Die Aus­kunft über Neben­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments

Anders als beim spä­te­ren Scha­dens­er­satz­an­spruch genügt es für einen Aus­kunfts­an­spruch über die in einem Phar­ma­kon­zern bekannt­ge­wor­de­nen Fäl­le und Ver­dachts­fäl­le von Neben- und Wech­sel­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments aus, dass die Ver­ur­sa­chung eines Scha­dens durch die Ein­nah­me des Medi­ka­ments plau­si­bel erscheint.

Die Aus­kunft über Neben­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments

Mit die­ser Begrün­dung hat das Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg in dem hier vor­lie­gen­den Fall ein Phar­ma­un­ter­neh­men aus Ulm zur Aus­kunft über Neben­wir­kun­gen und bekannt gewor­de­ne Ver­dachts­fäl­le von Neben­wir­kun­gen eines Medi­ka­ments mit dem Wirk­stoff "Allopu­ri­nol" ver­ur­teilt. Das Medi­ka­ment wird sehr häu­fig bei Gicht­er­kran­kun­gen ins­be­son­de­re zur Redu­zie­rung der Harn­säu­re im Blut ver­ord­net. Das Phar­ma­un­ter­neh­men weist in der ver­wen­de­ten Packungs­bei­la­ge u.a. dar­auf hin, dass als Über­emp­find­lich­keits­re­ak­ti­on Abschä­lun­gen der Haut auf­tre­ten kön­nen sowie Haut­ver­än­de­run­gen beob­ach­tet wur­den, die einer Ver­brü­hung der Haut ähneln (Lyell-Syn­drom = toxisch epi­der­ma­le Nekro­ly­se (TEN) als Maxi­mal­kom­pli­ka­ti­on des Ste­vens-John­son-Syn­droms).

Der Klä­ger hat behaup­tet, er habe das Medi­ka­ment von sei­nem Haus­arzt ver­schrie­ben bekom­men, nach­dem bei einer Blut­un­ter­su­chung ein erhöh­ter Harn­säu­re­wert fest­ge­stellt wor­den sei. Am elf­ten Tag der Ein­nah­me habe er sich plötz­lich schwach gefühlt und es hät­ten sich grip­pear­ti­ge Sym­pto­me gezeigt. Nach­dem er das Mit­tel abge­setzt habe, habe sich sein Gesund­heits­zu­stand nicht ver­bes­sert, son­dern ver­schlim­mert. Es habe sich ein Aus­schlag an sei­nem gesam­ten Kör­per aus­ge­brei­tet, die Augen sei­en ent­zün­det und blut­un­ter­lau­fen gewe­sen. Teil­wei­se hät­ten sich aus dem Aus­schlag gro­ße Bla­sen ent­wi­ckelt. Nach Haut­ab­lö­sun­gen von mehr als 30 % der Kör­per­ober­flä­che sei er auf der Inten­siv­sta­ti­on behan­delt wor­den. Es sei eine toxisch epi­der­ma­le Nekro­ly­se mit Augen- und Schleim­haut­be­tei­li­gung dia­gnos­ti­ziert wor­den. Auf­grund die­ser Erkran­kung sei­en ihm in der Fol­ge­zeit alle Fin­ger- und Fuß­nä­gel sowie sämt­li­che Zäh­ne aus­ge­fal­len. Zudem sei eine star­ke Seh­schwä­che zurück­ge­blie­ben, die zur Fahr­un­tüch­tig­keit geführt habe.

Er ver­langt zur Vor­be­rei­tung eines Scha­dens­er­satz­pro­zes­ses gegen das beklag­te Phar­ma­un­ter­neh­men gem. § 84a Arz­nei­mit­tel­ge­setz (AMG) Aus­kunft über die dort bekannt­ge­wor­de­nen Fäl­le und Ver­dachts­fäl­le von Neben- und Wech­sel­wir­kun­gen des Medi­ka­ments, ins­be­son­de­re bezo­gen auf das Ste­vens-John­son-Syn­drom und die TEN.

Nach Auf­fas­sung des Ober­lan­des­ge­richts Olden­burg brauch­te nicht kon­kret fest­ge­stellt wer­den, dass die vom Klä­ger geschil­der­te Erkran­kung auf die Ein­nah­me des Medi­ka­ments zurück­zu­füh­ren ist. Es rei­che für den Aus­kunfts­an­spruch aus, so der Senat, dass es im zeit­li­chen Zusam­men­hang mit der Ein­nah­me des von dem Phar­ma­un­ter­neh­men ver­trie­be­nen Arz­nei­mit­tels beim Klä­ger zu erheb­li­chen gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen und Ver­let­zun­gen gekom­men und von einer TEN aus­zu­ge­hen sei, die eine nicht uner­heb­li­che Ver­let­zung der Gesund­heit dar­stel­le. Anders als beim spä­te­ren Scha­dens­er­satz­an­spruch genü­ge es, dass die Ver­ur­sa­chung eines Scha­dens durch die Ein­nah­me des Medi­ka­ments plau­si­bel erscheint.

Ober­lan­des­ge­richt Olden­burg, Urteil vom 23. Janu­ar 2014 – 1 U 55/​13