Der Scha­dens­er­satz­an­spruch des Lan­des – und die damit ver­bun­de­nen Steu­er­mehr­ein­nah­men

Hat ein Land gegen einen Werk­un­ter­neh­mer einen Scha­dens­er­satz­an­spruch aus Ver­zug, weil es eine auf­grund einer zwi­schen­zeit­li­chen Erhö­hung der Umsatz­steu­er ein­ge­tre­te­ne Mehr­be­las­tung nach der ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung zu tra­gen hat, stel­len die damit ver­bun­de­nen Steu­er­mehr­ein­nah­men kei­nen im Wege des Vor­teils­aus­gleichs anzu­rech­nen­den Ver­mö­gens­vor­teil dar 1.

Der Scha­dens­er­satz­an­spruch des Lan­des – und die damit ver­bun­de­nen Steu­er­mehr­ein­nah­men

Dem Land ist wegen der durch die Erhö­hung der Umsatz­steu­er ein­ge­tre­te­nen Mehr­be­las­tung ein nach § 634 Nr. 4, §§ 636, 280, 281 BGB ein ersatz­fä­hi­ger Scha­den ent­stan­den, da sich der Werk­un­ter­neh­mer im vor­lie­gen­den Fall seit dem 22.12 2006 mit der Aus­füh­rung der Leis­tun­gen in Ver­zug befand. Die­se Ver­zö­ge­rung hat zur Fol­ge, dass der Werk­un­ter­neh­mer die gesam­te Leis­tung mit dem ab dem 1.01.2007 gel­ten­den Umsatz­steu­er­satz von 19 % statt mit 16 % zu ver­steu­ern hat­te und das Land gegen­über dem Hand­wer­ker ver­trag­lich ver­pflich­tet war, auch die­sen Mehr­be­trag zu bezah­len.

Das Land muss sich auf die­sen Ver­mö­gens­nach­teil die ihm infol­ge der Umsatz­steu­er­erhö­hung zuflie­ßen­den Steu­er­mehr­ein­nah­men nicht im Wege des Vor­teils­aus­gleichs anrech­nen las­sen.

Durch die auf dem Grund­satz von Treu und Glau­ben beru­hen­de Vor­teils­aus­glei­chung soll ein gerech­ter Aus­gleich zwi­schen den bei einem Scha­dens­fall wider­strei­ten­den Inter­es­sen her­bei­ge­führt wer­den. Der Geschä­dig­te darf nicht bes­ser gestellt wer­den, als er ohne das schä­di­gen­de Ereig­nis stün­de. Ande­rer­seits sind nicht alle durch das Scha­dens­er­eig­nis beding­ten Vor­tei­le auf den Scha­dens­er­satz­an­spruch anzu­rech­nen, son­dern nur sol­che, deren Anrech­nung mit dem jewei­li­gen Zweck des Ersatz­an­spruchs über­ein­stimmt, das heißt, deren Anrech­nung dem Geschä­dig­ten zumut­bar ist und den Schä­di­ger nicht unan­ge­mes­sen ent­las­tet. Vor- und Nach­tei­le müs­sen bei wer­ten­der Betrach­tungs­wei­se gleich­sam zu einer Rech­nungs­ein­heit ver­bun­den sein 2. Nach die­sen Grund­sät­zen kann ein Vor­teils­aus­gleich nur statt­fin­den, wenn der Geschä­dig­te auf­grund des Scha­dens­fal­les einen Vor­teil erlangt, den er ohne die­sen nicht erhal­ten hät­te und der sich so in sei­nem Ver­mö­gen nie­der­schlägt, dass sich die end­gül­ti­ge Scha­dens­bi­lanz in Höhe die­ses Vor­teils ver­rin­gert.

Die­se Vor­aus­set­zun­gen sind im Streit­fall nicht gege­ben. Der dem Land in Gestalt sei­nes Umsatz­steu­er­an­teils zuflie­ßen­de Vor­teil kann nicht zu einer Anrech­nung im Wege des Vor­teils­aus­gleichs füh­ren. Nach § 1 Abs. 1 UStG fällt die Umsatz­steu­er grund­sätz­lich an, wenn Leis­tun­gen durch einen Unter­neh­mer aus­ge­führt wer­den. Die­se Besteue­rung des Umsat­zes als eines wirt­schaft­li­chen Ver­kehrs­vor­gangs dient wie ande­re Steu­er­ar­ten der Deckung des Finanz­be­darfs der öffent­li­chen Haus­hal­te (Bund, Län­der und Gemein­den). Nach ihrem Sinn und Zweck soll sie dem Staat aus jedem umsatz­steu­er­pflich­ti­gen Vor­gang Ein­nah­men erbrin­gen, um sei­ne Auf­ga­ben erfül­len zu kön­nen. Wäh­rend der Scha­den in Form der Ver­pflich­tung zur Zah­lung einer auf der Grund­la­ge des erhöh­ten Umsatz­steu­er­sat­zes erhöh­ten Ver­gü­tung im Bereich der Stra­ßen­bau­last auf­ge­tre­ten ist und sich dort ver­mö­gens­mä­ßig zum Nach­teil des Geschä­dig­ten aus­ge­wirkt hat, erfolgt der durch Abfüh­rung der Umsatz­steu­er ver­ur­sach­te Ver­mö­gens­zu­wachs in einem ganz ande­ren Bereich, näm­lich dem des Steu­er­auf­kom­mens, das dem geschä­dig­ten Land nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers unab­hän­gig davon zusteht, auf wel­chen Vor­gang das umsatz­steu­er­pflich­ti­ge Geschäft zurück­zu­füh­ren ist 3.

