Der gebraucht gekauf­te Die­sel – und das Software-Update

Der Bun­des­ge­richts­hof hat­te sich erneut mit der Haf­tung eines Auto­mo­bil­her­stel­lers nach § 826 BGB gegen­über dem Käu­fer des Fahr­zeugs in einem soge­nann­ten Die­sel­fall zu befas­sen. Kon­kret ging es um den Ver­kauf eines Gebraucht­wa­gens sowie um die vom Bun­des­ge­richts­hof ver­nein­te Fra­ge, ob ein bei dem Die­sel­PKW durch­ge­führ­tes Soft­ware-Update den Scha­den ent­fal­len lässt.

Der gebraucht gekauf­te Die­sel – und das Software-Update

Der Aus­gangs­fall: der gekauf­te VW Pas­sat 2.0 TDI

Dem zugrun­de lag ein Fall aus Mainz, in dem der Käu­fer im Juni 2012 von einem Auto­haus einen gebrauch­ten VW Pas­sat 2.0 TDI zum Kauf­preis von 26.900 € erwarb. Das Fahr­zeug ist mit einem von der beklag­ten Volks­wa­gen AG her­ge­stell­ten TDI-Die­sel­mo­tor der Bau­rei­he EA189 aus­ge­stat­tet. Zum Zeit­punkt des Erwerbs ent­hielt die­ser eine Steue­rungs­soft­ware, die erkann­te, ob das Fahr­zeug auf einem Prüf­stand den Neu­en Euro­päi­schen Fahr­zy­klus durch­lief oder sich im nor­ma­len Stra­ßen­ver­kehr befand. Im Prüf­stands­be­trieb bewirk­te die Soft­ware eine im Ver­gleich zum Nor­mal­be­trieb erhöh­te Abgas­rück­füh­rungs­ra­te, wodurch die Grenz­wer­te für Stick­oxid­emis­sio­nen der Abgas­norm Euro 5 auf dem Prüf­stand ein­ge­hal­ten wer­den konn­ten. Nach­dem das Kraft­fahrt­bun­des­amt die­se Abgas­steue­rung als unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung ein­ge­stuft hat­te, rief die Volks­wa­gen AG Fahr­zeu­ge mit Moto­ren der Bau­rei­he EA189 zurück, um eine geän­der­te Soft­ware auf­zu­spie­len. Das Fahr­zeug des Auto­käu­fers wur­de im Sep­tem­ber 2016 nachgerüstet.

Mit sei­ner Kla­ge ver­langt der Auto­käu­fer Scha­dens­er­satz in Höhe des Kauf­prei­ses zuzüg­lich der Finan­zie­rungs­kos­ten und abzüg­lich der gezo­ge­nen Nut­zungs­vor­tei­le nebst Zin­sen Zug um Zug gegen Über­ga­be und Über­eig­nung des Fahr­zeugs, Fest­stel­lung des Annah­me­ver­zugs, Zah­lung vor­ge­richt­li­cher Rechts­an­walts­kos­ten und Fest­stel­lung, dass dem Auto­käu­fer wei­te­re Schä­den zu erset­zen sind, die ihm aus der Mani­pu­la­ti­on des Motors oder ent­spre­chen­den Behe­bungs­maß­nah­men am Fahr­zeug entstehen.

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Die Ent­schei­dun­gen der Gerichte

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Mainz hat die zunächst sowohl gegen die Auto­händ­le­rin wie auch gegen die Volks­wa­gen AG erho­be­ne Kla­ge abge­wie­sen1. Die nur gegen den beklag­ten Fahr­zeug­her­stel­ler, die Volks­wa­gen AG, geführ­te Beru­fung des Auto­käu­fers hat das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz zurück­ge­wie­sen2. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. § 263 Abs. 1 StGB kom­me schon des­halb nicht in Betracht, befand das OLG Koblenz, weil der Auto­käu­fer ein gebrauch­tes Fahr­zeug erwor­ben habe und es daher an den tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Anspruchs feh­le. Ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 823 Abs. 2 BGB i.V.m. euro­pa­recht­li­chen Vor­schrif­ten schei­te­re dar­an, dass die betref­fen­den euro­pa­recht­li­chen Nor­men kei­nen indi­vi­du­al­schüt­zen­den Cha­rak­ter hät­ten und damit kei­ne Schutz­ge­set­ze sei­en. Es lägen auch die Vor­aus­set­zun­gen für einen Scha­dens­er­satz­an­spruch nach § 826 BGB nicht vor. Denn der Volks­wa­gen AG kön­ne ein sit­ten­wid­ri­ges Ver­hal­ten nur beim erst­ma­li­gen Inver­kehr­brin­gen eines Neu­wa­gens vor­ge­wor­fen wer­den, nicht aber beim Wei­ter­ver­kauf als Gebraucht­wa­gen. Nur beim Ver­kauf eines Neu­wa­gens flie­ße der Volks­wa­gen AG ein wirt­schaft­li­cher Vor­teil zu. Des­halb kön­ne nicht davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass die Volks­wa­gen AG gegen­über dem Auto­käu­fer mit ver­werf­li­chem Gewinn­stre­ben und damit sit­ten­wid­rig gehan­delt habe. Der Scha­den des Auto­käu­fers, der im Erhalt eines man­gel­haf­ten, mit der Unter­sa­gung des Betriebs bedroh­ten Fahr­zeugs gele­gen habe, das objek­tiv den für ein man­gel­frei­es Fahr­zeug gezahl­ten Kauf­preis nicht wert gewe­sen sei, sei im Übri­gen nach dem Auf­spie­len des Soft­ware-updates ent­fal­len. Schließ­lich sei­en im Rah­men des § 826 BGB nur sol­che Schä­den ersatz­pflich­tig, die auch in den Schutz­be­reich des ver­letz­ten Ge- oder Ver­bots fie­len. Die euro­pa­recht­li­chen Vor­schrif­ten, gegen die die Volks­wa­gen AG ver­sto­ßen haben könn­te, hät­ten aber kei­nen indi­vi­du­al­schüt­zen­den Charakter.

