Der grob fahr­läs­si­ge Unfall mit dem Miet­wa­gen

Ist der in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen eines gewerb­li­chen Kfz-Ver­mie­ters vor­ge­se­he­ne Haf­tungs­vor­be­halt für Fäl­le gro­ber Fahr­läs­sig­keit wegen Ver­sto­ßes gegen § 307 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB unwirk­sam, fin­det die Rege­lung des § 81 Abs. 2 VVG ent­spre­chen­de Anwen­dung 1.

Der grob fahr­läs­si­ge Unfall mit dem Miet­wa­gen

Der Haf­tungs­vor­be­halt in den AGB des Auto­ver­mie­ters[↑]

Der in den All­ge­mei­nen Ver­miet­be­din­gun­gen der Auto­ver­mie­te­rin vor­ge­se­he­ne Haf­tungs­vor­be­halt für Fäl­le gro­ber Fahr­läs­sig­keit ist wegen Ver­sto­ßes gegen § 307 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB unwirk­sam, denn die­se Klau­sel weicht von wesent­li­chen Grund­ge­dan­ken der hier maß­geb­li­chen gesetz­li­chen Rege­lung über die Fahr­zeug­voll­ver­si­che­rung ab und ist mit die­sen nicht zu ver­ein­ba­ren.

Ver­ein­ba­ren die Par­tei­en eines gewerb­li­chen Kraft­fahr­zeug­miet­ver­tra­ges gegen Ent­gelt eine Haf­tungs­re­du­zie­rung für den Mie­ter nach Art der Voll­kas­ko­ver­si­che­rung mit Selbst­be­tei­li­gung, so darf die­ser näm­lich dar­auf ver­trau­en, dass die Reich­wei­te des miet­ver­trag­lich ver­ein­bar­ten Schut­zes im Wesent­li­chen dem Schutz ent­spricht, den er als Eigen­tü­mer des Kraft­fahr­zeu­ges und als Ver­si­che­rungs­neh­mer in der Fahr­zeug­voll­ver­si­che­rung genie­ßen wür­de. Nur bei Ein­räu­mung die­ses Schut­zes genügt der gewerb­li­che Ver­mie­ter von Kraft­fahr­zeu­gen sei­ner aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben erwach­se­nen Ver­pflich­tung, schon bei der Fest­le­gung sei­ner All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen die Inter­es­sen künf­ti­ger Ver­trags­part­ner ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen 2.

In der Fahr­zeug­voll­ver­si­che­rung ist – wie auch sonst im Ver­si­che­rungs­ver­trags­recht – eine Ver­trags­be­stim­mung in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen, wonach der Ver­si­che­rungs­neh­mer voll haf­tet, wenn er den Ver­si­che­rungs­fall grob fahr­läs­sig her­bei­führt, regel­mä­ßig gemäß § 307 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Nr. 1 BGB unwirk­sam 3. Dies gilt hin­sicht­lich der Haf­tung des grob fahr­läs­sig han­deln­den berech­tig­ten Fah­rers, der nicht Mie­ter ist, glei­cher­ma­ßen jeden­falls dann, wenn des­sen Haf­tungs­frei­stel­lung – wie hier – in den All­ge­mei­nen Ver­mie­tungs­be­din­gun­gen aus­drück­lich vor­ge­se­hen ist 4.

Haf­tungs­frei­stel­lung ana­log zur Kas­ko­ver­si­che­rung[↑]

An die Stel­le der unwirk­sa­men Klau­sel über den Haf­tungs­vor­be­halt tritt der Grund­ge­dan­ke der gesetz­li­chen Rege­lung des § 81 Abs. 2 VVG.

Ist eine Klau­sel in All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen nicht Ver­trags­be­stand­teil gewor­den oder unwirk­sam, sind vor­ran­gig die gesetz­li­chen Vor­schrif­ten als eine kon­kre­te Ersatz­re­ge­lung in Betracht zu zie­hen (vgl. § 306 Abs. 2 BGB). Ist eine All­ge­mei­ne Ver­si­che­rungs­be­din­gung nicht Ver­trags­be­stand­teil gewor­den, so tre­ten an ihre Stel­le die Rege­lun­gen des Ver­si­che­rungs­ver­trags­ge­set­zes 5. Das gilt ent­spre­chend für die Haf­tungs­frei­stel­lung bei der gewerb­li­chen Kraft­fahr­zeug­ver­mie­tung, die sich am Leit­bild der Fahr­zeug­ver­si­che­rung zu ori­en­tie­ren hat 6.

