Der unvor­be­rei­te­te anwalt­li­che Ter­mins­ver­tre­ter der Ver­si­che­rung

Bei unzu­rei­chen­der Ter­mins­wahr­neh­mung durch den anwalt­li­chen Par­tei­ver­tre­ter kann es gebo­ten sein, das per­sön­li­che Erschei­nen des Vor­stands­vor­sit­zen­den einer Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft anzu­ord­nen und nach des­sen Aus­blei­ben ein hohes Ord­nungs­geld (hier: 1.000, – €) zu ver­hän­gen.

Der unvor­be­rei­te­te anwalt­li­che Ter­mins­ver­tre­ter der Ver­si­che­rung

Ein in den Ter­min ent­sand­ter Ver­tre­ter ist hin­sicht­lich der zwei­ten Vor­aus­set­zung des § 141 Abs. 3 S. 2 ZPO dann aus­rei­chend zur Auf­klä­rung des "Tat­be­stan­des" instru­iert, wenn er umfas­send sach­ver­halts­kun­dig ist, um bei klä­rungs­be­dürf­ti­gen Vor­gän­gen, so wie die nicht erschie­ne­ne Par­tei selbst, Aus­kunft geben zu kön­nen 1. Die Anhö­rung gem. § 141 ZPO ver­folgt den Zweck, die sich durch Ein­schal­tung von Mit­tels­per­so­nen erge­ben­den Feh­ler­quel­len so weit als mög­lich zu eli­mi­nie­ren und dem Gericht eine Auf­klä­rung des ihm unter­brei­te­ten Sach­ver­halts zu ermög­li­chen 2 sowie der Beschleu­ni­gung der Sach­ver­halts­auf­klä­rung, der För­de­rung einer zügi­gen Been­di­gung des Ver­fah­rens und der Erleich­te­rung der Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen 3.

Die Par­tei trägt das Risi­ko für den Fall, dass sich der Ver­tre­ter, ins­be­son­de­re der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te, als nicht genü­gend unter­rich­tet erweist und die Par­tei als unent­schul­digt aus­ge­blie­ben gilt 4. Für den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten gel­ten, wie auch für den gesetz­li­chen Ver­tre­ter der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft, die­sel­ben Grund­sät­ze wie für jeden Ver­tre­ter nach § 141 Abs. 3 S. 2 ZPO. Ins­be­son­de­re wird ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter einer Par­tei, erst Recht ein Unter­be­voll­mäch­tig­ter nor­ma­ler­wei­se über die übli­che und beschränk­te Unter­rich­tung in einem Man­dan­ten­ge­spräch kei­ne aus­rei­chen­den und erst Recht kei­ne umfas­sen­den Sach­ver­halts­kennt­nis­se auf­wei­sen kön­nen 5.

Gemes­sen an die­sen Grund­sät­zen der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung hat das Land­ge­richt Ulm 6 nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Stutt­gart zu Recht und mit zutref­fen­der Begrün­dung ein Ord­nungs­geld gegen die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft ver­hängt:

Der zum Ter­min gela­de­ne gesetz­li­che Ver­tre­ter der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft, der Vor­stand, war zum Ter­min nicht erschie­nen und der gem. § 141 Abs. 3 S. 2 ZPO ent­sand­te Ver­tre­ter, der anwalt­li­che Unter­be­voll­mäch­tig­te, konn­te die beim Land­ge­richt im Ter­min gestell­ten Fra­gen nicht beant­wor­ten.

Das Gericht ist nicht gehal­ten, mit der Ladung einer Par­tei in einer Ter­mins­ver­fü­gung die kon­kret an eine Par­tei zu stel­len­den Fra­gen schrift­lich anzu­kün­di­gen und die "klä­rungs­be­dürf­ti­gen Punk­te" schrift­lich vor­ab mit­zu­tei­len. Eine "Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens der Par­tei­en zur Auf­klä­rung des Sach­ver­halts und für einen Güte­ver­such", wie in der Ter­mins­ver­fü­gung des Land­ge­richts oder eine ähn­li­che all­ge­mei­ne For­mu­lie­rung, ist für eine Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens und ins­be­son­de­re für die Ver­hän­gung eines Ord­nungs­gel­des gem. § 141 Abs. 3 S. 1 ZPO bei unent­schul­dig­tem Aus­blei­ben einer Par­tei völ­lig aus­rei­chend.

Zudem ist das Gericht nicht gehal­ten, sach­ver­halts­auf­klä­ren­de Fra­gen man­gels einer sog. Pro­to­koll­förm­lich­keit gem. § 160 Abs. 3 ZPO ins Pro­to­koll auf­zu­neh­men 7.

Über­dies hat das Land­ge­richt ein­drück­lich die auf sei­ne Fra­gen sich offen­ba­ren­de Unkennt­nis des anwalt­li­chen Unter­be­voll­mäch­tig­ten im Pro­to­koll über die münd­li­che Ver­hand­lung vom 01.10.2014 nie­der­ge­legt: "… das weiß ich doch nicht"; "Ich kann dazu nichts sagen"; "Ich kann … kei­ne Aus­kunft geben".

