Der kon­klu­dent gestell­te Wie­der­ein­set­zungs­an­trag

Ein Wie­der­ein­set­zungs­an­trag braucht nicht aus­drück­lich gestellt zu wer­den; er kann auch still­schwei­gend in einem Schrift­satz ent­hal­ten sein, wobei es aus­reicht, dass in die­sem Schrift­satz kon­klu­dent zum Aus­druck gebracht wird, das Ver­fah­ren trotz ver­spä­te­ter Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­ein­le­gungs­o­der Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­schrift fort­set­zen zu wol­len1.

Der kon­klu­dent gestell­te Wie­der­ein­set­zungs­an­trag

Andern­falls wäre das Ver­fah­rens­grund­recht der Antrag­stel­le­rin auf Gewäh­rung wir­kungs­vol­len Rechts­schut­zes (Art. 2 Abs. 1 GG iVm dem Rechts­staats­prin­zip) ver­letzt, wel­ches es den Gerich­ten ver­bie­tet, den Betei­lig­ten den Zugang zu einer in der Ver­fah­rens­ord­nung ein­ge­räum­ten Instanz in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se zu erschwe­ren2.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs muss ein Wie­der­ein­set­zungs­an­trag nicht aus­drück­lich gestellt wer­den, er kann auch still­schwei­gend in einem Schrift­satz ent­hal­ten sein3. Hier­zu reicht aus, dass in die­sem Schrift­satz kon­klu­dent zum Aus­druck gebracht wird, das Ver­fah­ren trotz ver­spä­te­ter Ein­rei­chung der Rechts­mit­te­l­o­der Begrün­dungs­schrift fort­set­zen zu wol­len.

Die­se Vor­aus­set­zung erfüll­te im hier ent­schie­de­nen Streit­fall der inner­halb der Wie­der­ein­set­zungs­frist ein­ge­gan­ge­ne Begrün­dungs­schrift­satz. Die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te der Antrags­geg­ne­rin hat dar­in aus­ge­führt, ihre Man­dan­tin sei aus gesund­heit­li­chen Grün­den gehin­dert gewe­sen, die Frist zu wah­ren. Ihr war also erkenn­bar bewusst, dass die Beschwer­de­be­grün­dungs­frist bereits abge­lau­fen war. Gleich­wohl erstreb­te sie wie sich aus der nach­fol­gen­den Begrün­dung der Beschwer­de erschließt eine Fort­set­zung des Ver­fah­rens mit dem Ziel der Auf­he­bung des ange­foch­te­nen Beschlus­ses.

uf die am 12.04.2018 ange­tre­te­ne vier­wö­chi­ge Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­me als Hin­de­rungs­grund für eine recht­zei­ti­ge Fer­tig­stel­lung der Beschwer­de­be­grün­dung hat sich die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te der Antrags­geg­ne­rin bereits in ihrem Frist­ver­län­ge­rungs­an­trag vom 16.04.2018 beru­fen und ent­spre­chen­de Bele­ge bei­gefügt. Hier­auf nahm sie in der Beschwer­de­be­grün­dung vom 29.05.2018 Bezug und ergänz­te, dass die sta­tio­nä­re Maß­nah­me am 10.05.2018 geen­det habe. Dies genügt den von der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung auf­ge­stell­ten Anfor­de­run­gen an eine aus sich her­aus ver­ständ­li­che, geschlos­se­ne Schil­de­rung der tat­säch­li­chen Abläu­fe, aus denen sich die Grün­de für die Frist­ver­säum­nis erge­ben4.

