Der Streit­wert des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens

Der Streit­wert des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens rich­tet sich nach dem Haupt­sa­che­wert. Maß­geb­lich sind die mög­li­chen Haupt­sa­che­an­sprü­che, wel­che der Antrag­stel­ler zur Begrün­dung sei­nes Antrags auf Durch­füh­rung des Beweis­ver­fah­rens kon­kre­ti­siert.

Der Streit­wert des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens

Theo­re­tisch denk­ba­re wei­ter­ge­hen­de Ansprü­che spie­len für die Wert­fest­set­zung kei­ne Rol­le, wenn die­se Ansprü­che nicht Gegen­stand der Antrags­be­grün­dung waren, son­dern vom Antrag­stel­ler, bzw. von sei­nem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, erst nach Abschluss des selb­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens zur Begrün­dung eines bestimm­ten Streit­werts her­an­ge­zo­gen wer­den.

Der Streit­wert eines selbst­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens rich­tet sich grund­sätz­lich nach dem Haupt­sa­che­wert (§ 48 Abs. 1 Satz 1 GKG i.V.m. § 3 ZPO) 1. Für den Haupt­sa­che­wert ist der Anspruch maß­geb­lich, der Gegen­stand eines Haupt­sa­che­ver­fah­rens sein soll. In einem selbst­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren sol­len bestimm­te tat­säch­li­che Fra­gen geklärt wer­den, um eine mög­li­che Haupt­sa­che­kla­ge vor­zu­be­rei­ten. Der Wert des Ver­fah­rens rich­tet sich nach dem Inter­es­se des Antrag­stel­lers, wel­ches er an der Beweis­erhe­bung hat. Bei der Schät­zung des für die Wert­fest­set­zung maß­geb­li­chen Haupt­sa­che­werts ist ent­schei­dend, wel­che Vor­stel­lun­gen der Antrag­stel­ler selbst zu den Ansprü­chen hat, deren Gel­tend­ma­chung er durch die Beweis­erhe­bung vor­be­rei­ten will. Maß­geb­lich sind mit­hin die Anga­ben, wel­che der Antrag­stel­ler selbst bei der Antrag­stel­lung im selbst­stän­di­gen Beweis­ver­fah­ren zu den Ansprü­chen macht, die nach sei­ner Auf­fas­sung in Betracht kom­men 2.

Im vor­lie­gen­den Fall hat der Antrag­stel­ler in sei­ner Antrags­schrift sei­ne Haupt­sa­che­an­sprü­che, deren Gel­tend­ma­chung er durch die Beweis­erhe­bung vor­be­rei­ten woll­te, kon­kre­ti­siert. Nach sei­ner Auf­fas­sung kam ein Scha­dens­er­satz­an­spruch in Betracht, der auf das nega­ti­ve Inter­es­se gerich­tet sein soll­te. Nach Anga­ben des Antrag­stel­lers ergab sich aus dem Wert des Fahr­zeugs zum Zeit­punkt der Über­ga­be (7.000, 00 €) und aus den geleis­te­ten Anzah­lun­gen (ins­ge­samt 5.000,00 €) ein Scha­den von 12.000,00 €. Dem­entspre­chend ist dem Antrag ein Haupt­sa­che­wert von 12.000,00 € zu ent­neh­men.

Im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens hat der Antrag­stel­ler die an den Sach­ver­stän­di­gen zu rich­ten­den Fra­gen ergänzt. Die Fra­ge nach dem fik­ti­ven Markt­wert des voll­stän­dig und fach­ge­recht restau­rier­ten Fahr­zeugs im spä­te­ren Schrift­satz ist dahin­ge­hend zu ver­ste­hen, dass nach Auf­fas­sung des Antrag­stel­lers die­ser Wert – also das soge­nann­te posi­ti­ve Inter­es­se und nicht nur das nega­ti­ve Inter­es­se – für einen Scha­dens­er­satz­an­spruch wesent­lich maß­geb­lich sein soll­te. Der Antrag­stel­ler hat damit einen ande­ren Haupt­sa­che­an­spruch als wesent­lich für die Durch­füh­rung der Beweis­erhe­bung bezeich­net. Mit die­sem spä­te­re Schrift­satz ist der höhe­re Betrag eines auf das posi­ti­ve Inter­es­se gerich­te­ten Scha­dens­er­satz­an­spruchs für den Streit­wert maß­geb­lich gewor­den. Das posi­ti­ve Inter­es­se beträgt – unter Berück­sich­ti­gung des Sach­vor­trags des Antrag­stel­lers und der gut­acht­li­chen Äuße­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen – 22.000, 00 €.

