Der zu alte Neuwagen

Mit ihrer auf den Abschluss des Kauf­ver­trags über einen PKW mit Tages­zu­las­sung gerich­te­ten Wil­lens­er­klä­rung hat die Ver­käu­fe­rin kon­klu­dent erklärt, das Fahr­zeug sei höchs­tens zwölf Mona­te vor Kauf­ver­trags­schluss her­ge­stellt worden.

Der zu alte Neuwagen

Die Aus­le­gung des Inhalts der Wil­lens­er­klä­rung der Ver­käu­fe­rin obliegt als Indi­vi­du­al­erklä­rung dem Tatrich­ter. Sie kann vom Revi­si­ons­ge­richt nur dar­auf­hin über­prüft wer­den, ob gesetz­li­che oder all­ge­mein aner­kann­te Aus­le­gungs­re­geln, Denk­ge­set­ze oder Erfah­rungs­sät­ze ver­letzt sind oder wesent­li­cher Aus­le­gungs­stoff außer Acht gelas­sen wur­de1. Das war im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Rechts­streit nicht der Fall:

Das Ober­lan­des­ge­richt Dres­den2 hat auf­grund einer Wür­di­gung der Umstän­de des Ver­trags­schlus­ses ange­nom­men, die Ver­käu­fe­rin und der Käu­fer hät­ten ver­ein­bart, dass Gegen­stand des Kauf­ver­trags ein Neu­wa­gen sei, der ledig­lich noch eine Tages­zu­las­sung erhal­ten sol­le und von der Ver­käu­fe­rin noch einen Monat und einen Tag genutzt wer­den dür­fe. Die­se Wür­di­gung weist kei­nen Rechts­feh­ler auf und wird von der Revi­si­on auch nicht angegriffen.

Die Fol­ge­rung des OLG Dres­den, unter die­sen Umstän­den habe die Ver­käu­fe­rin kon­klu­dent erklärt, das ver­kauf­te Fahr­zeug sei fabrik­neu und damit nicht mehr als zwölf Mona­te vor dem Abschluss des Kauf­ver­tra­ges her­ge­stellt wor­den, ent­spricht der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs. Denn nach die­ser liegt im Ver­kauf eines Neu­wa­gens durch einen Kraft­fahr­zeug­händ­ler grund­sätz­lich die kon­klu­dent getrof­fe­ne Ver­ein­ba­rung, dass das ver­kauf­te Fahr­zeug die Eigen­schaft hat, „fabrik­neu“ zu sein, was bei einem unbe­nutz­ten Kraft­fahr­zeug regel­mä­ßig nur dann der Fall ist, wenn und solan­ge das Modell die­ses Fahr­zeugs unver­än­dert wei­ter­ge­baut wird, wenn es kei­ne durch län­ge­re Stand­zeit beding­te Män­gel auf­weist und wenn zwi­schen Her­stel­lung des Fahr­zeugs und Abschluss des Kauf­ver­tra­ges nicht mehr als zwölf Mona­te lie­gen3. Dies gilt auch, wenn ein unbe­nutz­tes Fahr­zeug ver­kauft und eine Tages oder Kurz­zu­las­sung auf den Auto­händ­ler ver­ein­bart wird4. Wird ein Gebraucht­fahr­zeug als „Jah­res­wa­gen“ ver­kauft, wird damit regel­mä­ßig ver­ein­bart, dass zwi­schen Her­stel­lung und Erst­zu­las­sung des Fahr­zeugs nicht mehr als zwölf Mona­te lie­gen5.

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Der Bun­des­ge­richts­hof bejah­te im vor­lie­gen­den Fall auch eine Arg­list der Autoverkäuferin:

Für Arg­list ist kei­ne Absicht erfor­der­lich, son­dern es genügt beding­ter Vor­satz6. Zwar setzt auch der beding­te Vor­satz vor­aus, dass der Erklä­ren­de die Unrich­tig­keit der Tat­sa­chen­be­haup­tung kennt oder zumin­dest für mög­lich hält7, so dass grund­sätz­lich nicht arg­lis­tig han­delt, wer gut­gläu­big unrich­ti­ge Anga­ben macht, mag auch der gute Glau­be auf Fahr­läs­sig­keit oder selbst auf Leicht­fer­tig­keit beru­hen8. Aller­dings liegt dann ein arg­lis­ti­ges Han­deln vor, wenn Anga­ben ins Blaue hin­ein gemacht wer­den, obwohl eine hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Erkennt­nis­grund­la­ge für die Anga­ben fehlt und die­ser Umstand ver­schwie­gen wird9. So auch hier: Die Auto­ver­käu­fe­rin hat kon­klu­dent die Erklä­rung abge­ge­ben, das Fahr­zeug sei nicht mehr als zwölf Mona­te vor Ver­trags­schluss her­ge­stellt wor­den, obwohl sie nach ihrem Vor­brin­gen selbst kei­ne Kennt­nis von dem Bau­jahr gehabt und sich inso­weit allein auf die etwa fünf Mona­te zuvor erfolg­te Lie­fe­rung des Fahr­zeugs vom Her­stel­ler ver­las­sen habe, ohne zumin­dest anhand der Fahr­zeug­iden­ti­fi­zie­rungs­num­mer das Modell­jahr zu ermitteln.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 15. Juni 2021 – XI ZR 568/​19

  1. st. Rspr., vgl. nur BGH, Urteil vom 07.02.2002 – I ZR 304/​99, BGHZ 150, 32, 37; BGH, Urtei­le vom 12.04.2016 – XI ZR 305/​14, BGHZ 210, 30 Rn. 49 mwN; und vom 09.01.2018 – XI ZR 17/​15, BGHZ 217, 178 Rn. 36[]
  2. OLG Dres­den, Urteil vom 18.10.2019 9 U 841/​19[]
  3. BGH, Urtei­le vom 15.10.2003 – VIII ZR 227/​02, WM 2004, 1182, 1183; vom 12.01.2005 – VIII ZR 109/​04, WM 2005, 1383, 1384; vom 07.06.2006 – VIII ZR 180/​05, WM 2006, 2008 Rn.10; vom 15.09.2010 – VIII ZR 61/​09, NJW 2010, 3710 Rn. 14, 20; vom 06.10.2015 KZR 87/​13, WRP 2016, 229 Rn. 27; vom 29.06.2016 – VIII ZR 191/​15, WM 2017, 243 Rn. 44; und vom 17.10.2018 – VIII ZR 212/​17, BGHZ 220, 77 Rn. 12 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 12.01.2005, aaO[]
  5. BGH, Urtei­le vom 07.06.2006, aaO Rn. 10 f.; vom 10.03.2009 – VIII ZR 34/​08, NJW 2009, 1588 Rn. 10; vom 15.09.2010, aaO Rn.20; und vom 29.06.2016, aaO Rn. 45 f.[]
  6. BGH, Urtei­le vom 08.05.1980 IVa ZR 1/​80, WM 1980, 983, 985; vom 07.06.2006 – VIII ZR 209/​05, BGHZ 168, 64 Rn. 13; und vom 13.06.2007 – VIII ZR 236/​06, WM 2007, 2258 Rn. 29[]
  7. BGH, Urtei­le vom 11.05.2001 – V ZR 14/​00, WM 2001, 1420; und vom 13.06.2007, aaO[]
  8. BGH, Urteil vom 08.05.1980, aaO[]
  9. BGH, Urtei­le vom 21.01.1975 – VIII ZR 101/​73, BGHZ 63, 382, 388; vom 08.05.1980, aaO; vom 11.05.2001, aaO S. 1421; und vom 07.06.2006, aaO[]

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