Der zu spät gekauf­te Diesel-PKW

Einem Käu­fer, der einen mit einer unzu­läs­si­gen Abschalt­ein­rich­tung ver­se­he­nen Gebraucht­wa­gen (hier: der Mar­ke Audi) erst nach Bekannt­wer­den des soge­nann­ten Die­sel­skan­dals gekauft hat, ste­hen gegen den Her­stel­ler kei­ne Scha­dens­er­satz­an­sprü­che zu.

Der zu spät gekauf­te Diesel-PKW

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­ne Fall erwarb der Auto­käu­fer im Mai 2016 von einem Auto­händ­ler einen gebrauch­ten Audi Q5 2.0 TDI zu einem Kauf­preis von 32.600 €, der mit einem Die­sel­mo­tor des Typs EA189 aus­ge­stat­tet ist. Die Volks­wa­gen AG ist Her­stel­le­rin des Motors. Die im Zusam­men­hang mit die­sem Motor ver­wen­de­te Soft­ware führ­te zu einer Opti­mie­rung der Stick­stoff-Emis­si­ons­wer­te im behörd­li­chen Prüf­ver­fah­ren. Die Soft­ware bewirk­te, dass eine Prü­fungs­si­tua­ti­on, in der der Abgas­aus­stoß gemes­sen wird, erkannt und die Abgas­auf­be­rei­tung für deren Dau­er opti­miert wur­de. Im nor­ma­len Betrieb außer­halb des Prüf­stands war die­se Abgas­auf­be­rei­tung abgeschaltet.

Vor dem Erwerb des Fahr­zeugs, am 22. Sep­tem­ber 2015, hat­te die Volks­wa­gen AG in einer Ad-hoc-Mit­tei­lung die Öffent­lich­keit über Unre­gel­mä­ßig­kei­ten der Soft­ware bei Die­sel­mo­to­ren vom Typ EA189, die auch in ande­ren Die­sel-Fahr­zeu­gen des Volks­wa­gen Kon­zerns vor­han­den sei, infor­miert und mit­ge­teilt, dass sie dar­an arbei­te, die Abwei­chun­gen zwi­schen Prüf­stands­wer­ten und rea­lem Fahr­be­trieb mit tech­ni­schen Maß­nah­men zu besei­ti­gen, und dass sie hier­zu mit dem Kraft­fahrt-Bun­des­amt in Kon­takt ste­he. Das Kraft­fahrt-Bun­des­amt wer­te­te die Pro­gram­mie­rung als unzu­läs­si­ge Abschalt­ein­rich­tung und ver­pflich­te­te die Her­stel­le­rin, die Vor­schrifts­mä­ßig­keit der betrof­fe­nen Fahr­zeu­ge durch geeig­ne­te Maß­nah­men wie­der­her­zu­stel­len. Das dar­auf­hin vom Volks­wa­gen-Kon­zern ent­wi­ckel­te Soft­ware-Update wur­de im Janu­ar 2017 bei dem hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Fahr­zeug aufgespielt.

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Mit sei­ner Kla­ge ver­lang­te der Auto­käu­fer im Wesent­li­chen Ersatz des für das Fahr­zeug gezahl­ten Kauf­prei­ses abzüg­lich gezo­ge­ner Nut­zun­gen nebst Zin­sen Zug um Zug gegen Rück­ga­be des Fahr­zeugs. Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Aurich hat die Kla­ge abge­wie­sen [1]. Dage­gen hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg der Kla­ge auf die Beru­fung des Auto­käu­fers im Wesent­li­chen statt­ge­ge­ben [2]. Auf die Revi­si­on der Auto­her­stel­le­rin hat der Bun­des­ge­richts­hof das Beru­fungs­ur­teil des Ober­lan­des­ge­richts Olden­burg auf­ge­ho­ben und das kla­ge­ab­wei­sen­de Uteil des Land­ge­richts Aurich wiederhergestellt:

Wie der Bun­des­ge­richts­hof bereits mit Urteil vom 30. Juli 2020 [3] ent­schie­den hat, ist für die Bewer­tung eines schä­di­gen­den Ver­hal­tens als sit­ten­wid­rig im Sin­ne von § 826 BGB in einer Gesamt­schau des­sen Gesamt­cha­rak­ter zu ermit­teln und das gesam­te Ver­hal­ten des Schä­di­gers bis zum Ein­tritt des Scha­dens beim kon­kre­ten Geschä­dig­ten zugrun­de zu legen. Dies wird ins­be­son­de­re dann bedeut­sam, wenn die ers­te poten­zi­ell scha­den­sur­säch­li­che Hand­lung und der Ein­tritt des Scha­dens zeit­lich aus­ein­an­der­fal­len und der Schä­di­ger sein Ver­hal­ten zwi­schen­zeit­lich nach außen erkenn­bar geän­dert hat. Durch die vom Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg fest­ge­stell­te Ver­hal­tens­än­de­rung der Volks­wa­gen AG wur­den wesent­li­che Ele­men­te, die das Unwert­ur­teil ihres bis­he­ri­gen Ver­hal­tens gegen­über bis­he­ri­gen Käu­fern begrün­de­ten [4], der­art rela­ti­viert, dass der Vor­wurf der Sit­ten­wid­rig­keit bezo­gen auf ihr Gesamt­ver­hal­ten gera­de gegen­über dem Auto­käu­fer nicht mehr gerecht­fer­tigt ist. 

Dies gilt auch in Anse­hung des Umstands, dass der Auto­käu­fer im Streit­fall ein Fahr­zeug der Mar­ke Audi und nicht der Mar­ke Volks­wa­gen erwor­ben hat. Die Volks­wa­gen AG hat ihre Ver­hal­tens­än­de­rung nicht auf ihre Kern­mar­ke Volks­wa­gen beschränkt, son­dern im Gegen­teil bereits in ihrer Ad-hoc-Mit­tei­lung vom 22. Sep­tem­ber 2015 dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die betref­fen­de Steue­rungs­soft­ware auch in ande­ren Die­sel-Fahr­zeu­gen des Volks­wa­gen Kon­zerns vor­han­den und dass der Motor vom Typ EA189 auf­fäl­lig sei, ohne dies­be­züg­lich eine Ein­schrän­kung auf eine bestimm­te Mar­ke des Kon­zerns vor­zu­neh­men. Mit die­sem Schritt an die Öffent­lich­keit und der damit ver­bun­de­nen Mit­tei­lung, mit den zustän­di­gen Behör­den und dem KBA bereits in Kon­takt zu ste­hen, hat die Volks­wa­gen AG ihre stra­te­gi­sche unter­neh­me­ri­sche Ent­schei­dung, das KBA und letzt­lich die Fahr­zeug­käu­fer zu täu­schen, auch bezüg­lich der wei­te­ren Kon­zern­mar­ken ersetzt durch die Stra­te­gie, Unre­gel­mä­ßig­kei­ten ein­zu­räu­men und in Zusam­men­ar­beit mit dem KBA Maß­nah­men zur Besei­ti­gung des gesetz­wid­ri­gen Zustands zu erar­bei­ten. Damit war das Ver­hal­ten der Volks­wa­gen AG gene­rell, d.h. hin­sicht­lich aller Kon­zern­mar­ken, nicht mehr dar­auf ange­legt, das KBA und arg­lo­se Erwer­ber zu täuschen.

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Dass der Auto­käu­fer im Rah­men des Ver­kaufs­ge­sprächs eine im Hin­blick auf die Ver­wen­dung des VW-Motors EA189 und die zuge­hö­ri­ge Abgas­pro­ble­ma­tik unzu­tref­fen­de Aus­kunft („Wir sind Audi und nicht VW“) erhal­ten haben mag, könn­te unter Umstän­den eine eigen­stän­di­ge Haf­tung des Auto­hau­ses begrün­den, ist aber nicht der Volks­wa­gen AG zuzurechnen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Dezem­ber 2020 – VI ZR 244/​20

  1. LG Aurich, Urteil vom 26.07.2019 – 5 O 762/​18[]
  2. OLG Olden­burg, Urteil vom 13.02.2020 – 14 U 244/​19[]
  3. BGH, Urteil vom 30.07.2020 – VI ZR 5/​20, Rn. 30 ff.[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 25. Mai 2020 – VI ZR 252/​19, Rn. 16 ff.[]

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