Der Sach­ver­stän­di­ge hat den fik­ti­ven Markt­wert des ord­nungs­ge­mäß restau­rier­ten Fahr­zeugs mit ins­ge­samt 25.000,00 € abge­schätzt. Für die Berech­nung des posi­ti­ven Inter­es­ses ist von dem fik­ti­ven Wert von 25.000,00 € ein Betrag von 3.000,00 € abzu­zie­hen, da der Antrag­stel­ler die­sen Betrag bei einer ord­nungs­ge­mä­ßen Restau­rie­rung nach sei­nen Anga­ben noch zu zah­len gehabt hät­te (8.000,00 € ver­ein­bar­ter Werk­lohn ./​. 5.000,00 € Anzah­lun­gen). Aus der Dif­fe­renz­be­rech­nung ergibt sich der maß­geb­li­che Haupt­sa­che­wert von 22.000,00 €.

Für die Durch­füh­rung des selbst­stän­di­gen Beweis­ver­fah­rens kommt es grund­sätz­lich nicht dar­auf an, ob ein Haupt­sa­che­an­spruch schlüs­sig dar­ge­tan ist 1. Daher spielt die Fra­ge der Schlüs­sig­keit auch für die Wert­fest­set­zung kei­ne Rol­le. Es kommt auch nicht auf die strei­ti­ge Fra­ge an, ob die Antrags­geg­ne­rin für einen Haupt­sa­che­an­spruch pas­siv legi­ti­miert ist.

Das Land­ge­richt hat bei der Wert­fest­set­zung wei­te­re mög­li­che Scha­dens­pos­ten des Antrag­stel­lers berück­sich­tigt, näm­lich 82.824,00 € Nut­zungs­aus­fall, 5.000,00 € Ver­mö­gens­ein­bu­ße auf Grund der geleis­te­ten Anzah­lun­gen, 3.412,50 € Kos­ten für die Lage­rung von Ersatz­tei­len und 800,00 € Trans­port­kos­ten. Die­se – mög­li­chen – Scha­dens­pos­ten spie­len für den Streit­wert jedoch ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts kei­ne Rol­le. Denn die ange­führ­ten Scha­dens­pos­ten sind nicht Teil des für die Wert­fest­set­zung maß­geb­li­chen Haupt­sa­che­werts.

Maß­geb­lich für den Haupt­sa­che­wert sind die vom Antrag­stel­ler zur Begrün­dung sei­ner Beweis­an­trä­ge geäu­ßer­ten Vor­stel­lun­gen. Der Antrag­stel­ler hat im Ver­fah­ren vor dem Land­ge­richt nur die mög­li­che Gel­tend­ma­chung sei­nes Sach­scha­dens ange­kün­digt, zunächst in der Form des nega­ti­ven Inter­es­ses und spä­ter in der Form des posi­ti­ven Inter­es­ses. Zur Begrün­dung der Beweis­an­trä­ge hat der Antrag­stel­ler schrift­sätz­lich kei­ne wei­ter­ge­hen­den Ansprü­che in Betracht gezo­gen; ins­be­son­de­re hat er nicht gel­tend gemacht, die Beweis­erhe­bung sei – auch – erfor­der­lich, um die Vor­aus­set­zun­gen eines Anspruchs auf Nut­zungs­aus­fall zu klä­ren.

