Der­doch nicht qua­li­fi­zier­te Ber­li­ner Miet­spie­gel

Auf die Prü­fung, ob ein Miet­spie­gel die Anfor­de­run­gen des § 558d Abs. 1 BGB erfüllt, kann im Bestrei­ten­s­fall nicht schon des­we­gen ver­zich­tet wer­den, weil der Miet­spie­gel von sei­nem Erstel­ler als qua­li­fi­zier­ter Miet­spie­gel bezeich­net oder von der Gemein­de und/​oder von den Inter­es­sen­ver­tre­tern der Ver­mie­ter und der Mie­ter als sol­cher aner­kannt und ver­öf­fent­licht wor­den ist. Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für das Vor­lie­gen eines qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels trägt die­je­ni­ge Par­tei, die sich die Ver­mu­tung des § 558d Abs. 3 BGB zu Nut­ze machen will.

Der­doch nicht qua­li­fi­zier­te Ber­li­ner Miet­spie­gel

Ist ein for­mell wirk­sa­mes Miet­erhö­hungs­ver­lan­gen gege­ben, so ist vom Tatrich­ter mate­ri­ell­recht­lich zu über­prü­fen, ob die kon­kret vom Ver­mie­ter ver­lang­te Miet­erhö­hung nach § 558 BGB tat­säch­lich berech­tigt ist, ins­be­son­de­re ob die neue Mie­te inner­halb der orts­üb­li­chen Ver­gleichs­mie­te liegt [1]. Die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te wird gebil­det aus den übli­chen Ent­gel­ten, die in der Gemein­de oder einer ver­gleich­ba­ren Gemein­de für Wohn­raum ver­gleich­ba­rer Art, Grö­ße, Aus­stat­tung, Beschaf­fen­heit und Lage in den letz­ten vier Jah­ren ver­ein­bart oder, von Erhö­hun­gen nach § 560 BGB abge­se­hen, geän­dert wor­den sind (§ 558 Abs. 2 BGB). Nach die­sen gesetz­li­chen Vor­ga­ben ist ein objek­ti­ver Maß­stab anzu­le­gen, der einen reprä­sen­ta­ti­ven Quer­schnitt der übli­chen Ent­gel­te dar­stel­len soll [2]. Die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te darf im Pro­zess daher nur auf der Grund­la­ge von Erkennt­nis­quel­len bestimmt wer­den, die die tat­säch­lich und übli­cher­wei­se gezahl­ten Mie­ten für ver­gleich­ba­re Woh­nun­gen in einer für die freie tatrich­ter­li­che Über­zeu­gungs­bil­dung (§ 286 ZPO) hin­rei­chen­den Wei­se ermit­telt haben [3].

Der Tatrich­ter ist im Rah­men sei­ner frei­en Über­zeu­gungs­bil­dung nicht auf das im Erhö­hungs­ver­lan­gen des Ver­mie­ters genann­te Begrün­dungs­mit­tel im Sin­ne des § 558a Abs. 2 BGB beschränkt. Exis­tiert ein ord­nungs­ge­mä­ßer Miet­spie­gel, der Anga­ben für die in Rede ste­hen­de Woh­nung ent­hält, so darf die­ser vom Tatrich­ter berück­sich­tigt wer­den.

