Der Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag an das fal­sche Gericht

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te trägt die Ver­ant­wor­tung dafür, dass eine frist­wah­ren­de Pro­zess­hand­lung vor dem zustän­di­gen Gericht vor­ge­nom­men wird 1. Das umfasst die Pflicht, einen Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag dar­auf zu über­prü­fen, ob er an das zustän­di­ge Gericht adres­siert ist, und even­tu­ell feh­ler­haf­te Anga­ben zu berich­ti­gen. Ins­be­son­de­re muss dem Rechts­an­walt auf­fal­len, wenn ein für ihn vor­be­rei­te­ter Antrag auf Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist an das Gericht gerich­tet ist, des­sen Ent­schei­dung ange­foch­ten wer­den soll 2.

Der Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag an das fal­sche Gericht

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten hat die­se Pflich­ten schuld­haft ver­letzt, als er den Ver­län­ge­rungs­an­trag unge­prüft unter­schrie­ben in den wei­te­ren Geschäfts­gang gege­ben hat.

Die­se schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung für die Frist­ver­säu­mung kau­sal gewor­den ist. Die­se Kau­sa­li­tät ent­fällt auch nicht etwa des­halb, weil den Mit­ar­bei­tern im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten die unmiss­ver­ständ­li­che Wei­sung erteilt wor­den sei, nach Absen­dung eines Antrags auf Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist anhand der im Rechts­an­walts­bü­ro geführ­ten Beru­fungs­ak­te das Beru­fungs­ge­richt zu ermit­teln und dort tele­fo­nisch nach­zu­fra­gen, ob die bean­trag­te Frist­ver­län­ge­rung gewährt sei.

Durch die Miss­ach­tung die­ser Anwei­sung ist der in der Unter­zeich­nung des Frist­ver­län­ge­rungs­an­trags ohne inhalt­li­che Prü­fung lie­gen­de Ver­schul­dens­bei­trag des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten für das Frist­ver­säum­nis nicht voll­stän­dig ent­fal­len. Das hin­zu­tre­ten­de Fehl­ver­hal­ten der Sekre­tä­rin konn­te die Pflicht­ver­let­zung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten und sei­nen jeden­falls mit­ur­säch­li­chen Bei­trag für die Unzu­läs­sig­keit des Rechts­mit­tels nicht nach den Grund­sät­zen der soge­nann­ten über­ho­len­den Kau­sa­li­tät besei­ti­gen.

Die Anfer­ti­gung von zur Frist­wah­rung bestimm­ten Schrift­sät­zen gehört ein­schließ­lich der Anga­be des zustän­di­gen Gerichts zu den Geschäf­ten, die ein Rechts­an­walt nicht sei­nem Büro­per­so­nal über­las­sen darf, ohne das Arbeits­er­geb­nis auf sei­ne Rich­tig­keit und Voll­stän­dig­keit zu über­prü­fen. Die Anga­be des Beru­fungs­ge­richts ist mit­hin ein nicht dele­gier­ba­rer Kern­be­stand­teil des Antrags auf Ver­län­ge­rung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist und muss vom unter­zeich­nen­den Rechts­an­walt grund­sätz­lich selbst kon­trol­liert wer­den 3.

Dar­an ändert die den Büro­kräf­ten erteil­te Wei­sung, den Ein­gang der Schrift­sät­ze bei Gericht zu kon­trol­lie­ren, nichts.

Die Ver­ant­wor­tung eines Rechts­an­walts für den ver­spä­te­ten Ein­gang eines infol­ge man­geln­der Über­prü­fung falsch adres­sier­ten Schrift­sat­zes wird nicht dadurch besei­tigt, dass nicht­an­walt­li­che Büro­mit­ar­bei­ter nach­fol­gend durch wei­sungs­wid­ri­ges Ver­hal­ten ihrer­seits Kon­troll­pflich­ten ver­let­zen und so zur Unzu­läs­sig­keit eines Rechts­mit­tels mit bei­tra­gen. Wie­der­ein­set­zung kann nicht gewährt wer­den, wenn neben den vom Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­schul­de­ten Umstän­den ande­re von ihm nicht ver­schul­de­te mit­ge­wirkt haben 4. Für die Kau­sa­li­tät zwi­schen schuld­haf­ter Pflicht­ver­let­zung und Frist­ver­säu­mung, die eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand aus­schließt, genügt Mit­ur­säch­lich­keit 4.

