Der Ver­lust des Augen­lichts zu 90% und die Haf­tung des Augen­arz­tes

Wird eine Netz­haut­ab­lö­sung vom Augen­arzt zu spät erkannt und der Pati­ent nicht an einen Augen­chir­ur­gen über­wie­sen, haf­tet der Augen­arzt für die dadurch ent­stan­de­nen gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen.

Der Ver­lust des Augen­lichts zu 90% und die Haf­tung des Augen­arz­tes

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Hamm in dem hier vor­lie­gen­den Fall einem Pati­en­ten, der 90% sei­ner Seh­kraft ver­lo­ren hat, ein Schmer­zens­geld von 15.000 Euro zuge­spro­chen und damit das erst­in­stanz­li­che Urteil des Land­ge­richts Pader­born bestä­tigt. Anfang Juni 2009 stell­te der sei­ner­zeit 58 Jah­re alte Klä­ger aus Hövel­hof beim Jog­gen fest, dass auf dem rech­ten Auge nicht mehr rich­tig sehen konn­te. Am nächs­ten Tag begab er sich in die Behand­lung der beklag­ten Augen­ärz­tin aus Pader­born, die zunächst als Urlaubs­ver­tre­te­rin des eben­falls beklag­ten Augen­arz­tes aus dem Kreis Pader­born tätig wur­de. Die Beklag­te stell­te ein Netz­haut­loch und eine Glas­kör­per­blu­tung fest und behan­del­te den Klä­ger mit einer Laser­ko­agu­la­ti­on. Eine Ultra­schall­un­ter­su­chung nahm sie nicht vor. Die Behand­lung wie­der­hol­te sie 10 Tage spä­ter. Mit­te Juni 2009 setz­te der Beklag­te die Behand­lung mit einer 3. Laser­ko­agu­la­tio­nen fort. Eine Ultra­schall­un­ter­su­chung unter­ließ auch er. In der Fol­ge­zeit kam es zu einer Netz­haut­ab­lö­sung, die Anfang Juli 2009 in einer Augen­kli­nik durch eine Glas­kör­per-Ope­ra­tio­nen behan­delt wur­de. Eine Ver­bes­se­rung der Seh­kraft trat dadurch jedoch nicht mehr ein. Die Seh­kraft auf dem rech­ten Auge des Klä­gers ist dau­er­haft um 90 % redu­ziert. Mit der Begrün­dung, er sei behand­lungs­feh­ler­haft nicht täg­lich kon­trol­liert und nicht früh­zei­tig zur Ope­ra­ti­on in eine Augen­kli­nik über­wie­sen wor­den, hat der Klä­ger von den Beklag­ten Scha­dens­er­satz ver­langt, u. a. ein Schmer­zens­geld i. H. v. 20.000 Euro.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Hamm ste­he auf der Grund­la­ge des ein­ge­hol­ten medi­zi­ni­schen Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens fest, dass die nach 10 Tagen wie­der­hol­te Behand­lung mit einer Laser­ko­agu­la­ti­on nicht mehr indi­ziert gewe­sen sei. Viel­mehr habe der Klä­ger spä­tes­tens zu die­sem Zeit­punkt zum Zwe­cke eines ope­ra­ti­ven Ein­griffs an einen Augen­chir­ur­gen über­wie­sen wer­den müs­sen. Die durch­ge­führ­te Laser­be­hand­lung set­ze neben der Mög­lich­keit der siche­ren und dich­ten Umstel­lung des Netz­haut­lo­ches mit Laser­her­den Sicht­ver­hält­nis­se vor­aus, nach denen fest­ge­stellt wer­den kön­ne, dass die rest­li­che Netz­haut sicher anlie­ge. Die­se Sicht­ver­hält­nis­se sei­en beim Klä­ger nicht mehr vor­han­den gewe­sen. Auf den zen­tra­len Glas­kör­per sei­nes Auges habe man wegen Blut­auf­la­ge­run­gen nicht hin­rei­chend sicher sehen kön­nen. Es habe die Gefahr bestan­den, dass sich Flüs­sig­keit zum Zen­trum des Auges hin ver­la­ge­re und dort unbe­merkt die Netz­haut ablö­se. Bei die­ser Situa­ti­on habe der Klä­ger einem Augen­chir­ur­gen vor­ge­stellt wer­den müs­sen. Zudem habe bereits die Beklag­te die tat­säch­li­che Situa­ti­on der Netz­haut unzu­rei­chend unter­sucht. Sie habe es ver­säumt, die Netz­haut ins­be­son­de­re in ihrem zen­tra­len Bereich bereits zu Beginn der Behand­lung und fort­lau­fend bis zur siche­ren Erkennt­nis über ihren Zustand durch dafür geeig­ne­te Ultra­schall­un­ter­su­chun­gen zu befun­den. Auch der Beklag­te habe dies ver­säumt, als er die Behand­lung fort­ge­setzt habe.

Bei­de Beklag­ten haf­te­ten für die gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen des Klä­gers. Zu sei­nen Guns­ten grei­fe inso­weit eine Beweis­last­um­kehr ein. Zum Einen lie­ge es nahe, die Behand­lungs­feh­ler der Beklag­ten als grob feh­ler­haft zu bewer­ten. Von bei­den sei zum Ande­ren der sehr wahr­schein­lich reak­ti­ons­pflich­ti­ge Befund einer Netz­haut­ab­lö­sung nicht erho­ben wor­den. Auch das recht­fer­ti­ge die Beweis­last­um­kehr, weil es sich eben­falls als grob feh­ler­haft dar­ge­stellt hät­te, einen sol­chen Befund zu ver­ken­nen oder auf ihn nicht rich­tig zu reagie­ren.

Das Ober­lan­des­ge­richt Hamm hat das dem Klä­ger bereits vom Land­ge­richt zuge­spro­che­ne Schmer­zens­geld i. H. v. 15.000 Euro bestä­tigt.

Ober­lan­des­ge­richt Hamm, Urteil vom 21. Febru­ar 2014 – 26 U 28/​13