Der Regress­pro­zess – und die Rich­ter des Vor­pro­zes­ses

Die Mit­wir­kung der im Vor­pro­zess mit der Sache befass­ten Rich­ter bei dem Erlass der Ent­schei­dung im spä­te­ren Anwalts­haf­tungs­pro­zess stellt weder einen gesetz­li­chen Aus­schluss­grund noch einen Ableh­nungs­grund wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit dar.

Der Regress­pro­zess – und die Rich­ter des Vor­pro­zes­ses

Die im Regreß­pro­zess geschäfts­plan­mä­ßig beru­fe­nen Rich­ter sind mit­hin wegen ihrer Mit­wir­kung im vor­aus­ge­gan­ge­nen Arzt­haf­tungs­pro­zess weder aus­ge­schlos­sen (§ 41 Nr. 6 ZPO) noch befan­gen (§ 42 Abs. 2 ZPO).

Nach § 41 Nr. 6 ZPO ist ein Rich­ter von der Aus­übung des Rich­ter­am­tes kraft Geset­zes in Sachen aus­ge­schlos­sen, in denen er in einem frü­he­ren Rechts­zug oder im schieds­rich­ter­li­chen Ver­fah­ren bei dem Erlass der ange­foch­te­nen Ent­schei­dung mit­ge­wirkt hat. Sei­ne Mit­wir­kung an einer ande­ren Ent­schei­dung als der ange­foch­te­nen reicht hin­ge­gen nicht aus [1]. Im Streit­fall haben die abge­lehn­ten Rich­ter, die im Anwalts­haf­tungs­pro­zess in ers­ter Instanz tätig wer­den sol­len, nur in einem Vor­pro­zess mit­ge­wirkt, des­sen für den Klä­ger nega­ti­ver Aus­gang den Anlass für die streit­ge­gen­ständ­li­che Haf­tungs­kla­ge gege­ben hat. Die­ser Fall wird von dem kla­ren Wort­laut der Vor­schrift nicht erfasst.

Eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 41 Nr. 6 ZPO auf den hier gege­be­nen Fall der Vor­be­fas­sung schei­det eben­falls aus. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de fehlt es schon an der Ver­gleich­bar­keit der Sach­ver­hal­te. Es geht im Anwalts­haf­tungs­pro­zess nicht um eine auch nur mit­tel­ba­re Über­prü­fung der im Vor­pro­zess ergan­ge­nen Ent­schei­dung. Die Fra­ge, ob dem Man­dan­ten durch eine schuld­haf­te Pflicht­ver­let­zung des Rechts­an­walts ein Scha­den ent­stan­den ist, der vom Aus­gang eines ande­ren Rechts­streits abhängt, ist danach zu beur­tei­len, wie jenes Ver­fah­ren rich­ti­ger­wei­se zu ent­schei­den gewe­sen wäre [2]. Wel­che recht­li­che Beur­tei­lung das mit dem Vor­pro­zess befass­te Gericht sei­ner Ent­schei­dung zugrun­de gelegt hat­te, ist hin­ge­gen ohne Belang [3]. Die Stel­lung des Gerichts im Haf­tungs­pro­zess ent­spricht daher eher der eines Instanz­ge­richts, das nach Auf­he­bung und Zurück­ver­wei­sung der Sache durch das Rechts­mit­tel­ge­richt erneut über die Sache zu befin­den hat. Wie sich aus § 563 Abs. 1 Satz 2 ZPO ergibt, ent­schei­det nach Zurück­ver­wei­sung der Sache ein ande­rer Spruch­kör­per nur, wenn das Rechts­mit­tel­ge­richt eine dies­be­züg­li­che beson­de­re Anord­nung trifft. Fehlt eine sol­che, ist bei den Mit­glie­dern des vor­be­fass­ten Spruch­kör­pers, die an dem auf­ge­ho­be­nen Urteil mit­ge­wirkt haben, kein Fall der unmit­tel­ba­ren oder ent­spre­chen­den Anwen­dung des § 41 Nr. 6 ZPO gege­ben [4]. Die­ses Bei­spiel zeigt, dass nach der Vor­stel­lung des Gesetz­ge­bers die Unvor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters grund­sätz­lich nicht schon dadurch gefähr­det ist, dass er sich schon frü­her zu dem­sel­ben Sach­ver­halt ein Urteil gebil­det hat. In den Rege­lun­gen zum Nach­ver­fah­ren nach einer Ent­schei­dung im Urkun­den­pro­zess [5] kommt dies eben­falls zum Aus­druck.

Im Übri­gen führt § 41 ZPO die Aus­schlie­ßungs­grün­de abschlie­ßend auf. Schon wegen der ver­fas­sungs­mä­ßi­gen For­de­rung, den gesetz­li­chen Rich­ter im Vor­aus mög­lichst ein­deu­tig zu bestim­men (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG), ist die Vor­schrift einer erwei­tern­den Aus­le­gung im Sin­ne der Rechts­be­schwer­de nicht zugäng­lich [6].