Der Ein­wand, der Vor­stand hät­te die an ihn gerich­te­ten Fra­gen des Gerichts als Nicht-Sach­be­ar­bei­ter eben­falls und ohne­hin nicht beant­wor­ten kön­nen, ist nicht über­zeu­gend. Der Vor­stand hät­te sich vom jewei­li­gen Sach­be­ar­bei­ter sei­nes Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­mens ein­ge­hend infor­mie­ren und instru­ie­ren las­sen und zum Ter­min erschei­nen, ersatz­wei­se und wie üblich – wor­auf das Land­ge­richt in der Ter­mins­ver­fü­gung aus­drück­lich hin­ge­wie­sen hat – einen aus­rei­chend instru­ier­ten bezie­hungs­wei­se mit dem Sach­ver­halt ohne­hin ver­trau­ten Sach­be­ar­bei­ter zum Ter­min ent­sen­den müs­sen.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft kann sich auch nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, die Teil­nah­me des kon­kre­ten Sach­be­ar­bei­ters an den Ter­mi­nen zur münd­li­chen Ver­hand­lung sei wegen des­sen Anrei­se von Nord­deutsch­land aus zu weit und aus Sicht der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft unzu­mut­bar gewe­sen.

Das Ord­nungs­geld ist ermes­sens­feh­ler­frei fest­ge­setzt.

Ein Ord­nungs­geld ist regel­mä­ßig dann ermes­sens­feh­ler­frei fest­ge­setzt, wenn das unent­schul­dig­te Aus­blei­ben der Par­tei die Sach­auf­klä­rung erschwert oder den Pro­zess ver­zö­gert 8. Ermes­sens­feh­ler­haft wäre etwa ein Ord­nungs­geld wegen man­geln­der Sach­ver­halts­auf­klä­rung bei Aus­blei­ben einer Par­tei, wenn die nicht erschie­ne­ne Par­tei ein Ver­säum­nis­ur­teil gegen sich erge­hen lässt 9.

Unter Berück­sich­ti­gung der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 01.10.2014 ist nicht zuguns­ten der aus­blei­ben­den Par­tei zu unter­stel­len, eine hypo­the­ti­sche Ver­fah­rens­be­en­di­gung bezie­hungs­wei­se eine Ver­fah­rens­för­de­rung nach Sach­ver­halts­auf­klä­rung im Ter­min hät­te nicht statt­ge­fun­den.

Das Gericht muss im Rah­men von § 141 Abs. 3 S. 1 ZPO nicht die Erschwe­rung bestimm­ter Sach­ver­halts­fest­stel­lun­gen kon­kret fest­stel­len 10. Nur dann, wenn umge­kehrt eine Erschwe­rung von Sach­ver­halts­fest­stel­lun­gen durch das Aus­blei­ben der Par­tei nach den Umstän­den aus­ge­schlos­sen erscheint, kann dies der Fest­set­zung eines Ord­nungs­gel­des aus­nahms­wei­se ent­ge­gen­ste­hen. Wenn die mehr oder weni­ger spe­ku­la­ti­ven Über­le­gun­gen zum fik­ti­ven Ver­lauf des Pro­zes­ses bei Anwe­sen­heit der aus­ge­blie­be­nen Par­tei zu kei­nem ein­deu­ti­gen Ergeb­nis füh­ren, wie hier, geht dies zu Las­ten der aus­ge­blie­be­nen Par­tei 11.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hat sich auch nicht hin­rei­chend nach­träg­lich ent­schul­digt, § 381 Abs. 1 S. 3 ZPO.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hat bereits nicht gem. §§ 141 Abs. 3 S. 1, 381 Abs. 1 S. 2 und 3, 294 ZPO glaub­haft gemacht, wes­halb ihr gesetz­li­cher Ver­tre­ter sich gem. §§ 141 Abs. 3 S. 1, 381 Abs. 1 S. 1 ZPO nicht "recht­zei­tig", somit vor dem Ter­min vor dem Land­ge­richt am 01.10.2014, ent­schul­di­gen konn­te.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft befand sich über die Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens gem. § 141 ZPO auch nicht in einem beacht­li­chen Irr­tum. Der anwalt­li­che Haupt­be­voll­mäch­tig­te der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft kann – wohl ent­ge­gen sei­ner Annah­me im Schrift­satz vom 18.07.2014 – nicht dar­auf ver­trau­en, dass sei­nem Antrag auf Ent­pflich­tung zum per­sön­li­chen Erschei­nen der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft still­schwei­gend ent­spro­chen wur­de. Ord­net ein Gericht das per­sön­li­che Erschei­nen einer Par­tei an und bean­tragt eine sol­che Par­tei danach die Ent­pflich­tung, hat sie zum Ter­min zu erschei­nen, mit Aus­nah­me einer aus­drück­li­chen Ent­pflich­tung der Par­tei durch das Gericht. Erscheint sie eigen­mäch­tig nicht und hofft auf eine – nicht statt­ge­fun­de­ne – still­schwei­gen­de Ent­pflich­tung des Gerichts, han­delt sie im Hin­blick auf ein mög­li­ches und dro­hen­des Ord­nungs­geld eigen­mäch­tig und auf eige­nes Risi­ko.

