Die als ein­ge­scann­te PDF-Datei über­mit­tel­te Beschwer­de­schrift

Eine Beschwer­de­schrift ist in schrift­li­cher Form ein­ge­reicht, sobald bei dem Gericht, des­sen Beschluss ange­foch­ten wird, ein Aus­druck der als Anhang einer elek­tro­ni­schen Nach­richt über­mit­tel­ten, die voll­stän­di­ge Beschwer­de­schrift ent­hal­ten­den PDF-Datei vor­liegt. Ist die Datei durch Ein­scan­nen eines von dem Beschwer­de­füh­rer oder sei­nem Bevoll­mäch­tig­ten hand­schrift­lich unter­zeich­ne­ten Schrift­sat­zes her­ge­stellt, ist auch dem Unter­schrifts­er­for­der­nis des § 64 Abs. 2 Satz 4 genügt 1.

Die als ein­ge­scann­te PDF-Datei über­mit­tel­te Beschwer­de­schrift

Eine mit­tels Datei über­sand­te Beschwer­de­schrift wird zwar nicht den Anfor­de­run­gen an ein elek­tro­ni­sches Doku­ment gerecht. Jedoch hat sich das Beschwer­de­ge­richt die Fra­ge vor­zu­le­gen, ob der aus­weis­lich des Ein­gangs­stem­pel im Geschäfts­gang des Amts­ge­richts ein­ge­gan­ge­ne Aus­druck der PDF-Datei mit dem unter­zeich­ne­ten Beschwer­de­schrift­satz die erst spä­ter abge­lau­fe­ne Frist zur Ein­le­gung der Beschwer­de gewahrt hat.

Grund­sätz­lich sieht § 64 Abs. 2 Satz 1 FamFG die Ein­le­gung der Beschwer­de durch Ein­rei­chung einer Beschwer­de­schrift oder zur Nie­der­schrift der Geschäfts­stel­le vor. Die Beschwer­de ist gemäß § 64 Abs. 2 Satz 4 FamFG von dem Beschwer­de­füh­rer oder sei­nem Bevoll­mäch­tig­ten eigen­hän­dig zu unter­zeich­nen. Das Erfor­der­nis der Unter­schrift soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers einer Ver­fah­rens­hand­lung ermög­li­chen und des­sen unbe­ding­ten Wil­len zum Aus­druck brin­gen, die vol­le Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes zu über­neh­men und die­sen bei Gericht ein­zu­rei­chen. Dadurch soll sicher­ge­stellt wer­den, dass es sich bei dem Schrift­stück nicht nur um einen unau­to­ri­sier­ten Ent­wurf han­delt, son­dern dass es mit Wis­sen und Wol­len des Berech­tig­ten dem Gericht zuge­lei­tet wor­den ist 2.

Nach § 14 Abs. 2 Satz 1 FamFG kön­nen die Betei­lig­ten Anträ­ge und Erklä­run­gen auch als elek­tro­ni­sches Doku­ment über­mit­teln. Über § 14 Abs. 2 Satz 2 FamFG gel­ten für das elek­tro­ni­sche Doku­ment § 130 a Abs. 1 und 3 ZPO sowie § 298 ZPO ent­spre­chend. Anstel­le der vom Urhe­ber unter­zeich­ne­ten Urkun­de besteht das elek­tro­ni­sche Doku­ment aus der in der elek­tro­ni­schen Datei ent­hal­te­nen Daten­fol­ge selbst. An die Stel­le der Unter­schrift tritt dem­ge­mäß die qua­li­fi­zier­te elek­tro­ni­sche Signa­tur (§ 14 Abs. 2 Satz 2 FamFG i.V.m. § 130 a Abs. 1 Satz 2 ZPO). Bei der qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur han­delt es sich um eine elek­tro­ni­sche Signa­tur nach § 2 Nr. 1 Signa­tur­ge­setz (SigG), die zusätz­lich die Vor­aus­set­zun­gen der fort­ge­schrit­te­nen elek­tro­ni­schen Signa­tur nach § 2 Nr. 2 SigG erfül­len und wei­ter auf einem zum Zeit­punkt ihrer Erzeu­gung gül­ti­gen qua­li­fi­zier­ten Zer­ti­fi­kat beru­hen und mit einer siche­ren Signa­tur­er­stel­lungs­ein­heit erzeugt wor­den sein muss 3. Bestim­men­de Schrift­sät­ze müs­sen grund­sätz­lich ent­we­der mit einer Unter­schrift oder mit einer qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur nach § 130 a Abs. 1 Satz 2 ZPO ver­se­hen wer­den 4.