Auf eine "über­ho­len­de" Kau­sa­li­tät des nach­fol­gen­den Fehl­ver­hal­tens der Sekre­tä­rin ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten kann sich die Par­tei nicht beru­fen.

Etwas ande­res ergibt sich auch nicht aus Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs, denen zugrun­de lag, dass anwalt­li­che Schrift­sät­ze ohne Unter­schrift des Ver­fas­sers an das jewei­li­ge Gericht ver­sandt wor­den waren. Für einen sol­chen Fall hat etwa der Bun­des­ge­richts­hof im Beschluss vom 12.12 1984 5 ein recht­lich zure­chen­ba­res Ver­schul­den des Rechts­an­walts ver­neint, weil er durch eine all­ge­mei­ne Anwei­sung an sei­ne Ange­stell­ten, sämt­li­che aus­ge­hen­den Schrift­sät­ze dar­auf zu kon­trol­lie­ren, ob sie ord­nungs­ge­mäß unter­schrie­ben sei­en, aus­rei­chen­de Vor­sor­ge dafür getrof­fen habe, dass bei nor­ma­lem Ver­lauf der Din­ge die in jenem Fall ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist trotz ver­se­hent­li­cher Nicht­un­ter­zeich­nung der Beru­fungs­be­grün­dung "mit Sicher­heit" gewahrt wor­den wäre 6.

Ob dem zu fol­gen ist 7, kann offen blei­ben. Jeden­falls las­sen sich – wie bereits der Bun­des­ge­richts­hof in der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung vom 12.12 1984 dar­ge­legt hat – die für eine feh­len­de Anwalts­un­ter­schrift auf­ge­stell­ten Grund­sät­ze nicht auf Fäl­le wie den vor­lie­gen­den über­tra­gen, in wel­chen der Anwalt die allein ihm oblie­gen­de inhalt­li­che Schrift­satz­kon­trol­le ver­nach­läs­sigt. Dies­be­züg­lich kann er sich nicht durch büro­or­ga­ni­sa­to­ri­sche Maß­nah­men voll­stän­dig ent­las­ten, weil es nicht um eine "rein äußer­li­che tech­ni­sche Über­prü­fung" 8 geht.

Aus die­sem Grun­de kommt es hier auch nicht dar­auf an, mit wel­chem Grad von Sicher­heit die Ver­säu­mung der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist ver­mie­den wor­den wäre, wenn die Sekre­tä­rin des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten die ihr erteil­te Anwei­sung beach­tet hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss des IV. Zivil­se­nats vom 5. Febru­ar 2014 – IV ZB 32/​13

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 11.05.2011 – IV ZB 2/​11, AnwBl.2011, 865 Rn. 8 m.w.N. und stän­dig[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 11.05.2011 aaO m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 11.05.2011 aaO Rn. 11 m.w.N. und stän­dig[]
  4. BGH, Beschluss vom 11.05.2011 aaO Rn. 14 m.w.N.[][]
  5. BGH, Beschluss vom 12.12.1984 – IVb ZB 103/​84, NJW 1985, 1226 unter – II 2[]
  6. vgl. auch BGH, Urteil vom 06.12 1995 – VIII ZR 12/​95, NJW 1996, 998 unter – II 2 b; Beschlüs­se vom 15.02.2006 XII ZB 215/​05, NJW 2006, 1205 Rn. 9; vom 01.06.2006 – III ZB 134/​05, NJW 2006, 2414 Rn. 5, jeweils m.w.N.[]
  7. zwei­felnd schon BGH, Beschluss vom 18.04.2000 – XI ZB 1/​00, NJW 2000, 2511 unter – II 2 b, bb[]
  8. BGH, Beschluss vom 18.04.2000 aaO[]