Im Fall einer ungül­ti­gen All­ge­mei­nen Ver­si­che­rungs­be­din­gung über die grob fahr­läs­si­ge Her­bei­füh­rung des Ver­si­che­rungs­falls käme nach § 306 Abs. 2 BGB die Rege­lung des § 81 Abs. 2 VVG zur Anwen­dung 7. Da der Um-fang der miet­ver­trag­li­chen Haf­tungs­frei­stel­lung am Leit­bild der Kas­ko­ver­si­che­rung aus­zu­rich­ten ist, fin­det auch hier die Rege­lung des § 81 Abs. 2 VVG ent­spre­chen­de Anwen­dung. Mit die­ser Norm steht für die Fra­ge des Maßes der Haf­tung eine Vor­schrift des dis­po­si­ti­ven Rechts zur Ver­fü­gung, die geeig­net ist, die infol­ge der Unwirk­sam­keit der Klau­sel ent­ste­hen­de Lücke zu schlie­ßen. Im Fall einer miet­ver­trag­li­chen Haf­tungs­frei­stel­lung ist der Ver­mie­ter, der eine unwirk­sa­me Klau­sel ver­wen­det, dem Ver­si­che­rer gleich­zu­stel­len.

So wie der Ver­si­che­rer gemäß § 81 Abs. 2 VVG berech­tigt ist, sei­ne Leis­tung in einem der Schwe­re des Ver­schul­dens des Ver­si­che­rungs­neh­mers ent­spre­chen­den Ver­hält­nis zu kür­zen, wenn die­ser den Ver­si­che­rungs­fall grob fahr­läs­sig her­bei­führt 8, rich­tet sich auch das Maß der Haf­tung des Mie­ters und des berech­tig­ten Fah­rers eines von einem gewerb­li­chen Ver­mie­ter ange­mie­te­ten Kraft­fahr­zeugs im Fal­le grob fahr­läs­si­ger Scha­dens­ver­ur­sa­chung nach der Schwe­re des Fahr­läs­sig­keits­vor­wurfs. Eine voll­stän­di­ge Haf­tungs­frei­stel­lung erfolgt in Anleh­nung an die in § 81 Abs. 2 VVG getrof­fe­ne Rege­lung grund­sätz­lich nicht. Zwar bewegt sich dort der Rah­men der zuläs­si­gen Kür­zung in einem Bereich von 0 % bis 100 %, doch kommt eine Kür­zungs­quo­te von weni­ger als 10 % prak­tisch nicht in Betracht 9.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on kann die infol­ge der Unwirk­sam­keit der Klau­sel ent­stan­de­ne Ver­trags­lü­cke nicht dahin­ge­hend geschlos­sen wer­den, dass in Fäl­len grob fahr­läs­si­ger Scha­dens­her­bei­füh­rung stets eine voll­stän­di­ge Haf­tungs­frei­stel­lung erfolgt und eine Aus­nah­me davon nur für Alko­hol­fahr­ten und Dieb­stahl anzu­neh­men ist. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob sich zum Zeit­punkt der Anmie­tung des Fahr­zeugs auf dem Markt der Voll­kas­ko­ver­si­che­rung eine Ver­trags­ge­stal­tung durch­ge­setzt hat­te, wonach der Ver­si­che­rer auf den Ein­wand der gro­ben Fahr­läs­sig­keit mit Aus­nah­me von Alko­hol­fahr­ten und Dieb­stahl ver­zich­tet.

Dass der Umfang der miet­ver­trag­li­chen Haf­tungs­frei­stel­lung am Leit­bild der Kas­ko­ver­si­che­rung aus­zu­rich­ten ist, bedeu­tet ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Revi­si­on nicht, dass bei der Schlie­ßung einer infol­ge der Unwirk­sam­keit einer Klau­sel ent­stan­de­nen Ver­trags­lü­cke Ver­trags­ge­stal­tun­gen zu berück­sich­ti­gen sind, die am Ver­si­che­rungs­markt üblich sind 10. Dies wäre nur im Rah­men einer ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung mög­lich, denn nach § 306 Abs. 2 BGB rich­tet sich der Inhalt des Ver­trags im Fal­le einer unwirk­sa­men Klau­sel vor­ran­gig nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten. Nur wenn eine geeig­ne­te Rege­lung nicht zur Ver­fü­gung steht und ein ersatz­lo­ser Weg­fall der unwirk­sa­men Klau­sel kei­ne sach­ge­rech­te Lösung dar­stellt, ist zu prü­fen, ob durch eine ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung eine inter­es­sen­ge­rech­te Lösung gefun­den wer­den kann 11. Dafür ist vor­lie­gend kein Raum, denn die Rege­lung des § 81 Abs. 2 VVG stellt auch für die miet­ver­trag­li­che Haf­tungs­frei­stel­lung den vom Gesetz­ge­ber bezweck­ten ange­mes­se­nen Inter­es­sen­aus­gleich zwi­schen den Par­tei­en her 12.