Zu den schrift­li­chen, nicht den elek­tro­ni­schen Doku­men­ten zäh­len die­je­ni­gen, die im Wege eines Tele­gramms, mit­tels Fern­schrei­ben oder per Tele­fax über­mit­telt wer­den 5. Für die Über­mitt­lung einer Beru­fungs­be­grün­dung durch Com­pu­ter­fax hat der Gemein­sa­me Bun­des­ge­richts­hof der Obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des ent­schie­den, dass in Pro­zes­sen mit Anwalts­zwang bestim­men­de Schrift­sät­ze form­wirk­sam durch elek­tro­ni­sche Über­tra­gung einer Text­da­tei mit ein­ge­scann­ter Unter­schrift auf ein Fax­ge­rät des Gerichts über­mit­telt wer­den kön­nen 6. Maß­geb­lich für die Beur­tei­lung der Wirk­sam­keit eines elek­tro­nisch über­mit­tel­ten Schrift­sat­zes ist allein die auf Ver­an­las­sung des Absen­ders beim Gericht erstell­te kör­per­li­che Urkun­de. Die vor­über­ge­hen­de Spei­che­rung tritt aber nicht an die Stel­le der Schrift­form. Statt der hand­schrift­li­chen Unter­schrift auf der Urkun­de genügt bei der elek­tro­ni­schen Über­mitt­lungs­form die Wie­der­ga­be der Unter­schrift in der bei Gericht erstell­ten Kopie. Der allei­ni­ge Zweck der Schrift­form, die Rechts­si­cher­heit und Ver­läss­lich­keit der Ein­ga­be sicher­zu­stel­len, kann auch im Fall einer der­ar­ti­gen elek­tro­ni­schen Über­mitt­lung gewahrt wer­den.

Wird eine im Ori­gi­nal eigen­hän­dig unter­zeich­ne­te Beru­fungs­be­grün­dung ein­ge­scannt und im Anhang einer Email als PDF-Datei nach vor­he­ri­ger Rück­spra­che mit der Geschäfts­stel­len­be­am­tin an die Geschäfts­stel­le des Beru­fungs­ge­richts geschickt, genügt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs der Aus­druck einer auf die­sem Weg über­mit­tel­ten Datei der Schrift­form. Denn der Aus­druck ver­kör­pert die Beru­fungs­be­grün­dung in einem Schrift­stück und schließt mit der Unter­schrift des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ab. Dass die Unter­schrift nur in Kopie wie­der­ge­ge­ben ist, ist ent­spre­chend § 130 Nr. 6 Alt. 2 ZPO unschäd­lich, weil der im Ori­gi­nal unter­zeich­ne­te Schrift­satz elek­tro­nisch über­mit­telt und von der Geschäfts­stel­le ent­ge­gen­ge­nom­men wor­den ist 7.

Nach die­sen Maß­stä­ben genügt zwar die Über­sen­dung der PDF-Datei mit der ein­ge­scann­ten Beschwer­de­schrift nicht den Anfor­de­run­gen an ein elek­tro­ni­sches Doku­ment nach § 14 Abs. 2 Satz 1 FamFG i.V.m. § 130 a Abs. 1 ZPO, weil es an der hier­für erfor­der­li­chen qua­li­fi­zier­ten elek­tro­ni­schen Signa­tur fehlt.

