Der unvoll­stän­di­ge PKH-Antrag und die Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­frist

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein Rechts­mit­tel­füh­rer, der vor Ablauf der Rechts­mit­tel­frist Pro­zess­kos­ten­hil­fe bean­tragt hat, bis zur Ent­schei­dung über den Antrag so lan­ge als ohne sein Ver­schul­den an der recht­zei­ti­gen Wahr­neh­mung einer fris­t­wah­ren­den Hand­lung ver­hin­dert anzu­se­hen, als er nach den gege­be­nen Umstän­den ver­nünf­ti­ger­wei­se nicht mit der Ableh­nung sei­nes Antrags wegen feh­len­der Bedürf­tig­keit rech­nen muss, weil er sich für bedürf­tig im Sin­ne der §§ 114 ff. ZPO hal­ten darf und aus sei­ner Sicht alles getan hat­te, damit auf­grund der von ihm ein­ge­reich­ten Unter­la­gen ohne Ver­zö­ge­rung über sein Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ge­such ent­schie­den wer­den kann [1]. Das war hier der Fall.

Der unvoll­stän­di­ge PKH-Antrag und die Wie­der­ein­set­zung in die Beru­fungs­frist

Zwar kann ein Rechts­mit­tel­füh­rer nur dann davon aus­ge­hen, die wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe dar­ge­tan zu haben, wenn er sich recht­zei­tig vor Ablauf der Rechts­mit­tel­frist auf dem hier­für von § 117 ZPO vor­ge­schrie­be­nen und von ihm voll­stän­dig aus­ge­füll­ten Vor­druck über sei­ne per­sön­li­chen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se erklärt hat. Dabei dür­fen die Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung der Bedürf­tig­keit aller­dings nicht über­spannt wer­den, weil sonst der Zweck der Pro­zess­kos­ten­hil­fe, dem Unbe­mit­tel­ten den weit­ge­hend glei­chen Zugang zu den Gerich­ten zu ermög­li­chen, ver­fehlt wür­de. So kann die Par­tei, auch wenn der Vor­druck ein­zel­ne Lücken ent­hält, u.U. gleich­wohl dar­auf ver­trau­en, die wirt­schaft­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe dar­ge­tan zu haben [2]. Das kommt in Betracht, wenn dem Recht­mit­tel­füh­rer bereits in der Vor­in­stanz – auf­grund eines ord­nungs­ge­mäß und voll­stän­dig aus­ge­füll­ten Vor­drucks – Pro­zess­kos­ten­hil­fe gewährt wor­den war und eine nun­mehr im Vor­druck vor­han­de­ne Lücke im Zusam­men­hang mit dem Par­tei­vor­trag nicht den Schluss nahe legt, die wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se der Par­tei hät­ten sich zwi­schen­zeit­lich in einer für die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe erheb­li­chen Wei­se geän­dert [3].

Letz­te­res ist hier aller­dings nicht der Fall. Die Klä­ge­rin hat viel­mehr sowohl in ers­ter als auch in zwei­ter Instanz eine For­mu­lar­er­klä­rung vor­ge­legt, die eine Lücke auf­wies. Gleich­wohl konn­te sie dar­auf ver­trau­en, ihre Hilfs­be­dürf­tig­keit hin­rei­chend dar­ge­tan zu haben.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann ein Rechts­mit­tel­klä­ger, dem für den ers­ten Rechts­zug Pro­zess­kos­ten­hil­fe bewil­ligt wor­den war, bei im Wesent­li­chen glei­chen Anga­ben zu den Ver­mö­gens­ver­hält­nis­sen erwar­ten, dass auch das Gericht des zwei­ten Rechts­zu­ges ihn als bedürf­tig im Sin­ne des § 115 ZPO ansieht. Die Par­tei braucht dann nicht damit zu rech­nen, dass das Rechts­mit­tel­ge­richt stren­ge­re Anfor­de­run­gen an den Nach­weis der Bedürf­tig­keit stellt [4]. Unter die­sen Umstän­den kann sie erwar­ten, dass sie auf eine abwei­chen­de Beur­tei­lung hin­ge­wie­sen und ihr Gele­gen­heit gege­ben wird, ergän­zend zu der vom zweit­in­stanz­li­chen Gericht bean­stan­de­ten Lücke in ihrer For­mu­lar­er­klä­rung vor­zu­tra­gen.

Auf einen ent­spre­chen­den Hin­weis hät­te die Klä­ge­rin die im Rah­men des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs nach­ge­hol­ten Anga­ben vor­ge­tra­gen. Die­se ste­hen einer Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe nicht ent­ge­gen. Die Klä­ge­rin leis­tet Zah­lun­gen auf eine Ries­ter-Ren­te und auf eine wei­te­re Lebens­ver­si­che­rung (Rück­kaufs­wert zum 1.03.2010: 1.524 €). Die Ries­ter-Ren­te hat nach § 115 Abs. 3 ZPO iVm § 90 Abs. 2 Nr. 2 SGB XII unbe­rück­sich­tigt zu blei­ben. Der Wert der Lebens­ver­si­che­rung über­steigt zusam­men mit dem Spar­gut­ha­ben der Klä­ge­rin (1.020 €) den Schon­be­trag von 2.600 € [5] nicht. Dar­aus ergibt sich, dass die Klä­ge­rin sich für bedürf­tig hal­ten durf­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Juli 2013 – XII ZB 106/​10

  1. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 23.02.2005 – XII ZB 71/​00, FamRZ 2005, 789; vom 20.02.2008 – XII ZB 83/​07, FamRZ 2008, 868 und vom 13.02.2008 – XII ZB 151/​07, FamRZ 2008, 871[]
  2. vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 20.02.2008 – XII ZB 83/​07, FamRZ 2008, 868, 869 und vom 13.02.2008 – XII ZB 151/​07, FamRZ 2008, 871[]
  3. BGH, Beschluss vom 23.02.2000 – XII ZB 221/​99, NJW-RR 2000, 1387[]
  4. BGH, Beschluss vom 15.12.1983 – IX ZB 152/​83VersR 1984, 192 f.; vgl. auch BGH, Beschluss vom 25.02.1987 – IVb ZB 157/​86, FamRZ 1987, 1018[]
  5. vgl. Zöller/​Geimer ZPO 29. Aufl. § 115 Rn. 57[]