Der nich­ti­ge Pro­zess­ver­gleich

Die Rück­for­de­rung von Leis­tun­gen, die auf­grund eines nich­ti­gen Pro­zess­ver­gleichs erbracht wor­den sind, kann jeden­falls dann im Wege eines neu­en Rechts­streits erfol­gen, wenn das Ursprungs­ver­fah­ren, in dem der Ver­gleich geschlos­sen wor­den ist, rechts­kräf­tig been­det ist 1.

Der nich­ti­ge Pro­zess­ver­gleich

Der Pro­zess­ver­gleich hat eine Dop­pel­na­tur: Er ist einer­seits Pro­zess­hand­lung, deren Wirk­sam­keit sich nach den Grund­sät­zen des Ver­fah­rens­rechts bestimmt, und ande­rer­seits pri­va­tes Rechts­ge­schäft, für das die Regeln des mate­ri­el­len Rechts gel­ten 2. Da die Pro­zess­hand­lung nur die "Begleit­form" für einen mate­ri­ell­recht­li­chen Ver­gleich ist, ver­liert sie ihre Wirk­sam­keit, wenn der mate­ri­el­le Ver­gleich sei­ner­seits unwirk­sam ist oder wird; dem Ver­gleich wird die ver­fah­rens­recht­li­che Wir­kung der Pro­zess­be­en­di­gung ent­zo­gen, wenn er aus sach­lich­recht­li­chen Grün­den unwirk­sam ist.

Grund­satz: Fort­füh­rung des Ursprungs­ver­fah­rens

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist der Streit dar­über, ob ein Pro­zess­ver­gleich nich­tig ist, des­halb in Fort­füh­rung des Ursprungs­ver­fah­rens aus­zu­tra­gen. Maß­geb­lich hier­für ist vor allem die Erwä­gung, dass ein nich­ti­ger Pro­zess­ver­gleich nicht zur Been­di­gung des Ursprungs­ver­fah­rens geführt hat; einer neu­en Kla­ge wür­de daher, jeden­falls soweit mit ihr das ursprüng­li­che Pro­zess­ziel bei unver­än­dert geblie­be­nem Streit­ge­gen­stand wei­ter­ver­folgt wer­den soll, der Ein­wand ander­wei­ti­ger Rechts­hän­gig­keit ent­ge­gen­ste­hen 3.

So hat der Bun­des­ge­richts­hof in Fort­füh­rung die­ser Recht­spre­chungs­grund­sät­ze das Rechts­schutz­be­dürf­nis auch für eine neue Kla­ge ver­neint, mit der die Leis­tun­gen zurück­ge­for­dert wer­den, die auf­grund eines nich­ti­gen Ver­gleichs erbracht wor­den sind. Das soll jeden­falls dann gel­ten, wenn die Leis­tun­gen aus­schließ­lich die durch den Ver­gleich auf eine neue Grund­la­ge gestell­te Kla­ge­for­de­rung des Ursprungs­ver­fah­rens betref­fen 4. Zwar sei die Rück­for­de­rung der erbrach­ten Leis­tun­gen gegen­über der Ursprungs­for­de­rung ein ande­rer Streit­ge­gen­stand. Sie beru­he auf einem ande­ren Kla­ge­grund, näm­lich der behaup­te­ten Unwirk­sam­keit des Pro­zess­ver­gleichs. Dies bedeu­te jedoch, dass die Ent­schei­dung in der Sache in glei­cher Wei­se wie die Wei­ter­ver­fol­gung der ursprüng­li­chen Kla­ge­for­de­rung von der Wirk­sam­keit des Ver­gleichs abhän­ge. Des­halb wür­den die gegen ein Rechts­schutz­be­dürf­nis für eine neue Kla­ge spre­chen­den Umstän­de in vol­lem Umfang auch inso­weit gel­ten.

Die Ent­schei­dung hat teil­wei­se Zustim­mung gefun­den 5, teil­wei­se aber auch Kri­tik erfah­ren 6. Die Gegen­an­sicht stellt im Wesent­li­chen dar­auf ab, dass der Rück­for­de­rungs­kla­ge ein ande­rer Streit­ge­gen­stand zugrun­de lie­ge; der Anspruch kön­ne des­halb auch außer­halb des Vor­pro­zes­ses ein­ge­klagt wer­den.

Ob der vor­ge­nann­ten Ent­schei­dung gleich­wohl zu fol­gen ist, kann im vor­lie­gen­den Fall dahin­ste­hen. Denn das – fort­ge­führ­te – Aus­gangs­ver­fah­ren ist durch Urteil des Beru­fungs­ge­richts vom 10. März 2008 rechts­kräf­tig abge­schlos­sen, eine Rechts­ver­fol­gung in jenem Ver­fah­ren mit­hin nicht mehr mög­lich. Das Rechts­schutz­be­dürf­nis für eine neue Kla­ge kann des­halb im Hin­blick auf das Aus­gangs­ver­fah­ren nicht mehr ver­neint wer­den.

Kei­ne treu­wid­rig erlang­te Pro­zess­si­tua­ti­on – Kei­ne Ver­wir­kung

Der Klä­ger hat die pro­zes­sua­le Situa­ti­on, in der nicht mehr auf das feh­len­de Rechts­schutz­be­dürf­nis abge­stellt wer­den kann, nicht in treu­wid­ri­ger Wei­se erlangt. Er hat ins­be­son­de­re nicht das Recht, den Rück­zah­lungs­an­spruch ein­zu­kla­gen, ver­wirkt.