Indes hat sich das Beschwer­de­ge­richt mit der Fra­ge zu befas­sen, dass sich in den Akten eine aus­ge­druck­te und mit der Unter­schrift der Mut­ter ver­se­he­ne Beschwer­de­schrift befin­det, die aus­weis­lich des Ein­gangs­stem­pels vor Frist­ab­lauf zu den Akten gelangt ist. Die­ser Fall ist mit dem bereits vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall 8 ver­gleich­bar. Die Mut­ter hat ihre Beschwer­de­schrift ein­ge­scannt und als PDF-Datei an das elek­tro­ni­sche Gerichts- und Ver­wal­tungs­post­fach des Amts­ge­richts über­mit­telt, wo der Schrift­satz aus­ge­druckt und zur Akte genom­men wur­de. Das Beschwer­de­ge­richt hat aller­dings offen gelas­sen, ob die Mut­ter das Ori­gi­nal des Beschwer­de­schrift­sat­zes vor dem Ein­scan­nen hand­schrift­lich unter­zeich­net oder es ledig­lich mit ihrer ein­ge­scann­ten bzw. hin­ein­ko­pier­ten Unter­schrift ver­se­hen hat. Hier­auf kommt es aber maß­geb­lich an.

Von dem grund­sätz­li­chen Erfor­der­nis der eigen­hän­di­gen Unter­schrift sind Aus­nah­men bis­lang stets nur dann zuge­las­sen wor­den, wenn eine Unter­schrift auf Grund der tech­ni­schen Beson­der­hei­ten des Über­mitt­lungs­wegs nicht mög­lich war 9. Zu die­sen Aus­nah­men gehört etwa die Mög­lich­keit, ver­fah­rens­be­stim­men­de Schrift­sät­ze per Com­pu­ter­fax zu über­mit­teln. Da hier ein Aus­druck des Schrift­sat­zes im Ver­ant­wor­tungs­be­reich des Absen­ders nicht gefer­tigt wird, weil die im Com­pu­ter erstell­te Datei unmit­tel­bar aus dem Com­pu­ter an das Fax­ge­rät des Gerichts über­mit­telt wird, und der Schrift­satz erst­mals bei Gericht die Papier­form erhält, schei­det eine eigen­hän­di­ge Unter­schrift aus tech­ni­schen Grün­den aus. Anders ver­hält es sich aber, wenn der bestim­men­de Schrift­satz mit­tels eines nor­ma­len Tele­fax­ge­räts über­mit­telt wird, weil dann der aus­ge­druckt vor­lie­gen­de, per Fax zu über­mit­teln­de Schrift­satz von dem Absen­der ohne wei­te­res unter­schrie­ben wer­den kann. Man­gels tech­ni­scher Not­wen­dig­keit genügt daher eine ein­ge­scann­te Unter­schrift nicht den Form­erfor­der­nis­sen des § 130 Nr. 6 ZPO (bzw. § 64 Abs. 2 Satz 4 FamFG), wenn der Schrift­satz mit Hil­fe des nor­ma­len Fax­ge­räts und nicht unmit­tel­bar aus dem Com­pu­ter ver­sandt wird 10.

Die­se unter­schied­li­chen Anfor­de­run­gen an die Unter­schrift bei Über­mitt­lung eines bestim­men­den Schrift­sat­zes per Com­pu­ter­fax einer­seits und her­kömm­li­chen Tele­fax ande­rer­seits ver­sto­ßen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht gegen Art. 3 Abs. 1, Art. 2 Abs. 1 GG. Der Umstand, dass die Recht­spre­chung dem tech­ni­schen Fort­schritt Rech­nung tra­ge und Aus­nah­men von dem Erfor­der­nis der eigen­hän­di­gen Unter­schrift zulas­se, zwin­ge nicht dazu, die­se noch auf wei­te­re Fäl­le zu erstre­cken 11. Das Erfor­der­nis der eigen­hän­di­gen Unter­schrift auf dem Ori­gi­nal eines bestim­men­den Schrift­sat­zes stel­le am wir­kungs­volls­ten sicher, dass der Berech­tig­te das Schrei­ben auto­ri­siert habe. Bei der ein­ge­scann­ten oder hin­ein­ko­pier­ten Unter­schrift sei dies nicht in glei­cher Wei­se gege­ben. Die in Datei­form gespei­cher­te Unter­schrift kön­ne dem Aus­druck viel­mehr von jeder Per­son bei­gefügt wer­den, ohne dass die­se Per­son im Nach­hin­ein erkenn­bar sei 11.