Dies folgt für einen Miet­spie­gel, der nach aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Grund­sät­zen erstellt und von der Gemein­de oder von Inter­es­sen­ver­tre­tern der Ver­mie­ter und der Mie­ter aner­kannt wor­den ist (§ 558d Abs. 1 BGB; qua­li­fi­zier­ter Miet­spie­gel), bereits aus der in § 558d Abs. 3 BGB vor­ge­se­he­nen Ver­mu­tungs­wir­kung. Der Gesetz­ge­ber misst einem sol­chen Miet­spie­gel eine beson­de­re Gewähr für die Rich­tig­keit und Aktua­li­tät der in ihm ent­hal­te­nen Daten und brei­te Akzep­tanz zu [4]. Aus die­sen Grün­den wird von Geset­zes wegen (§ 292 ZPO) ver­mu­tet, dass die in einem qua­li­fi­zier­ten, die zeit­li­chen Vor­ga­ben des § 558d Abs. 2 BGB ein­hal­ten­den Miet­spie­gel bezeich­ne­ten Ent­gel­te die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te wie­der­ge­ben. Die­se Ver­mu­tungs­wir­kung kann aber in der Pra­xis nur zum Tra­gen kom­men, wenn der Tatrich­ter den qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel auch in dem Fall berück­sich­ti­gen darf, dass der Ver­mie­ter sein Erhö­hungs­ver­lan­gen ander­wei­tig begrün­det hat. Dass die Wahl eines ande­ren Begrün­dungs­mit­tels den Tatrich­ter nicht dar­an hin­dert, die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te unter Ver­wen­dung eines qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels zu bestim­men, ergibt sich schließ­lich auch dar­aus, dass der Gesetz­ge­ber dem Ver­mie­ter zwin­gend auf­gibt, in sei­nem Erhö­hungs­ver­lan­gen auch dann die nach dem qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel maß­geb­li­chen Anga­ben zur Woh­nung mit­zu­tei­len, wenn er die Miet­erhö­hung auf eine ande­re Grund­la­ge stützt (§ 558a Abs. 3 BGB).

Aber auch ein Miet­spie­gel im Sin­ne des § 558c Abs. 1 BGB, der die Vor­aus­set­zun­gen des § 558d Abs. 1 BGB nicht erfüllt (ein­fa­cher Miet­spie­gel), darf in die Über­zeu­gungs­bil­dung des Tatrich­ters ein­flie­ßen. Ihm kommt zwar nicht die in § 558d Abs. 3 BGB dem qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel vor­be­hal­te­ne Ver­mu­tungs­wir­kung zu. Er stellt jedoch ein Indiz dafür dar, dass die dort ange­ge­be­nen Ent­gel­te die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te zutref­fend wie­der­ge­ben [5]. Wie weit die­se Indi­zwir­kung reicht, hängt von den kon­kre­ten Umstän­den des jewei­li­gen Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re der Qua­li­tät des Miet­spie­gels ab [6].

Vor­aus­set­zung für die Berück­sich­ti­gung des Miet­spie­gels als Indiz oder als Ver­mu­tung im Rah­men der Über­zeu­gungs­bil­dung des Tatrich­ters ist jedoch, dass der Miet­spie­gel die Tat­be­stands­merk­ma­le des § 558c Abs. 1 BGB bezie­hungs­wei­se des § 558d Abs. 1 BGB erfüllt. Die Revi­si­ons­er­wi­de­rung ver­kürzt die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen des § 558d Abs. 3 BGB, wenn sie für das Ein­grei­fen der dort gere­gel­ten Ver­mu­tungs­wir­kung allein aus­rei­chen las­sen will, dass „die Vor­schrift des Abs. 2 ein­ge­hal­ten“, also der Miet­spie­gel im Abstand von zwei Jah­ren der Markt­ent­wick­lung ange­passt oder nach vier Jah­ren neu erstellt wor­den ist (vgl. § 558d Abs. 2 BGB). Sie lässt außer Betracht, dass § 558d Abs. 3 BGB aus­drück­lich an die „im qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel genann­ten Ent­gel­te“ anknüpft, in § 558d Abs. 2 BGB eben­falls von einem qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel die Rede ist und sich damit bei­de Absät­ze auf die in § 558d Abs. 1 BGB ent­hal­te­ne Legal­de­fi­ni­ti­on des qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels bezie­hen.

