicht der D‑Arzt, son­dern der Trä­ger der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung haf­te, eng. Der D‑Arzt haf­te nicht nur für Feh­ler bei der über­nom­me­nen Heil­be­hand­lung, son­dern auch für Feh­ler bei der ärzt­li­chen Erst­ver­sor­gung. Der vom Trä­ger der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung ein­ge­setz­te D‑Arzt übe Funk­tio­nen im Rah­men sei­ner öffent­lich­recht­li­chen Bezie­hun­gen nur hin­sicht­lich der Ent­schei­dung aus, ob für den durch den Arbeits­un­fall Ver­letz­ten die all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung aus­reicht oder ob eine beson­de­re Heil­be­hand­lung zu erbrin­gen ist 20. Inso­weit sei die „dop­pel­te Ziel­rich­tung” der Tätig­keit des D‑Arztes zu beach­ten.

Auch im Schrift­tum wird hin­sicht­lich der Erst­ver­sor­gung über­wie­gend aus­ge­führt, die­se sei – wie in BGHZ 63, 265 ent­schie­den – pri­vat­recht­lich geprägt, so dass der Durch­gangs­arzt für ein feh­ler­haf­tes „Wie” der Erst­ver­sor­gung von Unfall­ver­let­zun­gen per­sön­lich haf­te 21.

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs ist eine Erst­ver­sor­gung durch den D‑Arzt der Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes zuzu­rech­nen. Auf Anfra­ge hat der III. Zivil­se­nat des Bun­des­ge­richts­hofs mit­ge­teilt, dass er an sei­ner gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung nicht fest­hält 18.

Nach § 34 Abs. 1 Satz 1 SGB VII haben die Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger – wie bereits aus­ge­führt – bei der Durch­füh­rung der Heil­be­hand­lung alle Maß­nah­men zu tref­fen, durch die eine mög­lichst früh­zei­tig nach dem Ver­si­che­rungs­fall ein­set­zen­de und sach­ge­mä­ße Heil­be­hand­lung und, soweit erfor­der­lich, beson­de­re unfall­me­di­zi­ni­sche oder Berufs­krank­hei­ten-Behand­lung gewähr­leis­tet wird. Dabei han­delt es sich um eine öffent­lich­recht­li­che Pflicht. Die Ein­zel­hei­ten wer­den in einem Ver­trag zwi­schen der Deut­schen Gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung, dem Spit­zen­ver­band der land­wirt­schaft­li­chen Sozi­al­ver­si­che­rung und der kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung gere­gelt (Ver­trag gemäß § 34 Abs. 3 SGB VII, hier: Ver­trag 2008). Gemäß § 27 Abs. 1 SGB VII umfasst die Heil­be­hand­lung ins­be­son­de­re die Erst­ver­sor­gung (Nr. 1) sowie die ärzt­li­che Behand­lung und zahn­ärzt­li­che Behand­lung (Nr. 2, 3). In § 6 (Heil­be­hand­lung) des Ver­trags 2008 wird auf die gesetz­li­che Ver­pflich­tung nach § 34 Abs. 1 Satz 1 SGB VII hin­ge­wie­sen. Zudem heißt es, bei Arbeits­un­fäl­len wird die Heil­be­hand­lung als all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung oder als beson­de­re Heil­be­hand­lung durch­ge­führt. Gemäß §§ 10, 11 des Ver­trags 2008 wird die Heil­be­hand­lung grund­sätz­lich als all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung erbracht. Zur Ein­lei­tung beson­de­rer Heil­be­hand­lung berech­tigt sind nur der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger, der Durch­gangs­arzt oder in beson­de­ren Fäl­len der H‑Arzt oder Hand­chir­urg. Gemäß § 9 des Ver­trags 2008 umfasst die Erst­ver­sor­gung die ärzt­li­chen Leis­tun­gen, die den Rah­men des sofort Not­wen­di­gen nicht über­schrei­ten.

