Die Beru­fungs­frist und der Nacht­brief­kas­ten

Sie benut­zen für Frist­sa­chen den Nacht­brief­kas­ten des Gerichts? Und obwohl Sie den Schrift­satz am Tag des Frist­ab­laufs recht­zei­tig ein­ge­wor­fen haben, fin­det sich hier­auf erst der Ein­gangs­stem­pel des fol­gen­den (ver­spä­te­ten) Tages? Pech gehabt. Denn nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof ist das kein Pro­blem des Gerichts, son­dern aus­schließ­lich des den Gerichts­brief­kas­ten Benut­zen­den:

Die Beru­fungs­frist und der Nacht­brief­kas­ten

Der Ein­gangs­stem­pel erbringt gemäß § 418 Abs. 1 ZPO vol­len Beweis für einen (ver­spä­te­ten) Ein­wurf des Schrift­sat­zes in den Nacht­brief­kas­ten des Beru­fungs­ge­richts.

Der Beweis einer Unrich­tig­keit der dar­in bezeug­ten Tat­sa­chen ist zwar zuläs­sig (§ 418 Abs. 2 ZPO) und hier­an dür­fen nach stän­di­ger Recht­spre­chung wegen der Beweis­not des Beru­fungs­füh­rers hin­sicht­lich gerichts­in­ter­ner Vor­gän­ge auch kei­ne über­spann­ten Anfor­de­run­gen gestellt wer­den [1]. Da der Außen­ste­hen­de in der Regel kei­nen Ein­blick in die Funk­ti­ons­wei­se des gericht­li­chen Nach­brief­kas­tens sowie in das Ver­fah­ren bei des­sen Lee­rung und damit kei­nen Anhalts­punkt für etwai­ge Feh­ler­quel­len hat, ist es zunächst Sache des Gerichts, die inso­weit zur Auf­klä­rung nöti­gen Maß­nah­men zu ergrei­fen [2].

Aller­dings bleibt es auch im Rah­men des bei der Prü­fung nach § 522 Abs. 1 Satz 1 ZPO zu beach­ten­den Frei­be­weis­ver­fah­rens dabei, dass der dem Rechts­mit­tel­füh­rer oblie­gen­de Beweis für die recht­zei­ti­ge Begrün­dung des Rechts­mit­tels zur vol­len, den Anfor­de­run­gen des § 286 ZPO genü­gen­den Über­zeu­gung des Gerichts geführt sein muss [3]. An die Über­zeu­gungs­bil­dung wer­den inso­weit kei­ne gerin­ge­ren oder höhe­ren Anfor­de­run­gen gestellt als sonst. Hier­nach etwa ver­blei­ben­de Zwei­fel gehen zu Las­ten des Rechts­mit­tel­füh­rers [4].

Danach ist es für den Bun­des­ge­richts­hof nicht zu bean­stan­den, wenn das Beru­fungs­ge­richt nach Aus­schöp­fung der vor­han­de­nen Beweis­mit­tel sich durch die als in jeder Hin­sicht glaub­haft ange­se­he­ne Aus­sa­ge des für die Lee­rung des Nacht­brief­kas­tens zustän­di­gen Jus­tiz­an­ge­stell­ten gehin­dert sieht, den als in sich wider­spruchs­frei und an sich nach­voll­zieh­bar bezeich­ne­ten Anga­ben des als Zeu­gen ver­nom­me­nen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten zu fol­gen [5].

Das sich der für die Lee­rung des Nacht­brief­kas­tens zustän­di­ge Jus­tiz­an­ge­stell­te in sei­ner Zeu­gen­ver­neh­mung nicht mehr an den kon­kre­ten Schrift­satz erin­nern konn­te, ist ver­ständ­lich und schmä­lert den Beweis­wert sei­ner Aus­sa­ge nicht. Eben­so wenig reicht es aus, wenn der Zeu­ge auf Nach­fra­ge ein­ge­räumt hat, es kön­ne immer ein­mal pas­sie­ren, dass ein Feh­ler vor­kom­me. Allein die kaum jemals völ­lig aus­zu­schlie­ßen­de Mög­lich­keit, dass ein Nacht­brief­kas­ten aus tech­ni­schen Grün­den nicht funk­tio­niert oder bei der Abstem­pe­lung Feh­ler unter­lau­fen, reicht zur Füh­rung des Gegen­be­wei­ses nicht aus [6].