Da an einen qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel bestimm­te Rechts­fol­gen geknüpft sind (Hin­weis­pflicht im Rah­men des Miet­erhö­hungs­ver­lan­gens nach § 558a Abs. 3 BGB, Ver­mu­tungs­wir­kung nach § 558d Abs. 3 BGB), muss die Fra­ge, ob es sich um einen – ord­nungs­ge­mäß erstell­ten und aner­kann­ten – qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel han­delt, für die betrof­fe­nen Par­tei­en auch über­prüf­bar sein [7]. Die­se Über­prü­fung erfolgt nicht im Ver­wal­tungs­pro­zess [8], son­dern inzi­dent im Rah­men eines Zivil­pro­zes­ses über die Berech­ti­gung einer Miet­erhö­hung [9].

Auf die Prü­fung, ob ein Miet­spie­gel die Anfor­de­run­gen des § 558d Abs. 1 BGB erfüllt, kann im Bestrei­ten­s­fall nicht schon des­we­gen ver­zich­tet wer­den, weil der Miet­spie­gel von sei­nem Erstel­ler als qua­li­fi­zier­ter Miet­spie­gel bezeich­net oder von der Gemein­de und/​oder von den Inter­es­sen­ver­tre­tern der Ver­mie­ter und der Mie­ter als sol­cher aner­kannt und ver­öf­fent­licht wor­den ist. Denn die­se Umstän­de bewei­sen noch nicht, dass die Vor­aus­set­zun­gen des § 558d Abs. 1 BGB auch tat­säch­lich erfüllt sind, ins­be­son­de­re der Miet­spie­gel nach aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Grund­sät­zen erstellt wor­den ist [10]. Das Gericht muss viel­mehr – gege­be­nen­falls unter Ein­ho­lung amt­li­cher Aus­künf­te gemäß § 273 Abs. 2 Nr. 2 oder § 358a Nr. 2 ZPO – über das Vor­lie­gen der in § 558d Abs. 1 BGB genann­ten Vor­aus­set­zun­gen Beweis erhe­ben. Die Einhaltung/​Nichteinhaltung aner­kann­ter wis­sen­schaft­li­cher Grund­sät­ze wird sich, sofern sie sich nicht bereits – etwa auf­grund der im Miet­spie­gel oder den hier­zu ver­öf­fent­lich­ten Erläu­te­run­gen ent­hal­te­nen (aus­sa­ge­kräf­ti­gen) Anga­ben zum Ver­fah­ren der Daten­ge­win­nung und aus­wer­tung sowie zu den ein­zel­nen Bewer­tungs­schrit­ten – als offen­kun­dig dar­stellt oder vom Gericht in eige­ner Sach­kun­de beur­teilt wer­den kann, häu­fig nur durch ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten klä­ren las­sen [11]. Es wird aber durch­aus auch Fäl­le geben, in denen eine aus­rei­chen­de Klä­rung durch die Anhö­rung von sach­ver­stän­di­gen Zeu­gen (§ 414 ZPO) – etwa von Exper­ten, die an der Erstel­lung des Miet­spie­gels maß­geb­lich betei­ligt waren – her­bei­ge­führt wer­den kann. Ob im Bestrei­ten­s­fall ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten erfor­der­lich ist, hängt vor­ran­gig von der Art der gegen den Miet­spie­gel vor­ge­brach­ten Ein­wen­dun­gen, der Aus­sa­ge­kraft der vor­han­de­nen und zugäng­li­chen Doku­men­ta­ti­on der Daten­er­he­bung und Daten­aus­wer­tung, dem Inhalt der Erläu­te­run­gen zu der im Miet­spie­gel ange­wand­ten Metho­dik und der eige­nen Sach­kun­de des Gerichts ab.

Die Not­wen­dig­keit, bei Bestrei­ten des Vor­lie­gens eines qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels hier­über Beweis zu erhe­ben, birgt aller­dings die Gefahr in sich, dass die in § 558d Abs. 3 BGB vor­ge­se­he­ne Ver­mu­tung ihre ver­fah­rens­ver­ein­fa­chen­de Funk­ti­on [12] im Ergeb­nis weit­ge­hend ein­büßt. Denn die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zu der Fra­ge, ob der Miet­spie­gel nach aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Grund­sät­zen erstellt wur­de, ist in aller Regel kos­ten- und zeit­auf­wän­dig.

