Der unter­las­se­ne Hin­weis des Arz­tes

Unter­lässt ein Arzt es, auf das Risi­ko einer schwe­ren Behin­de­rung hin­zu­wei­sen, kann ein Scha­dens­er­satz­an­spruch bestehen, wenn die Mut­ter die Schwan­ger­schaft abge­bro­chen hät­te und es auch gemäß § 218a StGB gerecht­fer­tigt gewe­sen wäre.

Der unter­las­se­ne Hin­weis des Arz­tes

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he in dem hier vor­lie­gen­den Fall einer Scha­dens­er­satz­kla­ge über­wie­gend statt­ge­ge­ben und gleich­zei­tig das anders­lau­ten­de Urteil des Land­ge­richts abge­än­dert. Im Jahr 2011 such­te die Klä­ge­rin das beklag­te Kran­ken­haus wegen der Betreu­ung einer Schwan­ger­schaft auf. Sie hat­te bereits im Jahr 2010 eine Schwan­ger­schaft auf­grund eines in dem beklag­ten Kran­ken­haus im Rah­men einer prä­na­ta­len Dia­gnos­tik fest­ge­stell­ten "Tur­ner- Syn­droms" abge­bro­chen. Eine im Novem­ber 2011 durch­ge­führ­te MRT-Unter­su­chung ergab eine „Bal­ken­a­ge­ne­sie“. Dabei han­delt es sich um ein Feh­len des Bal­kens zwi­schen den bei­den Gehirn­hälf­ten. In sol­chen Fäl­len kom­men zwar die meis­ten Kin­der gesund zur Welt, in 12 % der dia­gnos­ti­zier­ten Fäl­le kommt es aller­dings zu schwe­ren Behin­de­run­gen. Ob die Klä­ger über die­sen Befund hin­rei­chend auf­ge­klärt wur­den, ist zwi­schen den Par­tei­en strei­tig. Die Klä­ge­rin brach­te das Kind zur Welt, es lei­det an schwe­ren kör­per­li­chen und geis­ti­gen Ein­schrän­kun­gen. Die Eltern des Kin­des ver­lan­gen von dem Kran­ken­haus und den behan­deln­den Ärz­ten Ersatz ihres durch die Betreu­ung des schwer behin­der­ten Kin­des ent­ste­hen­den Mehr­auf­wan­des, weil sie auf das Risi­ko einer schwe­ren Behin­de­rung nicht hin­ge­wie­sen wor­den sei­en. Sie behaup­ten, sie hät­ten bei Kennt­nis die­ses Risi­kos die Schwan­ger­schaft abge­bro­chen. Nach­dem das Land­ge­richt die Kla­ge abge­wie­sen hat­te haben die Eltern ihr Ziel vor dem Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he wei­ter ver­folgt.

In sei­ner Urteils­be­grün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he aus­ge­führt, dass die Ärz­te nach dem Behand­lungs­ver­trag ver­pflich­tet waren, die Klä­ge­rin auf das Risi­ko einer schwe­ren Behin­de­rung hin­zu­wei­sen, da die Eltern sich mit dem erkenn­ba­ren Ziel in die Behand­lung bege­ben haben, mög­lichst früh­zei­tig über sol­che mög­li­chen Schä­di­gun­gen infor­miert zu wer­den. Zwar hät­ten die behan­deln­den Ärz­te der Klä­ge­rin emp­feh­len kön­nen, die Schwan­ger­schaft nicht abzu­bre­chen, da das Risi­ko einer schwe­ren Fehl­bil­dung zwar bestehe, in der über­wie­gen­den Zahl der Fäl­le die Kin­der aber gesund zur Welt kämen. Die Infor­ma­ti­on über das Risi­ko einer schwe­ren Behin­de­rung durf­te den Eltern jedoch nicht vor­ent­hal­ten wer­den. Die Eltern wur­den im Arzt­ge­spräch auf mög­li­che Ver­zö­ge­run­gen in der Ent­wick­lung, aber nicht über das Risi­ko schwe­rer Schä­di­gun­gen auf­ge­klärt. Nach Mei­nung des Ober­lan­des­ge­richts hät­te die Mut­ter bei Kennt­nis des Risi­kos einer schwe­ren Behin­de­rung die Schwan­ger­schaft abge­bro­chen und – nach sach­ver­stän­di­ger Bera­tung durch einen Psych­ia­ter – dass der Schwan­ger­schafts­ab­bruch im vor­lie­gen­den Aus­nah­me­fall auf­grund der zum dama­li­gen Zeit­punkt bereits abseh­ba­ren, außer­ge­wöhn­lich schwe­ren gesund­heit­li­chen Fol­gen für die Mut­ter gemäß § 218a Abs. 2 StGB gerecht­fer­tigt gewe­sen wäre.

Aus die­sen Grün­den hat das Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he der Mut­ter im Hin­blick auf die bei ihr ein­ge­tre­te­nen, schwer­wie­gen­den psy­chi­schen Fol­gen, die eben­falls durch einen psych­ia­tri­schen Sach­ver­stän­di­gen fest­ge­stellt wur­den, ein Schmer­zens­geld in Höhe von 20.000 Euro zuge­spro­chen. Fer­ner wur­de den Eltern Scha­dens­er­satz wegen der gegen­über einem gesun­den Kind ent­ste­hen­den ver­mehr­ten Unter­halts­leis­tun­gen und des ver­mehr­ten Pfle­ge­auf­wan­des zuge­spro­chen. Dabei wur­de ins­be­son­de­re berück­sich­tigt, dass das Kind unter einer Fehl­bil­dung der Augen lei­det, nicht lau­fen, krab­beln, spre­chen und grei­fen kann, der Schluck­re­flex schwer gestört ist und eine star­ke, the­ra­pie­re­sis­ten­te Epi­lep­sie eine erhöh­te Für­sor­ge und dau­ern­de Ruf­be­reit­schaft erfor­dert.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 19. Febru­ar 2020 – 7 U 139/​16