Ohne Erfolg macht der Werk­un­ter­neh­mer gel­tend, die Grund­sät­ze der Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 14.09.2004 4 sei­en auf den vor­lie­gen­den Fall nicht zu über­tra­gen. In dem dort ent­schie­de­nen Fall ging es um die Erstat­tungs­fä­hig­keit der von der zustän­di­gen Behör­de an einen Unter­neh­mer gezahl­ten Umsatz­steu­er, der mit der Repa­ra­tur einer Schutz­plan­ke einer Auto­bahn beauf­tragt wor­den war.

Die Ansicht des Werk­un­ter­neh­mers, in dem vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall sei ein aus­gleichs­fä­hi­ger Vor­teil bereits des­we­gen zu ver­nei­nen, weil der dort vom Geschä­dig­ten beauf­trag­te Unter­neh­mer ohne die vom Schä­di­ger gesetz­te Scha­dens­ur­sa­che Leis­tun­gen, die Gegen­stand des Auf­trags zur Scha­dens­be­sei­ti­gung gewe­sen sei­en, gegen­über ande­ren Auf­trag­ge­bern erbracht hät­te, die dann eben­falls der Umsatz­be­steue­rung unter­le­gen hät­ten, wäh­rend eine Besteue­rung einer ander­weit erbrach­ten Leis­tung im vor­lie­gen­den Fall nicht in Rede ste­he, ver­mag einen Vor­teils­aus­gleich im vor­lie­gen­den Fall nicht zu begrün­den. Das Bestehen eines Kau­sal­zu­sam­men­hangs zwi­schen dem Ver­mö­gens­vor­teil des Geschä­dig­ten und dem ihm infol­ge des Scha­dens­er­eig­nis­ses ent­stan­de­nen Nach­teil, auf den der Werk­un­ter­neh­mer inso­weit offen­bar abstel­len will und der im vor­lie­gen­den Fall zwi­schen den Par­tei­en außer Streit steht, kann für sich genom­men einen Vor­teils­aus­gleich nicht recht­fer­ti­gen. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass die Anrech­nung des Vor­teils im Ein­zel­fall unter Berück­sich­ti­gung der gesam­ten Inter­es­sen­la­ge der Betei­lig­ten nach Treu und Glau­ben dem Geschä­dig­ten zuge­mu­tet wer­den kann. Dies ist aus den vor­ste­hend genann­ten Grün­den nicht der Fall.

Der Ein­wand des Werk­un­ter­neh­mers, die Ableh­nung einer Vor­teils­aus­glei­chung füh­re im Ergeb­nis zu einer Berei­che­rung des Lan­des weil die­ser die Umsatz­steu­er wert­mä­ßig dop­pelt erhal­te, ein­mal auf­grund des Steu­er­ver­hält­nis­ses und ein­mal als Scha­dens­er­satz, greift nicht durch. Das Land erhält mit dem Scha­dens­er­satz nicht die Umsatz­steu­er­dif­fe­renz als zusätz­li­chen Ver­mö­gens­wert. Sei­ne Zah­lungs­pflicht gegen­über dem Werk­un­ter­neh­mer wird viel­mehr im Umfang der durch die Erhö­hung der Umsatz­steu­er ein­ge­tre­te­nen Mehr­be­las­tung gemin­dert. Das Land wird durch die Zubil­li­gung eines Scha­dens­er­satz­an­spruchs in die­ser Höhe im Ergeb­nis daher ledig­lich so gestellt, wie er stün­de, wenn der Werk­un­ter­neh­mer sei­ne Leis­tun­gen frist­ge­recht bis zum ver­ein­bar­ten Fer­tig­stel­lungs­ter­min im Jahr 2006 erbracht hät­te.

Das Land ist nicht einem vor­steu­er­ab­zugs­be­rech­tig­ten Geschä­dig­ten gleich zu stel­len. Der zum Vor­steu­er­ab­zug Berech­tig­te kann die ihm in Rech­nung gestell­te Umsatz­steu­er von sei­ner eige­nen Umsatz­steu­er­schuld abset­zen und damit sei­ne Zah­lungs­ver­pflich­tung gegen­über der Finanz­be­hör­de um die­sen Betrag ver­rin­gern. Die­ser Vor­teil, der eine adäqua­te Fol­ge des schä­di­gen­den Ereig­nis­ses dar­stellt, muss des­halb nach den Grund­sät­zen der Vor­teils­aus­glei­chung bei der Berech­nung des Scha­dens berück­sich­tigt wer­den 5. Der Streit­fall ist signi­fi­kant anders gela­gert; das Land erzielt aus den vor­ge­nann­ten Grün­den im vor­lie­gen­den Fall auf­grund des scha­dens­be­grün­den­den Ver­zugs kei­nen ander­wei­ti­gen Vor­teil, den er sich im Wege der Vor­teils­aus­glei­chung anrech­nen las­sen muss.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Juli 2014 – VII ZR 67/​13

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 18.03.2014 – VI ZR 10/​13, juris und BGH, Urteil vom 14.09.2004 – VI ZR 97/​04, NJW 2004, 3557[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.07.2008 – VII ZR 16/​07, BauR 2008, 1877 Rn.20 = NZBau 2009, 34; vom 28.06.2007 – VII ZR 81/​06, BGHZ 173, 83 Rn. 18 und – VII ZR 8/​06, BauR 2007, 1567, 1568 = NZBau 2007, 580 m.w.N.[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 18.03.2014 – VI ZR 10/​13 16; Urteil vom 14.09.2004 – VI ZR 97/​04, NJW 2004, 3557, 3558[]
  4. BGH, Urteil vom 14.09.2004 – VI ZR 97/​04, NJW 2004, 3557[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 06.06.1972 – VI ZR 49/​71, NJW 1972, 1460, 1461[]