Das Ober­lan­des­ge­richt Koblenz 7 hat sei­ne gegen­tei­li­ge Ansicht damit begrün­det, die Not­wen­dig­keit der Fort­set­zung des Ursprungs­ver­fah­rens sei in der höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung seit län­ge­rem geklärt. Zudem sei der Aus­gangs­punkt die­ser Recht­spre­chung in dem Urteil vom 10.03.2008 noch­mals deut­lich gemacht wor­den. Wenn der Klä­ger hier­aus gleich­wohl über zwei Jah­re kei­ne Kon­se­quen­zen gezo­gen habe, so blei­be die ursprüng­lich wegen feh­len­den Rechts­schutz­be­dürf­nis­ses unzu­läs­si­ge Kla­ge wegen Ver­wir­kung unzu­läs­sig.

Die­se Erwä­gun­gen ver­mö­gen die Annah­me der Ver­wir­kung indes­sen nicht zu recht­fer­ti­gen. Ein Recht ist ver­wirkt, wenn der Berech­tig­te es län­ge­re Zeit nicht gel­tend gemacht hat, obwohl er dazu in der Lage gewe­sen wäre (soge­nann­tes Zeit­mo­ment) und der Ver­pflich­te­te sich dar­auf ein­ge­rich­tet hat und sich nach dem gesam­ten Ver­hal­ten des Berech­tig­ten auch dar­auf ein­rich­ten durf­te, dass die­ser das Recht nicht mehr gel­tend machen wer­de (soge­nann­tes Umstands­mo­ment 8).

Die vom Ober­lan­des­ge­richt Koblenz 9 gege­be­ne Begrün­dung betrifft allein das soge­nann­te Zeit­mo­ment. Dass die Beklag­te aus dem zeit­wei­sen Nicht­be­trei­ben des vor­lie­gen­den Rechts­streits berech­tig­ter­wei­se den Schluss zie­hen konn­te, der Beklag­te wer­de den Rechts­streit nicht mehr auf­neh­men und sein Recht nicht mehr gel­tend machen, ist des­halb nicht fest­ge­stellt. Dafür ist auch sonst nichts ersicht­lich. Wie die Revi­si­on zu Recht gel­tend gemacht hat, hat der Klä­ger das Ver­fah­ren, des­sen Ruhen in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Fami­li­en­ge­richt vom 06.07.2006 ange­ord­net wor­den war, mit Schrift­satz vom 31.12. 2007 wie­der auf­ge­nom­men und um Anbe­raumung eines Ter­mins gebe­ten. Mit Ver­fü­gung vom 08.01.2008 wur­de ihm dar­auf­hin vom Fami­li­en­ge­richt der Hin­weis erteilt, dass der Aus­gang des Recht­streits bei dem Ober­lan­des­ge­richt abge­war­tet wer­den soll­te.

Der Klä­ger hat zu dem Hin­weis mit Schrift­satz vom 15.01.2008 Stel­lung genom­men und mit­ge­teilt, es wür­den kei­ne Ein­wen­dun­gen erho­ben, wenn das Gericht im April ter­mi­nie­re, und für den Fall, dass eine Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts in der ande­ren Sache noch nicht vor­lie­ge, die­ser Ter­min wie­der auf­ge­ho­ben und neu­er Ter­min bestimmt wer­de.

Bei die­ser Sach­la­ge durf­te die Beklag­te sich aber nicht dar­auf ein­rich­ten, der Klä­ger wer­de den Kla­ge­an­spruch nicht wei­ter­ver­fol­gen. Viel­mehr muss­te ihr auf­grund des auch ihr zuge­gan­ge­nen gericht­li­chen Hin­wei­ses und der Stel­lung­nah­me des Klä­gers hier­zu bewusst sein, dass die­ser ledig­lich den Aus­gang des Ursprungs­ver­fah­rens abwar­ten wür­de.

Bun­des­ge­richts­hof, Ver­säum­nis­ur­teil vom 6. April 2011 – XII ZR 79/​09

  1. Abgren­zung zu BGHZ 142, 253 = NJW 1999, 2903[]
  2. hM, vgl. etwa BGHZ 142, 253 = NJW 1999, 2903 f.; und BGH, Urteil vom 24.10.1984 – IV b ZR 35/​83 – Fam­RZ 1985, 166 jeweils mwN[]
  3. BGHZ 142, 253 = NJW 1999, 2903 f.; BGHZ 87, 227 = NJW 1983, 2034 f. jeweils mwN[]
  4. BGHZ 142, 253 = NJW 1999, 2903 f.[]
  5. Zöller/​Stöber ZPO 28. Aufl. § 794 Rn. 15 a; Musielak/​Lackmann ZPO 07. Aufl. § 794 Rn. 21; Erman/​Terlau BGB 12. Aufl. § 779 Rn. 31; im Ergeb­nis zustim­mend: Becker­Eber­hard ZZP 113, 366, 372[]
  6. Münz­berg JZ 2000, 422 ff.; Stein/​Jonas/​Münzberg ZPO 22. Aufl. § 794 Rn. 61, 77; Staudinger/​Marburger BGB [2009] § 779 Rn. 116; Wolfs­tei­ner in Münch­KommZ­PO 03. Aufl. § 794 Rn. 74; Grun­sky LM ZPO § 794 Abs. 1 Ziff. 11 Nr. 44; Hein­rich WuB VII A § 794 ZPO 01.00[]
  7. OLG Koblenz, Urteil vom 25.03.2009 – 13 UF 623/​08, Fam­RZ 2009, 1696[]
  8. st.Rspr., vgl. etwa BGH, Urteil vom 12.03.2008 – XII ZR 147/​05NJW 2008, 2254 Rn. 22 mwN[]
  9. OLG Koblenz, a.a.O.[]