Der Zugang zur nächs­ten Instanz – und das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes im Zivil­pro­zess

Für den Zivil­pro­zess ergibt sich das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes aus dem all­ge­mei­nen Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch gemäß Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG1.

Der Zugang zur nächs­ten Instanz – und das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes im Zivil­pro­zess

Effek­ti­ver Rechts­schutz in die­sem Sin­ne umfasst nicht nur das Recht auf Zugang zu den Gerich­ten sowie auf eine ver­bind­li­che Ent­schei­dung durch den Rich­ter auf­grund einer grund­sätz­lich umfas­sen­den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Prü­fung des Streit­ge­gen­stan­des2. Das Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes beein­flusst auch die Aus­le­gung und Anwen­dung der Bestim­mun­gen, die für die Eröff­nung eines Rechts­wegs und die Beschrei­tung eines Instan­zen­zugs von Bedeu­tung sind.

Es begrün­det zwar kei­nen Anspruch auf eine wei­te­re Instanz; die Ent­schei­dung über den Umfang des Rechts­mit­tel­zu­ges bleibt viel­mehr dem Gesetz­ge­ber über­las­sen3. Hat der Gesetz­ge­ber sich jedoch für die Eröff­nung einer wei­te­ren Instanz ent­schie­den und sieht die betref­fen­de Pro­zess­ord­nung dem­entspre­chend ein Rechts­mit­tel vor, so darf der Zugang dazu nicht in unzu­mut­ba­rer, aus Sach­grün­den nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se erschwert wer­den4.

Wird die Vor­schrift des § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO zu den Revi­si­ons­zu­las­sungs­grün­den von den Fach­ge­rich­ten also will­kür­lich, das heißt in sach­lich nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se falsch ange­wen­det, kann der im Beru­fungs­rechts­zug unter­le­ge­nen Par­tei der Zugang zur Revi­si­on unter Ver­let­zung von Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art.20 Abs. 3 GG ver­sperrt sein5. Dies gilt sowohl für die Zulas­sung der Revi­si­on durch das Beru­fungs­ge­richt als auch für die Ent­schei­dung des Revi­si­ons­ge­richts selbst, mit dem es eine Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on zurück­weist6. Hin­ge­gen genügt nicht bereits die nur ein­fach­recht­lich feh­ler­haf­te Hand­ha­bung der maß­geb­li­chen Zulas­sungs­vor­schrif­ten7.

Eröff­net das Pro­zess­recht eine wei­te­re Instanz, so muss auch in die­sem Rah­men eine wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le gewähr­leis­tet sein8. Das Rechts­mit­tel­ge­richt darf ein von der jewei­li­gen Pro­zess­ord­nung eröff­ne­tes Rechts­mit­tel daher nicht inef­fek­tiv machen und für den Beschwer­de­füh­rer leer­lau­fen las­sen9. Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Gesetz­ge­ber mit dem Rechts­mit­tel der Revi­si­on auch nach der Zivil­pro­zess­re­form im Jahr 2002 sowohl Indi­vi­du­al­be­lan­ge der Ein­zel­fall­ge­rech­tig­keit als auch All­ge­mein­be­lan­ge ver­folgt10.

Zwar weist § 543 Abs. 2 ZPO der Ver­fol­gung von All­ge­mein­be­lan­gen wei­chen­stel­len­de Bedeu­tung zu. Dies recht­fer­tigt aber nicht eine Aus­le­gung die­ser Norm, nach der die erfolg­rei­che Durch­set­zung der Indi­vi­du­al­be­lan­ge dadurch ver­ei­telt wer­den kann, dass die im Zeit­punkt der Ein­le­gung der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de bestehen­den All­ge­mein­be­lan­ge zwi­schen­zeit­lich in Fol­ge einer gericht­li­chen Ent­schei­dung in ande­rer Sache ent­fal­len. Dadurch wür­de das im Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch ent­hal­te­ne Gebot effek­ti­ven Rechts­schut­zes ver­letzt11. Folg­lich muss von dem Grund­satz, dass maß­ge­bend für das Vor­lie­gen der Zulas­sungs­vor­aus­set­zun­gen der Zeit­punkt der Ent­schei­dung über die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de ist, dann eine Aus­nah­me gemacht wer­den, wenn der Zulas­sungs­grund – die grund­sätz­li­che Bedeu­tung – vor der Ent­schei­dung des­halb ent­fällt, weil die Rechts­fra­ge in einem ande­ren Ver­fah­ren geklärt wur­de, die Revi­si­on aber in der Sache Aus­sicht auf Erfolg hat12.