Die von der Beschwer­de ange­grif­fe­ne Höhe des Ord­nungs­gel­des ist vom Land­ge­richt mit 1.000, – EUR ange­mes­sen und zutref­fend fest­ge­setzt.

Die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft hat die Anord­nung des per­sön­li­chen Erschei­nens gem. § 141 ZPO bereits hin­sicht­lich des ers­ten Ter­mins zur münd­li­chen Ver­hand­lung vom 25.06.2014 eigen­mäch­tig igno­riert. Nach­dem die Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft wie­der­holt, näm­lich auch zum zwei­ten Ter­min des Land­ge­richts, weder den gela­de­nen Vor­stand der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft noch ersatz­wei­se einen sach­kun­di­gen Sach­be­ar­bei­ter ent­sandt hat, son­dern ein zwei­tes Mal ledig­lich einen mit der Sache nicht ver­trau­ten und erst Recht nicht zum Sach­ver­halt instru­ier­ten Ver­tre­ter gem. § 141 ZPO, war die Ver­hän­gung eines Ord­nungs­gel­des in Höhe von 1.000, – EUR ange­mes­sen und ange­zeigt.

Bei der Bemes­sung des Ord­nungs­gel­des durf­te sowohl die wirt­schaft­li­che Leis­tungs­kraft und die bei gro­ßen Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men samt deren Vor­stän­den gemin­der­te Ord­nungs­geld­emp­find­lich­keit als auch das beharr­li­che und anhal­ten­de Igno­rie­ren der Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft gegen­über den gericht­li­chen Anord­nun­gen zum per­sön­li­chen Erschei­nen berück­sich­tigt wer­den.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 26. Novem­ber 2014 – 7 W 63/​14

  1. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; OLG Karls­ru­he, MDR 2012, 1062; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge, 3. Band, § 141 Rn. 41 f.; Münch­Komm, ZPO, 4. Auf­la­ge, 1. Band, § 141 Rn. 21; Musielak, ZPO, 11. Auf­la­ge, § 141 Rn. 18; Zöl­ler, ZPO, 30. Auf­la­ge, § 141 Rn. 17[]
  2. Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge, 3. Band, § 141 Rn. 41 f.; Münch­Komm, ZPO, 4. Auf­la­ge, 1. Band, § 141 Rn. 21[]
  3. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge, 3. Band, § 141 Rn. 1 und 40 ff.; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 71. Auf­la­ge, § 141 Rn. 2 und 37; Thomas/​Putzo, ZPO, 35. Auf­la­ge, § 141 Rn. 1 und 5; BVerfG NJW 1998, 892 f. [Nicht­an­nah­me­be­schluss zu Ord­nungs­geld­be­schluss gegen aus­ge­blie­be­ne Par­tei]: Zweck der Ver­fah­rens­be­schleu­ni­gun­g/-för­de­rung und umfas­sen­den Sach­ver­halts­auf­klä­rung[]
  4. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; OLG Karls­ru­he, MDR 2012, 1062; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.; OLG Frank­furt a. M., NJW 1991, 2090; Münch­Komm, ZPO, 4. Auf­la­ge, 1. Band, § 141 Rn. 21[]
  5. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.; OLG Stutt­gart JZ 1978, 689; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge, 3. Band, § 141 Rn. 42 m.w.N.; Münch­Komm, ZPO, 4. Auf­la­ge, 1. Band, § 141 Rn. 21 m.w.N.; Baumbach/​Lauterbach/​Albers/​Hartmann, ZPO, 71. Auf­la­ge, § 141 Rn. 46[]
  6. LG Ulm, Beschluss vom 06.10.2014 – 3 O 60/​14[]
  7. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Auf­la­ge, 3. Band, § 141 Rn. 38: Eine Pro­to­kol­lie­rung der Par­tei­er­klä­run­gen für einen Nach­weis im Hin­blick auf § 141 Abs. 3 S. 2 ZPO ist nicht vor­ge­schrie­ben[]
  8. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; OLG Karls­ru­he 2012, 1062; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.; OLG Stutt­gart, MDR 2004, 1020; OLG Köln, OLGR 2004, 256, 257[]
  9. vgl. Zöl­ler, ZPO, 30. Auf­la­ge, § 141 Rn. 12 f.; Münch­Komm, ZPO, 4. Auf­la­ge, 1. Band, § 141 Rn. 28 mit Fn. 43[]
  10. OLG Karls­ru­he, MDR 2012, 1062[]
  11. OLG Stutt­gart, NJW-RR 2014, 447 f. = VersR 2014, 897 ff.; so auch Leit­satz BGH, MDR 2007, 1090; OLG Karls­ru­he, MDR 2012, 1062; OLG Stutt­gart, MDR 2009, 1301 f.[]