Der PKH-Antrag des Rechts­mit­tel­geg­ners vor Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­be­grün­dung

Einem in der Vor­in­stanz anwalt­lich ver­tre­te­nen Rechts­mit­tel­geg­ner kann im All­ge­mei­nen Pro­zess­kos­ten­hil­fe erst gewährt wer­den, wenn das Rechts­mit­tel begrün­det wor­den ist und die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ver­wer­fung des Rechts­mit­tels nicht gege­ben sind1.

Der PKH-Antrag des Rechts­mit­tel­geg­ners vor Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­be­grün­dung

In dem Aus­schluss mut­wil­li­ger Rechts­ver­fol­gung und -ver­tei­di­gung (§ 114 Abs. 1 Satz 1 ZPO) kommt der Grund­satz zum Aus­druck, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe nur in Anspruch genom­men wer­den kann, soweit dies für eine zweck­ent­spre­chen­de Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung not­wen­dig ist. Einer Par­tei, die auf Kos­ten der All­ge­mein­heit pro­zes­siert, muss zuge­mu­tet wer­den, zuläs­si­ge Maß­nah­men erst dann vor­zu­neh­men, wenn die­se im Ein­zel­fall wirk­lich not­wen­dig wer­den. Bis zur Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­be­grün­dung bedarf der Rechts­mit­tel­geg­ner in der Regel noch kei­nes anwalt­li­chen Bei­stands, weil eine ihm nach­tei­li­ge Ent­schei­dung in der Sache nicht erge­hen kann. Im Hin­blick dar­auf kann dem Rechts­mit­tel­geg­ner, der Pro­zess­kos­ten­hil­fe in Anspruch neh­men will, grund­sätz­lich zuge­mu­tet wer­den, bis zur Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­be­grün­dung zuzu­war­ten, damit für den Fall, dass das Rechts­mit­tel­ver­fah­ren nicht durch­ge­führt wird, über­flüs­si­ge Kos­ten ver­mie­den wer­den2.

Die­ser Beur­tei­lung steht § 119 Abs. 1 Satz 2 ZPO nicht ent­ge­gen. Danach ist bei der Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe in einem höhe­ren Rechts­zug nicht zu prü­fen, ob die Rechts­ver­tei­di­gung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg bie­tet oder mut­wil­lig erscheint, wenn der Geg­ner das Rechts­mit­tel ein­legt. Aus die­ser Vor­schrift lässt sich nicht ablei­ten, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe aus­nahms­los in jedem Fall zu bewil­li­gen ist. Die ihr inne­woh­nen­de Ver­mu­tungs­wir­kung, dass die Ver­tei­di­gung der vor­in­stanz­li­chen Ent­schei­dung hin­rei­chen­de Aus­sicht auf Erfolg hat und nicht mut­wil­lig ist, gilt nur für die Ver­tei­di­gung der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung als sol­che. Sie besteht dem­ge­gen­über nicht dafür, dass die Hin­zu­zie­hung des Rechts­an­walts in jeder Lage des Rechts­mit­tel­ver­fah­rens nicht mut­wil­lig ist, und gebie­tet des­halb nicht, dem Rechts­mit­tel­geg­ner Pro­zess­kos­ten­hil­fe bereits zu einem Zeit­punkt zu gewäh­ren, in dem dies zur Wah­rung sei­ner Rech­te noch nicht not­wen­dig ist3.

Für sein Begeh­ren auf Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe kann sich der Rechts­mit­tel­geg­ner nicht auf die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Kos­ten­fest­set­zung beru­fen4. Danach ist die Beauf­tra­gung eines Rechts­an­walts not­wen­dig iSv. § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO, wenn eine ver­stän­di­ge Pro­zess­par­tei eben­falls einen Anwalt beauf­tra­gen wür­de. Dies ist dann der Fall, wenn sie als Rechts­mit­tel­geg­ner anwalt­li­chen Rat in einer als risi­ko­be­haf­tet emp­fun­de­nen Situa­ti­on für erfor­der­lich hal­ten darf. Dies bedeu­tet regel­mä­ßig, dass der Rechts­mit­tel­geg­ner einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bereits dann ein­schal­ten darf, wenn ein Rechts­mit­tel ein­ge­legt ist5. Die­se Grund­sät­ze las­sen sich nicht auf die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe über­tra­gen6. Dass dem in der Vor­in­stanz anwalt­lich ver­tre­te­nen Rechts­mit­tel­geg­ner bis zur Ein­rei­chung der Rechts­mit­tel­be­grün­dung im All­ge­mei­nen kei­ne Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wer­den kann, wird aus § 114 Abs. 1 Satz 1 ZPO her­ge­lei­tet. Die­sem Grund­satz lie­gen damit spe­zi­fisch pro­zess­kos­ten­hil­fe­recht­li­che Erwä­gun­gen zugrun­de, denen im Zusam­men­hang mit der Kos­ten­fest­set­zung kei­ne Bedeu­tung zukommt7.