Nach § 236 Abs. 2 Satz 1 Halb­satz 1 ZPO sind alle Tat­sa­chen, die für die Gewäh­rung der Wie­der­ein­set­zung von Bedeu­tung sein kön­nen, inner­halb der Wie­der­ein­set­zungs­frist vor­zu­tra­gen. Jedoch dür­fen erkenn­bar unkla­re oder ergän­zungs­be­dürf­ti­ge Anga­ben, deren Auf­klä­rung nach § 139 ZPO gebo­ten gewe­sen wäre, noch nach Frist­ab­lauf erläu­tert oder ver­voll­stän­digt wer­den5. In ihrem Schrift­satz vom 22.06.2018 hat die Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­te der Antrags­geg­ne­rin vor­ge­tra­gen, dass ihre Man­dan­tin ärzt­li­chen Rat­schlä­gen Fol­ge geleis­tet habe, nichts Unan­ge­neh­mes an sich her­an­zu­las­sen und des­halb wäh­rend des Kli­nik­auf­ent­halts für die Kanz­lei der Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten nicht erreich­bar gewe­sen sei. Mit die­sen ledig­lich ergän­zen­den Anga­ben ist ein unzu­läs­si­ges Nach­schie­ben neu­er Tat­sa­chen nicht ver­bun­den.

Die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung kann des­halb mit der gege­be­nen Begrün­dung nicht bestehen blei­ben.

Das Beschwer­de­ge­richt hat aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig bis­lang offen­ge­las­sen, ob die Vor­aus­set­zun­gen für eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand mit Blick auf den Kli­nik­auf­ent­halt der Antrags­geg­ne­rin zwi­schen dem 12.04.2018 und dem 10.05.2018 vor­lie­gen. Dabei kann die Erkran­kung eines Betei­lig­ten im Aus­gangs­punkt eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand recht­fer­ti­gen, wenn er krank­heits­be­dingt nicht mehr in der Lage ist, den Rat sei­nes Rechts­an­walts ein­zu­ho­len und die­sen sach­ge­mäß zu unter­rich­ten6. Dies setzt aller­dings vor­aus, dass selbst eine tele­fo­ni­sche Ver­stän­di­gung über eine frist­ge­recht ein­zu­rei­chen­de Beschwer­de­be­grün­dung mit dem Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ten nicht mög­lich war7.

Inso­weit hat die Antrags­geg­ne­rin gel­tend gemacht, dass sie sich auf drin­gen­den ärzt­li­chen Rat wäh­rend des Kli­nik­auf­ent­halts nicht mit "pro­zes­sua­len Ent­schei­dun­gen belas­ten" soll­te und zur Glaub­haft­ma­chung eine eige­ne eides­statt­li­che Ver­si­che­rung vor­ge­legt. Das Beschwer­de­ge­richt wird nun­mehr in tatrich­ter­li­cher Ver­ant­wor­tung dar­über zu befin­den haben, ob dies bereits zur Glaub­haft­ma­chung aus­reicht oder ob von der Antrags­geg­ne­rin wei­te­re aus­sa­ge­kräf­ti­ge Nach­wei­se ins­be­son­de­re ärzt­li­che Beschei­ni­gun­gen bei­zu­brin­gen sind.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Juni 2019 – XII ZB 432/​18

  1. im Anschluss an BGHZ 63, 389 = NJW 1975, 928 []
  2. BGH, Beschlüs­se vom 23.03.2011 XII ZB 51/​11 Fam­RZ 2011, 881 Rn. 7; und vom 02.04.2008 XII ZB 189/​07 Fam­RZ 2008, 1338 Rn. 8 mwN []
  3. vgl. BGH Beschlüs­se vom 16.01.2018 – VIII ZB 61/​17 NJW 2018, 1022 Rn. 17; und vom 05.04.2011 – VIII ZB 81/​10 NJW 2011, 1601 Rn. 13; vgl. bereits BGHZ 63, 389, 392 f. = NJW 1975, 928 []
  4. vgl. BGH Beschluss vom 05.04.2011 – VIII ZB 81/​10 NJW 2011, 1601 Rn. 14 mwN []
  5. vgl. BGH Beschluss vom 05.04.2011 – VIII ZB 81/​10 NJW 2011, 1601 Rn. 15 mwN []
  6. vgl. BGH Beschlüs­se vom 23.04.2013 – XI ZR 90/​12 6; und vom 24.03.1994 – X ZB 24/​93 NJW-RR 1994, 957 mwN []
  7. vgl. BGH Beschluss vom 10.06.2015 – IV ZB 27/​14 14 []