Aus den­sel­ben Grün­den wird die Ein­rei­chung eines mit einem Fak­si­mi­le-Stem­pel ver­se­he­nen Schrift­sat­zes als dem eigen­hän­di­gen Unter­schrifter­for­der­nis nicht genü­gend ange­se­hen 12. Ist es aber unzu­läs­sig, einen bestim­men­den Schrift­satz mit einer Fak­si­mi­le-Unter­schrift über ein her­kömm­li­ches Fax­ge­rät zu ver­sen­den, kann es eben­so wenig zuläs­sig sein, den­sel­ben Schrift­satz mit­tels eines Scan­ners ein­zu­le­sen und über den Com­pu­ter zu ver­sen­den. In bei­den Fäl­len fehlt es an der tech­ni­schen Not­wen­dig­keit, eine Fak­si­mi­le-Unter­schrift genü­gen zu las­sen 13.

Für den Fall, dass die Mut­ter den Beschwer­de­schrift­satz im Ori­gi­nal unter­schrie­ben und den Schrift­satz mit ihrer eigen­hän­dig geleis­te­ten Unter­schrift ins­ge­samt ein­ge­scannt und ver­schickt hat, wäre dem Unter­schrifts­er­for­der­nis genü­ge getan. Die Mut­ter hät­te dann die Beschwer­de­frist ein­ge­hal­ten. Für den Fall, dass sie das Ori­gi­nal der Beschwer­de­schrift ledig­lich mit einer ein­ge­scann­ten oder hin­ein­ko­pier­ten Unter­schrift ver­se­hen hat, wäre die Beschwer­de dage­gen nicht wirk­sam ein­ge­legt. Man­gels ent­spre­chen­der Fest­stel­lun­gen ist zuguns­ten der Mut­ter im Rechts­be­schwer­de­ver­fah­ren davon aus­zu­ge­hen, dass sie den Beschwer­de­schrift­satz im Ori­gi­nal unter­schrie­ben hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. März 2015 – XII ZB 424/​14

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08 , NJW 2008, 2649[]
  2. vgl. GmS-OGB BGHZ 75, 340 = NJW 1980, 172, 174 und BGHZ 144, 160 = NJW 2000, 2340, 2341[]
  3. BGHZ 184, 75 = NJW 2010, 2134 Rn. 12 ff.; BGHZ 197, 209 = NJW 2013, 2034 Rn. 9[]
  4. BGHZ 184, 75 = NJW 2010, 2134 Rn. 15 ff.[]
  5. vgl. zu den Aus­nah­men vom Unter­schrifts­er­for­der­nis inso­weit jeweils die Nach­wei­se bei GmS-OGB BGHZ 144, 160 = NJW 2000, 2340, 2341[]
  6. GmS-OGB BGHZ 144, 160 = NJW 2000, 2340 f.[]
  7. BGH Beschluss vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08 , NJW 2008, 2649 Rn. 13; eben­so BAG NZA 2013, 983 Rn. 12; vgl. auch LSG Ber­lin-Bran­den­burg Beschluss vom 16.08.2012 – L 3 R 801/​11 39[]
  8. BGH Beschluss vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08 , NJW 2008, 2649[]
  9. BGH Beschluss vom 10.10.2006 – XI ZB 40/​05 , NJW 2006, 3784 Rn. 8[]
  10. BGH Beschluss vom 10.10.2006 – XI ZB 40/​05 , NJW 2006, 3784 Rn. 9[]
  11. BVerfG NJW 2007, 3117, 3118[][]
  12. BAG NJW 2009, 3596 Rn. 18[]
  13. BGH Beschluss vom 15.07.2008 – X ZB 8/​08 , NJW 2008, 2649 Rn.19[]