Die Angst vor dem gro­ßen Dal­ma­ti­ner

Ein Hun­de­hal­ter muss auf Per­so­nen Rück­sicht neh­men, die im Umgang mit Hun­den kei­ne oder nur unzu­rei­chen­de Erfah­rung haben, um deren Ängs­ten vor­zu­beu­gen. Er haf­tet für alle Schä­den, die der Hund sowohl durch Ein­satz sei­nes Kör­pers als auch durch das Her­vor­ru­fen von Angst ver­ur­sacht hat.

Die Angst vor dem gro­ßen Dal­ma­ti­ner

Mit die­ser Begrün­dung hat das Land­ge­richt Coburg in dem hier vor­lie­gendn Fall einer Kla­ge statt­ge­ge­ben, mit der eine Kun­din von einer Laden­be­sit­ze­rin und Hun­de­hal­te­rin Scher­zens­geld für den vom Hund ver­ur­sach­ten Sturz und dadurch zuge­zo­ge­nen Ober­arm­bruch Schmer­zens­geld ein­ge­lagt hat. Im Novem­ber 2011 begab sich die Klä­ge­rin in die Geschäfts­räu­me der Beklag­ten. Dort lief deren Dal­ma­ti­ner frei her­um. Er näher­te sich der Klä­ge­rin. Das wei­te­re Gesche­hen war zwi­schen den Par­tei­en umstrit­ten. Letzt­lich trat die Klä­ge­rin auf den von ihr mit­ge­führ­ten Klei­der­sack und stürz­te so unglück­lich, dass sie sich im Ober­arm vier Brü­che zuzog. Sie muss­te am nächs­ten Tag ope­riert wer­den, wobei ihr eine Metall­plat­te ein­ge­setzt wer­den muss­te. Die Klä­ge­rin woll­te von der Hun­de hal­ten­den Laden­be­sit­ze­rin 7.000,00 Euro Schmer­zens­geld. Sie trug vor, dass der Hund sich stark gegen ihren Kör­per gedrängt habe. Aus Angst, er kön­ne sie bei­ßen, sei sie aus dem Gleich­ge­wicht gera­ten und über den mit­ge­führ­ten Klei­der­sack gestol­pert. Die Beklag­te erklär­te, dass ihr Hund die Klä­ge­rin nur kurz begrüßt habe und sich dann einen Meter von ihr ent­fernt wie­der hin­ge­setzt hät­te. Erst danach sei die kla­gen­de Kun­din auf ihren Klei­der­sack getre­ten und gestürzt.

Nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts Coburg ist der Sturz der Kun­din durch den Dal­ma­ti­ner ver­ur­sacht wor­den. Dabei stütz­te es sich auf die Zeu­gen­aus­sa­gen einer wei­te­ren Kun­din. Die­se erklär­te, dass der Klä­ge­rin bereits die Begrü­ßung durch den Hund ersicht­lich unan­ge­nehm gewe­sen sei. Sie habe mehr­fach ver­sucht den Klei­der­sack zwi­schen sich und den Hund zu brin­gen, um die­sen von sich fern­zu­hal­ten. Die­ses Ver­hal­ten durch den Hund sei so auf­fäl­lig gewe­sen, dass die Zeu­gin von ihrem Ver­kaufs­ge­spräch abge­lenkt wor­den sei. Nach­dem die Zeu­gin sich wie­der dem Ver­käu­fer, dem Ehe­mann der Beklag­ten, zuge­wand­te, sei ein Schlag erfolgt. Die Klä­ge­rin wäre dann auf dem Boden gele­gen und der Hund in ihrer unmit­tel­ba­ren Nähe gewe­sen.

Auf­grund die­ser Zeu­gen­aus­sa­ge war das Land­ge­richt davon über­zeugt, dass der Dal­ma­ti­ner sowohl durch Ein­satz sei­nes Kör­pers als auch durch das Her­vor­ru­fen von Angst bei der Klä­ge­rin den Sturz und die dadurch erlit­te­nen Brü­che ver­ur­sacht hat. Der eben­falls als Zeu­ge ver­nom­me­ne Ehe­mann der Beklag­ten ver­moch­te dage­gen das Gericht nicht zu über­zeu­gen. Wenig über­ra­schend bestä­tig­te er die von sei­ner Ehe­frau vor­ge­tra­ge­ne Ver­si­on. Nach sei­ner Anga­be habe die Klä­ge­rin ihren Klei­der­sack mehr­fach vor sich hin und her geschwenkt und sei des­halb gestürzt. Einen Grund, war­um die Klä­ge­rin ihren Klei­der­sack hin- und her­schwen­ken soll­te, konn­te der Zeu­ge aber nicht benen­nen. Zudem hat­te das Land­ge­richt den Ein­druck, dass der Ehe­mann der Beklag­ten mit sei­ner Aus­sa­ge unbe­dingt zum Sieg im Pro­zess ver­hel­fen woll­te. Des­halb hielt es sei­ne Aus­sa­ge für nicht glaub­haft, im Gegen­satz zur Aus­sa­ge der Zeu­gin, die am Aus­gang des Ver­fah­rens kei­ner­lei Inter­es­se hat­te.

Das Land­ge­richt sah auch kein Mit­ver­schul­den der Ver­letz­ten. Sie sei von der Situa­ti­on über­rascht wor­den, so dass man ihr mög­li­cher Wei­se unge­schick­tes Ver­hal­ten auf eine Über­for­de­rung zurück­füh­ren kann. Hun­de­hal­ter müs­sen dage­gen auch auf Per­so­nen Rück­sicht neh­men, die im Umgang mit Hun­den kei­ne oder nur unzu­rei­chen­de Erfah­rung haben, um deren Ängs­ten vor­zu­beu­gen.

Des­halb sprach das Land­ge­richt der Klä­ge­rin 7.000,00 Euro Schmer­zens­geld zu. Bei der Höhe berück­sich­tig­te es, dass die Klä­ge­rin vier kom­pli­zier­te Brü­che im Ober­arm erlit­ten hat­te. Sie muss­te sich sta­tio­när ope­rie­ren las­sen und litt ca. sechs Wochen anschlie­ßend an star­ken Schmer­zen und der Unbe­weg­lich­keit ihres Armes. Dar­über hin­aus muss sie sich einer wei­te­ren Ope­ra­ti­on zur Ent­fer­nung der Metall­plat­te unter­zie­hen. Es ist bereits fest­zu­stel­len, dass eine Bewe­gungs­ein­schrän­kung des ver­letz­ten Armes ver­blei­ben wird. Daher muss die Hun­de­hal­te­rin der ver­letz­ten Klä­ge­rin 7.000,00 Euro bezah­len.

Land­ge­richt Coburg, Urteil vom 21. Novem­ber 2012 – 13 O 341/​12
[bestä­tigt vom OLG Bam­berg, Beschluss vom 4. Febru­ar 2013 – 6 U 65/​12]