Auch ver­fas­sungs­recht­li­che Grün­de gebie­ten nicht, dem Rechts­mit­tel­geg­ner Pro­zess­kos­ten­hil­fe bereits zu einem Zeit­punkt zu gewäh­ren, in dem dies zur Wah­rung sei­ner Rech­te noch nicht not­wen­dig ist. Zwar folgt aus dem Sozi­al­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 1 GG), dem Rechts­staats­prin­zip (Art.20 Abs. 3 GG) und dem all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz (Art. 3 Abs. 1 GG) die Ver­pflich­tung des Staa­tes, die Situa­ti­on Bemit­tel­ter und weni­ger Bemit­tel­ter im Bereich des Rechts­schut­zes weit­ge­hend anzu­glei­chen, ins­be­son­de­re den weni­ger Bemit­tel­ten einen weit­ge­hend glei­chen Zugang zum Gericht zu ermög­li­chen. Einer weni­ger bemit­tel­ten Par­tei darf die Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung im Ver­gleich zu einer bemit­tel­ten Par­tei nicht unver­hält­nis­mä­ßig erschwert wer­den8. Dabei braucht der weni­ger Bemit­tel­te aller­dings nur einem sol­chen Bemit­tel­ten gleich­ge­stellt zu wer­den, der sei­ne Pro­zess­aus­sich­ten ver­nünf­tig abwägt und dabei auch das Kos­ten­ri­si­ko berück­sich­tigt9. Denn das Gebot weit­ge­hen­der Anglei­chung der Lage von Bemit­tel­ten und weni­ger Bemit­tel­ten im Bereich des Rechts­schut­zes ver­langt kei­nen sinn­lo­sen Ein­satz staat­li­cher Res­sour­cen. Daher ist stets zu prü­fen, ob eine bemit­tel­te Par­tei bei Abwä­gung zwi­schen dem erziel­ba­ren Vor­teil und dem dafür ein­zu­ge­hen­den Kos­ten­ri­si­ko ihre Rech­te in einer bestimm­ten Art und Wei­se wahr­ge­nom­men hät­te10. Eine ver­stän­di­ge, nicht hilfs­be­dürf­ti­ge Par­tei wür­de ihre Rech­te im All­ge­mei­nen auch erst dann ver­tei­di­gen, wenn das Rechts­mit­tel begrün­det wor­den ist und die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ver­wer­fung des Rechts­mit­tels nicht gege­ben sind11. Im Übri­gen kann dem ver­fas­sungs­recht­li­chen Gebot, die pro­zes­sua­le Stel­lung von Bemit­tel­ten und weni­ger Bemit­tel­ten weit­ge­hend anzu­glei­chen, aus­rei­chend dadurch Rech­nung getra­gen wer­den, dass bei der Ter­mi­nie­rung auf die Belan­ge der weni­ger bemit­tel­ten Par­tei Rück­sicht genom­men wird12.

Hier­von aus­ge­hend lagen im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall die Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für den Klä­ger nicht vor. Der bereits in der ers­ten Instanz anwalt­lich ver­tre­te­ne Klä­ger hat nach Ein­le­gung der Beru­fung, aber vor deren Begrün­dung die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt. Er hat sein Begeh­ren damit zu einem Zeit­punkt geäu­ßert, zu dem dies zur Wah­rung sei­ner Rech­te noch nicht not­wen­dig war. Nach­dem eine Beru­fungs­be­grün­dung inner­halb der – ver­län­ger­ten – Beru­fungs­be­grün­dungs­frist beim Lan­des­ar­beits­ge­richt nicht ein­ge­gan­gen war, war die Beru­fung als unzu­läs­sig zu ver­wer­fen. Aus Sicht einer beson­ne­nen Pro­zess­par­tei wäre es unter die­sen Umstän­den unver­nünf­tig gewe­sen, bereits zu die­sem Zeit­punkt das erst­in­stanz­li­che Urteil mit anwalt­li­cher Hil­fe zu ver­tei­di­gen. Denn es bestand noch nicht die Mög­lich­keit, sich inhalt­lich mit Rechts­mit­tel­an­trag und ‑begrün­dung aus­ein­an­der­zu­set­zen und das Ver­fah­ren durch einen Gegen­an­trag sowie des­sen Begrün­dung zu för­dern.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 23. April 2018 – 9 AZB 5/​18

  1. vgl. BAG 15.02.2005 – 5 AZN 781/​04 (A), zu II 1 der Grün­de, BAGE 113, 313; BGH 24.10.2012 – XII ZB 460/​11, Rn. 6; 28.04.2010 – XII ZB 180/​06, Rn. 7 mwN []
  2. BGH 28.04.2010 – XII ZB 180/​06, Rn. 8 []
  3. vgl. BGH 24.10.2012 – XII ZB 460/​11, Rn. 5; 30.06.2010 – XII ZB 80/​08, Rn. 13 mwN []
  4. vgl. BGH 17.12 2002 – X ZB 9/​02, zu II 3 c der Grün­de; und im Anschluss dar­an BAG 14.11.2007 – 3 AZB 36/​07, Rn. 12 []
  5. BAG 14.11.2007 – 3 AZB 36/​07 – aaO; 16.07.2003 – 2 AZB 50/​02, zu II 2 b der Grün­de; vgl. auch BGH 17.12 2002 – X ZB 9/​02 – aaO []
  6. vgl. BGH 24.10.2012 – XII ZB 460/​11, Rn. 4 []
  7. vgl. BGH 17.12 2002 – X ZB 9/​02 – aaO; 28.04.2010 – XII ZB 180/​06, Rn. 17 []
  8. vgl. BVerfG 29.12 2009 – 1 BvR 1781/​09, Rn. 12; 19.02.2008 – 1 BvR 1807/​07, Rn.20 f.; BAG 28.04.2016 – 8 AZB 65/​15, Rn. 21 []
  9. vgl. BVerfG 29.12 2009 – 1 BvR 1781/​09 – aaO mwN []
  10. BGH 28.04.2010 – XII ZB 180/​06, Rn. 15 []
  11. vgl. BAG 15.02.2005 – 5 AZN 781/​04 (A), zu II 1 der Grün­de, BAGE 113, 313 []
  12. vgl. BGH 28.04.2010 – XII ZB 180/​06, Rn. 8; 10.02.1988 – IVb ZR 67/​87, zu II 2 der Grün­de []