Die ans fal­sche Gericht adres­sier­te Beru­fung – und die gemein­sa­me Post­an­nah­me­stel­le

Auch wenn eine Rechts­mit­tel­schrift – wie hier – bei einer gemein­sa­men Brief­an­nah­me­stel­le für meh­re­re Gerich­te ein­geht, ist ein sol­cher Schrift­satz grund­sätz­lich allein bei dem Gericht ein­ge­reicht, an das er adres­siert ist [1].

Die ans fal­sche Gericht adres­sier­te Beru­fung – und die gemein­sa­me Post­an­nah­me­stel­le

Da in dem hier ent­schie­de­nen Fall der am 10.12 2014 und damit inner­halb der am 15.12 2014 (Mon­tag) ablau­fen­den Beru­fungs­frist bei den Jus­tiz­be­hör­den in Frank­furt ein­ge­gan­ge­ne Schrift­satz an das unzu­stän­di­ge (erst­in­stanz­li­che) Land­ge­richt adres­siert war, kommt ihm kei­ne fris­t­wah­ren­de Wir­kung zu. Bei dem zustän­di­gen Ober­lan­des­ge­richt ist die Beru­fung erst nach Frist­ab­lauf am 9.01.2015 ein­ge­gan­gen.

Dem vor­aus­ge­gan­gen war nach Anga­ben des Beru­fungs­klä­gers ein Feh­ler in der Kanz­lei sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten: Die geschul­te und stets zuver­läs­si­ge Büro­kraft habe ent­ge­gen dem Dik­tat nicht das Ober­lan­des­ge­richt, son­dern das Land­ge­richt als Adres­sat der Beru­fungs­schrift ange­ge­ben. Des­halb habe sein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter hand­schrift­lich auf der ers­ten Sei­te des Schrift­sat­zes das Land­ge­richt als Adres­sat durch­ge­stri­chen und dane­ben jeweils das Ober­lan­des­ge­richt ver­merkt. Die zwei­te Sei­te der Beru­fungs­schrift habe er unter­schrie­ben, im Anschluss der Ange­stell­ten den rich­ti­gen Adres­sa­ten genannt und sie ange­wie­sen, ledig­lich die ers­te Sei­te aus­zu­tau­schen, da der Schrift­satz auf der zwei­ten Sei­te bereits unter­zeich­net gewe­sen sei. Die Kor­rek­tur von Schrift­sät­zen sei im Büro des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten gene­rell so orga­ni­siert, dass nach der ers­ten Kor­rek­tur­an­wei­sung durch den zustän­di­gen Rechts­an­walt die Kor­rek­tu­ren umge­hend aus­ge­führt und sodann der Schrift­satz dem jewei­li­gen Rechts­an­walt ein wei­te­res Mal zur Durch­sicht vor­ge­legt wer­de. Die Ange­stell­te habe dann zwar die ers­te Sei­te des Beru­fungs­schrift­sat­zes noch ein­mal aus­ge­druckt, jedoch infol­ge einer – nach ihren Anga­ben auf der Arbeits­über­las­tung vor Weih­nach­ten und meh­re­ren Unter­bre­chun­gen der Arbeit durch Man­dan­ten­an­ru­fe beru­hen­den – Unauf­merk­sam­keit ver­ges­sen, die Adres­sen­kor­rek­tur durch­zu­füh­ren. Da sie den in einer Man­dan­ten­be­spre­chung befind­li­chen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers nicht habe stö­ren wol­len, habe sie den Schrift­satz anschlie­ßend einem Mit­ar­bei­ter zur Abga­be in der Post­stel­le der Jus­tiz­be­hör­den in Frank­furt mit­ge­ge­ben.

Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt am Main hat den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zurück­ge­wie­sen und die Beru­fung des Klä­gers als unzu­läs­sig ver­wor­fen [2]. Der Bun­des­ge­richts­hof hob die­se Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts auf und gewähr­te dem Klä­ger Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist (§§ 233, 234 ZPO). Nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof über­spannt das Ober­lan­des­ge­richt Frankfurt/​Main die Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten eines Rechts­an­walts. Auf der Grund­la­ge des vom OLG Frank­furt als glaub­haft ange­se­he­nen Vor­trags des Klä­gers lässt sich ein ihm gemäß § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht begrün­den.

Die Anfer­ti­gung einer Rechts­mit­tel­schrift gehört zu den Auf­ga­ben, die der Rechts­an­walt sei­nem ange­stell­ten Büro­per­so­nal nicht über­tra­gen darf, ohne das Arbeits­er­geb­nis selbst sorg­fäl­tig zu über­prü­fen. Die Auf­ga­be darf in einem so gewich­ti­gen Teil wie der Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­ge­richts auch gut geschul­tem und erfah­re­nem Per­so­nal eines Rechts­an­walts nicht eigen­ver­ant­wort­lich über­las­sen wer­den. Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te einer Par­tei muss die Rechts­mit­tel­schrift des­we­gen vor der Unter­zeich­nung auf die Voll­stän­dig­keit, dar­un­ter auch auf die rich­ti­ge Bezeich­nung des Rechts­mit­tel­ge­richts, über­prü­fen [3]. Die­sen Sorg­falts­an­for­de­run­gen ist der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers nach­ge­kom­men. Ihm ist der Feh­ler hin­sicht­lich der Bezeich­nung des Beru­fungs­ge­richts nach Vor­la­ge des Dik­tats auf­ge­fal­len.

