Der ver­un­treu­en­de Insol­venz­ver­wal­ter

Ein Ver­wal­ter, gegen den der drin­gen­de Ver­dacht besteht, in ein­zel­nen Insol­venz­ver­fah­ren Ver­mö­gens­de­lik­te zum Nach­teil der Mas­se began­gen zu haben, offen­bart eine all­ge­mei­ne cha­rak­ter­li­che Unge­eig­net­heit für die Aus­übung des Ver­wal­ter­amts, die es recht­fer­tigt, ihn auch in ande­ren, von den Straf­ta­ten nicht betrof­fe­nen Ver­fah­ren aus dem Amt zu ent­las­sen.

Der ver­un­treu­en­de Insol­venz­ver­wal­ter

Der Ver­waI­ter kann gemäß § 8 Abs. 3 Satz 2 GesO bei Vor­lie­gen ei-nes wich­ti­gen Grun­des abbe­ru­fen wer­den. Das Vor­der­ge­richt durf­te die Ent­las­sung des Beschwer­de­füh­rers auf den drin­gen­den Ver­dacht straf­ba­rer Hand­lun­gen (§ 266 StGB) stüt­zen. Im Grund­satz ist für die Ent­las­sung eines Gesamt­voll­stre­ckungs­ver­wal­ters /​Insol­venz­ver­wal­ters zu for­dern, dass die Tat­sa­chen, die den Ent­las­sungs­grund bil­den, zur vol­len Über­zeu­gung des Gerichts nach­ge­wie­sen sind 1. Aus­nahms­wei­se kann bereits das Vor­lie­gen von kon­kre­ten Anhalts­punk­ten für die Ver­let­zung von wich­ti­gen Ver­wal­ter­pflich­ten für eine Ent­las­sung genü­gen, wenn der Ver­dacht im Rah­men zumut­ba­rer Amts­er­mitt­lung (§ 5 Abs. 1 InsO) nicht aus­ge­räumt und nur durch die Ent­las­sung die Gefahr grö­ße­rer Schä­den für die Mas­se abge­wen­det wer­den kann 2.

Ein sol­cher Aus­nah­me­fall ist hier im Blick auf den Ver­dacht erheb­li­cher straf­ba­rer Hand­lun­gen gege­ben 3. Gegen den Beschwer­de­füh­rer wer­den im Zusam­men­hang mit sei­ner Tätig­keit als Ver­wal­ter Ermitt­lun­gen wegen des Ver­dachts der Untreue (§ 266 StGB) in 33 Fäl­len geführt. Mit Rück­sicht auf den Umfang die­ser Ermitt­lun­gen und die den Straf­ver­fol­gungs­or­ga­nen eröff­ne­ten beson­de­ren Auf­klä­rungs­mög­lich­kei­ten ist das Beschwer­de­ge­richt nicht in der Lage, sich im Wege der Amts­er­mitt­lung eine abschlie­ßen­de Über­zeu­gung von der Straf­bar­keit des Beschwer­de­füh­rers zu bil­den. Das Abbe­ru­fungs­ver­fah­ren ist nicht geeig­net, eine end­gül­ti­ge Klä­rung kom­ple­xer straf­recht­li­cher Vor­wür­fe – wie sie hier im Raum ste­hen – zu gewähr­leis­ten. Dar­um kann die den Straf­ge­rich­ten vor­be­hal­te­ne Auf­klä­rung straf­recht­li­cher Vor­wür­fe, zumal im Streit­fall die Ermitt­lun­gen offen­bar andau­ern, nicht in das Gesamt­voll­stre­ckungs- oder Insol­venz­ver­fah­ren ver­la­gert wer­den. Soweit das Beschwer­de­ge­richt auf­grund einer ein­ge­hen­den Wür­di­gung der Ermitt­lungs­er­geb­nis­se von einem drin­gen­den Tat­ver­dacht des Beschwer­de­füh­rers, sich nach § 266 StGB straf­bar gemacht zu haben, aus­ge­gan­gen ist, wer­den dage­gen von der Rechts­be­schwer­de, die sich ledig­lich auf Anga­ben des Beschwer­de­füh­rers im Beschwer­de­ver­fah­ren beruft, aber nicht mit der tat­säch­li­chen Beur­tei­lung des Beschwer­de­ge­richts aus­ein­an­der­setzt kei­ne kon­kre­ten Rügen erho­ben.