Die­se Aus­wir­kun­gen sind jedoch als unver­meid­bar hin­zu­neh­men, denn das Gesetz knüpft die – ver­fah­rens­er­leich­tern­de – Ver­mu­tungs­wir­kung des § 558d Abs. 3 BGB nur an einen Miet­spie­gel, der den Anfor­de­run­gen des § 558d Abs. 1 BGB unstrei­tig, offen­kun­dig (§ 291 ZPO) oder nach­weis­lich genügt [13]. Sie las­sen sich zudem durch eine sach­ge­rech­te Anwen­dung zivil­pro­zes­sua­ler Grund­sät­ze auf ein für die betei­lig­ten Par­tei­en ver­tret­ba­res Maß ver­rin­gern.

Von der Par­tei, die das Vor­lie­gen eines qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels in Abre­de stellt, ist zunächst zu ver­lan­gen, dass sie im Rah­men des Mög­li­chen sub­stan­ti­ier­te Angrif­fe gegen den Miet­spie­gel vor­bringt, sofern die Erstel­lung des Miet­spie­gels in all­ge­mein zugäng­li­chen Quel­len doku­men­tiert ist [14].

Der Gesetz­ge­ber des Miet­rechts­re­form­ge­set­zes ist bei Ein­füh­rung des qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gels davon aus­ge­gan­gen, dass des­sen Erstel­lung doku­men­tiert wird [4]. Auch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Ver­kehr, Bau- und Woh­nungs­we­sen hat im Rah­men sei­ner – in den Geset­zes­ma­te­ria­li­en in Bezug genom­me­nen – „Hin­wei­se zur Erstel­lung von Miet­spie­geln“ aus dem Jahr 2002 aus­ge­führt, dass ein qua­li­fi­zier­ter Miet­spie­gel „zwin­gend zu doku­men­tie­ren“ ist, „um die Ergeb­nis­se nach­voll­zie­hen und über­prü­fen zu kön­nen“. Hier­zu sol­len „ins­be­son­de­re die ange­wand­ten Metho­den aus­führ­lich und mög­lichst ver­ständ­lich“ dar­ge­stellt wer­den. Geschieht dies – wie die „Hin­wei­se zur Erstel­lung von Miet­spie­geln“ eben­falls vor­aus­set­zen – in all­ge­mein zugäng­li­cher Form, las­sen sich man­che Fra­ge­stel­lun­gen (wie bei­spiels­wei­se die der einer Wohn­la­gen­ein­ord­nung zugrun­de geleg­ten Kri­te­ri­en) ohne wei­te­res klä­ren. Infor­ma­tio­nen, die sich aus einer der­ar­ti­gen Doku­men­ta­ti­on erge­ben, kann die Par­tei, die den qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel nicht aner­ken­nen will, nicht mehr mit Nicht­wis­sen bestrei­ten. Sie muss sich viel­mehr mit dem Inhalt der Doku­men­ta­ti­on sub­stan­ti­iert aus­ein­an­der­set­zen, soweit dies ohne Fach­kennt­nis­se – etwa auf dem Gebiet der Sta­tis­tik – mög­lich ist.

Liegt ein sub­stan­ti­ier­tes Bestrei­ten vor, wird sich in man­chen Fäl­len die rich­ter­li­che Über­zeu­gung über die Einhaltung/​Nichteinhaltung wis­sen­schaft­lich aner­kann­ter Grund­sät­ze bei der Erstel­lung des Miet­spie­gels auf ein­fa­che­re Wei­se als durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens gewin­nen las­sen, etwa auf­grund ergie­bi­ger Erläu­te­run­gen im Miet­spie­gel und ergän­zend ein­ge­hol­ter amt­li­cher Aus­künf­te, durch Anhö­rung sach­ver­stän­di­ger Zeu­gen oder kraft aus­rei­chen­der eige­ner Sach­kun­de des Gerichts.