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Mit der vom Ober­lan­des­ge­richt Koblenz zuge­las­se­nen Revi­si­on ver­folgt der Auto­käu­fer sein Kla­ge­ziel gegen die Volks­wa­gen AG wei­ter und erhielt nun vom Bun­des­ge­richts­hof Recht; mit der Begrün­dung des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz kann ein Scha­dens­er­satz­an­spruch des Auto­käu­fers wegen vor­sätz­li­cher sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung aus § 826 BGB nicht ver­neint werden:

Haf­tung wegen sit­ten­wid­ri­ger Schä­di­gung gegen­über dem Gebrauchtwagenkäufer

Der Auto­käu­fer wen­det sich mit Erfolg gegen die Annah­me des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz, ein Anspruch aus § 826 BGB schei­te­re bereits dar­an, dass er das von der Volks­wa­gen AG her­ge­stell­te Fahr­zeug als Gebraucht­wa­gen gekauft habe.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat im Urteil vom 25.05.20203 auf der Grund­la­ge der im dor­ti­gen Ver­fah­ren getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen aus­ge­führt, dass und war­um das Ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG im Zusam­men­hang mit dem Inver­kehr­brin­gen der mit der Mani­pu­la­ti­ons­soft­ware ver­se­he­nen Moto­ren auch gegen­über Gebraucht­wa­gen­käu­fern als mit­tel­bar Geschä­dig­ten objek­tiv sit­ten­wid­rig war4. Unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen trifft die Volks­wa­gen AG das Unwert­ur­teil, sit­ten­wid­rig gehan­delt zu haben, im Hin­blick auf die Schä­di­gung aller unwis­sen­den Käu­fer der bema­kel­ten Fahr­zeu­ge5. Das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz hat auf­grund der rechts­feh­ler­haf­ten Annah­me, dass ein sit­ten­wid­ri­ges Ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG gegen­über einem Gebraucht­wa­gen­käu­fer von vorn­her­ein aus­schei­de, zur Fra­ge des haf­tungs­be­grün­den­den Tat­be­stands des § 826 BGB kei­ne wei­te­ren Fest­stel­lun­gen getroffen.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Koblenz fällt der vom Auto­käu­fer gel­tend gemach­te Scha­den nach Art und Ent­ste­hungs­wei­se unter den Schutz­zweck des § 826 BGB. Auf den Schutz­zweck der §§ 6, 27 Abs. 1 EGFGV und der zur voll­stän­di­gen Har­mo­ni­sie­rung der tech­ni­schen Anfor­de­run­gen für Fahr­zeu­ge erlas­se­nen Rechts­ak­te der Euro­päi­schen Uni­on kommt es im Rah­men des Scha­dens­er­satz­an­spruchs aus § 826 BGB, anders als das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz meint, nicht an6.

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Scha­den trotz Soft­ware-Update für den TDI-Motor

Das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz hat wei­ter rechts­feh­ler­haft ange­nom­men, dass ein Scha­den ent­fal­len sei, weil die vom Auto­käu­fer gerüg­te Beein­träch­ti­gung die ille­ga­le Abschalt­ein­rich­tung durch das im Sep­tem­ber 2016 durch­ge­führ­te Soft­ware­Up­date besei­tigt wor­den sei.

Wird jemand durch ein haf­tungs­be­grün­den­des Ver­hal­ten zum Abschluss eines Ver­tra­ges gebracht, den er sonst nicht geschlos­sen hät­te, kann er auch bei objek­ti­ver Wert­hal­tig­keit von Leis­tung und Gegen­leis­tung dadurch einen Ver­mö­gens­scha­den erlei­den, dass die Leis­tung für sei­ne Zwe­cke nicht voll brauch­bar ist. Der Geschä­dig­te muss sich von die­ser auf einem sit­ten­wid­ri­gen Ver­hal­ten beru­hen­den Belas­tung mit einer „unge­woll­ten“ Ver­pflich­tung wie­der befrei­en kön­nen. Schon eine sol­che Ver­pflich­tung stellt einen gemäß § 826 BGB zu erset­zen­den Scha­den dar7. Die­ser Scha­den ent­fällt nicht dadurch, dass sich der Wert oder Zustand des Ver­trags­ge­gen­stan­des nach­träg­lich ver­än­dert. Das Auf­spie­len eines Soft­ware-Updates führt nicht dazu, dass der unge­woll­te Ver­trags­schluss rück­wir­kend zu einem gewoll­ten wird8.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Mai 2021 – VI ZR 452/​19

  1. LG Mainz, Urteil vom 08.02.2019 9 O 83/​19[]
  2. OLG Koblenz, Urteil vom 07.11.2019 1 u 247/​19, Beck­RS 2019, 42803[]
  3. BGH, Urteil vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 16 ff.[]
  4. vgl. auch BGH, Urtei­le vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, NJW 2020, 2798 Rn. 33; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, NJW 2020, 2804 Rn. 12 f.; und vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn. 12 f.[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 25; vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, NJW 2020, 2804 Rn. 13; und vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2021, 368 Rn. 13[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 26.01.2021 – VI ZR 405/​19, ZIP 2020, 368 Rn. 24 mwN[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 25.05.2020 – VI ZR 252/​19, BGHZ 225, 316 Rn. 45 f., 58 mwN[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 30.07.2020 – VI ZR 367/​19, ZIP 2020, 1763 Rn. 22[]