Der rechts­miss­bräuch­li­che Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag

Ein Kos­ten­fest­set­zungs­ver­lan­gen kann als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen sein, wenn der Antrag­stel­ler die Fest­set­zung von Mehr­kos­ten bean­tragt, die dadurch ent­stan­den sind, dass er einen oder meh­re­re gleich­ar­ti­ge, aus einem ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang erwach­se­ne Ansprü­che gegen eine oder meh­re­re Per­so­nen ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen ver­folgt hat. Glei­ches gilt für Erstat­tungs­ver­lan­gen in Bezug auf Mehr­kos­ten, die dar­auf beru­hen, dass meh­re­re von dem­sel­ben Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­ne Antrag­stel­ler in engem zeit­li­chem Zusam­men­hang mit weit­ge­hend gleich­lau­ten­den Antrags­be­grün­dun­gen aus einem weit­ge­hend iden­ti­schen Lebens­sach­ver­halt ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen gegen den- oder die­sel­ben Antrags­geg­ner vor­ge­gan­gen sind. Erweist sich das Kos­ten­fest­set­zungs­ver­lan­gen als rechts­miss­bräuch­lich, muss sich der Antrag­stel­ler kos­ten­recht­lich so behan­deln las­sen, als habe er ein ein­zi­ges Ver­fah­ren geführt.

Der rechts­miss­bräuch­li­che Kos­ten­fest­set­zungs­an­trag

Der von der Antrags­geg­ne­rin erho­be­ne Ein­wand, der Antrag­stel­ler und sei­ne Ange­hö­ri­gen hät­ten durch das Erwir­ken von fünf gleich­lau­ten­den und auf die­sel­be Bericht­erstat­tung gestütz­ten Unter­las­sungs­ver­fü­gun­gen in getrenn­ten Ver­fah­ren unge­recht­fer­tigt Mehr­kos­ten ver­ur­sacht, ist damit nach der vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren zu berück­sich­ti­gen.

Es erscheint aller­dings frag­lich, ob die Erstat­tungs­fä­hig­keit der durch die getrenn­te Gel­tend­ma­chung der Unter­las­sungs­an­sprü­che ent­stan­de­nen erhöh­ten Rechts­an­walts­ge­büh­ren mit der Begrün­dung ver­neint wer­den kann, dass die­se Kos­ten nicht zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung not­wen­dig im Sin­ne des § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO gewe­sen sei­en 1. Denn die Ersatz­fä­hig­keit von Rechts­an­walts­ge­büh­ren rich­tet sich nicht nach § 91 Abs. 1 Satz 1 ZPO, son­dern nach § 91 Abs. 2 Satz 1 Halbs. 1 ZPO. Nach die­ser Bestim­mung sind die gesetz­li­chen Gebüh­ren und Aus­la­gen des Rechts­an­walts der obsie­gen­den Par­tei in allen Pro­zes­sen zu erstat­ten. Die Norm bil­det inso­fern eine Aus­nah­me, als sie für ihren Anwen­dungs­be­reich von der grund­sätz­lich gebo­te­nen Prü­fung der Not­wen­dig­keit ent­stan­de­ner Kos­ten zur zweck­ent­spre­chen­den Rechts­ver­fol­gung oder Rechts­ver­tei­di­gung ent­bin­det 2. Die­se Fra­ge kann indes offen blei­ben.

Denn der Ein­wand der Antrags­geg­ne­rin ist im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren jeden­falls unter dem Gesichts­punkt des Rechts­miss­brauchs zu berück­sich­ti­gen.

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs und des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts unter­liegt jede Rechts­aus­übung – auch im Zivil­ver­fah­ren – dem aus dem Grund­satz von Treu und Glau­ben abge­lei­te­ten Miss­brauchs­ver­bot 3. Als Aus­fluss die­ses auch das gesam­te Kos­ten­recht beherr­schen­den Grund­sat­zes ist die Ver­pflich­tung jeder Pro­zess­par­tei aner­kannt, die Kos­ten ihrer Pro­zess­füh­rung, die sie im Fal­le ihres Sie­ges vom Geg­ner erstat­tet ver­lan­gen will, so nied­rig zu hal­ten, wie sich dies mit der Wah­rung ihrer berech­tig­ten Belan­ge ver­ein­ba­ren lässt. Ein Ver­stoß gegen die­se Ver­pflich­tung kann dazu füh­ren, dass das Fest­set­zungs­ver­lan­gen als rechts­miss­bräuch­lich zu qua­li­fi­zie­ren ist und die unter Ver­stoß gegen Treu und Glau­ben zur Fest­set­zung ange­mel­de­ten Mehr­kos­ten vom Rechts­pfle­ger im Kos­ten­fest­set­zungs­ver­fah­ren abzu­set­zen sind 4.

