Der Schrift­satz vor der Urteils­ver­kün­dung – und die ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Gerichts

In dem Ver­fah­rens­sta­di­um zwi­schen der Bera­tung und Abstim­mung und der Ver­kün­dung ist das Urteil noch nicht bin­dend, son­dern kann nach noch­ma­li­ger Bera­tung geän­dert wer­den 1. Dem Gericht obliegt es des­halb auch nach der Bera­tung und Abstim­mung, ein­ge­hen­de Schrift­sät­ze zur Kennt­nis zu neh­men und eine Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung zu prü­fen 2. Neh­men von einem nach­ge­reich­ten Schrift­satz nur die Berufs­rich­ter Kennt­nis, wird der Pro­zess­par­tei, die die­sen Schrift­satz ver­fasst hat, der gesetz­li­che Rich­ter ent­zo­gen 3.

Der Schrift­satz vor der Urteils­ver­kün­dung – und die ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Gerichts

An der Ent­schei­dung über die Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung müs­sen auch die ehren­amt­li­chen Rich­ter mit­wir­ken, weil die in § 20 Abs. 1 LwVG auf­ge­führ­ten Aus­nah­men von der Mit­wir­kung nicht vor­lie­gen 4. Wird das nicht beach­tet, ist das Gericht bei der Bera­tung und Ent­schei­dung über das von ihm ver­kün­de­te Urteil, mit dem kon­klu­dent die Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung aus Anlass des nach­ge­reich­ten Schrift­sat­zes abge­lehnt wird, nicht ord­nungs­ge­mäß besetzt 5.

So ver­hält es sich auch in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof für Land­wirt­schafts­sa­chen Bun­des­ge­richts­hofs ent­schie­de­nen Rechts­streit:

Aus der Gerichts­ak­te ist zu erse­hen, dass der nach­ge­reich­te Schrift­satz der Beklag­ten zur Akte genom­men; und vom Bun­des­ge­richts­hofs­vor­sit­zen­den ledig­lich die Über­mitt­lung einer Durch­schrift an die Klä­ge­rin ver­fügt wur­de. Den ehren­amt­li­chen Mit­glie­dern des Bun­des­ge­richts­hofs wur­de er dage­gen nicht bekannt gege­ben, und es hat kei­ne Bera­tung unter ihrer Betei­li­gung mehr statt­ge­fun­den. Den Beklag­ten ist schon durch die­se Behand­lung ihres Vor­brin­gens in dem nach­ge­reich­ten Schrift­satz der gesetz­li­che Rich­ter ent­zo­gen wor­den. Aus § 193 Abs. 1 GVG ergibt sich näm­lich, dass jede Ent­schei­dung eines Kol­le­gi­al­ge­richts auf einer Bera­tung und Abstim­mung der zur Ent­schei­dung beru­fe­nen Mit­glie­der beru­hen muss 6. Die Nicht­mit­wir­kung eines zustän­di­gen Rich­ters ver­letzt zugleich Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG 7.

Es kommt des­we­gen nicht dar­auf an, ob das Vor­brin­gen in dem nach­ge­reich­ten Schrift­satz bereits Gegen­stand der münd­li­chen Ver­hand­lung und damit auch Grund­la­ge der Urteils­be­ra­tung mit den ehren­amt­li­chen Rich­tern war. Die Fra­ge, ob ein nach­ge­reich­ter Schrift­satz hin­rei­chen­den Anlass für eine Wie­der­eröff­nung der münd­li­chen Ver­hand­lung gibt, ist von allen Mit­glie­dern des Gerichts zu ent­schei­den. Die ehren­amt­li­chen Rich­ter dür­fen davon nicht aus­ge­schlos­sen wer­den.

Ohne Erfolg bleibt auch der Ein­wand, es kön­ne – auch wenn aus der Gerichts­ak­te sich dazu nichts erge­be – nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass das Beru­fungs­ge­richt noch unter Betei­li­gung der ehren­amt­li­chen Mit­glie­der über den nach­ge­reich­ten Schrift­satz bera­ten habe, wes­halb das Revi­si­ons­ge­richt vor einer Ent­schei­dung über die Beset­zungs­rü­ge bei dem Beru­fungs­ge­richt nach­fra­gen müs­se. Die­ses Vor­brin­gen ist des­halb unbe­acht­lich, weil die Mit­wir­kung der ehren­amt­li­chen Rich­ter an der Ent­schei­dungs­fin­dung in einer für die Par­tei­en und das Revi­si­ons­ge­richt nach­prüf­ba­ren Wei­se fest­ge­hal­ten sein muss 8. Das setzt – da das Urteil nach § 48 Abs. 1 Satz 2 Halbs. 2 LwVG nicht auch von den ehren­amt­li­chen Rich­tern unter­schrie­ben wird – eine Doku­men­ta­ti­on der Mit­wir­kung der ehren­amt­li­chen Rich­ter in den Akten vor­aus 9.

Der Ver­stoß gegen Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG ist nach § 547 Nr. 1 ZPO ein abso­lu­ter Revi­si­ons­grund. Die Kau­sa­li­tät der Rechts­ver­let­zung für die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung wird nach dem Gesetz ver­mu­tet. Das Beru­fungs­ur­teil ist daher auf­zu­he­ben und die Sache zur neu­en Ver­hand­lung und Ent­schei­dung zurück­zu­ver­wei­sen (§ 563 Abs. 1 Satz 1 ZPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 25. April 2014 – LwZR 2/​13

  1. BGH, Urteil vom 08.11.1973 – VII ZR 86/​73, BGHZ 61, 369, 370[]
  2. BGH, Beschluss vom 15.04.2011 – LwZR 7/​10, NL-BzAR 2011, 270 Rn. 12; BGH, Urteil vom 01.02.2002 – V ZR 357/​00, NJW 2002, 1426, 1427; BAG, NJW 2009, 1163, 1164[]
  3. BAG, NJW 2009, 1163, 1164[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.11.2007 – LwZR 5/​07, NJW 2008, 580, 581 Rn. 8; und vom 15.04.2011 – LwZR 7/​10, NL-BzAR 2011, 270 Rn. 12[]
  5. BGH, Urteil vom 15.04.2011 – LwZR 7/​10, aaO Rn. 13[]
  6. BGH, Beschluss vom 29.11.2013 – BLw 4/​12, NJW-RR 2014, 443 Rn. 26[]
  7. BGH, Beschluss vom 28.11.2008 – LwZR 4/​08, NJW-RR 2009, 286 Rn. 11[]
  8. BGH, Beschluss vom 20.04.2012 – LwZR 5/​11, NJW-RR 2012, 879 Rn. 12; Beschluss vom 29.11.2013 – BLw 4/​12, NJW-RR 2012, 243 Rn. 34[]
  9. BGH, Beschluss vom 20.04.2012 – LwZR 5/​11, aaO[]