Aus­ge­hend davon hat das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt im hier ange­grif­fe­nen Urteil vom 19.01.201713 § 543 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 und Nr. 2 Alt. 2 ZPO in sach­lich nicht mehr zu recht­fer­ti­gen­der Wei­se feh­ler­haft ange­wen­det, wenn es maß­geb­lich dar­auf abstellt, eine Zulas­sung der Revi­si­on im Beru­fungs­ur­teil (§ 543 Abs. 1 Nr. 1 ZPO) wegen grund­sätz­li­cher Bedeu­tung der Sache oder zur Siche­rung einer ein­heit­li­chen Recht­spre­chung kom­me in sol­chen Fäl­len nicht in Betracht, in denen in einem ande­ren Ver­fah­ren die Revi­si­on bereits wegen der­sel­ben Rechts­fra­ge zuge­las­sen wur­de. Zwar geht es bei der Zulas­sung der Revi­si­on im Beru­fungs­ur­teil nicht um eine durch Ein­le­gung einer aus­sichts­rei­chen Beschwer­de gegen die Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on (§ 544 ZPO) erwor­be­ne, durch den Jus­tiz­ge­wäh­rungs­an­spruch geschütz­te Posi­ti­on, die auch dann Bestand hat, wenn das All­ge­mein­in­ter­es­se an der Zulas­sung der Revi­si­on nach­träg­lich ent­fal­len ist, weil die maß­geb­li­che Rechts­fra­ge bereits in einem ande­ren Ver­fah­ren geklärt wur­de14. Nach der Rechts­auf­fas­sung des Saar­län­di­schen Ober­lan­des­ge­richts ent­fie­le das indi­vi­du­el­le Inter­es­se der Ein­zel­fall­ge­rech­tig­keit aller­dings schon in einem Zeit­punkt, in dem die Rechts­fra­ge noch nicht in einem ande­ren Ver­fah­ren geklärt wur­de, son­dern nur eine Aus­sicht hier­auf besteht. Die Aus­sicht auf eine Klä­rung der Rechts­fra­ge in einem ande­ren Ver­fah­ren lässt das All­ge­mein­in­ter­es­se an der Zulas­sung der Revi­si­on aber nicht ent­fal­len. Eine sol­che Aus­sicht ist nicht gesi­chert, weil das ande­re Ver­fah­ren ander­wei­tig etwa durch Nicht­ein­le­gung der Revi­si­on oder durch Rück­nah­me- oder Ver­gleichs­er­klä­run­gen been­det wer­den kann, oder weil nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass die Revi­si­ons­ent­schei­dung letzt­lich auf ande­re recht­li­che Aspek­te gestützt wird. Bei noch fort­be­stehen­dem All­ge­mein­in­ter­es­se ist es in jedem Fall sach­wid­rig, die erfolg­rei­che Durch­set­zung der Indi­vi­dual­in­ter­es­sen durch eine Nicht­zu­las­sung der Revi­si­on im Beru­fungs­ur­teil zu ver­ei­teln.

Es ist auch nicht deut­lich abzu­se­hen, dass die Beschwer­de­füh­re­rin bei einer Zurück­ver­wei­sung der Sache ihr vor dem Saar­län­di­schen Ober­lan­des­ge­richt ver­folg­tes Begeh­ren nicht errei­chen könn­te15.