Letzt­lich ist es auch nicht von ent­schei­den­der Bedeu­tung, dass der Nacht­brief­kas­ten in der Ver­gan­gen­heit defekt gewe­sen war. Anhalts­punk­te für einen Defekt am Tag des hier maß­geb­li­chen Frist­ab­laufs hat die Beweis­auf­nah­me nicht erge­ben.

Die­sem Ergeb­nis steht das Urteil des V. Zivil­se­nats [7] nicht ent­ge­gen. Nach die­ser Ent­schei­dung ist der Beweis der Unrich­tig­keit des Ein­gangs­stem­pels auch dann erbracht, wenn uner­klär­lich bleibt, wie die­ser auf den Schrift­satz gelangt ist, wenn zur Über­zeu­gung des Gerichts fest­steht, dass ein Schrift­stück zu einem ande­ren Zeit­punkt als aus dem Ein­gangs­stem­pel ersicht­lich bei Gericht ein­ge­gan­gen ist. In die­sem Fall muss der Beru­fungs­füh­rer nicht bewei­sen, wie es trotz recht­zei­ti­gen Ein­wurfs der Beru­fungs­be­grün­dung dazu gekom­men ist, dass die­se den Ein­gangs­stem­pel eines spä­te­ren Tages trägt. Die Über­zeu­gung, dass der Beru­fungs­be­grün­dungs­schrift­satz ent­ge­gen dem Ein­gangs­stem­pel an einem frü­he­ren Tag bei Gericht ein­ge­gan­gen ist, konn­te sich das Beru­fungs­ge­richt nach der Beweis­auf­nah­me im vor­lie­gen­den Fall gera­de nicht bil­den.

Das Beru­fungs­ge­richt hat den in zuläs­si­ger Wei­se [8] vor­sorg­lich gestell­ten Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in die ver­säum­te Beru­fungs­be­grün­dungs­frist gleich­falls rechts­feh­ler­frei abge­lehnt, weil die Beklag­ten nicht glaub­haft gemacht haben, dass sie ohne ihr Ver­schul­den an der Ein­hal­tung der Frist gehin­dert waren. Da sei­ne Wür­di­gung der Ergeb­nis­se der Beweis­auf­nah­me aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den ist, hat das Beru­fungs­ge­richt zu Recht ange­nom­men, dass die Beklag­ten ein ihnen nach § 85 Abs. 2 ZPO zuzu­rech­nen­des Ver­schul­den ihres Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nicht aus­ge­räumt haben.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Novem­ber 2013 – II ZB 16/​12

  1. BGH, Urteil vom 02.11.2006 – III ZR 10/​06, NJW 2007, 603 Rn. 5[]
  2. BGH, Beschluss vom 08.05.2007 – VI ZB 80/​06, NJW 2007, 3069 Rn. 12; Urteil vom 17.02.2012 – V ZR 254/​10, NJW-RR 2012, 701 Rn. 7[]
  3. BGH, Beschluss vom 22.12 2011 – VII ZB 35/​11, NJW-RR 2012, 509 Rn. 9 mwN[]
  4. BGH, Beschluss vom 17.04.2012 – XI ZB 4/​11[]
  5. vgl. auch BGH, Urteil vom 02.11.2006 – III ZR 10/​06, NJW 2007, 603[]
  6. BGH, Beschluss vom 08.05.2007 – VI ZB 80/​06, NJW 2007, 3069 Rn. 12 mwN[]
  7. BGH, Urteil vom 17.02.2012 – V ZR 254/​10, NJW-RR 2012, 701[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 02.11.2006 – III ZR 10/​06, NJW 2007, 603 Rn. 6[]