Das berufs­ge­nos­sen­schaft­li­che Heil­ver­fah­ren wird beherrscht von dem Grund­satz, bei den Ver­let­zungs­fol­gen, die eine fach­ärzt­li­che Ver­sor­gung erfor­dern, mög­lichst in unmit­tel­ba­rem zeit­li­chem Anschluss an den Unfall eine Ver­sor­gung durch den beson­ders qua­li­fi­zier­ten D‑Arzt sicher­zu­stel­len 22. Des­halb wird der Ver­letz­te ver­pflich­tet, zunächst zum D‑Arzt zu gehen, der ent­schei­den muss, wel­che Art der Wei­ter­be­hand­lung erfol­gen soll, und auch die sofort not­wen­di­ge Erst­ver­sor­gung durch­zu­füh­ren hat. Bei­des hat sei­ne Grund­la­ge in der Ver­pflich­tung der Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten, eine schnel­le und sach­ge­mä­ße Heil­be­hand­lung zu gewähr­leis­ten 23. Da der D‑Arzt regel­mä­ßig in engem räum­li­chem und zeit­li­chem Zusam­men­hang mit der Ent­schei­dung über das „Ob” und „Wie” der Heil­be­hand­lung und der die­se vor­be­rei­ten­den Maß­nah­men auch als Erst­ver­sor­ger tätig wird, sind bei die­ser Tätig­keit unter­lau­fen­de Behand­lungs­feh­ler der Berufs­ge­nos­sen­schaft zuzu­rech­nen. Denn die­se Tätig­kei­ten gehen inein­an­der über, kön­nen nicht sinn­voll aus­ein­an­der gehal­ten wer­den und stel­len auch aus Sicht des Geschä­dig­ten einen ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang dar, der nicht in haf­tungs­recht­lich unter­schied­li­che Tätig­keits­be­rei­che auf­ge­spal­tet wer­den kann 24.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die ärzt­li­che Heil­be­hand­lung regel­mä­ßig nicht Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes im Sin­ne von Art. 34 GG ist. Die Erst­ver­sor­gung wird in § 27 Abs. 1 Nr. 1 SGB VII getrennt von der ärzt­li­chen und zahn­ärzt­li­chen Behand­lung auf­ge­führt. Dies gilt auch für die §§ 6, 9, 10, 11 des Ver­trags 2008, wonach bei Arbeits­un­fäl­len die Heil­be­hand­lung als all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung oder als beson­de­re Heil­be­hand­lung durch­ge­führt und die Erst­ver­sor­gung davon unter­schie­den wird. Dies ist ein Indiz, dass an sie ande­re Rechts­fol­gen geknüpft wer­den kön­nen als an die nach der Erst­ver­sor­gung fol­gen­den ärzt­li­chen Behand­lun­gen 25.

Die Betrach­tung der von dem D‑Arzt zu tref­fen­den Maß­nah­men als ein­heit­li­cher Lebens­vor­gang ver­mei­det die in der Pra­xis beklag­ten Schwie­rig­kei­ten bei der Bestim­mung der Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on. Denn in dem Durch­gangs­arzt­be­richt doku­men­tiert der D‑Arzt selbst die „Art der Erst­ver­sor­gung (durch den D‑Arzt)”.

Soweit die Revi­si­on gel­tend macht, der dem­Durch­gangs­arzt zuzu­rech­nen­de Feh­ler lie­ge auch dar­in, dass der Pati­ent als arbeits­fä­hig beur­teilt wor­den sei, kommt dem kei­ne eigen­stän­di­ge Bedeu­tung zu. Die­se Beur­tei­lung folgt zwangs­läu­fig aus den hin­sicht­lich der Dia­gno­se und Erst­ver­sor­gung behaup­te­ten Behand­lungs­feh­lern.

Auch der Umstand, dass die Behand­lung in der Ambu­lanz durch eine Ärz­tin erfolg­te, durch die sich der D‑Arzt in sei­ner Funk­ti­on als D‑Arzt ver­tre­ten ließ, ohne dass sie zur stän­di­gen Ver­tre­te­rin des D‑Arztes bestellt wor­den war, führt nicht zur Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on des Durch­gangs­arz­tes. Denn die Tätig­keit der Ver­tre­te­rin ist der Berufs­ge­nos­sen­schaft zuzu­rech­nen. Der D‑Arzt ließ sie näm­lich im Rah­men des ihm von der Berufs­ge­nos­sen­schaft anver­trau­ten öffent­li­chen Amtes tätig wer­den und die damit ver­bun­de­nen Befug­nis­se wahr­neh­men. Dass der D‑Arzt ent­ge­gen § 24 Abs. 3 des Ver­trags 2008 die Tätig­keit nicht per­sön­lich aus­ge­übt hat und die Ärz­tin auch nicht nach § 24 Abs. 4 des Ver­trags 2008 zur stän­di­gen Ver­tre­te­rin des D‑Arztes bestellt war, ist nicht hin­sicht­lich der Pas­siv­le­gi­ti­ma­ti­on, son­dern nur im Innen­ver­hält­nis des Durch­gangs­arz­tes zum Unfall ver­si­che­rungs­trä­ger für einen etwai­gen eige­nen Regress­an­spruch des Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gers von Bedeu­tung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Novem­ber 2016 – VI ZR 208/​15

