Der Sturz beim Klet­tern

Löst der Siche­rungs­part­ner beim Klet­tern die Seil­brem­se ohne vor­her das in der Klet­ter­pra­xis übli­che Kom­man­do "Stand" erhal­ten zu haben, haf­tet er umfas­send für die­ses regel­wid­ri­ge Ver­hal­ten.

Der Sturz beim Klet­tern

So das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Klä­ge­rin, die durch die Lösung der Seil­brem­se beim Klet­tern stürz­te und sich schwer ver­letz­te. Die sei­ner­zeit 40jährige Klä­ge­rin aus Bochum ver­un­fall­te im Juni 2011 beim Klet­tern in einem Klet­ter­gar­ten in Hat­tin­gen. Beim Erklet­tern einer Wand sicher­te der Beklag­te aus Bochum die Klä­ge­rin mit einem Siche­rungs­seil im sog. "Top-Rope"-Verfahren. Bei die­sem Ver­fah­ren ist das Klet­ter­ge­schirr am Siche­rungs­seil ange­bracht, das Seil ver­läuft vom Klet­te­rer über einen oben an der Wand befes­tig­ten Umlen­ker zu dem unten ste­hen­den Siche­rungs­part­ner. Als die Klä­ge­rin bis zum Umlen­ker geklet­tert war, lös­te der Beklag­te die Seil­brem­se, ohne dass die Klä­ge­rin zuvor das in der Klet­ter­pra­xis übli­che Kom­man­do "Stand" geru­fen hat­te. Die unge­si­cher­te Klä­ge­rin stürz­te aus ca. 15 Metern Höhe zu Boden und ver­letz­te sich schwer. Sie erlitt Frak­tu­ren an Rip­pen und Wir­bel­säu­le und Quet­schun­gen inne­rer Orga­ne. Vom Beklag­ten hat sie die Fest­stel­lung sei­ner umfas­sen­den Scha­dens­er­satz­pflicht ver­langt. Das Land­ge­richt Bochum hat dem Kla­ge­be­geh­ren im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren statt­ge­ge­ben.

Nach Auf­as­sung des Ober­lan­des­ge­richts Hamm haf­te der Beklag­te, weil die Klä­ge­rin durch sein fahr­läs­si­ges Ver­hal­ten ver­letzt wor­den sei. Er habe die Seil­brem­se gelöst, ohne dass die Klä­ge­rin zuvor das in der Klet­ter­pra­xis der hier­für vor­ge­se­he­ne Kom­man­do "Stand" gege­ben habe. Auf einen Haf­tungs­aus­schluss oder eine Beschrän­kung der Haf­tung auf erheb­li­che Regel­ver­let­zun­gen, wie er z. T. bei sport­li­chen Kampf­spie­len oder Wett­kämp­fen ange­nom­men wer­de, kön­ne sich der Beklag­te nicht beru­fen. Inso­weit sei bereits zwei­fel­haft, ob beim Klet­tern mit wech­sel­sei­ti­ger Absi­che­rung eine ver­gleich­ba­re Gefah­ren­si­tua­ti­on bestehe. Jeden­falls bestehe kei­ne Situa­ti­on, in der die Betei­lig­ten unter Ein­hal­tung bestimm­ter Regeln ihre Kräf­te mes­sen und sich in der sport­li­chen Inter­ak­ti­on gewis­sen Ver­let­zungs­ri­si­ken aus­setz­ten. Es bestehe viel­mehr eine strik­te Auf­ga­ben­ver­tei­lung, bei der sich der Klet­tern­de auf das Klet­tern und der Sichern­de auf die Siche­rung des Klet­tern­den kon­zen­trie­ren könn­ten. Im Übri­gen sei­en die Risi­ken beim Klet­tern in einem Klet­ter­park gewollt, vor­her­seh­bar und durch die grund­sätz­lich vor­han­de­ne Absi­che­rung kon­trol­lier­bar. Außer­dem habe der Beklag­te den Sturz der Klä­ge­rin durch eine gewich­ti­ge Regel­ver­let­zung ver­ur­sacht, das begrün­de auch bei Sport­ar­ten mit einer erheb­li­chen Gefähr­dungs- und Ver­let­zungs­ge­fahr eine Haf­tung.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Beschlüs­se vom 20. Sep­tem­ber und 5. Novem­ber 2013 – 9 U 124/​13