Schließ­lich kann auch in den Fäl­len, in denen für eine aus­rei­chen­de Klä­rung der Streit­fra­gen ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten unver­zicht­bar ist, unter Umstän­den die Mög­lich­keit bestehen, auf bereits exis­tie­ren­de Gut­ach­ten zurück­zu­grei­fen. Ein in einem ande­ren Ver­fah­ren über die Fra­ge der Ein­hal­tung aner­kann­ter wis­sen­schaft­li­cher Metho­den erho­be­nes Gut­ach­ten kann gege­be­nen­falls ent­we­der nach § 411a ZPO als Sach­ver­stän­di­gen­be­weis oder nach §§ 415 ff. ZPO als Urkun­den­be­weis ver­wer­tet wer­den.

Gemes­sen an den vor­ste­hen­den Grund­sät­zen hät­te das Beru­fungs­ge­richt im Streit­fall die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te nicht allein unter Ver­weis auf die in § 558d Abs. 3 BGB einem qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel zuge­schrie­be­ne Ver­mu­tung fest­stel­len dür­fen. Denn die Klä­ge­rin hat bestrit­ten, dass der Miet­spie­gel 2009 der Stadt Ber­lin nach aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Grund­sät­zen erstellt wur­de. Die­ses Bestrei­ten war – unab­hän­gig von der Fra­ge, ob der vom Land­ge­richt Ber­lin her­an­ge­zo­ge­ne GEWOS-End­be­richt über die Grund­la­gen­da­ten für den Miet­spie­gel 2009 nicht, so die Rüge der Revi­si­on, all­ge­mein zugäng­lich ist – auch hin­rei­chend sub­stan­ti­iert. Die Klä­ge­rin hat moniert, die Ein­ord­nung der Wohn­ge­bie­te im Ber­li­ner Miet­spie­gel 2009 beru­he – anders als etwa beim Münch­ner Miet­spie­gel – nicht auf über­prüf­ba­ren aner­kann­ten wis­sen­schaft­li­chen Erkennt­nis­sen und Erhe­bun­gen, son­dern auf einer will­kür­li­chen und rea­li­täts­frem­den, nicht am tat­säch­li­chen Miet­ni­veau ori­en­tier­ten Ein­tei­lung ein­zel­ner Stra­ßen und Gebie­te in die drei Wohn­la­gen „ein­fach“, „mit­tel“ und „gut“, wobei die im Münch­ner Miet­spie­gel vor­ge­se­he­ne Kate­go­rie „bes­te Wohn­la­ge“ gar nicht vor­ge­se­hen sei. Hier­bei hat sie ins­be­son­de­re die im Stra­ßen­ver­zeich­nis zum Miet­spie­gel 2009 vor­ge­nom­me­ne Ein­ord­nung der streit­ge­gen­ständ­li­chen Woh­nung in die Kate­go­rie „ein­fa­che Wohn­la­ge“ bemän­gelt und dazu vor­ge­tra­gen, die Woh­nung lie­ge in einem – vor allem wegen sei­ner Infra­struk­tur – beson­ders belieb­ten Innen­stadt­ge­biet (Ber­lin-Mit­te), in dem deut­lich über dem ein­schlä­gi­gen Höchst­wert des Ber­li­ner Miet­spie­gels 2009 lie­gen­de Mie­ten erzielt wür­den. Dies wer­de exem­pla­risch dadurch belegt, dass von 30 Woh­nun­gen im Bestand der Klä­ge­rin nur drei inner­halb der im ein­schlä­gi­gen Miet­spie­gel­feld aus­ge­wie­se­nen Span­ne lägen. Die Klä­ge­rin hat damit die Rich­tig­keit und Reprä­sen­ta­ti­vi­tät des dem Miet­spie­gel zugrun­de geleg­ten Daten­ma­te­ri­als sub­stan­ti­iert in Fra­ge gestellt. Mit die­sen Ein­wän­den hat sich das Beru­fungs­ge­richt in sei­nen Urteils­grün­den nicht hin­rei­chend befasst. Es ist ledig­lich auf die Rüge der Klä­ge­rin ein­ge­gan­gen, der Ber­li­ner Miet­spie­gel 2009 sehe nicht die Kate­go­rie „bes­te Wohn­la­ge“ vor. Dass das Beru­fungs­ge­richt sämt­li­che Ein­wen­dun­gen der Klä­ge­rin aus eige­ner Sach­kun­de und aus­schließ­lich unter Ver­wer­tung ord­nungs­ge­mäß in den Pro­zess ein­ge­führ­ter Unter­la­gen hat wider­le­gen kön­nen, ist weder dem Beru­fungs­ur­teil zu ent­neh­men noch sonst ersicht­lich. Das Beru­fungs­ge­richt hät­te daher den Ber­li­ner Miet­spie­gel 2009 nicht ohne Klä­rung der strit­ti­gen Punk­te als qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel im Sin­ne des § 558d BGB bewer­ten dür­fen.