Auch die Anwei­sung an sei­ne Ange­stell­te, die ers­te Sei­te der Beru­fungs­schrift zu kor­ri­gie­ren und aus­zu­tau­schen und die zwei­te, bereits von ihm unter­zeich­ne­te Sei­te bei­zu­be­hal­ten, recht­fer­tigt kei­nen Ver­schul­dens­vor­wurf.

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein der Par­tei zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den ihres Anwalts an der Frist­ver­säu­mung grund­sätz­lich nicht gege­ben, wenn der Rechts­an­walt einer Kanz­lei­an­ge­stell­ten, die sich bis­her als zuver­läs­sig erwie­sen hat, eine kon­kre­te Ein­zel­wei­sung erteilt, die bei Befol­gung die Fris­t­wah­rung gewähr­leis­tet hät­te. Ein Rechts­an­walt darf dar­auf ver­trau­en, dass eine sol­che Büro­an­ge­stell­te eine kon­kre­te Ein­zel­an­wei­sung befolgt. Ihn trifft unter die­sen Umstän­den nicht die Ver­pflich­tung, sich anschlie­ßend über die Aus­füh­rung sei­ner Wei­sung zu ver­ge­wis­sern [4]. Dies gilt auch in den Fäl­len, in denen der Rechts­an­walt sei­ne Ange­stell­te anweist, die fal­sche Bezeich­nung des Beru­fungs­ge­richts zu kor­ri­gie­ren und er die Beru­fungs­schrift vor der von ihm für erfor­der­lich gehal­te­nen Kor­rek­tur unter­zeich­net hat [5]. Wenn die Anwei­sung aller­dings nur münd­lich erteilt wird, müs­sen aus­rei­chen­de Vor­keh­run­gen dage­gen getrof­fen wer­den, dass die Erle­di­gung nicht in Ver­ges­sen­heit gerät [6]. Hier­zu genügt es, wenn der Rechts­an­walt sei­ne Kor­rek­tur­an­wei­sung auf dem zu kor­ri­gie­ren­den Schrift­satz schrift­lich ver­merkt hat [7].

Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Grund­sät­ze durf­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers dar­auf ver­trau­en, dass die Ange­stell­te sei­nen Anwei­sun­gen Fol­ge leis­te­te. In die­sem Fall wäre die Beru­fungs­frist gewahrt wor­den. Da er den Schrift­satz selbst hand­schrift­lich kor­ri­giert hat­te, muss­te er auch nicht die Sor­ge haben, dass sei­ne Anwei­sung in Ver­ges­sen­heit geriet. Dies gilt auch im Hin­blick auf die von dem Beru­fungs­ge­richt in den Vor­der­grund gestell­te hohe Arbeits­aus­las­tung der Ange­stell­ten. Die kon­kre­te Anwei­sung zur Durch­füh­rung der Kor­rek­tur bot zusam­men mit den hand­schrift­li­chen Anmer­kun­gen auf dem zu kor­ri­gie­ren­den Schrift­satz die Gewähr für eine frist­ge­rech­te Ein­rei­chung der Beru­fungs­schrift. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts hat­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te nicht die dar­über hin­aus gehen­de Pflicht, ent­we­der die Ange­stell­te anzu­wei­sen, den Schrift­satz zur erneu­ten Über­prü­fung vor­zu­le­gen, oder aber die Unter­schrift bis zur Durch­füh­rung der Kor­rek­tur zu unter­las­sen. Ver­schul­dens­maß­stab ist nicht die äußers­te und größt­mög­li­che Sorg­falt, son­dern die von einem ordent­li­chen Rechts­an­walt zu for­dern­de übli­che Sorg­falt [8]. Die­se hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te des Klä­gers gewahrt.

Schließ­lich kann dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten des Klä­gers ein Ver­schul­den auch nicht des­halb ange­las­tet wer­den, weil er nichts unter­nahm, nach­dem ihm sei­ne Mit­ar­bei­te­rin ent­ge­gen der all­ge­mei­nen Wei­sung den Schrift­satz vor der Ver­sen­dung nicht noch ein­mal zur Durch­sicht vor­ge­legt hat­te. Eine sol­che, über das gebo­te­ne Maß hin­aus­ge­hen­de Anord­nung kann nicht zu einer Ver­schär­fung der den Rechts­an­walt tref­fen­den Sorg­falts­pflich­ten füh­ren [9].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Sep­tem­ber 2015 – V ZB 54/​15

  1. BGH, Beschluss vom 04.11.1992 – XII ZB 120/​92, NJW-RR 1993, 254; Beschluss vom 17.08.2011 – I ZB 21/​11, NJW-RR 2012, 122 Rn. 9[]
  2. OLG Frank­furt, Beschluss vom 23.02.2015 – 230 O 179/​13[]
  3. BGH, Beschluss vom 05.06.2013 – XII ZB 47/​10, NJW-RR 2013, 1393 Rn. 11 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 21.04.2010 – XII ZB 64/​09, NJW 2010, 2286 Rn. 11[]
  5. BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, NJW 2009, 296 Rn. 9 f.; vom 13.04.2010 – VI ZB 65/​08, NJW 2010, 2287 Rn. 5 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 05.06.2013 – XII ZB 47/​10, NJW-RR 2013, 1393 Rn. 12 mwN[]
  7. BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, NJW 2009, 296 Rn. 13[]
  8. BGH, Beschluss vom 17.08.2011 – I ZB 21/​11, NJW-RR 2012, 122 Rn. 12[]
  9. BGH, Beschluss vom 30.10.2008 – III ZB 54/​08, NJW 2009, 296 Rn. 11; Beschluss vom 06.12 2006 – XII ZB 99/​06, NJW 2007, 1455, Rn. 8[]