Der unwis­sen­de Arzt – und sei­ne Risi­ko­auf­klä­rung

Ist dem behan­deln­den Arzt ein Risi­ko im Zeit­punkt der Behand­lung noch nicht bekannt und muss­te es ihm auch nicht bekannt sein, etwa weil es nur in ande­ren Spe­zi­al­ge­bie­ten der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft aber nicht in sei­nem Fach­ge­biet dis­ku­tiert wird, ent­fällt die Haf­tung des Arz­tes man­gels schuld­haf­ter Pflicht­ver­let­zung.

Der unwis­sen­de Arzt – und sei­ne Risi­ko­auf­klä­rung

Nach der Recht­spre­chung des erken­nen­den Bun­des­ge­richts­hofs 1 muss der Pati­ent "im Gro­ßen und Gan­zen" wis­sen, wor­in er ein­wil­ligt. Dazu muss er über die Art des Ein­griffs und sei­ne nicht ganz außer­halb der Wahr­schein­lich­keit lie­gen­den Risi­ken infor­miert wer­den, soweit die­se sich für einen medi­zi­ni­schen Lai­en aus der Art des Ein­griffs nicht ohne­hin erge­ben und für sei­ne Ent­schlie­ßung von Bedeu­tung sein kön­nen. Dem Pati­en­ten muss eine all­ge­mei­ne Vor­stel­lung von der Schwe­re des Ein­griffs und den spe­zi­fisch mit ihm ver­bun­de­nen Risi­ken ver­mit­telt wer­den, ohne die­se zu beschö­ni­gen oder zu ver­schlim­mern 2. Die Not­wen­dig­keit zur Auf­klä­rung hängt bei einem spe­zi­fisch mit der The­ra­pie ver­bun­de­nen Risi­ko nicht davon ab, wie oft das Risi­ko zu einer Kom­pli­ka­ti­on führt. Ent­schei­dend ist viel­mehr die Bedeu­tung, die das Risi­ko für die Ent­schlie­ßung des Pati­en­ten haben kann. Bei einer mög­li­chen beson­ders schwe­ren Belas­tung für sei­ne Lebens­füh­rung ist des­halb die Infor­ma­ti­on über ein Risi­ko für die Ein­wil­li­gung des Pati­en­ten auch dann von Bedeu­tung, wenn sich das Risi­ko sehr sel­ten ver­wirk­licht 3.

Auf­zu­klä­ren ist nur über bekann­te Risi­ken. War ein Risi­ko im Zeit­punkt der Behand­lung noch nicht bekannt, besteht kei­ne Auf­klä­rungs­pflicht. War es dem behan­deln­den Arzt nicht bekannt und muss­te es ihm auch nicht bekannt sein, etwa weil es nur in ande­ren Spe­zi­al­ge­bie­ten der medi­zi­ni­schen Wis­sen­schaft aber nicht in sei­nem Fach­ge­biet dis­ku­tiert wur­de, ent­fällt die Haf­tung des Arz­tes man­gels schuld­haf­ter Pflicht­ver­let­zung 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Okto­ber 2010 – VI ZR 241/​09

  1. vgl. zuletzt BGH, Urteil vom 06.07.2010 – VI ZR 198/​09, VersR 2010, 1220[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.02.1984 – VI ZR 174/​82, BGHZ 90, 103, 106, 108; und vom 15.02.2000 – VI ZR 48/​99, BGHZ 144, 1, 5[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.02.1984 – VI ZR 174/​82, BGHZ 90, 103, 107; vom 15.02.2000 – VI ZR 48/​99, BGHZ 144, 1, 5 f.; vom 02.11.1993 – VI ZR 245/​92, VersR 1994, 104, 105; vom 21.11.1995 – VI ZR 341/​94, VersR 1996, 330, 331; und vom 06.07.2010 – VI ZR 198/​09, VersR 2010, 1220[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 12.12.1989 – VI ZR 83/​89, VersR 1990, 522, 523; und vom 21.11.1995 – VI ZR 329/​94, VersR 1996, 233; Beschluss vom 26.09.1995 – VI ZR 295/​94 (Nicht­an­nah­me­be­schluss zu OLG Düs­sel­dorf, VersR 1996, 377, 378); Geiß/​Greiner, Arzt­haft­pflicht­recht, 6. Aufl., C Rn. 46; Kat­zen­mei­er in Laufs/​Katzenmeier/​Lipp, Arzt­recht, 6. Aufl., V B Rn. 24[]