Das Erhö­hungs­be­geh­ren der Klä­ge­rin hät­te nach ihrem bis­he­ri­gen Vor­trag auch dann kei­nen Erfolg gehabt, wenn das Beru­fungs­ge­richt nicht oder jeden­falls nicht unter Her­an­zie­hung der Ver­mu­tungs­wir­kung des § 558d Abs. 3 BGB auf den Ber­li­ner Miet­spie­gel 2009 zurück­ge­grif­fen hät­te. Denn die Klä­ge­rin hat für ihre vom Beklag­ten in Abre­de gestell­te Behaup­tung, die begehr­te Mie­te von 5,02 € pro Qua­drat­me­ter sei orts­üb­lich, kei­nen Beweis ange­bo­ten. Sie hat sich inso­fern ledig­lich auf die bereits im Erhö­hungs­ver­lan­gen genann­ten vier Ver­gleichs­woh­nun­gen bezo­gen. Abge­se­hen davon, dass der Beklag­te die Ver­gleich­bar­keit der benann­ten Woh­nun­gen bestrit­ten hat, stel­len vier Woh­nun­gen im Regel­fall eine zu gerin­ge Daten­grund­la­ge dar, um im Pro­zess die orts­üb­li­che Ver­gleichs­mie­te zu bewei­sen [15]. Aller­dings ist die Klä­ge­rin – wie die Revi­si­on auch rügt – auf die­sen Umstand ent­ge­gen § 139 Abs. 1 Satz 2, Abs. 2 ZPO bis­lang nicht hin­ge­wie­sen wor­den [16]. Ihr darf daher nicht die Gele­gen­heit abge­schnit­ten wer­den, einen ent­spre­chen­den Beweis­an­tritt nach­zu­ho­len.

Bei der Wür­di­gung eines zur Orts­üb­lich­keit der ver­lang­ten Mie­te ein­ge­hol­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens wird der Tatrich­ter zu berück­sich­ti­gen haben, dass in den Fäl­len, in denen ein qua­li­fi­zier­ter Miet­spie­gel für das betrof­fe­ne Wohn­ge­biet vor­liegt, die­sem eine beson­de­re Gewähr für die Rich­tig­keit und Aktua­li­tät der in ihm ent­hal­te­nen Daten zukommt [17]. Sofern der Mie­ter die­se gestei­ger­te Rich­tig­keits­ge­währ für sich in Anspruch neh­men und sich die Ver­mu­tungs­wir­kung des § 558d Abs. 3 BGB zu Nut­ze machen will, muss er ent­ge­gen der Ansicht des Beru­fungs­ge­richts [18] dar­le­gen und gege­be­nen­falls bewei­sen, dass der ver­wen­de­te Miet­spie­gel die Vor­aus­set­zun­gen des § 558d Abs. 1 BGB erfüllt und es sich somit um einen qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel han­delt [19].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Novem­ber 2012 – VIII ZR 46/​12