So kann es als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen sein, wenn der Antrag­stel­ler die Fest­set­zung von Mehr­kos­ten bean­tragt, die dadurch ent­stan­den sind, dass er einen oder meh­re­re gleich­ar­ti­ge, aus einem ein­heit­li­chen Lebens­vor­gang erwach­se­ne Ansprü­che gegen eine oder meh­re­re Per­so­nen ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen ver­folgt hat 5. Glei­ches gilt für Erstat­tungs­ver­lan­gen in Bezug auf Mehr­kos­ten, die dar­auf beru­hen, dass meh­re­re von dem­sel­ben Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­te­ne Antrag­stel­ler in engem zeit­li­chem Zusam­men­hang mit weit­ge­hend gleich­lau­ten­den Antrags­be­grün­dun­gen aus einem weit­ge­hend iden­ti­schen Lebens­sach­ver­halt ohne sach­li­chen Grund in getrenn­ten Pro­zes­sen gegen den- oder die­sel­ben Antrags­geg­ner vor­ge­gan­gen sind 6.

Auf der Grund­la­ge der vom Beschwer­de­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen kann nicht abschlie­ßend beur­teilt wer­den, ob das Fest­set­zungs­ver­lan­gen des Antrag­stel­lers, soweit es auf die Erstat­tung der durch die getrenn­te Rechts­ver­fol­gung ent­stan­de­nen Mehr­kos­ten gerich­tet ist, als rechts­miss­bräuch­lich anzu­se­hen ist. Zwar stimm­ten die Gegen­stän­de aller fünf Ver­fah­ren nach den Fest­stel­lun­gen des Beschwer­de­ge­richts inhalt­lich über­ein. Ange­grif­fen war jeweils die­sel­be Aus­sa­ge in einem Halb­satz eines Arti­kels, deren wei­te­re Ver­brei­tung der Antrags­geg­ne­rin in jeweils gleich­lau­ten­den Unter­las­sungs­ver­fü­gun­gen ver­bo­ten wur­de. Auch sind sach­li­che Grün­de für eine getrenn­te Gel­tend­ma­chung der jewei­li­gen Unter­las­sungs­an­sprü­che nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re begrün­det die Akten­be­ar­bei­tung und Abwick­lung eines Ver­fah­rens, in dem fünf Antrag­stel­ler gleich­ge­rich­te­te Ansprü­che aus einem iden­ti­schen Lebens­sach­ver­halt gegen eine Antrags­geg­ne­rin ver­fol­gen, kei­ne erhöh­ten Anfor­de­run­gen, die eine getrenn­te Rechts­ver­fol­gung als sach­ge­mäß erschei­nen las­sen könn­ten 7. Das Beschwer­de­ge­richt hat – aus sei­ner Sicht fol­ge­rich­tig – aber kei­ne Fest­stel­lun­gen zum zeit­li­chen Zusam­men­hang der Ver­fah­ren und zu der Fra­ge getrof­fen, ob der Antrag­stel­ler und sei­ne Ange­hö­ri­gen von den­sel­ben Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ver­tre­ten wur­den 8.

Der ange­foch­te­ne Beschluss war auf­zu­he­ben und die Sache zur neu­en Ent­schei­dung an das Beschwer­de­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen, damit es die erfor­der­li­chen Fest­stel­lun­gen tref­fen kann (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO). Soll­te sich das Fest­set­zungs­ver­lan­gen als rechts­miss­bräuch­lich erwei­sen, müss­te sich der Antrag­stel­ler kos­ten­recht­lich so behan­deln las­sen, als hät­ten er und sei­ne Ange­hö­ri­gen als Streit­ge­nos­sen ein ein­zi­ges Ver­fah­ren geführt 9. Er könn­te die Kos­ten der Rechts­ver­fol­gung dann nicht in vol­ler Höhe erstat­tet ver­lan­gen, son­dern nur antei­lig unter Berück­sich­ti­gung der Kos­ten der Par­al­lel­ver­fah­ren, d.h. ihm stän­de ein Anspruch auf Ersatz von einem Fünf­tel der bei Füh­rung eines Ver­fah­rens ent­stan­de­nen (fik­ti­ven) Kos­ten zu 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2012 – VI ZB 59/​11

