Der Haus­an­walt des Insol­venz­ver­wal­ters – und die Rei­se­kos­ten­er­stat­tung

Beauf­tragt ein Insol­venz­ver­wal­ter einen Anwalt der eige­nen Kanz­lei mit der Füh­rung eines Rechts­streits vor einem aus­wär­ti­gen Gericht, sind die Rei­se­kos­ten des beauf­trag­ten Anwalts vom Pro­zess­geg­ner nicht zu erstat­ten [1].

Der Haus­an­walt des Insol­venz­ver­wal­ters – und die Rei­se­kos­ten­er­stat­tung

Die gel­tend gemach­ten Rei­se­kos­ten sowie das Abwe­sen­heits­geld sind, wie jetzt der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied, nicht erstat­tungs­fä­hig, weil sie zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung nicht not­wen­dig waren (§ 91 Abs. 1 Satz 1, Abs. 2 Satz 1 Halbs. 2 ZPO).

Die Zuzie­hung eines in der Nähe des Wohn- oder Geschäfts­orts ansäs­si­gen Rechts­an­walts durch eine an einem aus­wär­ti­gen Gericht kla­gen­de oder ver­klag­te Par­tei stellt aller­dings im Regel­fall eine Maß­nah­me zweck­ent­spre­chen­der Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung dar. Eine Par­tei, die einen Rechts­streit zu füh­ren beab­sich­tigt oder selbst ver­klagt ist und ihre Belan­ge in ange­mes­se­ner Wei­se wahr­ge­nom­men wis­sen will, wird in aller Regel einen Rechts­an­walt in der Nähe ihres Wohn- oder Geschäfts­or­tes auf­su­chen, um des­sen Rat in Anspruch zu neh­men und ihn gege­be­nen­falls mit der Pro­zess­ver­tre­tung zu beauf­tra­gen. Sie wird dies wegen der räum­li­chen Nähe und der Annah­me tun, dass zunächst ein per­sön­li­ches münd­li­ches Gespräch erfor­der­lich ist. Die­se Erwar­tung ist berech­tigt, denn für eine sach­ge­mä­ße gericht­li­che oder außer­ge­richt­li­che Bera­tung und Ver­tre­tung ist der Rechts­an­walt zunächst auf die Tat­sa­chen­in­for­ma­ti­on der Par­tei ange­wie­sen, die in aller Regel in einem per­sön­li­chen münd­li­chen Gespräch erfolgt [2].

Eine Aus­nah­me von die­sem Grund­satz gilt, sofern schon im Zeit­punkt der Beauf­tra­gung des Rechts­an­walts fest­steht, dass ein ein­ge­hen­des Man­dan­ten­ge­spräch für die Pro­zess­füh­rung nicht erfor­der­lich sein wird. Dies kann ein­mal anzu­neh­men sein, wenn es sich bei der Par­tei um ein Unter­neh­men han­delt, das über eine eige­ne, die Sache bear­bei­ten­de Rechts­ab­tei­lung ver­fügt [3]. Ein ein­ge­hen­des per­sön­li­ches Man­dan­ten­ge­spräch kann zum ande­ren ent­behr­lich sei, wenn die Sache vom Klä­ger selbst oder von Mit­ar­bei­tern bear­bei­tet wird, die in der Lage sind, einen am Gerichts­ort sei­ne Kanz­lei unter­hal­ten­den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten umfas­send über das Streit­ver­hält­nis in Kennt­nis zu set­zen. Dies kann anzu­neh­men sein, wenn es sich um rechts­kun­di­ges Per­so­nal han­delt und der Rechts­streit in tat­säch­li­cher und recht­li­cher Hin­sicht kei­ne beson­de­ren Schwie­rig­kei­ten auf­weist [4].

Der Bun­des­ge­richts­hof hat des­halb ange­nom­men, dass die Beauf­tra­gung eines am Sitz des Insol­venz­ver­wal­ters ansäs­si­gen Haupt­be­voll­mäch­tig­ten zur Füh­rung eines Rechts­streits vor einem aus­wär­ti­gen Gericht in aller Regel kei­ne Maß­nah­me zweck­ent­spre­chen­der Rechts­ver­fol­gung im Sin­ne des § 91 Abs. 2 Satz 1 2. Halbs. ZPO dar­stellt [5].

Ein als Rechts­an­walt zuge­las­se­ner Insol­venz­ver­wal­ter ist ohne wei­te­res imstan­de, einen am Pro­zess­ge­richt täti­gen Rechts­an­walt sach­ge­recht über den Gegen­stand des jewei­li­gen Ver­fah­rens zu unter­rich­ten [6]. Dies gilt jeden­falls für den hier vor­lie­gen­den Rechts­streit, der nach den Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts nicht umfang­reich und schwie­rig gewe­sen ist. Unter die­sen Umstän­den war ein ein­ge­hen­des per­sön­li­ches Man­dan­ten­ge­spräch weder zur Ermitt­lung des Sach­ver­halts noch zur Rechts­be­ra­tung erfor­der­lich. Im Anschluss an eine schrift­li­che Infor­ma­ti­ons­er­tei­lung hät­ten Bera­tung und Abstim­mung des pro­zes­sua­len Vor­ge­hens schrift­lich, fern­münd­lich oder mit Hil­fe ande­rer moder­ner Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel erfol­gen kön­nen. Das wird vom Rechts­be­schwer­de­füh­rer auch aus­drück­lich bestä­tigt. Die Beauf­tra­gung des am Sitz des Insol­venz­ver­wal­ters ansäs­si­gen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten stellt dem­nach kei­ne Maß­nah­me zweck­ent­spre­chen­der Rechts­ver­fol­gung im Sin­ne von § 91 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 2 ZPO dar [7].