Die blo­ße Mit­wir­kung an der im Vor­pro­zess ergan­ge­nen Ent­schei­dung stellt im nach­fol­gen­den Haf­tungs­pro­zess auch kei­nen Ableh­nungs­grund nach § 42 Abs. 2 ZPO dar. Begrün­de­te bereits die Mit­wir­kung im Vor­pro­zess die Besorg­nis der Befan­gen­heit, führ­te dies auf dem Umweg über § 42 ZPO im End­ergeb­nis zu einer unzu­läs­si­gen Erwei­te­rung des Anwen­dungs­be­reichs des § 41 ZPO, die – wie aus­ge­führt – aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den aus­ge­schlos­sen ist.

Nach § 42 Abs. 2 ZPO kann ein Rich­ter wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit abge­lehnt wer­den, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen sei­ne Unpar­tei­lich­keit zu recht­fer­ti­gen. Uner­heb­lich ist, ob der Rich­ter sich befan­gen fühlt oder tat­säch­lich befan­gen ist. Ent­schei­dend ist viel­mehr, ob aus der Sicht einer objek­tiv und ver­nünf­tig urtei­len­den Par­tei die Besorg­nis besteht, der zur Ent­schei­dung beru­fe­ne Rich­ter ste­he der Sache nicht unvor­ein­ge­nom­men und unpar­tei­isch gegen­über [7]. Der nach § 44 Abs. 2 Satz 1 ZPO glaub­haft zu machen­de Ableh­nungs­grund kann, wenn wie hier kei­ner der Aus­schluss­tat­be­stän­de des § 41 ZPO vor­liegt, nur in kon­kre­ten, auf den Ein­zel­fall bezo­ge­nen Tat­sa­chen lie­gen.

Dar­an fehlt es hier. Allein der Umstand, dass es einem Rich­ter bei einer Zweit­be­fas­sung mit einem Sach­ver­halt zuge­mu­tet wird, sich von des­sen frü­he­rer recht­li­chen Beur­tei­lung zu lösen und den Fall neu zu durch­den­ken, reicht hier­für nicht aus [8]. Aus objek­ti­ver Sicht ist es dem in typi­scher oder aty­pi­scher Wei­se vor­be­fass­ten Rich­ter grund­sätz­lich zuzu­trau­en, dass er auch den neu­en Fall aus­schließ­lich nach sach­li­chen Kri­te­ri­en löst [9]. Beson­de­re Umstän­de des Ein­zel­falls, aus denen sich erge­ben könn­te, dass die hier abge­lehn­ten Rich­ter aus der Sicht einer ver­stän­di­gen Par­tei gehin­dert sein könn­ten, den sich aus dem von ihnen sei­ner Zeit ent­schie­de­nen Arzt­haf­tungs­pro­zess erge­ben­den Anwalts­haf­tungs­fall objek­tiv und ange­mes­sen zu beur­tei­len, hat der Klä­ger im vor­lie­gend ent­schie­de­nen Fall nicht dar­ge­tan und nicht glaub­haft gemacht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2014 – IX ZB 65/​13

  1. BGH, Urteil vom 05.07.1960 – VI ZR 109/​59, NJW 1960, 1762 f; vom 05.12 1980 – V ZR 16/​80, NJW 1981, 1273 f; Beschluss vom 24.07.2012 – II ZR 280/​11, NJW-RR 2012, 1341 Rn. 2; BVerwG, NJW 1975, 1241; NJW 1980, 2722; BFHE 242, 271 Rn. 23[]
  2. BGH, Urteil vom 13.06.1996 – IX ZR 233/​95, BGHZ 133, 110, 111; vom 17.09.2009 – IX ZR 74/​08, WM 2009, 2138 Rn.20[]
  3. BGH, Urteil vom 15.11.2007 – IX ZR 44/​04, BGHZ 174, 205, 209 Rn. 9[]
  4. vgl. BVerwG, NJW 1975, 1241 mwN; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, 4. Aufl., § 41 Rn. 24 f; Musielak/​Heinrich, ZPO, 11. Aufl., § 41 Rn. 13; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Aufl., § 41 Rn. 24[]
  5. vgl. Hk-ZPO/­Bendt­sen, 5. Aufl., § 41 Rn. 17 f; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, aaO; Musielak/​Heinrich, aaO; Zöller/​Vollkommer, aaO; jeweils mwN[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 05.12 1980, aaO; vom 04.12 1989 – RiZ® 5/​89, NJW 1991, 425; Beschluss vom 20.10.2003 – II ZR 31/​02, NJW 2004, 163; vom 24.07.2012, aaO Rn. 3; BVerfGE 30, 149, 155; BVerfGE 30, 165, 168 f; BVerfG, NJW 2001, 3533[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 30.01.1986 – X ZR 70/​84, NJW-RR 1986, 738; vom 14.03.2003 – IXa ZB 27/​03, WM 2003, 946; st. Rspr.; s. fer­ner BVerfG NJW 1993, 2230 mwN; Prütting/​Gehrlein/​Mannebeck, ZPO, 6. Aufl., § 42 Rn. 5; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, aaO § 42 Rn. 4; Zöller/​Vollkommer, aaO § 42 Rn. 9[]
  8. a.A. LG Darm­stadt, NJW-RR 1999, 289, 290; Baur in Fest­schrift Larenz, 1973, S. 1063, 1073 f[]
  9. vgl. Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, aaO § 42 Rn. 15 f[]