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 08.07.2010 – V ZB 153/​09, NJW-RR 2011, 230 Rn. 14 für den Fall einer Anfech­tungs­kla­ge meh­re­rer Klä­ger gegen den­sel­ben Beschluss der Woh­nungs­ei­gen­tü­mer; OLG Köln, Jur­Bü­ro 2011, 536; OLG Ham­burg, MDR 2003, 1381, 1382; OLG Düs­sel­dorf, MDR 1972, 522, 523; Jaspersen/​Wache in Vorwerk/​Wolf, Beck­OK ZPO (Stand: April 2012), § 91 Rn. 119[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 02.11.2011 – XII ZB 458/​10, NJW 2012, 459 Rn. 35; vom 26.04.2005 – X ZB 17/​04, NJW 2005, 2317; vom 27.03.2003 – V ZB 50/​02; vom 04.02.2003 – XI ZB 21/​02, NJW 2003, 1532, jeweils mwN; BAG, NJW 2005, 1301, 1302; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel, 3. Aufl., § 91 Rn. 47; Jasper­sen in Vorwerk/​Wolf, aaO, § 104 Rn. 22, jeweils mwN[]
  3. BGH, Beschlüs­se vom 10.05.2007 – V ZB 83/​06, BGHZ 172, 218 Rn. 13 f.; vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257 Rn. 12 f.; Urteil vom 19.12.2001 – VIII ZR 282/​00, BGHZ 149, 311, 323; BVerfG, NJW 2002, 2456, jeweils mwN[]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 31.08.2010 – X ZB 3/​09, NJW 2011, 529 Rn. 10; vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, aaO Rn. 12 ff.; KG, KG-Report 2002, 172, 173; 2000, 414, 415; OLG Stutt­gart, OLG-Report 2001, 427 Rn. 12; OLG Mün­chen, OLG-Report 2001, 105; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel, aaO Rn. 41, 48, 110; Musielak/​Lackmann, ZPO, 9. Aufl., § 91 Rn. 9; Jaspersen/​Wache in Vorwerk/​Wolf, aaO (Stand: April 2012), § 91 Rn. 152; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 70. Aufl., § 91 Rn. 140; von Eicken/​Mathias, Die Kos­ten­fest­set­zung, 20. Aufl., Rn. B 362; vgl. auch BGH, Urteil vom 01.03.2011 – VI ZR 127/​10, AfP 2011, 184[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, NJW 2007, 2257 Rn. 13; OLG Düs­sel­dorf, Jur­Bü­ro 1982, 602; 2002, 486; 2011, 648, 649; KG, KG-Report 2002, 172, 173; 2000, 414, 415; OLG Mün­chen, OLG-Report 2001, 105 f.; OLG Stutt­gart, OLG-Report 2001, 427, 428[]
  6. vgl. OLG Frank­furt am Main, Jur­Bü­ro 1974, 1599; OLG Stutt­gart, OLG-Report 2001, 427, 428; OLG Mün­chen, OLG-Report 2001, 105 f.; KG, KG-Report 2000, 414, 415; 2002, 172, 173; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel, aaO Rn. 110; Musielak/​Lackmann, aaO; Jaspersen/​Wache in Vorwerk/​Wolf, aaO (Stand: April 2012), Rn. 119.8[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 17.11.2005 – I ZR 300/​02, NJW-RR 2006, 474, 476[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 08.07.2010 – V ZB 153/​09, aaO; KG Ber­lin, KG-Report 2002, 172, 173; OLG Mün­chen, OLG-Report 2001, 105, 106[]
  9. vgl. BGH, Beschluss vom 02.05.2007 – XII ZB 156/​06, inso­weit nicht in NJW 2007, 565 abge­druckt; KG, KG-Report 2000, 414, 416; 2002, 172, 174; OLG Mün­chen, OLG-Report 2001, 105; Münch­Komm-ZPO/Gie­bel, aaO, § 91 Rn. 110; Jasper­sen in Vorwerk/​Wolf, aaO (Stand: April 2012), § 104 Rn. 25[]
  10. vgl. KG, KG-Report 2002, 172, 174[]