Aus der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 28.06.2006 [8] ergibt sich im Hin­blick auf die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur des Büros des Klä­gers nichts ande­res. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dort ange­nom­men, dass ein Kran­ken­ver­si­che­rer, die über qua­li­fi­zier­tes Per­so­nal ver­fügt, um aus­wär­ti­ge Rechts­an­wäl­te aus­rei­chend infor­mie­ren zu kön­nen, bei jähr­lich anfal­len­den 120 bis 150 Gerichts­ver­fah­ren berech­tigt ist, stets den­sel­ben Haupt­pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu beauf­tra­gen, dem er alle Fäl­le, in denen es nach end­gül­ti­ger Leis­tungs­ab­leh­nung zum Rechts­streit kommt, dadurch zur wei­te­ren weit­ge­hend eigen­stän­di­gen Bear­bei­tung über­lässt. Aus die­sem Grun­de sei­en dort weder Man­dan­ten­ge­sprä­che noch schrift­li­che Instruk­tio­nen erfor­der­lich. Der Kran­ken­ver­si­che­rer sei nicht ver­pflich­tet, eine ande­re Orga­ni­sa­ti­ons­form zu wäh­len.

Die­se Recht­spre­chung ist auf den vor­lie­gen­den Fall nicht über­trag­bar. Die Situa­ti­on bei einem Kran­ken­ver­si­che­rer unter­schei­det sich grund­le­gend von der­je­ni­gen bei einem Insol­venz­ver­wal­ter. Die im Lau­fe eines Insol­venz­ver­fah­rens mög­li­cher­wei­se nötig wer­den­den Pro­zes­se sind in recht­li­cher Hin­sicht äußerst viel­fäl­tig, selbst inner­halb des Bereichs der Insol­venz­an­fech­tung. Es han­delt sich, anders als bei einem Kran­ken­ver­si­che­rer, nicht um stets die­sel­be Struk­tur der zu füh­ren­den Pro­zes­se. Der Ver­wal­ter kann auf­tre­ten­de Fra­gen nicht einem Anwalts­bü­ro zur selb­stän­di­gen Beur­tei­lung und Erle­di­gung über­las­sen. Er muss gemäß sei­nen Ver­pflich­tun­gen als Insol­venz­ver­wal­ter viel­mehr selb­stän­dig die Zweck­mä­ßig­keit des wei­te­ren Vor­ge­hens in jedem Ein­zel­fall selbst prü­fen. Wenn er die Pro­zess­füh­rung einem ande­ren Anwalt über­trägt, muss er ihn ent­spre­chend unter­rich­ten sowie die erfor­der­li­chen Unter­la­gen indi­vi­du­ell zusam­men­stel­len und zur Ver­fü­gung stel­len. Das kann gegen­über einem aus­wär­ti­gen, in Insol­venz­sa­chen erfah­re­nen Anwalt in glei­cher Wei­se gesche­hen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 8. März 2012 – IX ZB 174/​10

  1. Fort­füh­rung von BGH, Beschluss vom 13.06.2006 – IX ZB 44/​04, ZIP 2006, 832[]
  2. BGH, Beschluss vom 16.10.2002 – VIII ZB 30/​02, NJW 2003, 898, 900; vom 13.07.2004 – X ZB 40/​03, NJW 2004, 3187; vom 13.06.2006 – IX ZB 44/​04, ZIP 2006, 1416 Rn. 4 f; vom 13.12.2007 – IX ZB 112/​05, WM 2008, 422 Rn. 7 je mwN[]
  3. BGH, Beschluss vom 18.12.2003 – I ZB 18/​03, NJW-RR 2004, 856 f; vom 04.07.2005 – II ZB 14/​04, NJW-RR 2005, 1591, 1592; vom 13.12.2007, aaO Rn. 8 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 09.09.2004 – I ZB 5/​04, NJW-RR 2004, 1724, 1725; vom 25.03.2004 – I ZB 28/​03, NJW-RR 2004, 857 f; vom 13.12.2007, aaO[]
  5. BGH, Beschluss vom 13.07.2004, aaO S. 3188; vom 13.06.2006, aaO Rn. 6; vgl. für einen Steu­er­be­ra­ter auch BGH, Beschluss vom 13.12.2007, aaO Rn. 8 f[]
  6. BGH, Beschluss vom 13.07.2004, aaO; vom 04.07.2005 – II ZB 14/​04, NZI 2006, 183, 184; vom 13.06.2006, aaO Rn. 6, 8; vom 13.12.2007, aaO Rn. 9[]
  7. BGH, Beschluss vom 13.06.2006, aaO Rn. 8; vom 13.12.2007, aaO Rn. 9[]
  8. BGH, Beschluss vom 28.06.2006 – IV ZB 44/​05, NJW 2006, 3008 mwN[]