Dass Ansprü­che in Betracht kom­men sol­len, die über den rei­nen Sach­scha­den hin­aus­ge­hen, hat der Antrag­stel­ler erst­mals im Schrift­satz sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten vom 18.12.2015 aus­ge­führt. Zu die­sem Zeit­punkt war die Beweis­erhe­bung bereits been­det und das selbst­stän­di­ge Beweis­ver­fah­ren abge­schlos­sen. Die spä­te­ren schrift­sätz­li­chen Aus­füh­run­gen dien­ten – nach Abschluss der Beweis­erhe­bung – allein der nach­träg­li­chen Moti­vie­rung eines bestimm­ten Streit­werts. Für den Wert des Ver­fah­rens kön­nen jedoch Ansprü­che kei­ne Bedeu­tung haben, wel­che der Antrag­stel­ler erst nach voll­stän­di­gem Abschluss der Beweis­erhe­bung angibt, wenn er sich in sei­nen vor­aus­ge­gan­ge­nen Beweis­an­trä­gen auf ande­re Ansprü­che (Sach­scha­den) beschränkt hat.

Aller­dings hat die Recht­spre­chung in bestimm­ten Aus­nah­me­fäl­len auch Ansprü­che für die Wert­fest­set­zung im selbst­stän­di­gen Beweis- ver­fah­ren her­an­ge­zo­gen, die nicht aus­drück­lich gel­tend gemacht waren. So hat das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen 3 bei einer Beweis­erhe­bung zu einem behaup­te­ten ärzt­li­chen Kunst­feh­ler einen Schmer­zens­geld­an­spruch und den Wert eines Fest­stel­lungs­an­trags bei der Wert­fest­set­zung mit in Rech­nung gestellt, obwohl die­se Ansprü­che im Antrag auf Durch­füh­rung des Ver­fah­rens nicht bezeich­net wor­den waren. Für die Wert­fest­set­zung in der zitier­ten Ent­schei­dung war maß­geb­lich, dass die dor­ti­ge Antrag­stel­le­rin die in Betracht kom­men­den Ansprü­che bei einem Kunst­feh­ler nicht kon­kre­ti­siert hat­te. Wegen der feh­len­den Kon­kre­ti­sie­rung der Haupt­sa­che­an­sprü­che wur­den für die Wert­fest­set­zung die­je­ni­gen in Betracht kom­men­den Ansprü­che berück­sich­tigt, die das Gericht bei dem behaup­te­ten Kunst­feh­ler als nahe­lie­gend ansah.

Mit die­ser Kon­stel­la­ti­on ist der vor­lie­gen­de Fall nicht ver­gleich­bar. Denn der Antrag­stel­ler hat in sei­nen Schrift­sät­zen die in Betracht kom­men­den Haupt­sa­che­an­sprü­che kon­kre­ti­siert. Daher besteht kein Anlass, bei der Wert­fest­set­zung über den vom Antrag­stel­ler kon­kre­ti­sier­ten Haupt­sa­che­an­spruch (Scha­dens­er­satz in der Form des posi­ti­ven Inter­es­ses auf der Grund­la­ge einer Sach­ver­stän­di­gen­schät­zung) hin­aus­zu­ge­hen.

Da die nach­träg­li­chen Vor­stel­lun­gen des Antrag­stel­lers für die Wert­fest­set­zung kei­ne Rol­le spie­len, kommt es nicht dar­auf an, ob ein Anspruch des Antrag­stel­lers auf Ersatz von Nut­zungs­aus­fall für die Zeit von 2007 bis 2014 in Betracht kommt 4. Eben­so kann dahin­ste­hen, ob und inwie­weit Vor­stel­lun­gen eines Antrag­stel­lers zur Höhe sei­ner Ansprü­che bei der Wert­fest­set­zung zu berück­sich­ti­gen sind, wenn die Vor­stel­lun­gen im Ein­zel­fall unrea­lis­tisch erschei­nen.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 11. Febru­ar 2016 – 9 W 3/​16

  1. vgl. BGH, NJW 2004, 3488[][]
  2. vgl. BGH, NJW 2004, 3488, 3489; OLG Karls­ru­he – 4. Zivil­se­nat, NJW-RR 2011, 22, 23; OLG Cel­le, Fam­RZ 2008, 1197[]
  3. OLG Mün­chen, Ver­si­che­rungs­recht 2007, 1392[]
  4. vgl. zu den Vor­aus­set­zun­gen von Nut­zungs­aus­fall bei einem Old­ti­mer OLG Karls­ru­he, NJW-RR 2012, 548[]