  1. BGH, Urteil vom 20.04.2005 – VIII ZR 110/​04, NJW 2005, 2074 unter II 2[]
  2. BVerfGE 53, 352, 358[]
  3. BGH, Urteil vom 16.06.2010 – VIII ZR 99/​09, NZM 2010, 665 Rn. 9; vgl. BVerfGE 37, 132, 143[]
  4. BT-Drucks. 14/​4553, S. 57[][]
  5. BGH, Urteil vom 16.06.2010 – VIII ZR 99/​09, aaO Rn. 12[]
  6. BGH, Urteil vom 16.06.2010 – VIII ZR 99/​09, aaO Rn. 12 f.; vgl. auch Ster­nel, Miet­recht aktu­ell, 4. Aufl., Rn. IV/​216[]
  7. vgl. BT-Drucks. 14/​4553, aaO zum Merk­mal der Anwen­dung aner­kann­ter wis­sen­schaft­li­cher Metho­den[]
  8. BVerwG, NJW 1996, 2046 ff. [für einen ein­fa­chen Miet­spie­gel]; OVG Müns­ter, NZM 2006, 906 [für einen qua­li­fi­zier­ten Miet­spie­gel][]
  9. vgl. LG Bochum, DWW 2007, 298; Schmidt-Fut­te­rer/­Börs­t­ing­haus, Miet­recht, 10. Aufl., § 558d BGB Rn. 106; Soergel/​Heintzmann, BGB, 13. Aufl., § 558d Rn. 2[]
  10. vgl. Kin­ne in Bei­er­lein u.a., Der Miet­pro­zess, 2006, Kap. 4 Rn. 41; Staudinger/​Emmerich, BGB, Neubearb.2011, § 558d Rn.20; Lan­gen­berg, WuM 2001, 523, 525[]
  11. vgl. Staudinger/​Emmerich, aaO Rn. 15, 18; Börs­t­ing­haus, NZM 2000, 1087, 1092; Mers­son, ZMR 2002, 806, 809[]
  12. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 20.04.2005 – VIII ZR 110/​04, aaO unter II 2 c cc[]
  13. Staudinger/​Emmerich, aaO Rn. 15[]
  14. vgl. Staudinger/​Emmerich, aaO Rn. 15, 19; groß­zü­gi­ger dage­gen Schmidt-Fut­te­rer/­Börs­t­ing­haus, aaO Rn. 99[]
  15. vgl. LG Düs­sel­dorf, WuM 1990, 393; LG Ber­lin, GE 2004, 482; Schmidt-Fut­te­rer/­Börs­t­ing­haus, aaO, § 558a BGB Rn. 149; „Hin­wei­se zur Erstel­lung von Miet­spie­geln“ des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Ver­kehr, Bau- und Woh­nungs­we­sen, S. 15[]
  16. vgl. BGH, Urteil vom 16.10.1986 – III ZR 121/​85, NJW 1987, 591 unter III 2; OLG Köln, NJW 1995, 2116; Musielak/​Stadler, ZPO, 9. Aufl., § 139 Rn. 14[]
  17. vgl. BT-Drucks. 14/​4553, S. 57[]
  18. vgl. auch schon LG Ber­lin, GE 2004, 1296[]
  19. Palandt/​Weidenkaff, BGB, 71. Aufl., § 558d Rn. 6; Schmidt-Fut­te­rer/­Börs­t­ing­haus, aaO § 558d BGB Rn. 95 ff.; Staudinger/​Emmerich, aaO Rn.20 f.; Münch­Komm- BGB/​Artz, 6. Aufl., § 558d Rn. 7; Soergel/​Heintzmann, aaO Rn. 4; Bamberger/​Roth/​Schüller, BGB, 3. Aufl., § 558d Rn.20 f.; Erman/​Dickersbach, BGB, 13. Aufl., § 558d Rn. 6; NKBGB/​Scheff, 2. Aufl., § 558d Rn. 9; Kin­ne, aaO; Börs­t­ing­haus, NZM 2002, 273, 276 f.; Rips, WuM 2002, 415, 419; Lan­gen­berg, aaO; Mers­son, aaO; Kniep/​Gratzel, WuM 2008, 645, 646[]