Die Ber­li­ner Sing-Aka­de­mie und das Maxim-Gor­ki-Thea­ter

Eine Ent­eig­nung im Sin­ne von § 1 VermG liegt nicht vor, wenn ein Pri­vat­grund­stück ver­se­hent­lich als Volks­ei­gen­tum gebucht wird und die zustän­di­ge staat­li­che Stel­le die­se Buchung in der irri­gen Annah­me hin­nimmt, das Grund­stück sei bereits auf an-derer Grund­la­ge ent­eig­net wor­den. Der Grund­buch­be­rich­ti­gungs­an­spruch nach § 894 BGB wird dann nicht durch das Ver­mö­gens­ge­setz aus­ge­schlos­sen.

Die Ber­li­ner Sing-Aka­de­mie und das Maxim-Gor­ki-Thea­ter

Ein Resti­tu­ti­ons­ver­fah­ren hin­dert damit nicht zivil­recht­li­che Eigen­tums­an­sprü­che, wie ein aktu­el­ler Fall aus Ber­lin zeigt, den jetzt der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den hat: Die Sing Aka­de­mie zu Ber­lin erhält das Gebäu­de des Maxim-Gor­ki-Thea­ters in Ber­lin zurück.

Der Klä­ger, ein ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein, ist eine 1791 gegrün­de­te Chor­ver­ei­ni­gung, die 1817 kraft Ver­lei­hung die Rech­te einer Kor­po­ra­ti­on erlangt hat­te. Er erbau­te und betrieb das als "Sing-Aka­de­mie" bekannt gewor­de­ne Gebäu­de, das heu­te als Eigen­tum des beklag­ten Lan­des Ber­lin im Grund­buch geführt wird und vom Maxim Gor­ki Thea­ter genutzt wird. Der Klä­ger meint, das Anwe­sen ste­he immer noch in sei­nem Eigen­tum, sei ihm jeden­falls durch die DDR rechts­wid­rig ent­zo­gen wor­den. Er hat zunächst ein Resti­tu­ti­ons­ver­fah­ren nach dem Ver­mö­gens­ge­setz ein­ge­lei­tet, das der­zeit bei dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt anhän­gig ist. Nach Zurück­wei­sung sei­nes Antrags durch die zustän­di­ge Behör­de hat er par­al­lel Grund­buch­be­rich­ti­gungs­kla­ge mit dem Ziel erho­ben, wie­der als Eigen­tü­mer ein­ge­tra­gen zu wer­den.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Ber­lin hat der Kla­ge statt­ge­ge­ben 1. Auf die Beru­fung des beklag­ten Lan­des Ber­lin hat das Kam­mer­ge­richt das land­ge­richt­li­che Urteil ausfge­ho­ben und die Kla­ge abge­wie­sen 2. Das Kam­mer­ge­richt ver­trat die Auf­fas­sung, ein Grund­buch­be­rich­ti­gungs­an­spruch sei aus­ge­schlos­sen, weil die Sing-Aka­de­mie durch die DDR ent­eig­net wor­den sei. Ob der Klä­ger sie zurück­er­hal­te, rich­te sich des­halb allein nach dem Ver­mö­gens­ge­setz und sei in dem anhän­gi­gen Resti­tu­ti­ons­ver­fah­ren zu klä­ren. Zivil­recht­li­che Ansprü­che bestün­den dane­ben nicht.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist nun dem Kam­mer­ge­richt nicht gefolgt und hat die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung des Land­ge­richts Ber­lin wie­der­her­ge­stellt. Das beklag­te Land Ber­lin muss daher an der Berich­ti­gung des Grund­buchs mit­wir­ken und zustim­men, dass der Klä­ger als Eigen­tü­mer in das Grund­buch ein­ge­tra­gen wird:

Der Grund­buch­be­rich­ti­gungs­an­spruch (§ 894 BGB) wird nicht durch das Ver­mö­gens­ge­setz ver­drängt. Zwar sind zivil­recht­li­che Ansprü­che aus­ge­schlos­sen, wenn eine Ent­eig­nung durch die sowje­ti­sche Besat­zungs­macht oder durch eine Behör­de der DDR vor­liegt. Ihre Rück­ab­wick­lung rich­tet sich dann allein nach dem Ver­mö­gens­ge­setz. Die Sing-Aka­de­mie ist aber weder durch die sowje­ti­sche Besat­zungs­macht noch durch die Behör­den der DDR ent­eig­net wor­den. Die dafür in Betracht kom­men­den Maß­nah­men stel­len kei­ne Ent­eig­nung dar:

  • Die sowje­ti­sche Besat­zungs­macht hat die Sing-Aka­de­mie zwar beschlag­nahmt. Sie hat spä­ter aber mit dem Klä­ger über den Ankauf ver­han­delt und dadurch deut­lich gemacht, dass die Beschlag­nah­me kei­ne Ent­eig­nung war und auch kei­ne sein soll­te.
  • Die Über­ga­be der Ver­wal­tung der Sing-Aka­de­mie an die Behör­den der DDR stellt eben­falls kei­ne Ent­eig­nung dar. Die Behör­den der DDR hat­ten 1950 bei der Über­las­sung des Gebäu­des an das Thea­ter des Hau­ses der Kul­tur, aus dem spä­ter das Maxim-Gor­ki-Thea­ter wur­de, klar­ge­stellt, dass damit kei­ne Aus­sa­ge über die Eigen­tums­ver­hält­nis­se ver­bun­den sei.
  • Die Buchung der Sing-Aka­de­mie als Eigen­tum des Vol­kes im Jahr 1961 ist weder selbst Ent­eig­nung noch Aus­druck einer ander­wei­ti­gen Ent­eig­nungs­maß­nah­me. Zu die­ser Buchung ist es viel­mehr infol­ge eines Ver­se­hens gekom­men. Die zustän­di­gen Stel­len sind ange­wie­sen wor­den, das Ver­mö­gen der frü­he­ren öffent­lich-recht­li­chen Gebiets­kör­per­schaf­ten auf die DDR (als Volks­ei­gen­tum) umschrei­ben zu las­sen. Aus­weis­lich des Umschrei­bungs­er­su­chens hat­ten sie irr­tüm­lich ange­nom­men, dass die Sing-Aka­de­mie eine Ein­rich­tung des preu­ßi­schen Staats war, und des­halb die Buchung als Volks­ei­gen­tum ver­an­lasst.
  • Eine Ent­eig­nung ergibt sich auch nicht dar­aus, dass die Eigen­tums­la­ge 1963 durch die zustän­di­ge Stadt­be­zirks­ver­wal­tung von Ber­lin Mit­te über­prüft und dabei Volks­ei­gen­tum ange­nom­men wor­den ist. Die Über­prü­fung dien­te der Fest­stel­lung der Eigen­tums­la­ge und der Klä­rung der Fra­ge, ob für die Nut­zung der Sing-Aka­de­mie Nut­zungs­ent­gelt zu zah­len sei. Der Sach­be­ar­bei­ter hat ange­nom­men, die Sing-Aka­de­mie sei mög­li­cher­wei­se nicht durch die Buchung im Grund­buch, jeden­falls aber auf Grund einer Lega­lent­eig­nung der von der Besat­zungs­macht ver­bo­te­nen Orga­ni­sa­tio­nen Volks­ei­gen­tum gewor­den. Die Bil­li­gung die­ses Ver­merks durch sei­ne vor­ge­setz­ten Dienst­stel­len bedeu­tet nur, dass die­se von einer frü­her vor­ge­nom­me­nen Ent­eig­nung aus­ge­gan­gen sind, nicht aber, dass sie selbst eine Ent­eig­nung vor­neh­men woll­ten.

Der Grund­buch­be­rich­ti­gungs­an­spruch ist begrün­det, so der Bun­des­ge­richts­hof, weil das beklag­te Land zu Unrecht als Eigen­tü­mer im Grund­buch ein­ge­tra­gen ist. Die Sing-Aka­de­mie ist nicht ent­eig­net wor­den. Die Annah­me des Sach­be­ar­bei­ters der Finanz­ver­wal­tung, der Klä­ger sei eine ver­bo­te­ne Orga­ni­sa­ti­on gewe­sen, ist unzu­tref­fend.

Das beklag­te Land Ber­lin hat das Eigen­tum auch nicht nach einer Über­lei­tungs­vor­schrift für das Sachen­recht der neu­en Län­der (Art. 237 § 2 Satz 2 Satz 1 EGBGB) ver­lo­ren. Die Vor­schrift sieht einen Eigen­tums­er­werb der öffent­li­chen Hand nur für den Fall der Ver­säu­mung einer Kla­ge­frist vor. Die­se Kla­ge­frist hat der Klä­ger indes­sen durch sei­nen Resti­tu­ti­ons­an­trag und dadurch gewahrt, dass er recht­zei­tig die Ein­tra­gung eines Wider­spruchs gegen die Rich­tig­keit des Grund­buchs erwirkt hat.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Dezem­ber 2012 – V ZR 180/​11

  1. LG Ber­lin, Urteil vom 10.02.2010 – 84 O 56/​09[]
  2. KG, Urteil vom 07.07.2011 – 28 U 10/​10[]