Der neue Hilfs­an­trag in der Beru­fungs­in­stanz

Ver­folgt der in ers­ter Instanz erfolg­rei­che Klä­ger mit einem erst­mals im Beru­fungs­rechts­zug gestell­ten Hilfs­an­trag das­sel­be Kla­ge­ziel wie mit dem erst­in­stanz­lich erfolg­rei­chen Haupt­an­trag, stellt dies kei­ne Kla­ge­er­wei­te­rung dar, die mit der Anschluss­be­ru­fung gel­tend gemacht wer­den muss1.

Der neue Hilfs­an­trag in der Beru­fungs­in­stanz

Die erst­ma­li­ge Stel­lung eines Hilfs­an­trags in der Beru­fungs­in­stanz ist eine objek­ti­ve Kla­ge­häu­fung, auf die die Vor­schrif­ten über die Kla­ge­än­de­rung nach §§ 533, 263, 264 ZPO ent­spre­chend anwend­bar sind2. Sie ist daher nur zuläs­sig, wenn der Geg­ner ein­ge­wil­ligt hat oder das Gericht sie für sach­dien­lich hält (§ 533 Nr. 1 ZPO) und sie auf Tat­sa­chen gestützt wer­den kann, die das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Beru­fung ohne­hin nach § 529 ZPO zugrun­de zu legen hat (§ 533 Nr. 2 ZPO).

Das Beru­fungs­ge­richt hat vor­lie­gend die Kla­ge­häu­fung zuge­las­sen. Die Zulas­sung der Kla­ge­än­de­rung durch das Beru­fungs­ge­richt ist mit der Revi­si­on nicht anfecht­bar3. Sie lässt davon abge­se­hen für den Bun­des­ge­richts­hof auch kei­nen Rechts­feh­ler erken­nen. Die Stel­lung des Hilfs­an­trags war sach­dien­lich, da sie der Ver­mei­dung eines wei­te­ren Rechts­streits zwi­schen den Par­tei­en über den­sel­ben Sach­ver­halt dient. Der Hilfs­an­trag ist fer­ner aus­schließ­lich auf Tat­sa­chen gestützt, die das Beru­fungs­ge­richt sei­ner Ver­hand­lung und Ent­schei­dung über die Beru­fung ohne­hin nach § 529 ZPO zugrun­de zu legen hat­te.

Die Klä­ge­rin muss kei­ne Anschluss­be­ru­fung ein­le­gen, um den Hilfs­an­trag zum Gegen­stand des Beru­fungs­ver­fah­rens zu machen. Aller­dings muss sich der in ers­ter Instanz in vol­lem Umfang erfolg­reich gewe­se­ne Beru­fungs­be­klag­te der Beru­fung der Gegen­sei­te gemäß § 524 ZPO anschlie­ßen, wenn er das erst­in­stanz­li­che Urteil nicht nur ver­tei­di­gen, son­dern die von ihm im ers­ten Rechts­zug gestell­ten Anträ­ge erwei­tern oder auf einen neu­en Kla­ge­grund stel­len will4. Er muss sei­ne Anschluss­be­ru­fung nicht aus­drück­lich als sol­che bezeich­nen5 und kann sie auch hilfs­wei­se erhe­ben6. Er muss sie aber gemäß § 524 Abs. 2 Satz 2 ZPO bis zum Ablauf der dem Beru­fungs­be­klag­ten gesetz­ten Frist zur Beru­fungs­er­wi­de­rung ein­le­gen7.

Jedoch stellt nicht jeder Hilfs­an­trag, den der in ers­ter Instanz erfolg­rei­che Klä­ger in der Beru­fungs­in­stanz zusätz­lich ver­folgt, zwangs­läu­fig eine Erwei­te­rung der Kla­ge dar, die eine Anschluss­be­ru­fung erfor­der­lich macht8. Der hier in Rede ste­hen­de Hilfs­an­trag erfor­der­te kei­ne Anschluss­be­ru­fung. Die Klä­ge­rin hat mit ihrem erst­mals in der Beru­fungs­in­stanz gestell­ten Hilfs­an­trag den bereits in ers­ter Instanz gestell­ten Haupt­an­trag weder erwei­tert noch auf einen neu­en Kla­ge­grund gestellt. Sie ver­folgt mit dem Hilfs­an­trag viel­mehr das­sel­be Kla­ge­ziel wie mit dem Haupt­an­trag. Die Stel­lung des Hilfs­an­trags trägt ledig­lich dem Umstand Rech­nung, dass der in ers­ter Instanz erfolg­rei­che Haupt­an­trag die bean­stan­de­te Ver­hal­tens­wei­se nicht zutref­fend erfasst. Der das unver­än­der­te Kla­ge­ziel in ande­re Wor­te fas­sen­de Antrag geht sach­lich nicht über das erst­in­stanz­li­che Begeh­ren hin­aus. Er dient allein der Ver­tei­di­gung des erst­in­stanz­li­chen Urteils und beschränkt sich damit auf die Abwehr der Beru­fung. Ein sol­cher Kla­ge­an­trag ist zuläs­sig, ohne dass es dazu einer Anschluss­be­ru­fung bedarf9.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. März 2015 – I ZR 4/​14

  1. Fort­füh­rung von BGH, Urteil vom 22.01.2015 – I ZR 127/​13, NJW 2015, 1608
  2. BGH, Urteil vom 22.01.2015 – I ZR 127/​13, NJW 2015, 1608 Rn. 13
  3. BGH, Urteil vom 17.10.2012 – XII ZR 101/​10, NJW 2012, 3722 Rn. 11
  4. BGH, Urteil vom 07.12 2007 – V ZR 210/​06, NJW 2008, 1953 Rn. 13; Urteil vom 20.01.2011 – I ZR 10/​09, GRUR 2011, 831 Rn. 40 = WRP 2011, 1174 BCC; Urteil vom 09.06.2011 – I ZR 41/​10, GRUR 2012, 180 Rn. 22 = WRP 2012, 980 Wer­be­ge­schen­ke; BGH, NJW 2015, 1608 Rn. 12, mwN
  5. BGH, NJW 2008, 1953 Rn. 16; GRUR 2012, 180 Rn. 26 Wer­be­ge­schen­ke
  6. BGH, Urteil vom 10.11.1983 – VII ZR 72/​83, NJW 1984, 1240, 1241
  7. vgl. BGH, NJW 2008, 1953 Rn. 17
  8. BGH, NJW 2015, 1608 Rn. 12
  9. vgl. BGH, Urteil vom 24.11.1977 – VII ZR 160/​76, WM 1978, 65, 66; Urteil vom 24.03.1988 – VII ZR 232/​86, NJW-RR 1988, 915, 917; Urteil vom 10.07.1998 – V ZR 302/​97, WM 1998, 2204; Ger­ken in Wieczorek/​Schütze, ZPO, 4. Aufl., § 524 Rn. 8