Der Ver­bots­te­nor einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung – und sei­ne Aus­le­gung

Bestehen nach dem Wort­laut des Ver­bots­te­nors einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung Unklar­hei­ten, bedarf es einer objek­ti­ven Aus­le­gung anhand der Antrags­schrift und der ihr bei­gefüg­ten Anla­gen.

Der Ver­bots­te­nor einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung – und sei­ne Aus­le­gung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war dem Han­dels­un­ter­neh­men durch die einst­wei­li­ge Ver­fü­gung der Ver­trieb der Bro­te ver­bo­ten, die durch die der Antrags­schrift bei­gefüg­te Pro­dukt­ab­bil­dung kon­kret bezeich­net wor­den waren. Das ergibt die gebo­te­ne objek­ti­ve Aus­le­gung des Voll­stre­ckungs­ti­tels. Nach dem Wort­laut der antrags­ge­mäß erlas­se­nen Beschluss­ver­fü­gung war dem Han­dels­un­ter­neh­men Bewer­bung, Ange­bot und Ver­kauf der kon­kret bezeich­ne­ten Pia­di­na-Bro­te aller­dings nicht schlecht­hin, son­dern nur ver­bo­ten, "solan­ge die­ses Pro­dukt nicht tat­säch­lich in Ita­li­en her­ge­stellt wor­den ist." Durch die­sen Zusatz waren die von dem Han­dels­un­ter­neh­men zurück­ge­ru­fe­nen – tat­säch­lich einer ita­lie­ni­schen Bäcke­rei im Auf­trag eines deut­schen Her­stel­lers geba­cke­nen – Bro­te nicht vom Ver­bot aus­ge­nom­men.

Ent­hält ein Voll­stre­ckungs­ti­tel bei iso­lier­ter Betrach­tung sei­nes Wort­lauts Unklar­hei­ten, muss er aus­ge­legt wer­den 1.

Der Ver­bots­te­nor im Streit­fall ist aus­le­gungs­be­dürf­tig. Wäre der "Solange"-Zusatz – wie der Wort­laut für sich allein nahe­legt – im Sin­ne einer kon­di­tio­na­len Ver­knüp­fung ("nur wenn") oder zeit­lich ("bis") zu ver­ste­hen, hät­te er Unge­wiss­heit über den Her­stel­lungs­ort der Bro­te aus­ge­drückt und wäre unzu­läs­sig. Er lie­ße offen, ob über­haupt eine die Ver­fü­gung recht­fer­ti­gen­de Erst­be­ge­hungs- oder Wie­der­ho­lungs­ge­fahr für die beschrie­be­ne Ver­let­zungs­hand­lung bestün­de und ob der Beschluss ein aktu­ell ein­grei­fen­des Ver­bot aus­sprä­che. Führt ein allein am Wort­laut ori­en­tier­tes Ver­ständ­nis des Voll­stre­ckungs­ti­tels in die­ser Wei­se zu kei­nem sinn­vol­len Inhalt des Ver­bots­te­nors, besteht eine Unklar­heit über sei­ne Bedeu­tung, die durch Aus­le­gung zu besei­ti­gen ist, soweit dabei ein im Hin­blick auf die voll­stre­ckungs­recht­lich unver­zicht­ba­re Bestimmt­heit des Titels 2 kla­res und ein­deu­ti­ges Ergeb­nis erzielt wer­den kann.

Nach der gebo­te­nen Aus­le­gung stellt der "Solange"-Zusatz ledig­lich ein für den Ver­bots­um­fang bedeu­tungs­lo­ses Begrün­dungs­ele­ment dar. Er drückt allein die Selbst­ver­ständ­lich­keit aus, dass das Ver­bot nicht mehr gel­ten soll, wenn die Bro­te künf­tig tat­säch­lich in Ita­li­en her­ge­stellt wür­den; die bei Erlass des Ver­bots in den Märk­ten der Beklag­ten ange­bo­te­nen Bro­te sol­len aber auf jeden Fall unter das Ver­bot fal­len. Das folgt aus einer objek­ti­ven Aus­le­gung des Ver­bots­te­nors anhand der Antrags­schrift und der ihr bei­gefüg­ten Anla­gen 3. Aus der Antrags­schrift und der ihr bei­gefüg­ten Pro­dukt­ab­bil­dung ergibt sich ein­deu­tig, dass die Klä­ge­rin jeden­falls den Ver­trieb der dadurch kon­kret bezeich­ne­ten Bro­te ver­bie­ten woll­te. Die Klä­ge­rin hat­te als sicher dar­ge­stellt, dass die Bro­te in Deutsch­land her­ge­stellt wur­den. Davon ist ersicht­lich auch das Land­ge­richt bei Erlass der Ver­fü­gung aus­ge­gan­gen. Hät­te es inso­weit Zwei­fel gehabt, hät­te es die Ver­fü­gung nicht erlas­sen dür­fen.

Unter die­sen Umstän­den konn­te die Beklag­te den "Solange"-Zusatz objek­tiv nicht im Sin­ne einer kon­di­tio­na­len Ver­knüp­fung ("nur wenn") oder zeit­lich ("bis") ver­ste­hen. Viel­mehr muss­te die Beklag­te, wie die Revi­si­ons­er­wi­de­rung zu Recht gel­tend macht, das gericht­li­che Ver­bot dahin­ge­hend ver­ste­hen, dass es sich auf die in den "P. "-Märk­ten ange­bo­te­nen Bro­te bezog und erst dann nicht mehr gel­ten soll­te, wenn die Her­stel­lung künf­tig nach Ita­li­en ver­legt wer­den soll­te. Damit erweist sich der "Solan­ge-Zusatz" für die Beschrei­bung des durch die kon­kre­te Ver­let­zungs­form bestimm­ten Ver­bots­um­fangs als unschäd­li­che und ver­zicht­ba­re Über­be­stim­mung 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 30. Juli 2015 – I ZR 250/​12

  1. vgl. Teplitz­ky aaO Kap. 57 Rn. 5 ff.[]
  2. vgl. Schusch­ke in Schuschke/​Walker, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 5. Aufl., vor §§ 704 bis 707 Rn. 12; Wolf in Hintzen/​Wolf, Zwangs­voll­stre­ckung, Zwangs­ver­stei­ge­rung und Zwangs­ver­wal­tung, 2006, Rn.03.6, 3.23, 7.114[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 19.05.2010 – I ZR 177/​07, GRUR 2010, 1035 Rn. 17 ff. = WRP 2010, 1035 – Foli­en­rol­los; Stur­hahn in Schuschke/​Walker aaO § 890 Rn. 12[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 10.02.2011 – I ZR 183/​09, GRUR 2011, 340 Rn. 21 = WRP 2011, 459 – Iri­sche But­ter; Urteil vom 17.03.2011 – I ZR 81/​09, GRUR 2011, 1151 Rn. 13 = WRP 2011, 1587 – Ori­gi­nal Kan­chipur[]