Soweit die Zulas­sung der Revi­si­on unter dem recht­li­chen Gesichts­punkt der grund­sätz­li­chen Bedeu­tung der Sache unter­blieb, ist anzu­neh­men, dass das Saar­län­di­sche Ober­lan­des­ge­richt die Revi­si­on der Beschwer­de­füh­re­rin wegen der Rechts­fra­ge der Erstat­tungs­fä­hig­keit der vor­ge­richt­lich ange­fal­le­nen Rechts­an­walts­kos­ten – min­des­tens mög­li­cher­wei­se – zuge­las­sen hät­te, wenn ihm die von ihm zur Anwen­dung des § 543 Abs. 2 Satz 1 ZPO ver­tre­te­ne, sach­lich in kei­ner Wei­se mehr zu recht­fer­ti­gen­de Rechts­an­sicht nicht den Blick dafür ver­stellt hät­te. Die Rechts­fra­ge der Erstat­tungs­fä­hig­keit vor­ge­richt­lich ange­fal­le­ner Rechts­an­walts­kos­ten bei wirk­sa­mem Wider­ruf von vor dem 11.06.2010 abge­schlos­se­nen Dar­le­hens­ver­trä­gen war zum Zeit­punkt der Ver­kün­dung des ange­grif­fe­nen Urteils am 19.01.2017 höchst­rich­ter­lich noch nicht ent­schie­den; der Bun­des­ge­richts­hof ent­schied die­se Rechts­fra­ge näm­lich erst­mals mit Ver­säum­nis­ur­teil vom 21.02.201716, und zwar – wie auch in spä­te­ren Ent­schei­dun­gen17 – jeweils zuguns­ten des Kre­dit­in­sti­tuts. Dass sich die­se Rechts­fra­ge in einer unbe­stimm­ten Viel­zahl wei­te­rer Ver­fah­ren stel­len wür­de und des­we­gen auch das abs­trak­te Inter­es­se der All­ge­mein­heit an der ein­heit­li­chen Ent­wick­lung und Hand­ha­bung des Rechts berührt war, war in Anbe­tracht der damals zahl­reich strei­ti­gen Dar­le­hens­wi­der­rufs­fäl­le aus jener Zeit ohne Wei­te­res anzu­neh­men.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 25. Sep­tem­ber 2018 – 1 BvR 453/​17

  1. vgl. BVerfGE 85, 337, 345; 97, 169, 185; BVerfGK 17, 196, 199; BVerfG, Beschluss vom 20.04.2016 – 1 BvR 2405/​14 12 []
  2. vgl. BVerfGE 85, 337, 345; 97, 169, 185 []
  3. vgl. BVerfGE 54, 277, 291; 107, 395, 401 f. []
  4. vgl. BVerfGE 69, 381, 385; 77, 275, 284 []
  5. vgl. zu Art.19 Abs. 4 GG BVerfGE 125, 104, 137; 134, 242, 319 Rn. 238 []
  6. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.10.2015 – 1 BvR 1320/​14 12 []
  7. vgl. BVerfGE 101, 331, 359 f.; BVerfG, Beschluss vom 20.04.2016 – 1 BvR 2405/​14 , a.a.O. []
  8. vgl. BVerfGE 96, 27, 39; BVerfGK 6, 79, 81; 18, 105, 111 []
  9. vgl. BVerfGE 78, 88, 98 f.; 96, 27, 39 []
  10. vgl. BVerfGK 2, 213, 217; 6, 79, 81; 18, 105, 111 []
  11. vgl. BVerfGK 6, 79, 81 f.; 18, 105, 111 []
  12. vgl. BVerfGK 6, 79, 82 f.; 18, 105, 111 f. []
  13. OLG Saar­brü­cken, Urteil vom 19.01.2017 – 4 U 91/​15 []
  14. vgl. BVerfGK 6, 79, 82; 18, 105, 112 []
  15. vgl. BVerfGE 90, 22, 25 f. []
  16. BGH, Urteil vom 21.02.2017 – XI ZR 467/​15 23 ff. und 34 ff. []
  17. vgl. BGH, Urtei­le vom 14.03.2017 – XI ZR 442/​16 29 f.; vom 25.04.2017 – XI ZR 212/​16 14 f.; vom 25.04.2017 – XI ZR 314/​16 14 f.; vom 09.05.2017 – XI ZR 314/​15 14 f.; vom 10.10.2017 – XI ZR 443/​16 29; vom 10.10.2017 – XI ZR 449/​16 30 f.; vom 10.10.2017 – XI ZR 450/​16 24 f.; vom 10.10.2017 – XI ZR 549/​16 19; vom 10.10.2017 – XI ZR 555/​16 23; vom 07.11.2017 – XI ZR 369/​16 19; und vom 21.11.2017 – XI ZR 106/​16 16 []