Der über­gan­ge­ne zen­tra­le Par­tei­vor­trag

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen1.

Der über­gan­ge­ne zen­tra­le Par­tei­vor­trag

Abs. 1 GG ist ver­letzt, wenn das Gericht den vor­ge­nann­ten Ver­pflich­tun­gen nicht nach­ge­kom­men ist2. Hier­zu müs­sen im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de deut­lich erge­ben, dass tat­säch­li­ches Vor­brin­gen eines Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder bei der Ent­schei­dung ersicht­lich nicht erwo­gen wor­den ist3.

Für den hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall bedeu­te­te dies: Die Gerich­te haben sich mit einem Kern­as­pekt des Vor­brin­gens der Beschwer­de­füh­re­rin nicht aus­ein­an­der­ge­setzt und den Inhalt der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung, in der ein Über­schwen­ken des Grund­stücks mit bela­de­nem Kran­aus­le­ger bestä­tigt wird, über­gan­gen.

Im Beschluss des Amts­ge­richts vom 19.12 2017 wird aus­ge­führt, dass das von der Beschwer­de­füh­re­rin behaup­te­te "Fah­ren" des bela­de­nen Krans über ihr Grund­stück in der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung nicht ent­hal­ten sei.

Auch in den Beschlüs­sen des Amts­ge­richts vom 23.01.2018 sowie des Land­ge­richts vom 09.03.2018 und 4.05.2018 ist der Vor­trag aus der Beschwer­de­schrift, in der die rele­van­te Pas­sa­ge aus der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung wört­lich wie­der­ge­ge­ben wird, nicht berück­sich­tigt wor­den. Im Beschluss des Amts­ge­richts vom 23.01.2018 wird aus­ge­führt, dass ein Trans­port von Last über das Grund­stück "nicht erkenn­bar" sei. Im Beschluss des Land­ge­richts vom 09.03.2018 heißt es, dass die Beschwer­de­füh­re­rin nicht glaub­haft gemacht habe, dass das von der Antrags­geg­ne­rin beauf­trag­te Bau­un­ter­neh­men mit Las­ten über ihr Grund­stück schwen­ke. Ent­spre­chen­de Behaup­tun­gen sei­en in der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung des Zeu­gen K. nicht ent­hal­ten. Im Beschluss des Land­ge­richts vom 04.05.2018 wird schließ­lich aus­ge­führt, dass der gel­tend gemach­te Unter­las­sungs­an­spruch bestün­de, wenn der von der Antrags­geg­ne­rin betrie­be­ne Kran Las­ten über das Grund­stück schwen­ken wür­de; dies sei jedoch nicht glaub­haft gemacht wor­den.

Zu einer man­geln­den Berück­sich­ti­gungs­fä­hig­keit der eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung4 ent­hal­ten die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se kei­ne Aus­füh­run­gen. Deren Inhalt ist viel­mehr unab­hän­gig von der zeu­gen­schaft­li­chen Eig­nung des Zeu­gen K. nicht zur Kennt­nis genom­men wor­den.

Die Annah­me der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ist zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te der Beschwer­de­füh­re­rin ange­zeigt.

Eine Annah­me ist nach § 93a Abs. 2 Buch­sta­be b BVerfGG ange­zeigt, wenn die gel­tend gemach­te Ver­let­zung von Grund­rech­ten oder grund­rechts­glei­chen Rech­ten beson­de­res Gewicht hat oder den Beschwer­de­füh­rer in exis­ten­zi­el­ler Wei­se betrifft. Beson­ders gewich­tig ist eine Grund­rechts­ver­let­zung, die auf eine gene­rel­le Ver­nach­läs­si­gung von Grund­rech­ten hin­deu­tet oder wegen ihrer Wir­kung geeig­net ist, von der Aus­übung von Grund­rech­ten abzu­hal­ten. Eine gel­tend gemach­te Ver­let­zung hat fer­ner beson­de­res Gewicht, wenn sie auf einer gro­ben Ver­ken­nung des durch ein Grund­recht gewähr­ten Schut­zes oder einem gera­de­zu leicht­fer­ti­gen Umgang mit grund­recht­lich geschütz­ten Posi­tio­nen beruht oder rechts­staat­li­che Grund­sät­ze krass ver­letzt5.

Vor­lie­gend hat die fest­ge­stell­te Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör beson­de­res Gewicht, da die ange­grif­fe­nen Beschlüs­se die aus Art. 103 Abs. 1 GG fol­gen­den Anfor­de­run­gen leicht­fer­tig ver­ken­nen und jede Aus­ein­an­der­set­zung mit einem Kern­as­pekt des Par­tei­vor­trags ver­mis­sen las­sen. Die Gehörs­ver­let­zung wird durch das Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren zudem noch inten­si­viert.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Febru­ar 2019 – 2 BvR 1457/​18

  1. vgl. BVerfGE 47, 182, 187; BVerfG, Beschluss vom 29.08.2017 – 2 BvR 863/​17 15; Beschluss vom 02.07.2018 – 1 BvR 682/​1219; Beschluss vom 25.09.2018 – 2 BvR 1731/​18 28; stRspr []
  2. vgl. BVerfGE 25, 137, 140; 34, 344, 347; 47, 182, 187; BVerfG, Beschluss vom 24.01.2018 – 2 BvR 2026/​17 14; Beschluss vom 25.09.2018 – 2 BvR 1731/​18 28; stRspr []
  3. vgl. BVerfGE 27, 248, 252; 86, 133, 146; BVerfG, Beschluss vom 29.08.2017 – 2 BvR 863/​17 15 []
  4. vgl. etwa Damrau, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur ZPO, 5. Aufl.2016, § 373 ZPO Rn. 10 []
  5. vgl. BVerfGE 90, 22, 25; BVerfG, Beschluss vom 19.11.1999 – 2 BvR 1167/​96 33; Beschluss vom 25.04.2016 – 1 BvR 2423/​14 2; Beschluss vom 05.03.2018 – 1 BvR 2926/​14 26 []