Davon unab­hän­gig haben bei­de Vor­in­stan­zen unan­ge­grif­fen fest­ge­stellt, dass der Beschwer­de­füh­rer und sei­ne Lebens­ge­fähr­tin der Bank ins­ge­samt 162.432,27 € in Rech­nung gestellt und erhal­ten haben. Schon die­ser objek­ti­ve Umstand, wonach der Beschwer­de­füh­rer die Anla­ge von Mas­se­mit­teln mit per­sön­li­chen Vor­tei­len in Form von Rück­ver­gü­tun­gen in dem fest­ge­stell­ten Umfang geknüpft hat, ist geeig­net unge­ach­tet der Ein­ord­nung die­ses Vor­gangs als straf­recht­li­che Untreue die Ent­las­sung des Ver­wal­ters zu recht­fer­ti­gen.

Fer­ner kann die Gefahr grö­ße­rer Schä­den für die Mas­se nur durch die Ent­las­sung des Beschwer­de­füh­rers abge­wen­det wer­den. Ange­sichts der ihm zur Last geleg­ten, sei­ne Amts­tä­tig­keit betref­fen­den zahl­rei­chen Ver­mö­gens­straf­ta­ten kann schon im Ansatz nicht mehr auf eine ord­nungs­ge­mä­ße Amts­aus­übung durch den Beschwer­de­füh­rer ver­traut wer­den. Auch wenn ein kon­kre­ter Zusam­men­hang mit dem vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht gege­ben ist, kann dem Beschwer­de­füh­rer wegen der in dem Tat­vor­wurf zum Aus­druck kom­men­den Unzu­ver­läs­sig­keit und der nicht aus­schließ­ba­ren Befürch­tung der Bege­hung erheb­li­cher mas­se­schä­di­gen­der Hand­lun­gen um des eige­nen Vor­teils wil­len die treu­hän­de­ri­sche Wahr­neh­mung frem­der Ver­mö­gens­in­ter­es­sen nicht mehr über­ant­wor­tet wer­den. Mit­hin erweist sich die Abbe­ru­fung des Beschwer­de­füh­rers zum Schutz der Mas­se als uner­läß­lich.

Die wei­te­re Wür­di­gung des Vor­der­ge­richts, wonach ein wich­ti­ger, die Abru­fung des Ver­wal­ters recht­fer­ti­gen­der Grund gege­ben ist (§ 8 Abs. 3 Satz 2 GesO), bewegt sich inner­halb des dem Tatrich­ter vor­be­hal­te­nen Beur­tei­lungs­spiel­raums.

Die Ent­las­sung des Ver­wal­ters setzt grund­sätz­lich vor­aus, dass es in Anbe­tracht der Erheb­lich­keit der Pflicht­ver­let­zung, ins­be­son­de­re ihrer Aus­wir­kun­gen auf den Ver­fah­rens­ab­lauf und die berech­tig­ten Belan­ge der Betei­lig­ten, sach­lich nicht mehr ver­tret­bar erscheint, den Ver­wal­ter im Amt zu belas­sen. Die­se Beur­tei­lung, die auf einer Abwä­gung aller jeweils bedeut­sa­men Umstän­de beruht, obliegt dem Tatrich­ter 4.

Das Beschwer­de­ge­richt hat aus­ge­führt, die Bege­hung schwer­wie­gen­der Ver­mö­gens­de­lik­te begrün­de eine per­sön­li­che Unge­eig­net­heit für die Aus­übung des Ver­wal­ter­amts. Sei eine pein­li­che finan­zi­el­le Kor­rekt­heit und Ehr­lich­keit nicht gege­ben, sei die betref­fen­de Per­son unge­eig­net für das Ver­wal­ter­amt. Bestehe der drin­gen­de Ver­dacht schwer­wie­gen­der, gegen ver­wal­te­tes Ver­mö­gen gerich­te­ter Straf­ta­ten durch den Ver­wal­ter, über­wie­ge der Schutz der durch die Amts­aus­übung betrof­fe­nen Inter­es­sen vor cha­rak­ter­lich unge­eig­ne­ten Ver­wal­tern deren Berufs­aus­übungs­frei­heit. Die­se Wür­di­gung über­schrei­tet nicht den tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lungs­rah­men.