  1. Auf­ga­be der Recht­spre­chung zur „dop­pel­ten Ziel­rich­tung”, vgl. BGH, Urteil vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, BGHZ 179, 115 Rn. 23; BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 273 f.
  2. Auf­ga­be BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, BGHZ 179, 115 Rn. 14; vom 09.03.2010 – VI ZR 131/​09, VersR 2010, 768 Rn. 8; vom 21.01.2014 – VI ZR 78/​13, VersR 2014, 374 Rn. 15; BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 270 f.
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.06.1994 – VI ZR 153/​93, BGHZ 126, 297, 301; vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, aaO; vom 09.03.2010 – VI ZR 131/​09, aaO; BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, aaO, 271 f.
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 28.06.1994 – VI ZR 153/​93, aaO, 300; vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, aaO Rn. 17; vom 09.03.2010 – VI ZR 131/​09, aaO Rn. 9; BGH, Beschluss vom 04.03.2008 – VI ZR 101/​07, juris; BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, aaO, 272 ff.
  6. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.2010 – VI ZR 131/​09, aaO Rn. 12; soge­nann­te Nach­schau gemäß § 29 Abs. 1 des gemäß § 34 Abs. 3 SGB VII abge­schlos­se­nen Ver­trags, bei dem im Streit­fall die ab 1.04.2008 gel­ten­de Fas­sung maß­geb­lich ist, ver­öf­fent­licht in DÄ 2008, A 285 [künf­tig: Ver­trag 2008]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, BGHZ 179, 115 Rn. 17; und vom 09.03.2010 – VI ZR 131/​09, VersR 2010, 768 Rn. 10
  8. dop­pel­te Ziel­rich­tung”; vgl. BGH, Urteil vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, BGHZ 179, 115 Rn. 23; BGH, Beschluss vom 04.03.2008 – VI ZR 101/​07 1; BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 273 f.
  9. vgl. OLG Bre­men, MedR 2010, 502, 503; OLG Hamm, GesR 2010, 137 18 ff.; OLG Olden­burg, VersR 2010, 1654 33 ff.
  10. vgl. OLG Schles­wig, GesR 2007, 207; LG Karls­ru­he, MedR 2006, 728; wohl auch LG Dres­den, MedR 2016, 71, 72 f.
  11. vgl. Schla­e­ger, Die BG 2008, 19, 21 und ZAP Fach 2, 523, 524 ff.; Spickhoff/​Greiner, Medi­zin­recht, 2. Aufl., Kap. 70 Rn. 357; Zieg­ler, GesR 2014, 65, 69
  12. vgl. Schla­e­ger, aaO; Zieg­ler, aaO
  13. vgl. Frahm/​Nixdorf/​Walter, Arzt­haf­tungs­recht, 5. Aufl., Rn. 5; Jor­zig, GesR 2009, 400, 404; Mar­tis/Wink­hart-Mar­tis, Arzt­haf­tungs­recht, 3. Aufl., A 487; HK-AKM-Lis­sel, 1540, Stich­wort: D‑Arzt [Mai 2015], Rn. 28; Nuß­stein, VersR 2015, 165, 166 f.; Olzen, MedR 2002, 132, 135, 137; Olzen/​Kaya, MedR 2010, 504, 505; Wank, SGb 1995, 316, 317
  14. vgl. Frahm/​Nixdorf/​Walter, aaO S. 12 mwN; HK-AKM-Lis­sel, aaO; Olzen, MedR 2002, 132, 137; Wank, SGb 1995, 316, 317
  15. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 272
  16. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 2008 – VI ZR 277/​07, BGHZ 179, 115 Rn. 23; BGH, Beschluss vom 04.03.2008 – VI ZR 101/​07 1
  17. vgl. BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 273 f.
  18. BGH, Beschluss vom 10.11.2016 – III ARZ 2/​16
  19. BGH, Urteil vom 09.12 1974 – III ZR 131/​72, BGHZ 63, 265, 273 f.
  20. vgl. OLG Bre­men MedR 2010, 502, 503; OLG Hamm, GesR 2010, 137 18 ff. und OLGR Hamm 2004, 269; OLG Mün­chen, AHRS 0180/​111
  21. vgl. Frahm/​Nixdorf/​Walter, Arzt­haf­tungs­recht, 5. Aufl. Rn. 5; HK-AKM-Lis­sel, 1540, Stich­wort: Durch­gangs­arzt [Mai 2015], Rn. 29; Laufs/​Kern/​Kern, Hand­buch des Arzt­rechts, 4. Aufl., Kap. 39 Rn. 38; Olzen/​Kaya, MedR 2010, 504 f.; Pau­ge, Arzt­haf­tungs­recht, 13. Aufl., Rn. 13; Spickhoff/​Greiner, Medi­zin­recht, 2. Aufl., Kap. 70 Rn. 357; aA Kreft, LM Art. 34 GG Nr. 99a, Bl. 70, 71 f.; Klaus Mül­ler, SGb 1975, 511 f.; Nuß­stein, VersR 2015, 165, 166 f.; Wol­ber, Die Sozi­al­ver­si­che­rung 1982, 263, 264
  22. vgl. Lauterbach/​Dahm, UV-SGB VII [Janu­ar 2015], § 34 Rn. 4
  23. vgl. Kreft, aaO; Klaus Mül­ler, aaO, 511
  24. vgl. Kreft, aaO; Nuß­stein, aaO, 167
  25. vgl. Nuß­stein, aaO, 166