Der Auto­mie­ter kann der Auto­ver­mie­te­rin auch nicht mit Erfolg ent­ge­gen­hal­ten, sie habe es treu­wid­rig unter­las­sen, vor Abschluss des Miet­ver­tra­ges dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ande­re Auto­ver­mie­ter auf den Ein­wand der gro­ben Fahr­läs­sig­keit – abge­se­hen von Alko­hol- und Dro­gen­fahr­ten oder Dieb­stahl – ver­zich­ten wür­den. Eine sol­che Hin­weis­pflicht auf angeb­lich markt­üb­li­che Miet­be­din­gun­gen besteht nicht 13.

Gro­be Fahr­läs­sig­keit beim Unfall mit dem Miet­wa­gen[↑]

Die Beur­tei­lung, ob die Fahr­läs­sig­keit im Ein­zel­fall als ein­fach oder grob zu wer­ten ist, ist Sache der tatrich­ter­li­chen Wür­di­gung. Sie erfor­dert eine Abwä­gung aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­um­stän­de und ent­zieht sich des­halb weit­ge­hend einer Anwen­dung fes­ter Regeln 14. Die tatrich­ter­li­che Wür­di­gung ist mit der Revi­si­on nur beschränkt angreif­bar. Nach­ge­prüft wer­den kann nur, ob in der Tat­sa­chen­in­stanz der Rechts­be­griff der gro­ben Fahr­läs­sig­keit ver­kannt wor­den ist oder ob beim Bewer­ten des Gra­des der Fahr­läs­sig­keit wesent­li­che Umstän­de außer Betracht geblie­ben sind 15.

Im Ansatz ist davon aus­zu­ge­hen, dass das Nicht­be­ach­ten des Rot­lichts einer Licht­zei­chen­an­la­ge wegen der damit ver­bun­de­nen erheb­li­chen Gefah­ren in aller Regel als objek­tiv grob fahr­läs­sig anzu­se­hen ist. Nach den jewei­li­gen Umstän­den kann es jedoch schon an den objek­ti­ven oder an den sub­jek­ti­ven Vor­aus­set­zun­gen der gro­ben Fahr­läs­sig­keit feh­len. Dies kann etwa der Fall sein, wenn die Licht­zei­chen­an­la­ge nur schwer zu erken­nen oder ver­deckt ist 16.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Juli 2014 – VI ZR 452/​13

  1. Bestä­ti­gung des BGH, Urteils vom 11.10.2011 – VI ZR 46/​10, BGHZ 191, 150[]
  2. BGH, Urteil vom 20.05.2009 – XII ZR 94/​07, BGHZ 181, 179 Rn. 13[]
  3. BGH, Urteil vom 11.10.2011 – VI ZR 46/​10, BGHZ 191, 150 Rn. 12 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 11.10.2011 – VI ZR 46/​10, aaO Rn. 14[]
  5. Münch­Komm-BGB/­Ba­se­dow, 6. Aufl., § 306 Rn. 21; vgl. BGH, Urteil vom 21.12 1981 – II ZR 76/​81, NJW 1982, 824, 825[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.06.2009 – XII ZR 19/​08, VersR 2010, 260 Rn. 18 f.; vom 02.12 2009 – XII ZR 117/​08, NJW-RR 2010, 480 Rn. 14; und vom 14.03.2012 – XII ZR 44/​10, VersR 2012, 1573 Rn. 27[]
  7. vgl. Rog­ler, juris­PR-VersR 3/​2010 Anm. 2; aA LG Ber­lin, DAR 2011, 264, 265[]
  8. vgl. Münch­Komm-VVG/­Loo­schel­ders, § 81 Rn. 121[]
  9. vgl. Münch­Komm-VVG/­Loo­schel­ders, aaO Rn. 125 mwN[]
  10. aA LG Mün­chen, DAR 2012, 583, 584[]
  11. vgl. BGH, Urteil vom 12.10.2005 – IV ZR 162/​03, VersR 2005, 1565 Rn. 37[]
  12. BGH, Urteil vom 11.10.2011 – VI ZR 46/​10, aaO Rn.19[]
  13. aA LG Mün­chen, aaO[]
  14. BGH, Urtei­le vom 05.12 1966 – II ZR 174/​65, VersR 1967, 127; vom 05.04.1989 – IVa ZR 39/​88, VersR 1989, 840, 841; und vom 29.01.2003 – IV ZR 173/​01, VersR 2003, 364, 365; Römer, VersR 1992, 1187, 1190 f.[]
  15. BGH, Urteil vom 10.05.2011 – VI ZR 196/​10, VersR 2011, 916 Rn. 9 mwN; BGH, Urteil vom 29.01.2003 – IV ZR 173/​01, aaO[]
  16. vgl. BGH, Urteil vom 29.01.2003 – IV ZR 173/​01, aaO Rn. 12[]