Zu den per­sön­li­chen Anfor­de­run­gen an den Insol­venz­ver­wal­ter gehö­ren neben der fach­li­chen Qua­li­fi­ka­ti­on auch sei­ne per­sön­li­che Inte­gri­tät, ins­be­son­de­re sei­ne Ehr­lich­keit 5. Dar­um kön­nen straf­ba­re Hand­lun­gen eines Ver­wal­ters zum Nach­teil der Mas­se sei­ne Ent­las­sung recht­fer­ti­gen 6. Bereits eine ein­ma­li­ge, in der Bege­hung einer Straf­tat zum Aus­druck kom­men­de Pflicht­ver­let­zung kann die Ent­las­sung eines Ver­wal­ters gebie­ten 7. Dabei erfor­dert die Ent­las­sung nicht, dass die straf­ba­re Pflicht­ver­let­zung im Rah­men des kon­kre­ten Ver­fah­rens erfolg­te. Viel­mehr genügt es, wenn – wie im Streit­fall – eine in ande­ren Ver­fah­ren ver­üb­te Straf­tat die cha­rak­ter­li­che Eig­nung des Ver­wal­ters, frem­des Ver­mö­gen zu ver­wal­ten, ent­fal­len lässt 8.

Vor dem Hin­ter­grund der ihm ange­las­te­ten Ver­mö­gens­straf­ta­ten konn­te das Beschwer­de­ge­richt zu der Wür­di­gung gelan­gen, dass eine zweck­mä­ßi­ge und geset­zes­kon­for­me Ver­fah­rens­durch­füh­rung durch den Beschwer­de­füh­rer nicht gewähr­leis­tet und er des­we­gen zu ent­las­sen ist. Ange­sichts der in einer Viel­zahl ande­rer Ver­fah­ren zuta­ge getre­te­nen straf­recht­li­chen Vor­wür­fe, die der Beschwer­de­füh­rer in ihrem objek­ti­ven Kern – der Ein­for­de­rung und dem Erhalt von Rück­ver­gü­tun­gen – im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren nicht bestrit­ten hat, begeg­net eine ord­nungs­ge­mä­ße Amts­aus­übung durch den Beschwer­de­füh­rer schwer­wie­gen­den, nicht aus­räum­ba­ren Beden­ken. Der Umstand, dass das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren vor­aus­sicht­lich als­bald been­det wer­den wird, führt zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung. Falls – wie das Vor­der­ge­richt rechts­feh­ler­frei annimmt – der Beschwer­de­füh­rer für das Amt eines Ver­wal­ters cha­rak­ter­lich schlecht­hin unge­eig­net und eine wei­te­re Amts­füh­rung untrag­bar ist, kann wegen der für die Mas­se wei­ter­hin gege­be­nen Gefah­ren die Ent­las­sung auch in einem fort­ge­schrit­te­nen Ver­fah­rens­sta­di­um nicht bean­stan­det wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. März 2011 – IX ZB 192/​10

  1. BGH, Beschluss vom 08.12.2005 – IX ZB 308/​04, WM 2006, 440, 441[]
  2. BGH, aaO[]
  3. vgl. Uhlen­bruck, § 59 Rn. 11; Münch­Komm-InsO/Gra­eber, aaO § 59 Rn. 24; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, aaO § 59 Rn. 5[]
  4. BGH, Beschluss vom 08.12.2005, aaO S. 441; Beschluss vom 09.07.2009, aaO Rn. 9[]
  5. BGH, Beschluss vom 06.05.2004 – IX ZB 349/​02, BGHZ 159, 122, 129[]
  6. Münch­Komm-InsO/ Gra­eber, aaO § 59 Rn. 22, Hmb­Komm-InsO/Frind, 3. Aufl. § 59 Rn. 6[]
  7. Uhlen­bruck, aaO § 59 Rn. 9[]
  8. Uhlen­bruck, aaO; Münch­Komm-InsO/Gra­eber, aaO § 59 Rn. 23; FK-InsO/Jahntz, 6. Aufl. § 59 Rn. 8[]